Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Compilations hier, Teil 2 der Compilations hier, Teil 1 der Alben hier.
K Wata – Give U Space (Short Span)
Wie klingt Leere, ohne wirklich leer zu sein? Welche Bedeutung hat Zeit in einem akutischen Vakuum? Und wofür steht das K in K Wata? Komprimierung, Kalibrierung, Kognition? Jedenfalls: Das erste Album des in New York lebenden Producers erscheint auf Short Span, ist achtgliedrig, setzt sich mit den äußeren Rändern der Bass Music auseinander und experimentiert mit Formen und Elementen von Jazz, Trap und Ambient.
Im Zentrum des Openers „Looking Glass” steht ein leerer Raum, ein weißes Rauschen, ein flächiges summendes Ambient, um das herum ein Klangbild synthetisiert wird, das sich aus losen Tonspuren, schubweiser Tiefenvibration und dumpfen Rhythmuselementen langsam zu einer komplex arrangierten und konstant verformenden Dub-Illusion verbindet. Das Cluster an freiliegenden Sound-Aggregaten wird durch das wummernde Drone-Pedalton zusammengehalten und erzeugt dadurch ein Klangexperiment irgendwo zwischen feingliedriger Modularekstase und Low-End-Komfort. Dieses artikulatorische Moment einer sich entfaltenden Schallstudie zieht sich als evolutionäres Konzept durch die gesamte Tracklist, wirkt durch die rhythmischen Reduktionen und die elementare Schnörkellosigkeit aber an keiner Stelle unzugänglich.
Auch „Whisper Dub” ist eine Gratwanderung zwischen Abstraktion und Funktionalität und bietet allerlei Versatzstücke, um hier eine Dubstep-Nummer zu vermuten. Derer sind: Der Umgang mit Raum und Timing, gepaart mit den stampfenden, beinahe statischen Drums, die mit schläfriger Präzision die Ambient-Wattierung durchdringen. Dazu: Die sonische Spektraldichte und der Fokus auf tieffrequente Ohrmuschelstimulation. Dabei ist die Funktionsweise des Tracks nicht auf vereinzelte Klimaxe ausgelegt, sondern manifestiert sich als ausdehnender Impuls, der umliegende Soundfragmente aufnimmt, kumuliert und sie gravitätisch um sich kreisen lässt. Ein Hauch psychoakustisches Nichts, gepaart mit der Fülle bassmusikalischer Vielfalt. Jakob Senger

Lb Honne – Present Future / Here There (Project Indigo) [Reissue]
Spinnwebenzarte Akkorde wie von einer Orgel, die mit menschlichen Stimmen gemorpht wurde. Der Zürcher Produzent Lb Honne beginnt sein Album Present Future / Here There mit einem Ambienteinstieg wie aus dem Bilderbuch. Bald darauf wird die samtene Idylle jedoch von flach pochenden dezenten Breakbeats durchsteppt, die vom ungehemmten Tagträumen abhalten. Der zweite Track, „Viaggio”, gibt dann den eigentlichen Zweck dieser, nun, Reise zu erkennen. Der Beat pocht weiter flach, jetzt mit Viererbeat als Basis, die Akkorde darüber ziehen Schlieren wie schwache Erinnerungen an die warmen Deep-House-Harmonien von einst. Kalt ist die Angelegenheit aber keineswegs, dafür mit stark wehmütigen Akzenten versetzt, wie auch der Monolog, der auf halber Strecke der Nummer einsetzt. Eine Trockenheit von zugleich höchster Emotionalität bestimmt diese minimal gehaltene Clubmusik, die eine andere Ekstase als die des feuchtfröhlichen Ausrastens sucht. Dass er ebenfalls auf Smallville Platten herausgebracht hat, passt zu seinem introspektiven Stil. Veröffentlicht wurde das Doppelvinyl schon vor zwei Jahren auf Project Indigo, dank begeisterter Reaktionen auf die erste Pressung gibt es jetzt ein Reissue und die Gelegenheit, das Ganze noch einmal kennenzulernen. Die zentralen Stücke der einzelnen Seiten umgibt Lb Honne gern mit Interludes zum Durchatmen, wie überhaupt der Fluss bei ihm gelassen strömt. Ein Höhepunkt ist „Sky Funk” mit seinem stapfenden Rhythmus, den schwebenden Akkorden, zwischen die sich immer wieder andere Sounds schieben, mal flirrend, mal singend. Und eine leicht verzerrt murmelnde Stimme, von der Wörter wie „sky” und „funk” zu vernehmen sind. Trauer, voll mit Euphorie. Tim Caspar Boehme

Martyn – Music For Existing (3024)
Der Niederländer Martyn Deijkers war schon immer ein Vorreiter, besonders mit seiner Arbeit an den Grenzbereichen zwischen Dubstep, Techno und House. Sieben Jahre sind seit seinem letzten Album Voids vergangen, das Broken Beats und Techno zu einem rumpelnden, emotionalen Ganzen verschmolzen hat. Jetzt erscheint sein neues Album Music for Existing. Für manche mag das Werk auf den ersten Blick wie eine Abkehr von seinen Club-Wurzeln klingen, doch es ist das genaue Gegenteil: Jazz war für Martyn schon immer eine Leidenschaft, die Fans bereits aus seiner NTS-Show Darkest Light oder seinen Jazz-Mixen kennen. Nun hat er diese Vision in einem kompletten Album manifestiert – in Kollaboration mit diversen talentierten Studiomusikern.
Auf den acht Tracks kommt seine lang anhaltende Liebe für synkopierte Beats voll zur Geltung, und das Ergebnis klingt gar nicht so weit entfernt von seinen Drum’n’Bass-Anfängen. Die tiefen Basslines und die Rhythmik erinnern teilweise stark an das Klassikeralbum Solaris von Photek aus den Neunzigern. Allerdings fühlt sich Martyns LP weniger nach futuristisch-dystopischer Breakbeat Science an, stattdessen regiert mehr freies, atmendes Jazz-Feeling. Martyn macht kein komplett neues Fass auf, sondern destilliert das Jazz-Feeling konsequent aus der Bass Music, zeigt damit aber dass „Broken Beats” mehr als nur eine Genre-Bezeichnung ist; die Präzision der elektronischen Loops verbindet sich mit organischer instrumentaler Offenheit, die das Ganze atmen lässt. Ein Album für die Momente dazwischen. Leopold Hutter

Monolake – Interstate (Field) [Reissue]
Kurz bevor sich Gerhard Behles ab 1999 vollständig der Entwicklung von Ableton Live widmet, haben er und Robert Henke noch etwas zu erledigen. Seit sie frühe Berliner Drum’n’Bass-Partys wie Hard Edged im WMF besuchten, war das Duo fasziniert von der organischen Struktur perkussiver Samples, von ihrer virtuosen Integration, dem saturierten Soundbild. Mit gerade entwickelten Sprachen wie Max for Live oder später Max/MSP war die Produktion in Echtzeitprozessen zudem auch für elektronische Instrumente auf einem bis dato beispiellosen Level der Differenzierung angekommen. Als Informatiker und Tontechniker eröffnen sich dem Duo jetzt faktisch endlose Optionen, die frischen Ansätze aus der gerade aufkeimenden Drum’n’Bass-Subkultur und ihren eigenen graduell ausufernden Tracks für Chain Reaction zusammenzuführen. Komplexität gerann dort zu Biotopen tropfender, atmender, pulsierender Klänge, die keimen, gedeihen und verfallen; den Sequenzen wurden synkopierte Grooves injiziert, die jede klassische Club-Logik ignorieren. Interstate ist damit nicht nur das eigentlich erste Studioalbum von Monolake, angesichts der Tatsache, dass es sich bei Hongkong (1997) um eine Kompilation der frühen EPs und Singles für Chain Reaction handelt. Es ist zugleich auch ein Zeugnis der bahnbrechenden Neuerungen im Bereich digitaler Musikproduktion am Ende des zweiten Jahrtausends.
Allegorien von tropischen Sphären, in denen überall Leben unterschiedlichster Farben und Formen auftaucht und vergeht, provoziert dieses Album im Sekundentakt. Schon der Einstieg mit „Abundance” rahmt die Cinematographie der folgenden knapp 65 Minuten großzügig ein und wird dem Titel in jeder Form gerecht: räumliche Pads hinter dampfenden Delays lassen die Luftfeuchtigkeit in Sekunden steigen, das Pluckern delikater Designer-Shots bahnt sich einen Weg durch surreales Terrain. Überfluss überall. Und doch: Minimal im Sinne langsam anflutender und abebbender Variation. Tracks wie das quakende und zirpende „Gecko” oder der sonnendurchflutete Zweiteiler von „Tangent” gebären makellosen Ambient Techno in seiner ausgefeiltesten Form. Dub und IDM, Nature Recordings und die auf 0,5 Nanometer genau austarierte Mikromontage der beiden Sound-Coder Henke und Behles sprießen dazwischen im Hyperlapse-Modus aus den Stem-Strukturen, die nach der ersten Zellteilung genug Zeit für die eigene Evolution bekommen – besonders eindrücklich zu beobachten bei „Amazon” und dem abschließenden „Terminal”. Neben dem unwirklichen Sounddesign ist dies vielleicht die größte Stärke dieses Albums: die Geduld und das untrügliche Auge für Nuancen, das Monolake den Tracks angedeihen lassen – zu einer Zeit, als solche Produktionsansätze gerade erst möglich waren. Dass Interstate dennoch 27 Jahre für die PVC-Pressung gebraucht hat, kann daher nur ein Glitch dieser fragmentierten Simulation sein. Nils Schlechtriemen

Of Norway – Tropenatt (Connaisseur Recordings)
Zu Beginn des Jahres haben Of Norway nach knapp zwei Jahrzehnten ihre Auflösung bekanntgegeben. Zwar trat das norwegische House-Duo in einschlägigen europäischen Clubs auf. Dass Vegard Wolf Dyvik und Carl Christian Steenstrup jedoch die große Karriere versagt blieb, hängt vielleicht damit zusammen, dass die beiden schon immer zu musikverrückt waren, um sich über einen bestimmten Sound identifizierbar zu machen. Schon ihre erste Single von 2008, „The Governor’s Daughter”, verbindet ein rheinisches Kompakt-Timing mit einem Gespür für Songwriting, das in Minimal-Kreisen damals vermutlich eher irritierte. Als sei das nicht schon genug, lässt das Stück zudem eine ausgeprägte Dub-Sensibilität erkennen.
Es folgten fünf Alben, die wohl nur deshalb entstehen konnten, weil sie mit Connaisseur Recordings ein professionelles und loyales Label an ihrer Seite hatten, das bereit war, ihren Entdeckergeist zu begleiten. Die Debüt-LP Accretion verfolgte einen puristischen House-Pop-Ansatz, mit The Loneliest Man in Space wagten sie den Ausbruch aus der Clubmusik und übertrugen AOR-Befindlichkeiten in die elektronische Gegenwart.
Die letzten drei Alben bilden eine Trilogie, die zu ihren Anfängen als Clubgänger in den Neunzigern zurückkehrt: Smeigedag rückt erstmalig House ohne Vocals als tragendes Element in den Mittelpunkt, auf Fløyelskveld erweitert sich das Spektrum von Dyvik und Steenstrup bis hin zu Gospel- und Seemannsgesängen. Das neue Album Tropenatt widmet sich schließlich dem entkoppelten, hippiesken Eintauchen in elektronische Klänge, die an Acts wie Orbital oder The Orb erinnert. Alexis Waltz

Spekki Webu – Bootstrap Paradox (Outer Orbit)
Ganz langsam baut er sich auf: „Axis Point”. Hier ein Schlag, da ein verhallendes Rütteln, fast wie in der Track-Produktionsschule kommen nach und nach weitere Spuren rein, und dann spacet das Ding durch den Raum der betonten Zwei und Vier wie ein gläsernes, kugelförmiges, transparentes Rauschiff. Spekki Webu, der Produzent und Labelbetreiber aus dem niederländischen Delft, gibt seinen Stücken immer diese Clubbezogenheit mit. Gleichzeitig lassen sie sich offen lesen, zum Zuhören daheim öffnen. Sie sind komplex genug. Mit Bootstrap Paradox eröffnet Webu das neue Label Outer Orbit.
Auf den Intro-Track „Wave Jumper”, ein feinziseliertes Beat-Gehäcksel, folgt mit „Earth” ein temporeicher B-Stepper mit Four-to-the-Floor-Anmutung. „Floating In Acheron” ist pure Detroiter Schule, elegant und fliegend, während „Goodbye Universe”, von dem es auf Vinyl zusätzlich den puristischen Cari-Lekebusch-Remix gibt, schon an den Big-Beat-Grenzen seinen Hintern wackeln lässt. Unter den vier Digi-Bonus-Stücken ragt „Demon’s Path” heraus, ein zischelndes Stück Techno. Christoph Braun

Tobias. & Friends – Plenty Of Time With Nothing To Do (Non Standard Productions)
Man merkt diesem Album von der ersten Minute an an: Hier nimmt sich jemand Zeit. Tobias Freund gräbt nicht nostalgisch im Archiv, er baut neu zusammen. Plenty Of Time With Nothing To Do ist kein Retro-Trip durch die späten Siebziger und Achtziger, sondern eine Neuinterpretation der elektronischen Musikgeschichte. The Human League, This Heat, Japan, Suicide, Heaven 17 oder Harold Budd & Brian Eno dienen als Inspiration.
Der Opener „Morale” ist ein Statement: kurz, klar und richtungsweisend. „Cruel When Complete” schiebt mit swingenden Drums und harmonischen Vocals elegant nach vorne – reduziert und warm. „Twilight Furniture” wird düsterer: verzerrte Stimme, Aufmarsch, irgendwo zwischen Wave und Industrial. Mit „Hello Skinny” kippt der Fokus kurz Richtung schleppendem Hip-Hop-Beat, hochgepitchte Vocals schrauben sich ins Ohr, Störgeräusche flackern im Hintergrund. „Losers In A Lost Land” bleibt treibend, funktional, ohne sich aufzudrängen. Dann „My New Career”: ein Auftauen. Glitzer statt Dunkelheit, hymnisch, catchy, fast optimistisch – ohne kitschig zu werden. „Girl” setzt auf einen geraden Beat, aufsteigend, hallige Stimme, der Motor läuft konstant im Hintergrund. Club-Appeal, aber subtil. Mein Favorit ist „The Best Kept Secret” – einfach mal Ein- und Ausatmen mitten im Album. Hier zeigt sich Freunds Stärke: Spannung ohne Überladung. „Dark Times” zieht wieder an, treibend und ziemlich hip-hop-affin. Und „Not Yet Remembered” schließt heller, offener, aufstrebend – keine dunkle Dystopie. Was dieses Album besonders macht, ist nicht nur die Auswahl der Stücke, sondern die Präsenz der Mitmusiker. Pink Elln, Gudrun Gut, Barbie Williams, Argenis Brito, Atom™ und die anderen sind keine Gäste, sondern integraler Bestandteil. Liron Klangwart
