Peter Kruder: Ich durchforstete die Plattensammlungen meiner Freunde Arno und Makossa nach Sample-Material. Das war sehr ergiebig. Wir hatten ja kein Geld, um uns selber Platten zu kaufen. Das wenige Geld, das wir hatten, ging dann für die Pressung der G-Stoned-Platte drauf. Eintausend Stück, das war das Minimum. Pressen ließen wir damals bei der Viennola. Da gab’s die berühmte Frau Brüggemann, die hat unsere Platte geschnitten. Das klang aber nicht so toll. Also rief ich an: „Entschuldigen Sie, Frau Brüggemann, aber warum klingt das denn so dumpf?“ Und sie meinte: „Mein lieber Herr, Ihre Musik hat Dynamiken drinnen wie bei klassischer Musik, das ist ja keine Pop-Produktion. Da muss ich komprimieren. Und wenn ich komprimiere, dann sind die Höhen weg. Ich kann Ihnen die Höhen zwar wieder reinmachen, aber normalerweise mache ich das nicht so.“ Sie machte dann noch einen Cut und der klang super. Das war Steinzeit damals. Vorzeit. Urzeit!

Alexander Hirschenhauser: Ich verteilte die Platte an mein kleines Acid-Jazz-Netzwerk in Europa: Family Affair in Mailand, Groove Attack in Köln und natürlich Gilles Peterson in London. Der spielte es gleich in seinem Club Talkin’ Loud & Sayin’ Something, einen Tag später lief die Platte in seiner Radiosendung. Alle waren total begeistert. Ab diesem Zeitpunkt mussten wir fast jeden Monat nachpressen. Die Stückzahlen wurden immer gewagter, und selbst dann war’s nie genug.

 

„Gilles Peterson meinte, wir wären sein Beatles-Moment gewesen. Ich hatte Tränen in den Augen, das war ein Wahnsinn.“ Peter Kruder

 

Peter Kruder: Zwei Wochen nach der Veröffentlichung rief mich der Richard an: „Wann willst denn nachpressen? Die tausend Stück sind weg.“ Ich so: „Wow!“ Das war ein unglaubliches Gefühl. Gilles Peterson meinte später sogar, wir wären sein Beatles-Moment gewesen. Der hat das in seiner Show gespielt wie wild. Für uns war das der Ritterschlag, wir waren ja große Fans seiner Sendung. Ich weiß noch, ich hatte Tränen in den Augen, das war ein Wahnsinn. Nach dem Erfolg von G-Stoned flogen wir nach London, um die ganzen Leute persönlich zu treffen. Am Flughafen sahen wir Typen mit ihren Handys. Das waren fette Prügel, aber wir dachten uns: „Wow, die sind so smart.“ Denn wir standen wenig später in einer Telefonzelle mit einem Zettel voller Nummern und riefen bei Labels wie Wall Of Sound und Ninja Tune an. Unser Ziel: Remix-Aufträge an Land ziehen. Und alle wollten uns treffen.

Richard Dorfmeister: Wir hatten nichts zu verlieren. Wir spazierten einfach bei denen rein und stellten uns vor – ganz ohne Management oder irgendwas. Wir machten dann einen Track für die allererste Ninja Cuts-Compilation.

Peter Kruder: Eine Zeit lang waren wir sogar in heftigen Gesprächen mit Island Records. Wir wussten aber, wir wollen nicht mit den Major-Labels zusammenarbeiten. Über Remixes ließ sich dieser Andrang ganz gut lösen. Wir bekamen viel Promotion von den Plattenfirmen, mussten nichts unterschreiben, bekamen aber trotzdem gezahlt. Der Gilles war ja auch hinter uns her, aber Jahre später sagte er zu mir, dass es total smart war, unabhängig zu bleiben. Wenn wir bei seinem Label unterschrieben hätten, hätten wir in drei Jahren drei Alben machen müssen und nie die Zeit gehabt, unseren Namen mit DJ-Gigs und Remixes aufzubauen. Unser Ansatz für Remixes war ja, etwas Neues zu kreieren. Die Vocals zu nehmen und darunter alles neu zu arrangieren. Nicht einfach nur den Bass lauter drehen und einen Beat dazugeben. Das gefiel auch den Künstlern.