Mein Plattenschrank: Massimiliano Pagliara

- Advertisement -
- Advertisement -

Mit Namen wie Arthur Russell, Larry Levan oder Sylvester knüpft Massimiliano Pagliara an bestimmte Traditionslinien queerer Clubmusik an. Dabei geht es dem Wahlberliner auch um eine bestimmte ästhetische Dimension: Der hymnische House eines Frankie Knuckles ist ebenso wenig seins wie der düstere Wave eines Patrick Cowley. Pagliara liebt weiche, opake, synth-lastige Melodien, die Übergänge zwischen so verschiedenen Genres wie House, Disco, Italo, Acid, Ambient und bisweilen auch Techno bahnen.

Einer der Gründe für diese stilistische Bandbreite findet sich auch in seiner Vita: Geboren in einem kleinen Dorf bei Lecce im süditalienischen Apulien, zog Pagliara 1997 zum Tanz-, Theater- und Choreografiestudium nach Mailand. Dort hatte er ersten Kontakt zur elektronischen Musik, vornehmlich auf Drum’n’Bass-Partys.

Nach seinem Umzug nach Berlin taucht er tiefer in die Techno- und House-Szene ein – zunächst als Stammgast im Ostgut, später selbst an den Decks. Seit 2006 führt ihn sein Weg durch Clubs wie Tape, Tresor und Berghain und auf legendäre Partyreihen wie Cocktail d’Amore und Power Dance Club. Heute ist er Resident im Robert Johnson, dem Basement New York, der Romantica in Stuttgart und der Panorama Bar. Pagliaras Produktionen erscheinen auf Labels wie Live at Robert Johnson, Ostgut Ton, Permanent Vacation oder seinem eigenen Imprint Funnuvojere. In diesem Jahr feiert er sein 20-jähriges Produzentendasein.

Für den Plattenschrank hat GROOVE-Autorin Johanna Lühr Pagliara in seiner Berliner Wohnung, die gleichzeitig sein Homestudio ist, besucht. Eine Wand des Studios füllen momentan etwa 3000 Schallplatten – nur die Hälfte der Sammlung, die er in der Corona-Zeit zum Teil an Sound Metaphors verkaufen musste. Pagliara hat nicht die üblichen sechs, sondern acht Platten ausgewählt, die ihn in seiner Laufbahn geprägt haben. Im Gespräch verrät er, welche Platte jede:r DJ besitzen sollte, mit wem er unbedingt noch zusammenarbeiten möchte – und welche Scheibe ihn durch unzählige Afterhours getragen hat.

Sade – Diamond Life (Epic, 1984)

Massimiliano Pagliara vor seinem Plattenschrank mit dem Album von Sade.
(Foto: Johanna Lühr)

Ich bin ein großer Fan von Sade und besitze all ihre Alben. Diamond Life liebe ich besonders. Die Platte begleitet mich schon sehr lange, mindestens seit 15 Jahren. Ich höre sie vor allem, wenn ich melancholisch bin oder von einer langen Tour zurückkomme. Dann brauche ich manchmal einen Moment, um alles zu verarbeiten, was in den vergangenen zwei oder drei Wochen passiert ist. In so einem Moment lege ich Diamond Life auf. Sades Stimme hat immer eine unglaubliche Wirkung auf mich. Sie entspannt mich sofort. Dieses Album zeigt mir, wie gut Emotionalität und Eleganz in Popmusik miteinander funktionieren können. Es hat eine wunderschöne Mischung aus Soul, Jazz und Pop. Daran kann ich mich einfach nie satt hören.

Welche Songs auf dem Album berühren dich besonders?

Hang On to Your Love” löst bei mir bis heute Gänsehaut aus. Allein den Titel auszusprechen, reicht manchmal schon.

Wie hat Sades Musik deinen Sound beeinflusst?

Ich liebe langsame, funkige Musik und diese besondere Mischung aus Soul, Pop und Groove. Einige meiner eigenen Songs, besonders die Stücke, auf denen ich mit Sänger:innen arbeite, sind definitiv davon inspiriert. Mein größter Traum wäre es, irgendwann einen Song mit Sade zu machen. Das wäre mein ultimatives Ziel als Produzent.

The Parallax Corporation – F.E.A.R. (Viewlexx, 2001)

Massimiliano Pagliara vor seinem Plattenschrank mit dem Album von The Parallax Corporation
(Foto: Johanna Lühr)

The Parallax Corporation ist einer meiner Lieblingsacts, und F.E.A.R. gehört zu den Platten, die meinen musikalischen Geschmack stark geprägt haben. Das Album erschien 2001 auf Viewlexx, einem niederländischen Label, das für mich gemeinsam mit Labels wie Creme Organization oder Clone Records eine unglaublich wichtige Rolle gespielt hat. Als ich angefangen habe Musik zu produzieren, waren diese Veröffentlichungen eine meiner größten Inspirationen.

Bei The Parallax haben sich zwei ikonische Niederländer zusammengetan: I-F und Intergalactic Gary. Was fasziniert dich an ihrer Musik?

Ich liebe den retrofuturistischen Sound, diese alten Synthesizer und Drumcomputer. Es ist faszinierend, wie diese Maschinen gleichzeitig so kalt und futuristisch, aber auch warm und emotional klingen können. Genau diese Verbindung aus einer fast robotischen, maschinellen Ästhetik und echter Emotionalität macht die Musik für mich so besonders. F.E.A.R. zeigt, dass elektronische Musik trotz ihrer technischen Grundlage sehr menschlich sein kann. Dazu kommen diese wunderschönen Vocals, die mich teilweise an den Achtziger-Synth-Pop von Depeche Mode erinnern.

Spielst du die Platte noch oder bleibt sie für zuhause bestimmt?

Ich spiele sie manchmal, aber nicht ständig. Solche Platten sind für mich etwas Besonderes, und ich muss den richtigen Moment dafür finden. Sie sind keine einfachen Tool-Tracks, die in jedes Set passen. Wenn ich ein längeres Set spiele, zum Beispiel ein Closing in der Panorama Bar, habe ich mehr Raum, um solche Platten einzubauen.

Kerrier District – Kerrier District (Rephlex, 2004)

Massimiliano Pagliara vor seinem Plattenschrank mit einem Album von Luke Vibert.
(Foto: Johanna Lühr)

Kerrier District ist für mich eines der besten Projekte von Luke Vibert. Ich liebe diese Platte wirklich sehr. Sie erschien 2004 auf Rephlex, dem Label von Aphex Twin, das leider nicht mehr existiert. Luke Vibert ist bekannt für seinen Electro- und Acid-Sound, und ich liebe Acid in jeder Form. Gib mir Acid, und ich bin glücklich. (lächelt) Aber was ich an Kerrier District besonders mag, ist diese zusätzliche Disco- und Funk-Komponente. Diese Mischung macht die Platte so besonders. Sie hat mir gezeigt, dass Tanzmusik nicht immer ernst sein muss. Sie darf auch Humor haben, verrückt sein und spielerisch mit Sounds umgehen. Die Produktion ist gleichzeitig unglaublich locker und präzise, sehr klar und detailliert, aber immer mit diesem Gefühl von Spaß.

Was ist dein Lieblingstrack auf der Platte?

Der Track „New York” ist einer meiner absoluten Favoriten, und ich spiele ihn regelmäßig. Er passt sehr gut in meine Sets, weil ich gerne funkigen und groovigen House spiele. Es ist kein schwieriger Track, den man irgendwo hineinpressen muss – er funktioniert einfach.

Aphex Twin – Selected Ambient Works 85–92 (Apollo, 1992)

Massimiliano Pagliara vor seinem Plattenschrank mit einem Album von Aphex Twin.
(Foto: Johanna Lühr)

Selected Ambient Works 85–92 ist eine Platte, die jede:r DJ und Produzent:in besitzen sollte. Sie ist ein absolutes must have. Meine erste Begegnung mit elektronischer Musik hatte ich tatsächlich durch Aphex Twin. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Süditalien und hatte als Teenager überhaupt keinen Bezug zu Techno oder House. Ich hörte Rap, später Indie und Punkrock. Erst als ich Ende der 1990er-Jahre nach Mailand zog, entdeckte ich elektronische Musik und ging auf Drum’n’Bass-Partys.

Erinnerst du dich an den Moment, in dem du Aphex Twin entdeckt hast?

Ja, das war durch Chris Cunninghams Video zu „Come to Daddy”. Ich wusste damals nicht, wer Aphex Twin oder Warp Records waren, aber ich war komplett überwältigt. Danach begann ich, mich intensiv mit seiner Musik auseinanderzusetzen und nutzte sie während meines Tanz- und Choreografiestudiums sogar für meine Arbeiten. Was mich an der Platte fasziniert, ist ihre Offenheit. Ambient bedeutet nicht automatisch ruhige Hintergrundmusik ohne Beats. Diese Platte zeigt, wie warme analoge Instrumente gleichzeitig komplex, emotional und poetisch sein können.

Gibt es einen Moment, mit dem du die Platte besonders verbindest?

Ja! Winter 2017 in Los Angeles! Ich war dort, um dem Berliner Winter zu entkommen, und arbeitete an meinem dritten Album Feel Live, das später auf Live at Robert Johnson erschien. Ich wohnte bei meinen Freunden Chris und Brian in Silver Lake und bin jeden Morgen mit dieser Platte am Silver Lake Reservoir joggen gegangen. Sie hat meinen Geist geöffnet. Es war fast eine meditative, spirituelle Erfahrung. Für mich ist sie eine der schönsten Platten der elektronischen Musik überhaupt. Ich würde sie jedem neuen DJ und jeder neuen Produzent:in empfehlen – egal ob man House, Techno oder etwas ganz anderes macht.

Dein Lieblingstrack…

…ist „Xtal”. Ich weiß nicht genau, wie man das ausspricht, aber dieser Track begleitet mich bis heute.

Master C & J – When You Hold Me (Trax, 1987)

Massimiliano Pagliara vor seinem Plattenschrank mit einem Album von Master C & J.
(Foto: Johanna Lühr)

When You Hold Me gehört für mich zu den schönsten Chicago-House-Platten überhaupt. Die rohe Ästhetik der Drumcomputer, die dunklen Vocals und diese Mischung aus Wärme und Melancholie verkörpern für mich genau das, was frühen Chicago House ausmacht. Viele dieser Platten entstanden nicht in großen Studios, sondern in Wohnzimmern – und genau diese Unmittelbarkeit macht sie so besonders.

Maser C & J sind Carl Bias, Edward Crosby, Jessie Jones und Liz Torres, die in unterschiedlichen Zusammenhängen aktiv waren. Was hat dich an diesem Sound besonders geprägt?

Diese Liebe zu analogen Maschinen und emotionalen Harmonien zieht sich bis heute durch meine eigenen Produktionen. Auch mein eigener Track „Oh Boy” ist stark von dieser Platte inspiriert. Das war genau der Song, den ich beim Produzieren im Kopf hatte.

Spielst du sie auch im Club?

Nicht in jedem Set. Sie ist zu dunkel und zu besonders, um sie einfach irgendwo einzubauen. Ich spiele sie eher in längeren Sets, wenn ich genügend Zeit habe, musikalisch in verschiedene Richtungen zu gehen.

Arthur Russell – Calling Out of Context (Audika, Rough Trade, 2004)

Massimiliano Pagliara mit einem Album von Arthur Russell vor seinem Plattenschrank.
(Foto: Johanna Lühr)

Arthur Russell ist einer meiner größten Helden, ich habe alle seine Platten. Calling Out of Context besteht aus Aufnahmen aus den 1980er-Jahren, die erst 2004 veröffentlicht wurden. Für mich zeigt dieses Album perfekt, was Arthur Russell so einzigartig gemacht hat. Er hat sich nie an Genres gehalten. Auf dieser Platte existieren Disco, Pop, Folk, Dub und experimentellere Sounds ganz selbstverständlich nebeneinander. Diese völlige Offenheit inspiriert mich bis heute in meiner eigenen Musik.

Wie bestimmt das deine Arbeitsweise?

Ich versuche mich nicht festzulegen. Ich kann melancholische Downtempo-Tracks spielen, Italo Disco, Chicago House oder auch Techno. Ich möchte mich nicht in eine Schublade stecken lassen.

Hast du hier einen Lieblingstrack auf dem Album?

„Hop on Down (To Petland)” ist einer meiner absoluten Lieblingssongs. 2015 habe ich sogar einen eigenen Re-Edit davon gemacht. Er erschien auf CockRing d’Amore, dem Edit-Sub-Label von Cocktail d’Amore. Das war für mich eine Hommage an Arthur Russell. Wir mussten zwar wegen der Rechte etwas kämpfen, aber sogar die Leute, die seine Musikrechte besitzen, waren von der Produktion beeindruckt. Für mich war das wirklich eine Herzensangelegenheit.

Gatto Fritto – Gatto Fritto (International Feel, 2011)

Massimiliano Pagliara mit dem Album Gatto Fritto – Gatto Fritto (International Feel, 2011).
(Foto: Johanna Lühr)

Dieses Album ist für mich eines der besten Beispiele für den Cosmic- und New-Disco-Sound der 2010er-Jahre. Hinter dem italienischen Namen Gatto Fritto, zu Deutsch „gebratene Katze”, steckt der britische Produzent Ben Williams. Das Album erschien 2011 auf International Feel.

Was macht die Platte für dich besonders?

Vor allem die Synthesizer-Arbeit. Sie verbindet Krautrock-Einflüsse, Cosmic Disco und eine fast traumartige Atmosphäre. Die Produktion ist unglaublich detailliert und sehr intim.

Verbindest du Erinnerungen mit dieser Platte?

Oh ja, viele! Ich habe sie oft nach langen Nächten auf Afterhours mit Freund:innen gespielt – montagmorgens nach der Klubnacht, wenn wir wieder zu Hause waren. Wir sind völlig auf diese Platte abgetrippt.

Was gibt Dir diese Platte?

Dass elektronische Musik nicht nur funktional sein muss. Sie muss nicht immer nur auf den Four-to-the-Floor-Beat ausgerichtet sein. Sie kann verträumt, introspektiv und trotzdem tanzbar sein. Mein Lieblingstrack ist „Hex”. Dieser Track nimmt mich jedes Mal mit – er ist dunkel, hypnotisch und fühlt sich an wie eine Reise in eine andere Dimension.

Legowelt – Paranormal Soul (Clone Jack For Daze, 2012)

Massimiliano Pagliara mit seinem Legowelt-Album-Pick vor seinem Plattenschrank.
(Foto: Johanna Lühr)

Legowelt gehört für mich zu den beeindruckendsten Produzenten überhaupt. Mich fasziniert vor allem seine Produktivität. Er kann anscheinend jeden Monat ein neues Album veröffentlichen und bleibt dabei immer vielseitig und komplex. Paranormal Soul erschien 2012 auf Clone. Tracks wie „Rave Till Dawn” und „Elements of House Music” gehören für mich bis heute zu meinen Favoriten, und ich habe sie viele Male gespielt.

Besonders beeindruckend finde ich sein Studio. Er ist bekannt für sein riesiges Setup voller Maschinen und Synthesizer. Ich hätte auch gerne so ein Studio: Je mehr Instrumente, desto besser. Während der Pandemie musste ich einige meiner Maschinen und einen Teil meiner Plattensammlung verkaufen, weil durch den Wegfall von Auftritten eine massive finanzielle Unsicherheit entstanden ist. Trotzdem ist mein Studio ein zentraler Ort geblieben. Ich möchte nicht in einem klassischen separaten Arbeitsraum von 9 bis 17 Uhr Musik machen. Ich mag es, wenn Leben und Kreativität ineinanderfließen.

Als ich an meinen Alben With One Another (2014) und Feel Live (2017) gearbeitet habe, habe ich mich intensiv mit Legowelt beschäftigt. Diese Liebe zu Synthesizern verbindet mich mit seiner Musik. Maschinell erzeugte Musik ist für mich einfach sexy.

Könntest du dir eine Kollaboration mit Legowelt vorstellen?

Absolut. Ich würde sehr gerne mit ihm arbeiten. Aber ich glaube, er macht die meisten seiner Projekte allein – ist vielleicht einer dieser Musiknerds, was das angeht.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Das Shifted Festival in Brandenburg: Camouflage-Hosen, Mikroröcke und ausgesprochen gute Pizza

Unsere Autor:in hat dem Festival, das auf Techno mit Ausrufezeichen setzt, eine kurzen Besuch abgestattet.

Hausbesuch bei SEVEN in Berlin: „Unser Wunsch ist es, Menschen über die Musik zusammenzubringen”

Ein Plattenladen für die Community soll das SEVEN sein. Wir haben uns zwischen Queer-Philosophie, Vinyl-Digging und Notizzetteln umgesehen.

Von vier- auf fünfstellig: Wie die Grundsteuerreform Clubs unter Druck setzt

Als hätten Clubs finanziell nicht schon genug zu stemmen, sorgt die Grundsteuerreform nun für neue Belastungen – auch weil für nichtgenutzte Flächen stattliche Beträge fällig werden.