Der Dezember ist traditionell ein releaseschwacher Monat, denn wer will schon im blinden Fleck der Jahresbestenlisten verschwinden? Die Künstler*innen, die sich dem Aufmerksamkeitszyklus verweigern, legen eine besondere Charakterstärke und manchmal auch eine angenehme „I don´t give a fuck“-Attitude an den Tag. Wir stellen elf Alben vor, in alphabetischer Reihenfolge.

13Christoph De Babalon – Exquisite Angst (A Colourful Storm)


Mit seinem Debütalbum If You’re Into It, I’m Out Of It von 1997, das zu Beginn des Jahres wiederaufgelegt wurde, hat Christoph de Babalon seinerzeit einen wuchtigen Monolith von Album vorgelegt. Ein Klassiker, der die scheinbare Statik von Ambient mit dem rastlosen Wirbeln von Drum ‘n’ Bass kombinierte, indem er sämtliche der verwendeten Klänge mit einer Schicht aus Staub, Sedimenten und anderen industriellen Ablagerungserscheinungen überzog und damit kaputt und erhaben zugleich wirkte. Exquisite Angst knüpft zeitlich sehr direkt an diese Musik an, die die raren und unveröffentlichten Aufnahmen stammen aus den Jahren 1993 – 98. Als Erstes fällt die relative Aufgelockertheit und, nun, Sauberkeit der Produktionen auf. De Babalon verfolgt auch hier unbeirrt seinen reduzierten Ansatz, der durch einen verschlossenen Gestus zu faszinieren weiß. Aber die einzelnen Ereignisse sind luftiger im Raum verteilt, sodass er einem inmitten all dem rappelnden Unbehagen und den drohenden Tonwolkengebirgen mehr Atempausen gönnt. Wohlfühlen ist gleichwohl nicht. Tim Caspar Boehme

12DJ Bone – Beyond (Subject Detroit)


Mit 50 in drei Alben gegliederte Tracks will DJ Bone dem Kampf gegen den Verfall von Detroit als Stadt den passenden Soundtrack an die Seite zu stellen. Beyond, der zweite Teil der Trilogie, gefällt wie sein Vorgänger durch farbenfrohe Unbeschwertheit, den konfrontativen Unterton und die industrielle Härte. DJ Bone spielt mit den Ecken und Kanten von Detroit-Techno. Er bricht die Essenz nicht auf Momentaufnahmen des Genres herunter, sondern bedient sich seiner gesamten Bandbreite. Die wild schlackernden Arpeggios grinsen hier noch einmal breiter, so breit wie die buntesten Murals des Eastern Market. Sie sorgen für Zug und Pfeffer über den endlos groovenden Loops der Tracks. Die lateinamerikanischen Tribal-Ausflüge mit Detroit Veredelung in „Bound To Move“ und „Rosedale Park“, der Verzicht wiederum auf Drums und Percussion in „Techno Ain’t Techno“ oder die Underground Resistance-Hommage „Ahhh Life“ erinnern an die großen Momente der Motor City. Die wilden Vibes der Tracks wollen die Industrieruinen zumindest für einen Augenblick mit neuem Leben füllen. Felix Hüther

11D-Leria – Driving To Nowhere (Delirio)


Giuseppe Scacia pendelt zwischen Rom und Berlin, zwischen Labelarbeit für Delirio, Auflegen und Produzieren. Auf Driving To Nowhere für das Label mit den Pop Art-Covern findet er einen wunderbaren Weg. Acid und Ambient Techno, ja sogar tribalistische Percussions erfahren bei D-Leria Abstrahierung und im gleichen Zug auch eine Verwischung. Seine Tracks federn fast, obwohl sie doch mit industrieller Schwere aufgeladen sind. Und so wird dieses Album zum perfekten Fest, denn in „From the Ground“ begegnen sich smarte Rhythmusverschiebungen und Jauchzen und stark verfremdete „Get Up!“-Befehle. Der automobile Beat von „Ectoplasm“ teilt das Meer zur Durchfahrt wie einst Moses. Die Ellipsen von „Makumba“ praktizieren Hypnose. Und das Titelstück wird weiter und weiter und weiter, so scheint es, ohne Ende. Davor und dazwischen Flächen ohne Beats. Dahinter und darunter ein Gespür für die Kicks und ein Plus durch das Sound-Design, das die Luft hebt wie Hefe: Das Christkind backt Plätzchen im Hochofen. Christoph Braun

10Jeroen Search – Monism (Figure)


Nach mehr als zwei Jahrzehnten Clubaktivität, in denen er unter anderem auch als DJ Groovehead und Komplex auflegte, ist der erste legitime Langspieler von Jeroen Search fertig gebacken – sieht man einmal von seinem letzten Beitrag zur Figure-SPC-Serie ab. Monism ist so geradlinig wie die Produktionen des Holländers schon immer waren, zieht diese transparente Techno-Spielart aber auf Leinwandgröße und wirkt dadurch noch satter, breiter, unmittelbarer. Wie immer wurden sämtliche Tracks in einem Take live aufgenommen und nur währenddessen bearbeitet – Post-Produktion Fehlanzeige. Das gibt dem Album eine Energie, die ohne bahnbrechende Neuerungen tatsächlich eine Spielzeit von über 70 Minuten stemmt. Denn bis zum Schluss wirkt der aufs Wesentliche reduzierte Dub Techno von Monism manchmal introspektiv, an anderer Stelle aber luzide und tanzbar, selbst wenn er hier und da in geisterhaften Ambient-Intermezzi pausiert. Wer so liefert, darf sich auch gerne Zeit dabei lassen. Nils Schlechtriemen

9Jio – QTT12 (Quiet Time)


Als J. Albert ist der New Yorker Producer Jiovanni Nadal innerhalb der vergangenen drei Jahre mit einem knappen Dutzend Maxis auf Labels wie Black Opal, 1080p, Trilogy Tapes und Hypercolour aktenkundig geworden, auf denen er einer erstaunlich diversen Genrepalette zwischen Techno und House, meist aus einer Breakbeat-Perspektive, mit beachtlicher Stilsicherheit begegnet. Für sein Debüt auf dem Tape-Label Quiet Time erfindet er sich als R&B-Artist neu und fügt gleichzeitig dem auf Ambient und Experimental fixierten Profil von Quiet Time eine neue, poppigere Farbe hinzu. Jio steht für hochemotionale Elektronik, in seinem Schlafzimmer hat er sich einen Schutzraum aus Dubstep und Cloud Rap eingerichtet, einen schwebenden Kokon, der mal an Outkast, mal an Sinkane, dann wieder an A.R. Kane, meistens aber an solipsistische IDM-Electronica-Songwriter-Entwürfe von Dntel oder auch Herbert denken lässt. Nadal weiß in seinem gelungenen, wenn auch nicht komplett schlackefreien Beitrag zur Zukunft der Pop-Musik Tape-Delay für manch eine semantische Brechung der Lyrics zu nutzen. Die neun Tracks seien in einer Zeit „nach einer Trennung, familiären Schwierigkeiten und Arbeitslosigkeit“ entstanden, lässt er sich zitieren. Mit Songs wie „Life After Love“, dem zentralen Hit von „TFW” scheint er das Beste daraus gemacht zu haben. Harry Schmidt

8Maayan Nidam – Sea Of Thee (Perlon)


Mit Sea Of Thee legt Mayaan Nidam ein Album auf Perlon vor, das insbesondere aufgrund seiner überaus dezenten Soundästhetik im Gedächtnis bleibt. Die Grooves der Wahlberlinerin ruhen demonstrativ in sich, bleiben stets sinister und machen keine Anstalten, zu viel über sich preiszugeben. Mit pochendem Techno und Peaktime-Ambitionen macht sich Nidam erwartungsgemäß nicht gemein, sieht man mal von „Königin Von Saba“ ab, das das Tempo ausnahmsweise erhöht. Auch in solchen Momenten sorgen geschickt eingesetzte Melodiebögen oder rhythmische Brechungen aber dafür, dass sich der Hörer assoziativ näher am künstlerischen Live-Jam als auf dem Dancefloor wähnt. Stellvertretend für die großen Stärken Sea Of Thees steht „Forever Present“, das mit seinem zurückgenommenen Beat, den klimpernden Synths und grollenden Bässen eine Stimmung zwischen Melancholie und Düsterkeit erzeugt, der man sich nur schwer entziehen kann. Maximilian Fritz

7Massimiliano Pagliara – Feel Live (Live At Robert Johnson)


Nachdem das zweite Album Platz zum Perfektionieren des eigenen Stils bietet, stellt ein drittes die Frage nach einer Neuausrichtung in den Raum. Massimiliano Pagliara ist daran auf Feel Live in unbefangener Ignoranz vorbeigegangen. Er macht das, was er gut kann und was man von ihm kennt: Flimmernde House-Tracks, die sich unter freiem Himmel am wohlsten fühlen und sich mühelos Balearic und Cosmic Disco-Einflüsse einverleiben. Manchmal durchzieht ein wenig Melancholie das Fest („Winter in Los Angeles“), und ein Track für dunkle Indoors ist auch dabei („Fare Spazio“). „Two Weeks Later (ft. Kim Ahn)“ könnte ein Avantgarde Popsong der 80er-Jahre sein. Eine Stilrichtung, mit der er immer wieder liebäugelt, und die er wirklich gut kann. Pagliara wagt nicht viel auf diesem Album, aber er verliert auch nichts. Die Tracks machen Spaß, tangieren Hüfte und Herz. Manchmal ist Unbefangenheit eben die beste Antwort. Cristina Plett

6Neville Watson – The Midnight Orchard (Don´t Be Afraid)


Mit “The Midnight Orchard“ veröffentlicht der hierzulande besonders als Kink-Kollaborateur bekannte Brite Neville Watson sein erstes Album seit fünf Jahren. Auf zwölf atmosphärischen Tracks erkundet er außerweltliche Sounds zwischen Sci-Fi und brutaler Dancefloor-Wirklichkeit. Die Ambient Interlude „The Returning” erinnert stellenweise an Convextion während es auf dem Rest des Albums kaum klare Tanzflächen Momente gibt. „Anarcho Midnight“ ist der einzige von vorne bis hinten durchgetaktete 4/4 Track. Mit „Twin Tubs“ verzwickten Details erinnert er eher an das IDM Erbe der UK. Zwischen Breakbeat-Nummer und vernebeltem Techno schafft es Watson einerseits mit Titeln wie „We Own The Night“ mit stotternden Arpeggios dem Genre seinen eigenen Stempel aufzudrücken, bleibt jedoch auf „4AM In The Trees“ leider beim bekannten dunklen Techno Blueprint. Insgesamt gelingt ihm hier ein vielfältiger Langspieler, dessen Wert sich erst nach mehrfachem Hören offenbart und der voll und ganz in der Tradition elektronischer Musik von der Insel steht. Christoph Umhau

5Peder Mannerfelt – Daily Routine (PederMannerfeltProd.)


Peder Mannerfelts neue Platte hat kein Konzept. Die zehn bunt zusammengewürfelten Tracks bestehen aus einem wilden Durcheinander von Genrefratzen. Noise, Ambient und Panflöten („Hibernation Hyper Nation“) leiten zu grimey Techno über („Cigarettes (Eurofierceness Mix)“). Die ineinander verlaufenden Chords, die Vocalfetzen, die knackigen Drums, die immer wieder durch kurze Noise-Parts unterbrochen werden, ziehen immer tiefer hinab in Mannerfelts abstrakte Klangkulissen. „Sissel & Bass“ klingt mit den Vocals von Sissel Wincent wie Marie Davidson im Hardcore-Kontinuum, bevor Mannerfelt auf “Belgian Blues (Black Midi Mix)” erneut in sphärischen Ambient abtaucht. Breakcore, Gabba oder giftiger Techno, alles wird in der Folge noch ein bisschen angeteast. Selbstverständlich mit massig überschwänglichem Noise garniert. Peder Mannerfelt testet Grenzen aus, er geht dort hin, wo es weh tut, ohne Kompromisse im Sounddesign. Daily Routine ist ein bunter Trip, ein Fiebertraum, aus dem es so schnell kein Erwachen gibt. Felix Hüther

4Russell E.L. Butler – The Home I’d Build For Myself And All My Friends (Left Hand Path)


Ein neues Zuhause. Das sollte Russell E.L. Butlers Debütalbum werden nach dem Lagerhausbrand des Ghost Ship in Oakland im Jahr 2016. Dort starben 36 Menschen, die zum Feiern gekommen waren. Ein Zukunftsentwurf aus modularen Synthesizerklängen als tönende Utopie, zugleich für Butler ein Weg, um der eigenen Trauer Ausdruck zu geben. Traurige Musik im herkömmlichen Sinn ist dabei nicht herausgekommen, dafür umso energischere, mit irre dicht programmiertem Drumcomputer, bei dem der gleichmäßige Beat bloß eine von vielen rhythmischen Optionen ist, und Linien, die nicht nur aneinander ziehen und zerren, um sich gegenseitig voranzubringen, sondern die auch wenig Rücksicht auf harmonische Einheitlichkeit nehmen. Butler bevorzugt eine Vielstimmigkeit, die jeder einzelnen Stimme eine sehr weit gefasste Eigengesetzlichkeit lässt. Das hat Kraft, und wenn da Wut drin stecken sollte, so ist sie hochgradig sublimiert. Wenn nur der Albumtitel nicht so nach Identitätspolitik klingen würde. Tim Caspar Böhme

3Succhiamo – Mani In Fuoco (Antinote)


Dass Humor und Techno miteinander auskommen, daran glaubt doch eigentlich niemand. Aber in Frankreich gibt es ein Duo namens Succhiamo, das mit seiner Debütmaxi im Jahr 2017 den Gegenbeweis erbrachte. Insofern haben die beiden Franzosen, deren Markenkern ein Faible für die italienische Sprache ist, eigentlich schon ihren Platz in der Geschichte sicher. Im Track „Al supermercato“, zu finden auf der Rückseite besagter Maxi, schlendert die Succhiamo-Sängerin Paula Scassa, die hauptberuflich bei der Psychedelic-Band J.C. Satàn tätig ist, zwischen Supermarktregalen umher und gibt mit charmant ausdrucksloser Stimme wider, was auf dem Einkaufszettel steht. Das alles geschieht über einem Technotrack, dessen Beat weit im roten Bereich ist. Mit Mani in fuoco präsentieren Paula Scassa und ihr musikalischer Partner Panoptique, sonst bei der Shoegaze-Band Lonely Walks, nun ein kleines Album mit sechs Stücken, die sich erneut nicht allzu ernst nehmen. Doch dieses Mal kreist die Musik von Succhiamo um das Thema Electronic Body Music. Die Basslines haben die beiden bei Nitzer Ebb ausgeliehen, die Vocals sind dieses Mal auf diese zackige New Wave-Zickigkeit getrimmt. Leider ist keiner der Tracks so toll wie „Al supermercato“. Hat hier jemand Electroclash gesagt? Holger Klein

2Throwing Snow – Loma (Houndstooth)


Es wirkt schon fast wie eine Tradition, dass Throwing Snow erst ein Album veröffentlicht, sich dann Clubtracks als Singles widmet und diese schließlich auf einem Langspieler zusammenfasst. Kreisförmige Bewegungen setzt der Produzent auch bei der Musik auf Loma ein – Arpeggien wiederholen sich, Rhythmusstrukturen wechseln sich ab, Bassläufe wandeln sich von Reese-Bässen zu Acid-Geschwurbel und wieder zurück. Das Album sammelt Singles, die Ross Tones alias Throwing Snow 2018 veröffentlicht hat. Und obwohl die Musik in diesem Sinn nicht neu ist, entstehen durch diesen gemeinsamen Rahmen neue Eindrücke. Beats bauen Brücken zwischen Jungle, Dubstep, Electro und Techno, warme Klänge umspielen sie melodisch, darunter rumoren tiefe Bässe, darüber preschen Hi-Hats. Die Musik von Throwing Snow bewegt sich häufig zwischen den Genres und schafft es, Ruhe durch Unruhe zu erzeugen. Mit Loma stellt er Clubmusik wieder in einen eigenen Kontext, der auch als Album gut funktioniert und einen besonderen Abschluss bekommt: Octo Octas Remix von „Simmer“ zähmt den brachialen Track und schenkt mit der pulsierenden, housigen Bearbeitung abschließend hypnotische Momente. Philipp Weichenrieder

1Zuli – Terminal (UIQ)


Terminal ist ein Album der überraschenden Zusammenkünfte. Detailreiche Schichtungen hyper-digital klingender Texturen, plötzliche Wendungen, dramaturgisches Auftürmen und Kollabieren: Zulis Produktionen haben viel gemein mit dem, was in den letzten Jahren unter Labels wie ‚Deconstructed Club‘ firmierte, was sich hier jedoch mit der rhythmischen Syntax von Trap, Hip-Hop und der Roughness von Grime verbindet. Für etwa die Hälfte des Albums hat Zuli MCs aus seiner ägyptischen Heimat geladen, die andere Hälfte bleibt instrumental. Viele dieser Tracks kommen sogar ohne Beats aus, sind aber doch viel zu harsch und noisy, um im herkömmlichen Sinne Ambient zu sein. Terminal ist ein intensiver, gelegentlich fordernder Genre-Clash, der seine Einflüsse nicht ausbalanciert sondern lieber offen miteinander ringen lässt und dessen größte Qualität wohl seine Newness ist: Dieser Sound könnte wegweisend werden, vorausgesetzt, dass jemand diesem Weg denn folgen wird. So oder so hat Zuli mit Terminal einen der eigenwilligsten Klangentwürfe des Jahres 2018 vorgelegt. Christian Blumberg