Foto: Kai von Kotze (Iron Curtis)

Von außen betrachtet wirkt Johannes Paluka unermüdlich. Seit 2009 hat er solo als Iron Curtis rund 30 Releases – drei und ein paar Zerquetschte pro Jahr – sowie als Mitglied von SMPL, Moon und Achterbahn D’Amour konstant abgeliefert. Sein neues Iron Curtis-Album Upstream Color für Rippertons Label Tamed Musiq allerdings zieht nicht nur den Rauschpegel hoch, sondern auch das Tempo runter. Warum das nicht nur in musikalischer Hinsicht manchmal dringend Not tut, erklärt er uns im ausführlichen Interview. Sein Beitrag zu unserem Groove-Podcast allerdings konzentriert sich dann doch auf Clubmusik: alte Lieblinge, eigene Edits, neue Tunes.

 


 

In deiner Heimat Nürnberg wurdest du unter anderem durch die eklektischen Radio-Shows des ehemaligen Groove-Kolumnisten Thomas Meinecke sozialisiert und hast auf deinen ersten Plattenspielern Jungle, Siebziger-Soul und Daft Punk gespielt. Gab es für dich eine Art musikalischen Schlüsselmoment für elektronische Musik?
“Celebration Generation” von Westbam, so um ‘94 rum: Wahrscheinlich das erste (wenn man das überhaupt so sagen kann) Techno-Stück, das ich als 11-Jähriger bewusst im Fernsehen wahrgenommen habe. Meine Fixierung auf Westbam- und Klaus Jankuhn-Produktionen blieb dann stark und ich habe mir entsprechende Maxi-CDs und Alben zum Geburtstag gewünscht, zum Beispiel Bam Bam Bam, A Practising Maniac At Work und Marushas Raveland. Ich habe dadurch dann einen guten Querschnitt über den Status Quo von Rave und (Pop-)Techno der Neunziger bekommen und mir unbewusst den ersten Referenzrahmen zugelegt: 150bpm+ Breaks, cheesy Piano Hooks, Trance Leads, Diva Vocal Snippets, Turntablism etc. Low Spirit Recordings war damals wahrlich alles andere als cool, aber eben für mich unwissenden Jüngling die erste Schnittstelle zu House und Techno.

Du hast letztens deine jüngeren Produktionen als “nicht ganz so eindeutige Dance-Tracks” bezeichnet, was vor allem hinsichtlich deines neuen Albums Upstream Color und weniger in Bezug auf deine letzten EPs für Polytone und Uncanny Valley zutrifft. Liegt in einem solchen kreativen Befreiungsschlag nicht aber immer auch ein wirtschaftliches Risiko? Zumindest liegt die Vermutung nahe, dass sich mit einem Club-Hit besser die Miete zahlen lässt als mit einem Album voller rauschiger Ambient-Skizzen.
Mein lieber Freund und Produktionskollege Johannes Albert hat mit “Gefangener der Peaktime” neulich mal einen schönen Begriff geprägt, als wir über Produktionen von anderen und aktuelle Tracks sprachen. An Peaktime und Funktionalität ist aber rein gar nichts Verwerfliches, denn elektronische Tanzmusik sollte ja den Club befüttern und, well, die Leute zum Tanzen bringen. Da Plattenmachen an sich aber ja schon ein wirtschaftliches Risiko ist, denke ich, dass man sich von Zeit zu Zeit auch locker machen und dem Druck des Clubs nicht immer nachgeben sollte. Auch als künstlerische Übung. Für mich war es aber nicht wirklich Neuland, was ich auf dem Album gemacht habe, da diese eher rauschigen, ruhigeren Ambient-Stücke schon immer Teil meines musikalischen Outputs waren – nur hatte ich bisher nicht so oft die Gelegenheit, dass unter meinem Iron Curtis-Alias auch auszuleben, außer auf B-Seite. Wir haben ja schon mit Achterbahn D’Amour in eine musikalisch eher leftfielde Ecke geforscht. Daher bin froh, dass mich Raphaël (Ripperton) bestärkt hat, den Weg auch als Iron Curtis zu gehen. Persönlich gibt mir solche Musik viel mehr und resoniert tiefer, wenn ich sie selbst höre. Viel mehr als das x-te Tool, dass ich zum Auflegen zusammenbaue. Und selbst hören möchte ich meine Musik eben schon auch gerne.

Upstream Color leiht sich seinen Titel von einem experimentellen Sci-Fi-Horrorfilm, in dem es unter anderem um unbewusste Beeinflussung durch Infraschall geht und arbeitet andererseits viel mit Rauschen und Knistern, also klanglichen Interferenzen, die wir eigentlich in unseren slicken auditiven Umgebungen mittlerweile als störend empfinden. Wie passt das zusammen?
Ohne zu sehr ins Esoterische abzudriften: Rauschen und High-Cut-Filterung sind ja ursprünglichste menschliche Hörerlebnisse, das Klangspektrum im Mutterbauch sozusagen. Und der Wohlklang, den ich persönlich dabei empfinde, rührt wohl zu einem kleinen Teil auch daher. Natürlich kann ich verstehen, wenn Leute das im Musik-Kontext als unangenehm oder störend empfinden. Denn man muss sich damit schon etwas auseinandersetzen. Jan Jelinek und Rhythm & Sound waren dahingehend für mich sehr prägend, während mir durch Aphex Twin klar geworden ist, dass herzzerreißend-schönen Melodien stärker wirCoken, wenn man Ihnen etwas Kaputtes entgegensetzt. Upstream Color, also der Film, hat eine ähnliche Herangehensweise – wenn auch auf einer anderen Ebene: Die Geschichte ist hart und abstrakt, während die Farben und Bildkomposition eine unglaubliche Wärme ausstrahlen. Und das wollte ich irgendwie auch auf dem Album ausdrücken.

Das Album selbst hast du in drei Monaten eingespielt, bis zur Veröffentlichung hat es dann allerdings noch eine Weile gedauert. Verschiebt sich da nicht die Perspektive aufs eigene Schaffen?
Ich fand das Gefühl ein Album “in der Schublade” zu haben sehr motivierend und beruhigend. Zumal ich nach der Arbeit an Upstream Color oben genannte 12”s gemacht habe, auf denen ich dann ja auch wieder mehr Richtung Club geschielt habe. Der Kontrast und die Abwechslung zwischen den verschiedenen Disziplinen ist wichtig für mich.

Du hast neben der Musik einen Job angefangen, was dir einerseits mehr Struktur und zugleich wohl auch finanzielle Sicherheit verschafft hat. Warum bist du diesen Schritt gegangen und wie bist du seither damit gefahren?
Grundsätzlich war das einfach der nötige Befreiungsschlag aus einer depressiven Episode. Ich war zwar in der glücklichen Position, viele Jahre sehr angenehm von meinen DJ-Gagen leben zu können und könnte das wohl auch heute noch. Daher hatte der Schritt eher mit der fehlenden Struktur und langfristige Sicherheit zu tun gehabt. Einen State of Mind, den ich als Freiberufler irgendwie nicht hinbekommen habe. Pablo Mateo hat kürzlich in einem Interview mit Euch gesagt, dass er den umgekehrten Weg gegangen ist – also keinen Plan B mehr und alles auf die Musik setzen. Davor habe ich immer großen Respekt und denke mir, “na, das machste auch mal”. Ich vergesse dann einfach, dass ich das ja schon alles hinter mir habe und mir bewusst eine Alternative gesucht habe.

In einem Interview mit dem FAZE hast du kürzlich über den Konflikt gesprochen, einerseits die seelischen und körperlichen Strapazen des DJ-Lebens zu fühlen und andererseits Unverständnis zu ernten: Du machst doch einen Traumjob, Beschwerden werden da als undankbar aufgenommen. Wo rührt deiner Meinung nach dieses Unverständnis her? Liegt es daran, dass das Auflegen nicht als richtiger Job begriffen wird oder aber ist das Problem sogar ein szenespezifisches? Das allgemeine Gude-Laune-Diktat schließlich überschattet gerade in Social Media prekäre Lebensumstände und die damit einhergehenden Risiken.
Ich glaube schon, dass es heutzutage ein grundlegendes Verständnis dafür gibt, zumal mehr Leute wissen, dass es Depression und Angst auch als Krankheitsbild gibt. Die Diskrepanz kommt meiner Meinung nach eher durch die sozialen Medien. Ich meine, keiner (und da muss ich mir an die eigene Nase fassen) postet doch nach einem Gig: “Ey, es ist heute echt bescheiden gelaufen, meine Ohren dröhnen, ich bin am Ende meiner Kräfte. Morgen muss es aber wieder besser werden, denn ich will das ja die nächsten Jahre weiter machen und muss daher konstant abliefern”. Da wird dann das beste Video oder Foto gepostet und lustige Stories gebastelt, die bei den Rezipienten dann aber stellvertretend für den ganzen Lifestyle stehen. Und diese Content-Schizophrenie ist kräftezehrend. Zumal es ja angeraten ist, 24/7 auf den Plattformen präsent zu sein und dort der Gnade des Algorithmus wegen top zu performen. Ich glaube viele tun sich in diesem neoliberalen Selbstvermarktungs-Hamsterrad schwer. Außer Du bist Helena Hauff und machst es einfach nicht. Da habe ich so großen Respekt vor und würde mir von dem Habitus gerne ne Scheibe abschneiden.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Groove-Podcast?
Weniger Rauschen, mehr Club: Ich wollte einen Querschnitt der Stücke liefern, die mich in der letzten Zeit beim Auflegen begleitet haben, Frisches von Marco Shuttle, Peverelist oder Strategy, ein paar Edits und Tools, die ich mir geschnitten habe, und Klassiker wie “Pressure” von Ability III oder Lost Trax, die wieder wichtig geworden sind.

Last but not least: Wann können wir dich in nächster Zeit hinter den Decks oder sogar live erleben und wie sehen deine Pläne als Produzent aus?
Nach Ausflügen in die weite Welt drehe ich in den nächsten Wochen eine Deutschland-Runde. Unter anderem spiele ich im Schumacher Club in Bochum, in Berlin, in der Kantine in Nürnberg und im Golden Pudel in Hamburg. Platten wird es dann auch neue geben: Remixe zu Upstream Color stehen an und es kommen einige neue Iron Curtis-12”s sowie Kollaborationen mit Freunden über das nächste Jahr verteilt. Wird also nicht langweilig.



Stream: Iron Curtis – Groove Podcast 188

01. St. GIGA – 縄文杉の水
02. Khotin – Welcome
03. BNJMN – Moth Lines
04. Harry Wolfman – Space Cakes
05. Sports Casual – Tracking 101
06. Simoncino – S
05. Chaos in the CBD – Multiverse
06. Roza Terenzi & DJ Zozi – Half Moon baby
07. Leaves – Half Drums baby
08. Ability III – Pressure (Dub)
09. Marco Shuttle – The Moon Chant
10. Strategy – Future Shock
11. Luca Lozano – Ibiza Bullshit
12. Peverlist – Left hand
13. Overmono – Daisy Chain (Edit)
14. Konrad Wehrmeister – CWS
15. Deetron – Heartwalking
16. LUZ1E – 4/5/20/18/15/9/20 (Edit Drums)
17. Markus Suckut – Orchid
18. Qnete – Alone Together (Alone)
19. Lost Trax – Self Destruct Sequence
19. Iron Curtis – Bethanien

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Kristoffer Cornils war zwischen Herbst 2015 und Ende 2018 Online-Redakteur der GROOVE. Er betreut den wöchentlichen GROOVE Podcast sowie den monatlichen GROOVE Resident Podcast und schreibt die Kolumne konkrit.