Als NAS sich energetisch um Kopf und Kragen rappt, bietet diese Ausgangslage nun einen rührenden Anblick. Zehntausende von fidel hüpfenden Nike-Cappies singen seine ollen Kamellen aus den Neunzigern mit, inklusive Gedenktränen für den kürzlich verstorbenen Mobb Deep-Rapper Prodigy. Am nächsten Tag beehren De La Soul, wie auch schon zwanzig Jahre zuvor, das Dour. Etwas verunsichert blicken sie in die Masse. Der stark verbesserungswürdige Anlagensound der Last Arena ist ihnen nicht zuträglich. Beschämung kommt auf und genauso verunsichert stehen nun die gestern noch bei NAS ravenden Teenager herum und wissen nicht, ob sie es gut oder peinlich finden sollen, wenn Posdnous „put your phone down“ sagt. Im Anschluss spielt die qualitativ weit nach oben Raum habende Band $uicideboy$ im Zelt gegenüber ihr Playback ab und räumt mal eben im Vorbeilaufen den Publikumspreis ab. Nur die neon-quitschige Megashow von Die Antwoord kann die belgische Teenager-Entzückung jetzt noch höher pushen.

Rechts neben der Last Arena bezeugt ein einstöckiges Zeltgebäude mit Oktoberfest- oder Après-Ski-Charakter das Geschehen: Es ist die VIP-Area. Hier erhalten Besitzende hochpreisiger Tickets Zugang und die Getränke kommen im Glas anstatt im Plastikbecher. Wie diese Menschen so auf der Terrasse stehen und in die ravende Masse blicken sehen sie aus wie Eltern, die mit Argusaugen über ihre Teenager wachen.

Auf dem riesigen DJ-Floor Balzaal spielen hochkarätige Acts wie Goldie, Nina Kraviz, Surgeon, Blawan, Solomun, Adam Beyer oder der Belgierin Charlotte de Witte. Der Floor ist eine riesige, graue Schottersteinfläche mit verrückter Lasershow und nach zweiundzwanzig Uhr vom Festivalgelände aus kaum noch erreichbar. Betrunkene Massen schieben, drücken sich dort hin und weg. Nur an dieser Stelle drängen sich Fragen zum Sicherheitskonzept auf.

Dagegen wirkt die herzliche Atmosphäre im Beatkokon des Ninja Tune-Künstlers Romare im Zirkuszelt Le Labo wie eine Umarmung. Kuscheliger Knöpfchendrück-House mit ewig und weitergezogenen Steigerungen und rhythmisch einnehmendem Diskofeel auf dem Floor, auf dem sonst Palms Trax, Christian Löffler oder Teki Latex-DJ AZF die Nächte bespielen. Am frühen Abend ziehen hier Sevdaliza, Palmistry, Powell oder Timber Timbre feinsinniges Publikum in ihren Bann und sind dabei, wie zu erwarten, allesamt verdammt gut.

Umarmungen sind angesagt beim Dour. Von Menschen mit „Free Hugs“-Schildern bis überraschenden Wegbegegungen. Beim Dour wird stets ungefragt wie kräftig und liebevoll in die Fremde geknuddelt. Das macht Sinn, es wärmt. Im etwas größeren Zirkuszelt La Petite Maison dans la Prairie aber stellt sich die Frage nach Wärme nicht. Hier wird gerockt, bis alles tropft. Mit Schlagzeug und Gitarre oder mit Größen der elektronischen Tanzmusik: Trentemøller, The Black Madonna, Larry Heard, Todd Terje, Dubfire, Roman Flügel, Hunee, Carl Craig. Mit KiNKAcid Arab findet das Publikum seine absoluten Lieblinge.

Wie freundlich die Menschen, wie überzeugend das hochkarätige Programm, der Basis-Ticketpreis und die relative Werbefreiheit auch sind: Die weiten Laufwege und der versteckte Mehraufwand für die existenzielle Versorgung wie die warme Nahrungsaufnahme (bei schlichten Pommes für fünf Euro oder einer Mini-Falafel für neun) oder den Schutz vor Dehydrierung geben dem Dour-Erlebnis einen unangenehmen Beigeschmack. Und so ist das Dour ein Festival der Superlative, das es trotz seines ausgezeichneten Headliner-Programmes leider nicht schafft, seinen provinziellen Volksfest-Charakter abzulegen. Vielleicht auch gut so: Wenn alle Volksfeste sich so gut anhörten, wäre die Welt eine bessere.