Der Sieg der Linken in Berlin und die Nachtkultur: Nett sein reicht manchmal auch

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Auch die letzten Afterhour-Leichen dürften es inzwischen mitbekommen haben: Die Linke hat die Berlin-Wahl deutlich gewonnen. Die Partei von Spitzenkandidatin Elif Eralp soll, so man die Sondierungsgespräche mit Grünen und SPD unfallfrei über die Bühne bringt, ins Rote Rathaus einziehen. Damit würde Berlin nicht nur erstmals von einer Bürgermeisterin mit Migrationshintergrund regiert, es stünde eine ganz grundsätzliche politische Neuausrichtung der Bundeshauptstadt bevor – weg vom arrivierten Gutsherren-Mief mit Vergesellschaftungsbremse, hin zu progressiven Ideen, die den Menschen und sein Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen.

Da wäre das Leib-und-Magen-Thema der Linken, mit dem sie sich in den letzten Jahren profilieren konnte wie keine andere Partei: bezahlbarer Wohnraum, am besten für alle. Dafür sollen Konzerne wie Deutsche Wohnen enteignet werden. Einen Versuch ist es wert, auch wenn die potenzielle Opposition sich wehrt und nicht müde wird zu betonen, dass es sich dabei um ein aussichtsloses Vorhaben handelt. Zudem organisiert sich die Linke basisdemokratischer und kollektivistischer als andere Parteien, flache Hierarchien, Diversität und Geschlechtergerechtigkeit stehen hoch im Kurs.

Gentrifizierung trifft Clubsterben

Diese politischen Bestrebungen, Ideale und Arbeitsweisen lassen sich in der Clubkultur wiederfinden, ohne dass man allzu bemühte Parallelen konstruieren müsste: Verdrängung und Raumknappheit beschäftigen die Szene seit Jahren bundesweit, doch besonders in Berlin, wo Clubs nach und nach aus dem Zentrum verschwinden und in Randbezirke gedrängt werden. Eine Entwicklung, auf die Kristoffer Cornils in seiner Kolume konkrit schon 2020 aufmerksam gemacht hat. Auch wenn längst nicht jeder Club aus Gründen des Raummangels aufgeben muss: Clubsterben ist real, genau wie die Gentrifizierungs- und Privatisierungsdynamiken, die Mieter:innen vor Probleme stellen.

Nicht erst seit Horten der flachen Hierarchien, Plena und manchmal gar zu lebhafter Diskussionskultur wie dem ://about:blank oder dem IfZ steht zumindest ein Teil der Clubkultur für linke Ideale und grenzt sich damit vom hyperkapitalistischen Treiben ab, das auf Ibiza oder Festivals wie dem HIVE regiert. Der jahrelange Trend hin zum inzwischen omnipräsenten Kollektiv, zur Deinstitutionalisierung – man betrachte nur mal die Flut an Nominierungen und Gewinner:innen für den Preis des Tags der Clubkultur – spiegelt dasden Ethos des Selbermachens, des gelebten Meinungspluralismus der DIY-Idealisten der Linkspartei. Die alte Losung Bildet Banden! gilt in beiden Lagern.

Multi-Kulti auf dem Dancefloor

Auch das Konzept gelebter individueller Unterschiede bei kollektiver Gleichheit passt famos auf den Dancefloor. Dort herrscht sozusagen ein endorphinschwangeres Multi-Kulti. Das gute alte P.L.U.R. mag zwar zur restaurativen Phrase verkommen sein, die Boomer nutzen, um auf Awarenessteams zu schimpfen; in ihren ideellen Grundfesten und wenn der Dancefloor gerade mal kein Laufsteg für Selbstdarsteller mit ungesund hohem Distinktionsbedürfnis ist, enthält elektronische Tanzmusik aber sehr wohl Werte wie Diversität, Gleichheit und, man darf auch mal pathetisch werden, Liebe. Man müsste nicht mal jede Party zwanghaft politisieren, um diese zu leben. Nett sein reicht manchmal auch.

Geht alles seinen Gang und läuft die neuerliche politische Hetzkampagne gegen links ins Leere, wird Berlin erstmals nach clubkultureller Räson regiert werden. Das hat Potenzial zur Bürgerzufriedenheit, kann bei allen intellektuellen und weniger intellektuellen Grabenkämpfen aber auch chaotische Zustände heraufbeschwören. In diesem Zusammenhang muss das Thema Antisemitismus auf den Tisch. Besonders diesen instrumentalisieren Rechte zuletzt nimmermüde, um die Linke noch vor ihrer Legislaturperiode zu delegitimieren. Wer betont hohe Ansprüche an sich selbst hat, macht sich leicht angreifbar, wenn er sie nicht stets erfüllt.

Ist das die Reifeprüfung?

Wo die CDU lapidar auf ihre bedingungslose Unterstützung Israels verweisen kann, befindet sich insbesondere die Berliner Linke in andauernden Aushandlungsprozessen, die eigentlich unvereinbare Positionen im Nahostkonflikt auszusöhnen versuchen. Auch das erinnert an die Clubkultur, seit dem 7. Oktober Schauplatz von Kämpfen um Deutungshoheiten und beeindruckender Gehirnakrobatik. Fakt ist: Auch linke Jüd:innen fühlen sich in Berlin zunehmend unsicherer, weil sie für die Taten Israels verantwortlich gemacht werden. Wenn es der Linken gelingt, sich auf eine entschiedene Position gegen Antisemitismus zu einigen, wie sie ihre Spitzenkandidatin vorgibt, könnte es etwas werden mit der hauptstädtischen Utopie. Und dann könnte auch die Clubkultur noch etwas von der nächsten Berliner Regierungspartei lernen.

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