Das WHOLE-Kollektiv über das anstehende Festival: „Queerness ist nicht nur Identität, sondern auch eine Haltung”

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Mit dem WHOLE Festival ist erstmals in Europa ein queeres Festival mit mehr als 15.000 Besucher:innen entstanden. Das Betreiber:innen-Kollektiv, bestehend aus Raquel Fedato, Giacomo Garavelloni, Giovanni Turco, Chris Phillips und Jacob Meehan, spricht mit GROOVE über den Weg dorthin, die Herausforderungen beim Aufbau des Festivals, Konsequenzen aus dem Rechtsruck in Deutschland — und die Expansion des WHOLE nach Brasilien.

GROOVE: Was ist 2026 neu beim WHOLE? Worauf können sich die Besucher in diesem Jahr freuen?

WHOLE: In diesem Jahr geht es weniger um den großen plot twist, sondern darum, den von uns geschaffenen Garten zu pflegen. Die Grundform steht – sie braucht jetzt mehr Wasser und mehr Fürsorge.

Was bedeutet das konkret? 

Wir haben mehrere Community-Bereiche ausgebaut, darunter TRINA, unseren QBIPOC-Space. Außerdem gibt es mehr Workshops, ein größeres Food-Angebot, ein verbessertes Camping, mehr Parkmöglichkeiten und zusätzliche Cruising-Areas, die gemeinsam mit verschiedenen Crews entstanden sind. Auch das Live-Programm wächst weiter: Vor allem auf der Beach- und der Ambient-Stage gibt es so viele Live-Acts wie noch nie. Hinter den Kulissen ist unser Team ebenfalls gewachsen. Das sorgt für bessere Abläufe und gibt uns mehr Kapazitäten, uns um die Menschen auf dem Festival zu kümmern.

„Jede Bühne verstehen wir als eigene Welt” (Foto: Berk Akkaya/ WHOLE)

Was macht das WHOLE im Vergleich zu anderen Festivals besonders?

Auf dem WHOLE ist Queerness weder Motto noch Marketingstrategie. Sie bildet die Grundlage für alles. Queerness prägt die Musik genauso wie die Räume, den Umgang miteinander, das Flirten, unsere Politiken, die zwischenmenschliche Fürsorge und die Art, wie Menschen sich begegnen. Dadurch entsteht eine besondere Freiheit: Du kommst an und muss dich nicht erklären. Die Leute besuchen das Festival, um zu tanzen, sich zu begegnen, sich auszuruhen, zu spielen, im See zu verschwinden, später in einem anderen Outfit wieder aufzutauchen – und einfach sie selbst zu sein.

Das Festival ist längst eine Erfolgsgeschichte. Warum erreicht das Festival seine Community so nachhaltig?

Weil WHOLE Menschen zusammenbringt. Viele kleine Szenen werden für ein Wochenende Teil eines größeren Ganzen. Wir wollen Raum für die unterschiedlichsten Formen queeren Lebens schaffen. Nicht eine Vorstellung von Queerness soll sichtbar werden, sondern möglichst viele. Für uns liegt genau darin die Stärke des Festivals: Wir lassen es zu, dass Unterschiede sichtbar werden; gerade dadurch entstehen Verbindungen. Und natürlich wollen wir irgendwann die Welt übernehmen – aber liebevoll.

„Wir wollen nicht eine Vorstellung von Queerness sichtbar machen, sondern möglichst viele” (Foto: Berk Akkaya/ WHOLE)

Vor dem WHOLE habt ihr bereits Partys in Berlin und anderen Städten veranstaltet. Wie entstand daraus die Idee für ein Festival?

Uns fiel immer wieder auf, wie viele spannende queere Kollektive es gibt – und auch, wie selten sie alle gleichzeitig an einem Ort zusammenkommen. Queeres Nachtleben ist unglaublich vielfältig, oft aber auch fragmentiert. Wir begegneten ständig Künstler:innen, Crews und Communitys, die uns inspiriert haben. Deshalb haben wir gefragt, was passiert, wenn all diese verschiedenen Sphären gemeinsam ein Festival gestalten würden. Aus dieser Idee ist WHOLE entstanden.

Was war die größte Herausforderung beim Schritt vom Clubformat zum Festival?

Ein Club bringt seine Infrastruktur bereits mit. Ein Festival nicht. Im Grunde baut man für ein paar Tage eine komplette Stadt. Strom, Wasser, Sanitäranlagen, Sicherheit, Barrierefreiheit, Camping – all das muss erst entstehen. Man organisiert nicht mehr nur eine Tanzfläche für eine Nacht, sondern einen Ort, an dem mehrere Tage lang zusammen gelebt wird. Genau dieser Perspektivwechsel war für uns die größte Herausforderung.

„Wir lassen zu, dass Unterschiede sichtbar werden; gerade dadurch entstehen Verbindungen.” (Foto: Berk Akkaya/ WHOLE)

Mit welcher Vision seid ihr 2017 gestartet?

Die Grundidee hat sich bis heute nicht verändert: Berliner Kollektive mit queeren Communitys aus aller Welt zusammenzubringen. Jede Gruppe bringt ihre eigene Community mit, und genau aus diesem Austausch entsteht die besondere Energie des Festivals.

Wie läuft der kuratorische Prozess ab? Wie werden DJs, Live-Acts oder Performer Teil des Programms?

Am Anfang stehen queere Künstler, die in ihrem Bereich außergewöhnliche Arbeit leisten. Das kann Musik, Performance, bildende Kunst oder Poesie sein – oder etwas, das sich jeder eindeutigen Kategorie entzieht. Uns interessieren Menschen, die Atmosphären schaffen und einem Publikum das Gefühl geben können, Teil von etwas Größerem zu sein. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass viele der kulturellen Impulse, die wir feiern, aus Schwarzen, Brown-, trans- und queeren Communitys stammen, deren Arbeit lange nicht ausreichend anerkannt oder unterstützt wurde. Ihnen Sichtbarkeit zu geben, verstehen wir als selbstverständlichen Teil unseres kuratorischen Anspruchs. Genau das macht das Festival so lebendig, großzügig und glaubwürdig.

„Tanzen, sich begegnen, sich ausruhen, spielen, im See verschwinden, später in einem anderen Outfit wieder auftauchen – und einfach man selbst sein” (Foto: Berk Akkaya/ WHOLE)

Queere Dancefloors waren immer Orte musikalischer Innovation – von Chicago House über Detroit Techno bis zur Ballroom-Kultur. Wie versteht sich WHOLE in dieser Tradition?

Für uns ist Queerness mehr als Identität. Sie beschreibt auch eine Haltung. Wer außerhalb gesellschaftlicher Normen lebt, beginnt zwangsläufig, Regeln und Konventionen infrage zu stellen. Genau daraus entstehen oft neue Ideen – in Musik, Kunst, Mode und Kultur. Queere Communitys haben seit jeher andere Perspektiven eröffnet und neue Räume geschaffen. Diese Tradition möchten wir fortsetzen, für uns ist Queerness selbst eine Form von Innovation.

„Natürlich wollen wir irgendwann die Welt übernehmen – aber liebevoll” (Foto: Berk Akkaya/ WHOLE)

Beach Stage, Forest Stage und Ambient Stage erzählen jeweils ihre eigene Geschichte. Wie entwickelt ihr die Dramaturgie der einzelnen Floors?

Jede Bühne verstehen wir als eigene Welt. Es geht nicht nur um die Reihenfolge der Acts, sondern darum, wie sich ein Floor über den Tag entwickelt. Wie eine Stimmung aufgebaut wird, wann sie kippt, wann sie eskaliert und wann sie wieder zur Ruhe kommt. Deshalb buchen wir nicht ausschließlich nach musikalischem Stil. Atmosphäre, Timing und die Dynamik zwischen den Acts sind mindestens genauso wichtig. Eine Bühne muss atmen könen. Sie braucht Überraschungen, Spannung, Auflösung, Sanftheit, Chaos – und diese kleinen Momente, in denen plötzlich alle genau verstehen, warum sie dort sind.

Berlins Clubkultur steht unter Druck – durch Gentrifizierung, steigende Kosten und Clubschließungen. Wie geht das WHOLE damit um? Könntet ihr euch vorstellen, den Standort zu wechseln?

Die Probleme sind real und betreffen die gesamte Szene. Steigende Kosten, zunehmende Unsicherheit und der Verlust von Freiräumen machen die Situation deutlich schwieriger als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig hat sich auch das politische Klima verändert. Trotzdem ist die kreative Energie Berlins ungebrochen. Die Neugier, Dinge auszuprobieren und Gemeinschaften aufzubauen, ist nach wie vor da. Deshalb bleibt Berlin unsere Basis, WHOLE wird nicht wegziehen. Das Festival wächst aber. In Brasilien beginnt das nächste Kapitel. Wir freuen uns darauf, zu sehen, wie sich die Idee von WHOLE mit anderen queeren Communitys verbindet – ohne, wie gesagt, die Wurzeln in Berlin zu verlieren.

„Im Grunde baut man für ein paar Tage eine komplette Stadt” (Foto: Berk Akkaya/ WHOLE)

Gibt es musikalische oder kulturelle Entwicklungen, die ihr künftig stärker auf dem WHOLE sehen möchtet?

Uns geht es weniger darum, Erwartungen bewusst zu brechen, als darum, das Festival lebendig zu halten. Ein Schwerpunkt ist dabei das Live-Programm. Live-Shows bringen eine andere Energie mit als DJ-Sets. Sie schaffen Momente von Risiko, Intimität und Unmittelbarkeit, die sich nicht reproduzieren lassen. Außerdem richtet sich unser Blick nach Brasilien. Die erste Ausgabe dort eröffnet neue Möglichkeiten: neue Communitys, neue Landschaften, neue Sounds und neue Perspektiven auf queere Kultur. Genau darum geht es uns: WHOLE organisch weiterwachsen zu lassen – größer, offener und lebendiger, ohne den eigenen Kern aus den Augen zu verlieren.

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