Mit dem jüngst erschienenen Album A Complex Interplay Of Zeros And Ones ist die Out-Of-Place-Artefacts-Trilogie von Vril & Rødhåd komplett. Beim Studiobesuch verraten die beiden Techno-Vordenker GROOVE-Autor Elmar von Cramon, was es mit der Konzeption und technischen Umsetzung ihres gemeinsamen Projekts auf sich hat.
Out-of-place Artefacts bezeichnet Gegenstände von historischer Bedeutung, die an einem ungewöhnlichen Ort aufgefunden werden. Naturgemäß zieht der unerwartete Fundort Spekulationen über den Werdegang des Artefakts nach sich. Die klanglichen Ursprünge des gemeinsamen Projekts von Mike Bierbach alias Rødhåd und Ulli Hammann alias Vril reichen aber nur bis ins Jahr 2016 zurück.

Damals entstand der gemeinsame Track „Target Line”, der zunächst auf der Rødhåd-LP Anxious auf dem mittlerweile eingestellten Label Dystopian veröffentlicht wurde und es anschließend bis in die Opening-Sequenz der ARD-Tatortfolge Die Kalten und die Toten schaffte. Im Gegensatz zu diesem Four-to-the-Floor-Peaktime-Workout markiert der Sound von Out Of Place Artefacts mit seinen abstrakten, aufgebrochenen Klang- und Beatstrukturen dessen Antithese.
„Lass‘ uns alles machen außer Techno”, erinnert sich Vril an die Anfänge des gemeinsamen Projekts zu Pandemiezeiten. Mit der Einschränkung des „Viererfußes” pendelte man sich während langer Jamsessions klanglich an der Schnittstelle zwischen experimentellen IDM- und Ambientstrukturen in abstrakt-mystischer Tonalität ein. Nachdem die musikalisch-technische Umsetzung auf den beiden 2020 und 2022 erschienenen Alben eindrucksvoll gelungen war, konnte das Duo im Spätsommer 2022 schließlich auch sein Debüt als Liveact im Berliner Club Zenner feiern.
Champions League für Technik-Nerds
Schon damals bestand der Anspruch, das dritte Album „bandmäßiger” anzugehen, was auf A Complex Interplay Of Zeros and Ones durch das Involvieren weiterer Artists wie Sara Clarke, GiGi FM und Peryl nun konsequent ausgestaltet wurde. Zuvor waren die beiden als Out Of Place Artefacts bereits im Live-Kontext unterwegs und unter anderem beim STOOR-Format von Speedy J zu Gast. Außerdem traten sie im Zuge der Album-Veröffentlichung zuletzt auch im Berghain auf.
„Unsere Musik unterliegt nicht dem Zwang, im Clubkontext stattfinden zu müssen, trotzdem hat sie im Rahmen eines Konzertcharakters auf einer Clubanlage immer am besten funktioniert”, erläutert Rødhåd und verrät, dass der Grundstein des dritten Longplayers eng neben dem des vorherigen liegt: „Einerseits gab es Tracks aus dem Zusammenhang unserer vorherigen LP, andererseits waren es Stücke, die wir erst im vergangenen Jahr aufgenommen haben, zum Beispiel die, auf denen Peryl Gitarre spielt und Samples und Streicher vom Clavia Nord Piano 5 zu hören sind.”

Das Studio-Flaggschiff des schwedischen Herstellers, das neben Synth- und Sampling-Engine aus dem Nord Wave 2 auch eine Piano- und eine Orgelsektion besitzt, prägte den Produktionsprozess zum neuen Album nachhaltig und ist mittlerweile auch Bestandteil des Live-Setups: „Wenn ich auf solchen Geräten Keyboard spiele, klingt das in meinen Ohren mehr nach „echter Musik” als ein Jam auf einem anderen Synth, das war uns für das Album wichtig”, so Vril, der das Studio seines Kreativpartners als „Homebase” des gemeinsamen Projekts betrachtet und zwischen seinen weltweiten Bookings regelmäßig Zeit für gemeinsame Jam-Sessions einplant.
Mit im Gepäck befindet sich stets sein eigenes Live-Setup, das aktuell aus Laptop, Akai APC40, Novation Launchkontrol XL, Roland SH-01A (einer Boutique-Version der Roland SH 101) und einem Eventide-H9-Effektpedal besteht. „Herzensgeräte” wie sein Prophet 12 von Dave Smith oder der Roland Juno 6, die den Vril-Sound seit Jahren prägen, bleiben angesichts des hochwertig ausgestatteten Berliner Studios seines Kreativpartners aber zu Hause: „Technisch ist das hier auf einem sehr hohen Niveau”, schwärmt Vril, der vor gut zwei Jahren von Hannover nach Lissabon gezogen ist.
Andere fahren Luxusklasse, wir hören sie
In der Tat lässt das „Studio-Raumschiff” von Rødhåd erahnen, dass Kreativität und Klang hier gleichermaßen großgeschrieben werden. Die Keyboardwand beeindruckt mit Hochkarätern aus mehreren Jahrzehnten – Korg Mono/Poly, Roland Juno 6, Waldorf Quantum, Dave Smith Pro 2, MacBeth Elements – ebenso wie die Rack- und Desktop-Klangerzeuger: Moog Voyager Rackmount Edition, GRP A2, Black Corporation Deckard’s Dream, Vermona PERfourMER, Novation Peak, Elektron Analog Rytm MK2.
Auch das Outboard-Equipment ist state of the art. Vor allem für Dynamikbearbeitung und EQing stehen hochwertige Optionen bereit. Neben teils schon älteren Klassikern wie Universal Audio 1176, SPL Kultube, Charisma und Tube Vitalizer finden sich mit der Niio Iotine Core, einer edlen Filterbank mit 14 Sättigungsstufen, auch mehrere Elysia-Karacter-500-Module und ein OTO Boum, die als schlagkräftige Verzerrer auch als Bus-Prozessoren fungieren können. Einen ganz besonderen Platz in der Out-Of-Place-Artefacts-Geschichte nimmt der Overstayer 8755 DM ein.

Das Boutique-Gerät der Luxusklasse vereint modular verschaltbare Stereo-Preamps, EQ, Kompression und Verzerrung in einem Gehäuse und wurde vom Duo besonders auf dem zweiten Longplayer eingesetzt: „Der Overstayer hat beim zweiten Album eine positive Brachialität reingebracht und den Klang genauso geprägt wie die Elysia-Karacter-Boxen die erste LP”, so Rødhåd. Eigentlich sei das Gerät gar nicht für Busprocessing gedacht, der Overstayer habe die beiden klanglich jedoch sofort überzeugt.
„Ein Wahnsinnsgerät, wir haben nicht nur einzelne Signale, sondern auch Stems oder ganze Songs dort durchgeschickt und es im positiven Sinne übertrieben”, erinnert sich Vril und ergänzt, dass im gemeinsamen Workflow eigentlich immer alles separat aufgenommen wird, um sich die Möglichkeit einer nachträglichen Bearbeitung einzelner Spuren nicht vorab zu nehmen: „Technisch gesehen ist es vielleicht nicht vorgesehen, den Overstayer als Gerät für den Mixbus zu benutzen. Uns ging es jedoch um Soundcharakter anstatt technischer Korrektheit.”
Von Wunschtracks und Heavy Listening
Für das aktuelle Album musste sich das Duo mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen. Neben der Integration der Mitstreiter wuchs das Projekt mit jedem Live-Auftritt, sodass neben vielen organisatorischen Arbeiten zwischen Studio und Bühne auch Workarounds erforderlich sind: „Dennis [Peryl, Anm.d.Red.] spielt zum Beispiel bei manchen Stücken gleichzeitig Drums und Gitarre. Das kann er bei Auftritten natürlich nicht umsetzen, sodass wir immer schauen müssen, was in Livesituationen wie abbildbar ist. Andere Tracks, mein Lieblingstrack „Apophenia” etwa, wachsen mit jedem Auftritt, weil wir im Live-Kontext neue Parts hinzugefügt haben, die für den Track eine andere Dynamik bedeuten.”

Obwohl das gemeinsame Projekt sich mittlerweile in deutlich komplexeren Soundwelten abspielt als zu Beginn, haben die Livejams der Anfangszeit nach wie vor einen kreativen Einfluss auf den Sound; der Elekcro-Track „Wunschmaschine” etwa entstand bereits im Kontext des Premierenauftritts im Zenner 2022. Ein paar zuvor programmierte Patterns landeten auf der permanenten Setlist des Duos und wurden nach und nach zu einem vollständigen Track ausgearbeitet.
„Am Ende des Songs haben wir mit dem Waldorf Quantum eine Weiterentwicklung der Grundmelodie erzeugt. Dieses epische Pad am Ende ist für mich persönlich eine der Lieblingsstellen des ganzen Albums, die mich fasziniert und sehr viel in mir auslöst, weil die Melodie diese Energie des Waldorfs zusammenfasst”, so Vril.
Auch der Track „Healing Of A Ghost”, bei dem Rødhåds Partnerin Sara Clarke mystische Vocals beisteuert, brauchte eine gewisse Reifezeit bevor er den Raum des Album-Kontexts betreten durfte: „Die Vocals hatte ich mit Sara schon 2018 aufgenommen, bin damit aber nicht weitergekommen. Erst als wir sie in unser Live-Set integriert hatten, begann der Track zu wachsen”, erinnert sich Rødhåd, während Vril von intensiven Momenten während der Produktionsphase berichtet. „Zwei relativ simple Melodien und diese Rückwärts-Vocals hatten eine gewisse Kraft, allerdings brauchte er bis zur Fertigstellung eine Menge Zuwendung. Es steckt viel Arbeit im Detail, der Track ist sehr emotionsdicht und wegen der bittersüßen, bedrohlichen Stimmung eher Heavy Listening.”
Verlängerte Arme
Der intensiven, gemeinsamen Studioarbeit setzt sich das Duo bewusst aus, auch wenn ein gemeinsames Zusammentreffen jetzt nicht mehr durch eine zweistündige Zugfahrt von Hannover nach Berlin zu realisieren ist: „Nachdem wir die ersten Albumelemente nach Ullis Umzug hier zusammen aufgenommen hatten, stellten wir fest, dass es nicht so einfach ist, die Dinge remote weiter voranzubringen. Entscheidungen, wie etwa ein Track final arrangiert werden sollte, trifft man besser zusammen. Das ist wichtig, damit sich am Ende jeder mit dem Endergebnis identifizieren kann”, weiß Rødhåd.

Zudem schaffte sich das eingespielte Studioteam „antiautoritäre Bedingungen” bei der Ideenfindung: „Wir sind kein Pop-Projekt mit festen Regeln und lassen einander den Freiraum, Dinge auszuprobieren, auch wenn die beim ersten Hinhören erstmal wild erscheinen. Man hört erst mal zu, was der andere machen will. Dabei haben wir gelernt, dass es enorm hilfreich ist, die Idee kurz einzuspielen und zu arrangieren, anstatt dem anderen zu erklären, dass es so oder so klingen könne”, so Vril, für den der Projektname diese Herangehensweise ebenfalls versinnbildlicht. „Die Tracks sind immer ein bisschen out of genre beziehungsweise out of place”, lächelt er. Seine eigenen Sachen entstehen in der Regel deutlich einfacher: „Ich entscheide mich spontan für ein paar Elemente und nehme die Sachen auf, das entspricht meinem Konzentrationsprofil mehr.”
„Wenn wir im Rechner ein Reverb benötigen, läuft es meistens auf das Eventide Ultra-Reverb hinaus.”
Rødhåd
Genau wie im eigenen Studio ist der Roland Juno 6 auch bei Out Of Place Artefacts ein Schlüsselelement und kam auf dem dritten Album neben anderen go-tos wie dem bereits erwähnten Nord Stage 5, Novation Peak, Elektron Analog Rytm MK2, Waldorf Quantum und Rødhåds Lieblingssynth Vermona PERfourMER zum Einsatz: „Ich besitze den Juno selbst schon lange, sodass ich meist sofort höre, ob eine Melodie tragfähig ist und die Komposition wirkt oder nicht. Das Gerät ist sozusagen mein verlängerter Arm”, erklärt Vril die Bedeutung des leicht zugänglichen Roland-Klassikers, dessen klangliches Wirken mittlerweile allerdings eine Begrenzung erfuhr: „Wir haben die Regel aufgestellt, dass der Juno nur noch dann benutzt werden darf, wenn er nicht mehr wie ein Juno klingt”, sagt Rødhåd mit deutlichem Augenzwinkern, was das Gespräch auf das Sounddesign im Rechner lenkt.

„Das kann man mit vielen Plugins natürlich hinbekommen”, erklärt Vril und nennt seine Lieblingstools zur Klangveränderung: „Um den Juno anders klingen zu lassen, als man es gewohnt ist, gefällt mir aktuell der Infiltrator 2 von Devious Machines sehr gut, ebenso der Eventide Harmonizer H910.” Auch die technische Nachbearbeitung aufgenommener Spuren markiert einen Anwendungsschwerpunkt von Plugins: „Den Wavesfactory Trackspacer benutzen wir, um den Bassbereich aufgeräumt zu halten, als Standardtool zum Equalizing kommt der Fabfilter Pro-Q 4 zum Einsatz”, so Rødhåd, der in Sachen Effekte vor allem auf die Produkte aus dem Hause Eventide schwört.
„Wenn wir im Rechner ein Reverb benötigen, läuft es meistens auf das Eventide Ultra-Reverb hinaus. Ich bin großer Eventide-Fan, hatte bereits alle Einzelpedale der Factor-Serie im Studio und habe das H9 beim Auflegen benutzt.” Mittlerweile findet sich in seinem Setup mit dem H9000 auch das absolute Premiummodell des Herstellers, das unter anderem über 16 Effekt-Engines und digitale Rechneranbindung über ADAT verfügt: „Quasi 16 H9-Pedale in einem Gerät, die sich über die Effektsends in der DAW ansteuern lassen.”
Das Setup auf der Bühne
Im Falle von Out Of Place Artefacts verlässt man sich auf den bewährten Industriestandard Ableton Live 12, der die Anwendung von Produktionsprozess und Liveperformance gleichermaßen gut beherrscht und den beiden studioerfahrenen Artists durch seine Vielseitigkeit in der Königsdisziplin Arrangement entgegen- und auch im live zum Einsatz kommt: „Wichtig ist dabei, aus festen Rastern auszubrechen. Dabei kommt einem das Livespielen entgegen, weil Momente entstehen, in denen sich Tracks quasi von selbst arrangieren. Generell gilt, dass weniger oft mehr ist”, findet Rødhåd. Für Vril ist bei der Herangehensweise im Arrangement schon frühzeitiges „Tracklesen” angesagt.

„Der LP-Track ‚Closed Loop Grids’ ist für mich ein gutes Beispiel eines Tracks, bei dem das freie Hineinwerfen von Sounds funktioniert. Bei anderen Stücken bemerkt man schon in der Entstehung, dass es eher auf einen strukturierten Track mit mehreren Parts hinauslaufen wird. Diese Entwicklung sollte man schon früh im Produktionsprozess erkennen, um dem Track möglichst das zu geben, was ihm gerecht wird.” Auf der Bühne pflegen die beiden erfahrenen Live-Performer eine eher lockere Herangehensweise: „Eine gute Mischung aus Talent, Vorbereitung und Gleichgültigkeit ist entscheidend. Ich habe eher eine Punk-Einstellung, während Mike ein wenig organisierter ist. Das clasht zwar manchmal, ergänzt sich aber meistens sehr gut, weil das Projekt davon lebt”, skizziert Vril die Erfolgsformel, die Rødhåd um einige wichtige Parameter ergänzt.
„Wichtig ist in erster Linie, sich mit seinen Geräten auszukennen, aber nicht nur Einstudiertes zu spielen, sondern Raum für Spontaneität in der Performance zu lassen, damit nicht alles an Magie und Energie außen vor bleibt. Ein wenig Thrill muss schließlich auch dabei sein. Ganz wichtig ist ein vielleicht nicht ganz ernst gemeinter Spruch der britischen Techno-Legende Surgeon: Denk auf der Bühne daran, dass du in einer Livesituation etwa 50 Prozent dümmer bist als normal.”