Foto: Jochen Ditschler

Schwierig, die Geburtsstunde von Acid zu bestimmen. Die Idee, eine gerade Kick mit dem blubbernden Sound der TB-303 zu kombinieren, existierte schon eine ganze Weile, bevor das Genre einen Namen bekam. Etwa im Italo Disco, wo zum Beispiel My Mine mit ihrem „Hypnotic Tango“ schon im Jahr 1983 die psychedelischen Qualitäten des Bass-Synthesizers betonten. Oder aber in Indien, wo im selben Jahr Charanjit Singh Synthesizing – Ten Ragas To A Disco Beat veröffentlichte. Der seminale Track des Genres aber heißt auch so: „Acid Trax“. Der Legende nach erstand das – vor Kurzem tragischer Weise verstorbenePhuture-Mitglied Earl Smith Jr. (alias DJ Spanky oder Spank Spank) im Jahr 1985 das preisgünstige Gerät, auf dem er gemeinsam mit seinen Kollegen DJ Pierre und Herb J solange herumspielte, bis ein ungehörter Sound entstand. Das – je nach Erzählungen – fast halbstündige Stück wurde dem Muzic Box-Resident Ron Hardy untergejubelt, der es in einer Nacht gleich vier mal gespielt haben soll. Während der rumorige Sound zuerst die Tanzfläche leerfegte, berichtet DJ Pierre von ekstatischen Szenen beim vierten Durchlauf. Viele Legenden also und ein noch größeres Erbe: Acid ist nach wie vor ein beliebtes Genre. Das Groove-Team hat ein paar ganz persönliche Favourites gesammelt.

 


 

7. Emmanuel Top – Rubycon (Dance Opera, 1995)

Es werden mir wohl zwei Nächte im Golden Pudel ganz besonders in Erinnerung bleiben. Die eine aus einem eher tragischen Gründen, die andere aus den bestmöglichen. Mai, 2015: Das erste Wochenende einer kleinen Deutschland-Tour, MFOC hatte uns eingeladen. Kurz vor Hamburg Stau und Chaos, der Support-DJ ruft an. “Ey, Kristoffer, du musst übernehmen!” Ich muss zwei mal schlucken – zuerst aus Nervosität und dann, weil die Freudentränen ja irgendwo hin müssen. Der Gig läuft super, die erste Person bringe ich mit einem Holly Herndon-Stück zum Tanzen. “Ey, spiel doch mal diesen Acid-Track, du weißt schon…”, quengelt mein Label-Kollege gut drei mal, bevor ich ihm diesen Wunsch erfülle. Der Pudel rastet völlig aus. So fühlt also fühlt sich das an. Danke, Emmanuel Top! – Kristoffer Cornils


Stream: Emmanuel TopRubycon

6. Love Inc. – R.E.S.P.E.C.T. (Force Inc., 1994)

Noch bevor sich Achim Szepanski mit Mille Plateaux vergeistigter Klangphilosophie und Deleuze zuwand, war sein Label Force Inc. in den frühen und mittleren 90ern eine der deutschen Label-Institutionen für mehr oder weniger alles, was sich damals so im Rave-Tollhaus tummelte. Man erinnere sich: das waren Zeiten, in denen nichts normaler war, als dass bei den Frankfurtern, roher Acid, Piano House und britisch geprägte Breakbeats in direkter Folge erschienen. Das 1994 erschienene „R.E.S.P.E.C.T“ vom damals bereits umtriebigen Wolfgang Voigt (als Love Inc.) nimmt im äußerst farbenfrohen Output des Labels für mich aber eine Sonderrolle ein, und steht wie kaum eine andere Platte für den kollektiven Rave-Wahnsinn der Mitt-90er. Klassische Chords, blubbernde Acid Lines und eine Prise Trance-Zauberstaub swingen sich hier durch einen kontinuierlich marschierenden Banger, der damals sowohl auf Techno- als auch House-Floors für kollektive Ekstase und glückliche große Augen sorgte. – Stefan Dietze


Stream: Love Inc.R.E.S.P.E.C.T.

5. Robert Armani – The Remixes (Djax-Up-Beats, 1993)

Chicago meets Frankfurt und die Großmutter aller Snarerolls-Breaks ist auch mit dabei. Nachdem der Chicago-DJ Robert Armani seit Anfang der Neunziger auf Dance Mania den Kreisel der 303 in Rotation setzte, zelebrierte Miss Djax mit einem opulenten Remixpaket auf zwei Maxis die Fremdsicht auf sein Oeuvre. Mit dabei auch Ramon Zenker und Oliver Bondzio aka Hardfloor, deren neunminütige Version von „Circus Bells“, gemeinsam mit den stilistischen Zwillingsbrüdern der Acperience-Serie auf Väths Hardhouse-Label, auch 2016 nichts an seiner hypnotischen Wucht eingebüßt hat. – Jochen Ditschler


Stream: Robert ArmaniCircus Bells (Hardfloor Remix)

4. Stellar Om Source – Joy One Mile (Rvng Intl., 2013)

Es dürfte wohl kaum ein Musikgenre geben, das sich besser dazu eignet musikalischen Ballast abzuwerfen und angelerntes Wissen vergessen zu machen als Acid. Die klangliche, strukturelle und technische Simplizität, die bewusste Beschränkung auf die quasi kanonischen Roland-Maschinen TB-303 und TR-909 hat auch bei der in Paris an einer Elite-Institution in Komposition ausgebildeten und in den Haag lebende Französin Christelle Gualdi ungeahnte Resourcen freigesetzt. Mit ihrem Projekt Stellar Om Source hat sie das Kunststück vollbracht Acid House persönlich und indviduell wiedererkennbar zu machen, obwohl sie dem klassischen Sound nichts hinzufügt und keine anderen Werkzeuge benutzt als die Erfinder von Acid vor dreißig Jahren. Das Doppelalbum Joy One Mile von 2013 war der Kulminationspunkt ihrer Arbeit mit Acid und Electro, ein definitives Statement nach dem dann nur die noch stärker reduzierte EP Nite Glo folgte (folgen konnte). So roh, krass und doch auch wohlüberlegt und ausgefeilt wird Acid House wohl kaum noch einmal werden. Höchstens noch mal ganz anders, wie die grandiose Outer Acid EP von Larry Heard als Mr. Fingers beweist. – Frank P. Eckert


Stream: Stellar Om SourceSudden

3. T.E.W. – Navigator (Habitat, 1995)

Eine sehr schöne Acid-Techno Nummer, dessen Arrangement durch seine soften Pads getragen wird. Obwohl in sich recht schnell wirkt „Navigator“ angesichts der unaufdringlichen Kickdrum verhältnismäßig heruntergestrippt. Die groovige Acid-Line, die dem Track seinen jackenden Charkater verleiht, nimmt sich ebenso zurück. Für mich das beste Stück dieser T.E.W.-Platte, aber auch die B-Seite sollte nicht unbeachtet bleiben. – Felix Hüther


Stream: T.E.W.Navigator

2. Nile Delta – Channel (Cutters, 2010)

Ich mag Disco und ich mag Acid, und ja, auch beides zusammen geht sehr gut. Nile Delta hat für „Channel“ mit Hilfe der 303 einen psychedelischen Loop gebastelt, der der Slow-House-Nummer ihren charakteristischen Drive gibt. Am Anfang ebnet ein zartes Piano-Sample den Weg, später bekommt das ganze durch einen Synthie einen gewissen Italo-Touch. Herrlich, wie hier mit den Genres gespielt wird. Beste Musik zum Draußentanzen! – Regina Lechner


Stream: Nile DeltaChannel

1. Public Energy – Three O’Three (Stealth/Probe Records, 1992)

Beim Stichwort Acid denke ich als Erstes an diesen Track. Ein Klassiker von Speedy J. Es war, glaube ich, der erste Acid-Track, bei dem ich mir bewusst war, dass diese kratzig-liquide Melodielinie da als „Acid“ bezeichnet wird. Die Entdeckung löste eine Welle der Acid-Begeisterung bei mir aus, ich googelte Begriffe wie „Acid Techno“, „Acid House“, „303“ und lernte dabei auch ein Stück Geschichte der elektronischen Musik. Der Track ist von 1992 und zeigte mir damals, dass elektronische Musik auch nach über 20 Jahren nicht an Aktualität eingebüßt haben muss – zumindest in dem Sinne, dass es einen mitreißt. Stilistisch gesehen ist das natürlich nicht allzu zeitlos, sondern klingt ordentlich nach Techno aus den Neunzigern. – Cristina Plett


Stream: Public EnergyThree O’Three