Das Motherboard aus dem August findet ihr hier.
Aio @ Mystic Creatures Festival 2026 🐬 Mystic Ground Sunrise 🐬
Es wird mystisch – und zwar von der ersten Sekunde an. Roboterartige Stimmen treffen auf hauchende Vocals, elektronische Wellen flirren im Hintergrund, der Bass setzt ein. Aio zieht einen sofort hinein in sein Set vom Mystic Creatures Festival. Man muss nicht dabei gewesen sein, um sich vorzustellen, wie die Beats über die kleine polnische Insel strömen und durch die tanzenden Körper ziehen. Dieses Mal legt der Leipziger DJ deutlich psychedelischer auf und spielt mit Tempo und Stimmungen. Zwitschernde Vögel, schamanische Vocals, Acid-Sounds und treibender Psytrance treffen auf Reggae, Breakbeats, Dub und härtere Techno-Passagen. Das wird stellenweise wild, funktioniert aber erstaunlich gut. Trotz aller Experimente bleibt Aio seinem Space Techno treu. Eigene Tracks wie „Robot”, „No Compromise” und „The Summit” verankern das Set in seinem typischen Sound.
Am stärksten wird es ab dem Mittelteil: Claps, dunkles Piano, tiefe Synths und stromartige Beats schieben sich übereinander, bevor hallende, fast geisterhafte Sounds einsetzen. Sofort entstehen Bilder von verwunschenen Wäldern, Nebeldunst, glitzerndem Wasser und flackernden Lichtern. Aio baut Spannung kontrolliert auf, lässt Melodien atmen und setzt Pausen genau richtig. Wenn Bass, Acid und elektrische Rhythmen schließlich wieder zusammenkrachen, entfaltet das Set seine ganze Wucht. Zwei Stunden lang verschwimmen Psy, Dark Techno und Melodic so selbstverständlich, dass man fast vergisst, dass man gerade nicht selbst auf dieser Insel steht. Und wieder so ein schönes Ende mit seinem neuen Track „The End” – einfach ein Gänsehaut-Moment. Anne Holzki

BCCO Mix Series 926: Julianna
Julianna ist seit den 2010ern eine feste Größe im kolumbianischen Techno, auf ihrem BCCO-Mix tauscht sie Vierviertel-Monotonie durch erstaunlich komplexe Percussion-Texturen. Juliana Cuervo Muriel aus Medellin muss zahllose Tracks gediggt haben, um Breakbeat-Nummern von einem solchen Grad von Vertracktheit zu finden, die im Mix dann ganz selbstverständlich ineinandergreifen. Baldruins „Rätselhafte Anziehung“ öffnet mit tastender Zurückhaltung, die Fusion von iranischen Tombak- und Daf-Percussions von Mohammad Reza Mortazavi und nordischem Dub von Burnt Friedman setzt einen ambitionierten Grundton. In einem genialen Moment mixt Juliana Siete Catorces Deconstructed Cumbia- und Guarachero-Rhythmen in Polygonias am Free Jazz geschulte Electronica. Gleichzeitig verliert sie mit Nummern von Luke Slater, Kassem Mosse oder den Zenker Brothers nie den Bezug zu Techno-Zusammenhängen aus dem Auge. Zum Peak kämpfen wüste Synths, die von so verschiedenen Producer-Persönlichkeiten wie Si Begg, Jack de Marseille und dem Pilotwings-Mitglied Louis de la Gorce kommen, gegen jegliche rhythmische Ordnung an. Beenden kann diesen Wahnsinn nur ein Terrence Dixon mit einer hymnisch entrückten Minimal-Nummer, die den Schlusspunkt setzt. Eine Art Epilog liefert Shed mit einer hermetischen Breakbeat-Studie, die zugleich unerschütterlich und soulful daherkommt. Alexis Waltz

Priori – at Hyperrterra: Midgar x Transmissions
“You’re so sweet to me”, säuselt eine gedankenverlorene Stimme in Dream Assemblys „Cloudy Dreams” nach etwas mehr als 20 Minuten. Und drin ist man in diesem Set, das Priori im Juli in Berlin gespielt hat. Der Kanadier, der zusammen mit Patrick Holland das Duo Jump Source bildet, liefert hier zwei Stunden basskräftige Viskosität aus dem selbstvergessenen Tech-House-Spektrum. Um Minute 40 ertönen Acid-Kommandos und dazu passendes säurehaltiges Open-Air-Geblubber, besonders einnehmend ist aber, was im Unterbau des Sets passiert. Priori erzeugt Reibung, indem er für sich genommen geschmeidige Basslines kollidieren lässt. Ein Fest für alle, die dabei waren, eine grandiose psychonautische Trockenübung zum Nachhören. Maximilian Fritz

PAUNA – at Tresor Berlin New Faces hosted by Grab The Groove
Ja, gute Intros sind lange Intros. So in die Richtung von kindischer Langeweile, die Feuilletonverbrecher dann poetisch verzieren, indem sie irgendwas von „langer Weile” zusammenreimen, für die man sich „noch Zeit nehmen”, deswegen unabdinglich „Muße mitbringen” müsse. Ich sag so: Das kommt alles aus einer Urzeit, in der man auf Klos noch rauchen musste. Aber heute sieht man diese vergilbten Zigarettenglimmrückstände ja doch eher nur noch selten und wenn, dann in Landgasthöfen und jedes Mal denkt man sich: Muss schön gewesen sein damals, aber wer hat heute noch die Zeit dafür. Niemand. Außer Pauna. Die ist DJ und raw und macht bei einem Dreistundenset im Tresor ganz schön lange nichts. Bis dann doch was passiert, was ganz klar ist, weil: Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut, ne. Christoph Gleich

Phodii –Sondela Spotlight 105
Der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, doch Phodii hält seine Euphorie noch eine Stunde lang fest: Für die 105. Ausgabe von Sondela Spotlight des Londoner Labels Sondela nimmt der Musiker seine Hörer mit auf eine Reise zwischen Afro House und Afro Tech. #WhereAfroMeetsTech“ lautet das Motto, dessen Sound nach heißen Sonnenstrahlen auf der Haut, kalten Drinks und langen Nächten klingt, ohne dabei in bloße Sommerromantik abzudriften. Zwischen treibenden, euphorischen Rhythmen schimmern immer wieder melancholische und verträumte Momente durch. Auf einen vorsichtigen Einstieg verzichtet Phodii. Mit „Holding On“ von MSHU und 40D geht es direkt los.
Electro-Afro-Beats treffen auf die dunkle, aber zugleich leicht klingende Stimme von Zoé Kypri, die sich eng mit der Melodie verzahnt. Phodii nimmt aus diesem Track zunächst Tempo heraus. Das Klangbild wird im nächsten Sound luftiger und verträumter, bevor sich die rhythmische Struktur langsam wieder verdichtet. Mit „Ungubani“ von Elson Soares, DJ Dass, Ricky Lopez und Natasha MD folgt schließlich ein deutlicher Wechsel in der Dynamik: Die Percussion tritt stärker hervor, der Beat wird druckvoller und die Intensität nimmt wieder zu. Wechsel zwischen treibenden und zurückgenommenen Passagen sind in diesem Mix Prinzip. Mal bestimmen schnellere Rhythmen das Arrangement, dann geht Phodii in langsamere, beinahe tranceartige Klangwelten über, bevor sich die Stimmung wieder verdichtet. Die Dramaturgie folgt dabei keinem geradlinigen Spannungsbogen, sondern lebt von diesen Kontrasten. So bleibt der Mix abwechslungsreich, ohne seine musikalische Linie zu verlieren – fast wie eine Art Stimmungsschwankung – bloß in angenehm. Phodii vollbringt das Kunststück, diese Wechsel durch wiederkehrende rhythmische und melodische Elemente zu verbinden. Die Vocals ziehen sich wie ein roter Faden durch den Mix, während dezente Effekte und elektronische Texturen immer wieder neue Akzente setzen. Das Klangbild bleibt dadurch in Bewegung, ohne überladen zu wirken. Ein Mix für die letzten warmen Nächte des Jahres – und vielleicht auch für die Erinnerung daran.
