Die Platten der Woche mit AgainstMe, CRYME, James Bangura, Pugilist und Robag Wruhme

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AgainstMe – UTIL 08 (ara) 

Es gibt Techno und es gibt Techno. Der Unterschied liegt in der Art, wie man schwarze Merinowolle trägt und Mineralwasser ohne Kohlensäure bestellt. Es kommt also auf die feinen Zwischentöne an. Und die sind, da müssen wir uns ehrlich sein, immer die, die nicht gespielt werden. Semantica weiß das trennschärfengenau, Northern Electronics auch. Und Ben Klock legt seit ungefähr 500 Jahren so auf, also: viel, groß, aber mit maximalem Weglassen. AgainstMe, ein Grieche, schaut auf Pressefotos zwar Uwe-Ochsenknecht-mäßig in die Zukunft, aber die lässt sich jetzt auch nicht gerade mit Luftsprüngen erwarten. Daher passt das schon, wenn auf ara, dem wiederum ziemlich großartigen Kangding-Ray-Label, ein mehr oder weniger Album-Rundumschlag erscheint. Sieben Tracks sind tolle Schleifen, die zur Industriehallenromantik passen, ja industriehallenromantisch sind. Ob das jetzt Techno ist oder Techno, kann man dann nach dem Mineralwasser entscheiden. Christoph Gleich

CRYME – Nebulas Dream (A.2aum)

Ins Auge sticht bei diesen Tracks von CRYME zuerst das Sounddesign. Die vier House-Stücke bedienen weder einen nostalgischen Analog-Sound noch eine gepimpte, digitale Ästhetik. Der Charme der Platte liegt vielmehr darin, wie der junge Berliner unterschiedliche Clubmusik-Kulturen zusammenbringt: Swingende UKG-Grooves treffen auf ein hyper-kohärentes, an Todd Terry geschultes Drumming, dazu Dub-House-Sounds, die sich nicht in Klangnebel verlieren, sondern im ständigen Austausch mit dem Rest der Tracks stehen. Auch ein puristisches Berliner Minimal-Erbe schwingt mit – ohne dabei ins Nüchterne abzudriften. Mit dem Debüt-Release seines SEVEN-Sublabels A.2AUM nimmt CRYME auch die spaßversessenen Speedy-House-Kids mit. Alexis Waltz

James Bangura – Jack Sermon EP (Shall Not Fade)

Irgendein x-beliebiger Rave in Berlin, es legt eine mit vielen Vorschusslorbeeren angekündigte Legende aus den Wiegen von Techno und House, Detroit und Chicago, auf. Und irgendwie kickt es nicht so wirklich, weil man das Gefühl hat, der DJ passt sich an weißgewaschene europäische Standards an und spielt Tracks, die er gar nicht spielen will. Wer ob dieser Anpassung enttäuscht die Mundwinkel hängen lässt, will eigentlich exakt jene Musik hören, die James Bangura auf der Jack Sermon EP vorlegt: Reduziert und trotzdem voller Seele, mit abwechslungsreicher Perkussion, prägnanten Vocals und originärem und House-Erbe in jedem Takt. Und, vielleicht am allerwichtigsten: Überhaupt nicht verkünstelt oder sonst wie bemüht, sondern mit dem nötigen Zug. Bangura überfrachtet elektronische Tanzmusik nicht mit Metaebenen, ihr Sinn und ihre Botschaft überlagern sich bei ihm zu 100 Prozent: Vollkommene Körperlichkeit, die sich aus gospelhafter Wiederholung speist. Maximilian Fritz

Pugilist – Triads (Samurai Music)

Am Strand liegen. Also, Waldsee. Dem vorausgegangen: Drei Tage Monsun und insektoider Babyboom. Es summt, zirpt und von ferner wähnt man sogar ein katzenartiges Winseln. Blöd nur, wer meinte, zum Spätsommer nochmal in Autan zu investieren, wäre Geldverschwendung, weswegen die malerische Fontane-Berieselung mit eingebrochener Dunkelheit zum Überlebenskampf wird. Genauer: eine Ode ans Phantombrummen und invertierte Backpfeifen.

Während man selbst also keine drei Grüntöne voneinander unterscheiden kann, nähert sich Pugilist der Natur mit größerer Erhabenheit. Also, er beschwört exotische und okkulte Praktiken herauf und macht sie körperlich erfahrbar – nur ohne juckende Stellen an Knie, Nacken und den Fingerkuppen. Hierfür bewegt sich der australische Produzent im erweiterten Jungle-Spektrum. Schön also, wenn das Genre dem namensgebenden Biotop mal so nahesteht. Jedenfalls: Im bassmusikalischen Steckkasten zu finden sind einschnürender, tribalistischer Ambient-Jungle und sphärische Klänge zwischen Artifizialität und rituellem Purismus, die sowohl um 10 Uhr morgens auf dem Goa-Floor als auch zum Naturwein-Tasting im Listening Space funktionieren. Die organischen und nebulösen Texturen fließen ineinander und beschwören eine düstere Grundstimmung, während sich aus dem perkussiven Urschleim mal ein keuchender Footwork-Groove, ein knarzendes Halftime-Gerüst oder eine atemlose Industrial-Techno-Nummer formt.

Gerade in den letzten Atemzügen bewegt sich die Platte an einer dynamischen Stelle zwischen Funktionalität und Abstraktion, wobei sich halbakustische Breakcore-Passagen mit improvisatorischer Ekstase und tief verwurzelten, ursprünglichen Ritual-Ambient-Sequenzen verbinden und eine Hörerfahrung beschließen, die sich zwischen Intensität und Immersion auf ganz eigenem Terrain bewegt. Jakob Senger

Robag Wruhme –- Fumaxohn (Cocoon Recordings)

Mit Fumaxohn liefert Robag Wruhme sein Cocoon-Debüt ab – und macht genau das, was er eigentlich immer macht: Clubtracks, die sich mit jedem Takt tiefer in die Gehörgänge und die Tanzbeine schrauben. Vier Tracks zwischen Minimal, House und Pop, präzise, trippy und mit einem funky Zug nach vorne.

„Olahni” eröffnet den Trip mit geisterhaften Flächen und gehauchten Vocals. Im Hintergrund zieht ein leichter Nebel vorbei, während der Bass immer intensiver rollt – hypnotisch und verspielt zugleich. „Ifthah” legt den sechsten Gang ein. Die Bassline rollt noch schwerer – Peaktime? Noch nicht ganz. Eher ein überzeugender Anlauf. Druckvoll, dunkel – ein verdammt guter Sound. Mit „Fumaxohn” sind wir am Ziel angelangt: ein schwankender, leicht schräger Trip mit Vocals, warmen Harmonien und diesem eigentümlichen Vorwärtsdrang. Gleichzeitig ein Downshift – weniger Attacke, aber Motor-Musik. „Pentho” schaltet zum Finale dann wieder hoch. Scat-artige Vocals, eine meditative Einstimmung und der Rhythmus zieht weiter. Reduziert, hypnotisch und direkt.

Fumaxohn ist Robag Wruhme in Reinform: detailverliebt, eigenwillig und funky auf seine unverkennbar thüringische Art. Liron Klangwart

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