Martin Wheeler ist tot. Der britische Produzent, der als Vector Lovers Electro und IDM mit der Melodik des Synthpop verband, verstarb am 17. September im Alter von 57 Jahren. The Black Dog machten die Nachricht vorgestern öffentlich. Sein langjähriges Label Soma würdigte ihn am Tag darauf als liebenswerten Menschen und talentierten Produzenten. Die Todesursache ist nicht bekannt.
Seine Musik war romantischer Electro: trockene Beats, weiche Flächen und Melodien, die gern ins Melancholische kippten, zwischen Kraftwerk und Drexciya auf der einen und der Sentimentalität von Depeche Mode auf der anderen Seite. Mitte der Nullerjahre, als Minimal den Club beherrschte und IDM als erledigt galt, hielt er an dieser Verbindung fest. Alben wie Capsule For One haben ihre Hörer:innen bis heute nicht verloren. Ein Pionier war Wheeler nicht, aber ein Musiker mit einer unverkennbaren Handschrift. Seine Geschichte begann im Kinderzimmer, am Heimcomputer.
Ursprünge: Eigene Computerspiele am ZX81 und ZX Spectrum
Bevor Martin Wheeler als Vector Lovers Musik machte, war er einer der jüngsten professionellen Computerspiel-Programmierer Großbritanniens: Mit 14 verkaufte er seine ersten Spiele an Virgin Games. Er wurde im Juli 1969 geboren und wuchs in Reading in Berkshire auf, wie das Kassetten-Inlay seines Spiels Sorcery verrät. Martin war Einzelkind. Seine Eltern unterstützten ihn, zeigten ihren Stolz aber kaum, erzählte er 1984 dem Magazin CRASH, und seine Mutter mahnte ihn trotz des Erfolgs weiter zum Aufräumen seines Zimmers.

Vor dem Computer kam das Zeichnen. Noch vor seinem ersten Rechner füllte er ein dickes Heft mit einem Comic über Weltraumabenteurer, die nach einem Goldraub auf einen fremden Planeten fliehen. Um 1981 bekam er einen ZX81 und brachte sich mit dem Handbuch das Programmieren selbst bei. Zuerst tippte er Programme aus Zeitschriften ab, bald schrieb er eigene. Nach etwa einem Jahr stieg er auf einen ZX Spectrum um. Die Schule half dabei nicht: Weil er nicht in einer der beiden oberen Mathegruppen war, durfte er den Informatikkurs nicht belegen, auch dann nicht, als er bereits Spiele für Virgin geschrieben hatte.
Mit 14 bei Virgin Games
Virgin Games suchte per Zeitschriftenanzeige nach Spielen, und Wheeler schickte seine Programme ein. Die ersten wurden abgelehnt, mit Dr. Franky klappte es. Der entscheidende Anruf von Virgin kam, als er gerade bei einem Freund war. Als CRASH ihn im Sommer 1984 porträtierte, hatte der 14-Jährige bereits zwei der erfolgreichsten Spectrum-Titel von Virgin geschrieben, die erwähnten Dr. Franky und Sorcery. Sorcery erschien 1984 für den Spectrum 48K.
Der Name Vector Lovers fiel ihm eines Nachts gegen vier Uhr beim Aufwachen ein. Er sollte die maschinelle wie die romantisch-melodische Seite seiner Musik ausdrücken.
Nach der Schule ging er direkt zu Virgin, und bis er 18 war, hatte er nach eigener Aussage zwei Nummer-eins-Spiele in Großbritannien. Später gehörte er mit Link Tomlin und Sam Garforth zum Virgin-Team Gang of Five. Mit 19 verließ er Virgin, blieb aber bis in die frühen 2000er in der Spielebranche. Anfang der Neunziger arbeitete er vor allem als Grafiker, etwa an T2: Terminator 2, Apache Flight und Spider-Man 3: Invasion of the Spider-Slayers (1993).
Nebenher entstand zu Hause schon Musik. Einige Tracks, die erst 2007 auf dem Album Afterglow erschienen, hatte er nach eigener Aussage mit 17 im Haus seiner Eltern aufgenommen. Danach lagen sie jahrelang im Regal.
Musikalische Sozialisation und erste Gehversuche
Zur Musik kam Wheeler über den Synth-Pop. Kraftwerk, sagte er 2013 Darkfloor Sound, hätten ihn zu synthetischem Klang gebracht. Noch prägender waren Depeche Mode: Als Teenager in den Achtzigern habe er die Band vergöttert und unbedingt selbst darin spielen wollen. Alben wie Some Great Reward und Black Celebration hätten ihn zum Sampling gebracht und den Weg zu Bands wie Einstürzende Neubauten geöffnet. Den Blade Runner-Soundtrack von Vangelis besaß er lange nur als Bootleg-Kassette, weil die offizielle Veröffentlichung erst 1994 kam. Gerald Donald (Drexciya, Japanese Telecom, Arpanet) nannte er als den Einfluss, der sein Interesse an analogen Synthesizern geweckt hat. Zu seiner Sozialisation gehörten außerdem die Indie-Bands wie die Happy Mondays, Velvet Underground und My Bloody Valentine.
Anfang der 2000er wurde es konkret. Seinen ersten Projektnamen Balloon gab er auf, weil in den USA bereits eine Band so hieß, schreibt laut.de. Der Name Vector Lovers fiel ihm eines Nachts gegen vier Uhr beim Aufwachen ein. Er sollte die maschinelle wie die romantisch-melodische Seite seiner Musik ausdrücken. Sein Label Iwari war zunächst als Plattform für kostenlose MP3s gedacht. Der japanische Name passt zu seiner Begeisterung für Roboter und Japan, die ihn zeitweise auch dorthin führte. Auf Iwari erschienen die Roboto Ashido Funk EP (2003) und die 7″ Electrobotik Disco / Girl & Robot, außerdem Platten anderer Künstler wie Namke Communications und Scape One.
Der Weg zu Soma
Den Weg zu Soma ebneten zwei Dinge: der Erfolg der Iwari-Platten in Glasgow, der Heimatstadt des Labels, und eine alte Freundschaft aus Reading. Beide Iwari-Releases verkauften sich im Glasgower Plattenladen Rubadub sehr gut, und Wheeler spielte ein Liveset im Club 69 in Paisley, heißt es in der Soma-Bio. Dann stellte sich heraus, dass Sidewinder, ein Künstler des Soma-Sublabels Fenetik, ihn aus der gemeinsamen Zeit in Reading Anfang der Neunziger kannte. Die beiden nahmen den Kontakt wieder auf, und Wheeler wurde kurz darauf bei Soma unter Vertrag genommen. Soma merkte dazu an, Iwari bedeute auf Japanisch angeblich „betrunkene Korruption“, weshalb er gut zur Soma-Crew passe.

Soma veröffentlichte zunächst das vorhandene Material neu: die Roboto Ashido Funk EP in remasterter Fassung, „Electrobotik Disco“ als Single und 2004 das Debütalbum Vector Lovers, das vorher schon auf Iwari erschienen war. Der Track „Tokyo Glitterati“ lief in Großbritannien in einem BMW-Werbespot. Danach folgten eine Europatour und ein Auftritt beim Festival T in the Park.
Die Soma-Jahre und danach
2005 folgte Capsule For One, aus heutiger Sicht sein zentrales Werk. Das Label Lapsus beschrieb es bei der Neuauflage als Auftakt des ersten großen Revivals des Neunziger-IDM. Danach kamen Afterglow (2007), die Werkschau Electrospective (2011) und iPhonica (2013). iPhonica kündigte er als letztes Vector-Lovers-Album an. Es entstand komplett auf einem iPhone 4 mit der App Nanostudio, vieles davon an Sommerabenden 2011 in seinem Garten. „On Kastanienallee“ nahm er in einer einzigen Nacht auf der gleichnamigen Berliner Straße auf, mit Blick auf die Straßenbahnen und bei Bier.
Einige Jahre lebte er in Berlin. Dort holte ihn die Firma Jamber in die Mobile-Games-Branche. Zurück in Großbritannien entwickelte er iOS-Spiele wie Surveillant und Go Robo!, in dem seine eigene Musik läuft. 2022 erschien Capsule For One bei Lapsus als Special Edition mit Remixen von Wheeler und zwei bisher unveröffentlichten Tracks.
Die Todesursache und der Ort, an dem Wheeler verstorben ist, sind unbekannt. Ebenso, ob er Familie hinterlässt.







