Die Platten der Woche mit Fantastic Man, Forest Drive West, Marco Passarani, Moodymann & Sepehr

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Amp Fiddler pres. Dames Brown – Take Me As I Am (Moodymann Remixes) (Defected)

„Take Me As I Am” – der Titel sagt eigentlich schon alles. Akzeptier‘ dich und sei stolz auf dich. Auf dein Aussehen, deine Herkunft, deine Geschichte. Und auf deine musikalische DNA. In diesem Fall: Detroit City, Motor City. Aber nicht in der Techno-Variante, sondern deep, soulful, houseful. Moodymann nimmt „Take Me As I Am” vom gleichnamigen Erstlings-Album des Gospel-Trios Dames Brown und formt daraus zwei Versionen, die ebenfalls ein Statement sind.

Entstanden ist der Song im Heimstudio des Amp Fiddlers, jener 2023 verstorbenen Integrationsfigur, die verschiedene Musikgenerationen Detroits zusammenbrachte. Der erste, kürzere Remix ist pure soul: Gospel-Anklänge, warme Flächen und Moodymanns unnachahmlicher, schleppender Groove. Die Stimmen von Athena Johnson, Teresa Marbury und LaRae Starr erfüllen den Raum mit der emanzipatorischen Botschaft des Songs. Der Extended Mix ist eine epische Soundcollage, beginnend mit einem Breakbeat. Das brutale Sampling Moodymanns, das doch immer Gespür hat für den Soul des Originals, legt die diverse und bisweilen widersprüchliche musikalische DNA der Motor City frei – und platziert die drei Sängerinnen, die auch schon mit Robert Hood und Eddie Fowlkes zusammengearbeitet haben, in der Welt der elektronischen Musik. Liron Klangwart

Fantastic Man – A Little Bit More (Axis of People)

Viele DJs träumen davon, sich im Laufe ihrer Karriere irgendwann den Wunsch eines eigenen Labels zu erfüllen. Einer, der sich diesen Traum gleich zweimal erfüllt hat, ist Fantastic Man. Der in Australien geborene und inzwischen in Berlin lebende Produzent gründete 2018 gemeinsam mit Francis Inferno Orchestra das Label Superconscious Records, auf dem er den Großteil seiner Musik veröffentlichte. 2024 kam dann mit Axis of People ein weiteres hinzu, dessen Veröffentlichungen etwas cluborientierter ausgerichtet sein sollen. Auf ebenjenem erscheint nun die EP A Little Bit More. Der Sound der EP funktioniert auf jeden Fall im Club, lässt sich aber genauso gut zuhause auf dem Plattenspieler genießen.

Der Titeltrack eröffnet die EP ganz nach dem Einmaleins eines gelungenen House-Tracks: groovende Drums, tiefe Akkorde, schimmernde Synths und natürlich alles durchzogen von Vocals – was auch sonst? „Be There” knüpft nahtlos an dieses Rezept an und führt den Vibe konsequent weiter. „Inhibition” orientiert sich mehr in die Trance-Richtung und ist eine kleine Reminiszenz an die Rave-Ära der Neunziger. Der finale Track „Prophecy” bricht komplett mit den Rhythmus der bisherigen Platte und begibt sich auf dubbiges Broken-Beat-Terrain. A Little Bit More liefert, wie es der Titel schon verrät, mit jedem Track ein bisschen mehr. Daniel Böglmüller

Forest Drive West – Mantis 1920 (Delsin)

Doppel-Mantis. Was klingt wie der absolute Albtraum für jeden Kolibri – Kenner der morbiden Abgründe des Tierreichs wissen um die schockierenden Szenen –, löst bei Synapsenkriegern aus der düstersten Techno-Bass-Music-Ecke nihilistische Begeisterungsstürme aus. Die Verbindung in die Fauna zu Beginn dieser Rezension ist übrigens nicht nur rein semantischer Natur: Der Opener „Latent” zieht mit Vogelgezwitscher, das in artifizielle Synths übergeht, meditative Schlieren, die sich intensiv verstetigen, Forest Drive West als kathartische Antithese zum Ornithologen-Tech-House von Dominik Eulberg. Der Track erinnert in seinem leicht übersteuerten Feedback-Ausfaden schließlich an Rainforest Spiritual Enslavement, womit der Ansatz von Delsins Mantis-Serie bereits gut umrissen wäre: Atmosphärisch tiefschürfender Techno mit kräftigem Low End, der in Beatstruktur und ästhetischer Anlage nicht funktional sein muss. Perfekt also für jemanden wie Joe Baker, der in seiner Musik Gespür für Subtilitäten über machohafte Überproduktion stellt. „Bias” besitzt anfangs die Vocal-Verschrobenheit von Shackletons „Blood On My Hands”, entwickelt sich dann zu einer musikalischen Entscheidungsschlacht: Verbleibt man bei den flackernden Synths an der Oberfläche, die an Stücke des Albums Apparitions erinnern, oder kriecht man ins Unterholz, wo das Zusammenspiel aus Kicks und schiebendem Bassgrollen das geniale „Jungle Is A Shapeshifter” ins Gedächtnis ruft. „Uromastyx”, produziert mit Patrick Russell, präsentiert sich als kaltschweißiges, manisches Umherirren durch den Dschungel bei viel zu hoher Luftfeuchtigkeit. Will man nicht drinstecken, aber extrem gerne zuhören – das gilt für die komplette Doppel-EP. Maximilian Fritz

Marco Passarani – Studiomaster Digipack Vol. 2 (Studiomaster) 

Marco Passarani hat wieder Knöpfe gedrückt. Das Ergebnis heißt so wie die Beilage einer TV Spielfilm von 2009. Digipack Vol. 2, ja, da denkt man nicht sofort an gute alte Discomusik. Man denkt an irgendwas anderes, was kein Problem ist: Es geht ja ums Hören. Und wer Passarani schon gehört hat, ahnt es schon. Das ist ganz schöner House, bei dem selbst hartgesottenen Feuilletonfreunden ein jauchzendes funky entkommt. Anders gesagt: Das ist was für Herz und Kreislauf. „Hypercuatro” gluckert dementsprechend gleich mal los und „Locked In A Trance” hinterher. Kann man immer spielen, wenn eh schon alle dabei sind und drauf sind und dann nicht merken, dass da noch drei alte Tracks mitlaufen. Tracks, die sicher zufällig bei einer Garagenaufräumaktion wiederentdeckt wurden, auf Diskette, mit kritzeligen Notizen, so in Richtung „komplett verpeilt, dass ich das noch hatte”. Ist aber schön, weil: Passt zu Passarani. Als Fernsehzeitungsleser:innen ist eh klar, zwei Punkte für Action und Spannung und drei für Erotik – da geht es ja wohl ganz schön zur Sache! Christoph Gleich

Sepehr – Fool’s Ovation (Kapsela)

Deep, deeper, Sepehr. Auf Fool’s Ovation bedient sich der New Yorker einer besonders tragischen Figur: des Narren. Über Jahrhunderte erfüllte er dieselbe Aufgabe: unterhalten, ablenken und so den Betrieb am Laufen halten. Selbst dann, wenn der Palast brennt. Sepehr macht daraus auf Fool’s Ovation ein auditives Theaterstück. Wer auf dem Objekt-Label DJ-Tools oder funktionale Peaktime-Tracks erwartet, wird eines Besseren belehrt.

Der Vorhang öffnet sich, der Titeltrack startet die Inszenierung mit metallisch scheppernden Basslines, Dub-Echos und Synthesizern, die wie Rauchschwaden durch die Kulisse ziehen. Stimmen tauchen auf und verschwinden wieder, klingen wie Geraune aus den hinteren Reihen des Publikums. Die Atmosphäre erinnert an dystopische Science-Fiction-Soundtracks, allerdings ohne deren Hang zur Überzeichnung. „Bow Before The Sun” verschiebt den Fokus. Rasselnde Breakbeats, weibliche Vocals und weit ausladende Synth-Flächen erzeugen eine hypnotische Mischung aus Demut und Kraft. Die Sonne des Titels erscheint weniger als Naturphänomen denn als Autorität, vor der der Narr sich letztlich beugen muss: seinem Publikum. Musikalisch wirkt der Track wie ein Moment der Erkenntnis, bevor die Handlung weiter eskaliert. Mit „Impresario Is Pleased” betritt schließlich der Strippenzieher die Bühne. Nervöse Breakbeats treffen auf geisterhafte Stimmen und Dub-Effekte, die sich wie Nebelschwaden durch den Track bewegen. Die Vocals erinnern dabei weniger an Gesang als an Sirenenrufe, die unaufhaltsam in den Abgrund locken. „Dancing Delusion” reduziert die Mittel anschließend auf ein Minimum. Futuristische Klangfragmente, tiefe Dub-Räume und maschinelle Geräusche rollen unaufhaltsam vorwärts. Eine weibliche Stimme wiederholt mantra-artig dieselben Worte. Der Track wirkt wie die letzte Phase eines Fiebertraums. Der Narr steht noch immer auf der Bühne und spielt trotz drohendem Zusammenbruch durch Rauch und Hitze weiter. Den Abschluss der Platte bildet „Stage Discipline”. Blecherne Trommelschläge, hohle Snares und Drum’n’Bass eröffnen das Finale, über dem mystische Synthesizer und schwerer Dub-Nebel schweben. Sepher löst die Spannung aber nicht auf, er bringt dazu, sie anzunehmen. Der Narr fügt sich endgültig seiner Rolle. Die Show muss weitergehen.

Sepehr gelingt mit  Fool’s Ovation etwas Besonderes: eine Konzept-EP, die ihre Idee nicht erklärt, sondern inszeniert. Die Figur des Narren wird dabei zur Allegorie einer Gegenwart, in der Unterhaltung als Verdrängung funktioniert. Der Künstler wird zum Dienstleister des Publikums, getrieben von dessen Erwartungen und dem Zwang zur permanenten Performance. Und während die Show auf der Bühne läuft, bleibt das Bild im Hintergrund unübersehbar: eine Welt, die längst in Flammen steht. Johanna Lühr

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