Fusion-Bookerin Karo über Hitzeschlacht und „Mad Max”-Fantasien: „Es passiert alles und prägt alles!”

Während in ganz Deutschland die Thermometer die 40-Grad-Marke jagen und offizielle Hitzewarnungen das Sommerloch füllen, verwandelt sich die Fusion an diesem Wochenende in eine Belastungsprobe für Mensch und Maschine. Doch zwischen Mad Max-Fantasie und Turmbühnen-Romantik bleibt das wohl progressivste Festival des Landes ein linksalternativer Gegenentwurf zur kommerziellen Musikindustrie.

Auf dem Programm der 27. Fusion stehen – wieder einmal – über 700 Acts. Bekannte Namen wie Rødhåd oder SHERELLE kommen ebenso nach Lärz wie lokale Künstler:innen, die bisher nur vor ihren Freunden aufgetreten sind. Dazu: Zirkusperformances, Bands, Lesungen – „eigentlich alles”, sagt Bookerin Karo im GROOVE-Gespräch. Wie man dabei den Überblick bewahrt, hat sie ebenso erklärt wie die Antwort auf die Frage, warum sich alle auf die Festivalpause im nächsten Jahr freuen.

GROOVE: Werfen wir kurz einen Blick aufs Thermometer: In Lärz hat es – wie überall in Deutschland – gerade fast 40 Grad. Sozialministerin Stefanie Drese gibt deshalb festivaltaugliche Gesundheitstipps. Hat die Fusion für 80.000 Menschen einen Hitzeplan?

Karo: Ja, wir sind sensibilisiert und haben das Thema auf dem Schirm. Es gibt genügend Trinkwasserstationen. An der Bar haben wir den Wasserpreis schon auf zwei Euro gesenkt. Im Vergleich zu anderen Festivals darf man bei uns aber auch mitgebrachte Getränke auf die Veranstaltungsflächen mitnehmen.

Beeinflusst das Wetter die Programmplanung der Fusion?

Wir machen in den Mittagsstunden eine Feierpause. Die großen Bühnen sind dann zu. Währenddessen finden Matinee-Konzerte statt – ruhigere Konzerte, die ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erfordern. Wir sorgen uns aber, dass die Leute wegen der Hitze lieber auf dem Zeltplatz im Schatten sitzen. Dabei ist es auf dem Festivalgelände angenehmer, da kommt der Wind kommt durch.

Ein Performance am Eröffnungstag (Foto: Jasper Wessel)

Die Fusion ist dafür bekannt, dass die Menschen wegen der Atmosphäre und dem Kollektivgedanken kommen, nicht wegen eines großen Line-up-Plakats. Wie balanciert ihr im Booking-Team die Dynamik zwischen bekannteren Touring-DJs und lokalem Underground?

Wir haben über 50 Spielstätten auf der Fusion. Da treten nicht nur DJs auf, das Programm setzt sich aus Live-Acts, Bands, Zirkus, Theater, Lesungen, Workshops und Installationen zusammen. Aber klar, wir wollen eine Balance aus etablierten Namen und Newcomer:innen. Die Fusion soll ein Ort bleiben, wo DJs ihre Karriere beginnen können. Die Sets auf SoundCloud gehen jedenfalls immer noch durch die Decke. Außerdem sehen wir teilweise eine künstlerische Entwicklung von Acts – sie beginnen an einer selbstgebauten Bar vor 50 Leuten und treten irgendwann vor 15.000 auf der Turmbühne auf. Und: Weil die Fusion immer voll ist, können wir auch Acts eine Bühne geben, die für sie im klassischen Booking-Denken ein bisschen zu groß wäre.

Ich habe versucht die Artists zu zählen, die dieses Jahr auftreten. Es sind über 700. Wie überblickt ihr diese Anzahl an DJs, Bands und Performer:innen?

Wir haben auf dem Kulturkosmos ein System entwickelt, das auf Vertrauen basiert. Viele Bühnen wie die Turmbühne, Palapa oder das Querfeld bespielen wir zwar selbst. Andere kommen aber von externen Kollektiven. Sie alle gehören zum Netzwerk des Kulturkomos – der inzwischen wirklich ein Kosmos ist. Denn: Jede Bühne lebt von Projekten, hinter denen Menschen stehen, die das ganze Jahr über dafür arbeiten.

Konzerte sind auf der Fusion ebenso wichtig wie alle andere künstlerischen Formate (Foto: Jasper Wessel)

Spielt das in den Gedanken der „diversitätssensiblen Kuration” hinein, über den du deine Masterarbeit geschrieben hast?

Klar, für uns ist es selbstverständlich, dass die Fusion auf allen Ebenen divers ist. Ich kann dir dafür Zahlen aus der noch nicht vollständigen Booking-Statistik nennen: Female und Mixed Acts machen aktuell über zwei Drittel des diesjährigen Programms aus. Das finde ich sehr cool! Außerdem sind wir ein politischer Raum. Es ist kein Geheimnis, dass sich das Festival klar gegen die AFD positioniert und für einen progressiven Wandel einsetzt. Im Programm muss sich das also ausdrücken. Dazu gehört auch: unterrepräsentierten Künstler:innen oder Genres eine Bühne zu bieten.

„Es entsteht eine Explosion an Kreativität”

Gibt es Acts oder Kunstformen, bei denen ihr sagt: „Das ist uns zu riskant?”

Ich denke dabei an Zirkusperformances, bei denen halbbrennende Autos über die Landebahn gefahren sind. Manche leben da wirklich ihre Mad Max-Fantasie aus. Und das darf auch sein. Schließlich halten wir die künstlerische Freiheit hoch. Auf unseren Bühnen und Floors darf dementsprechend passieren, was sich im Rahmen unseres Awareness-Konzepts in einem Safer-Space-Gedanken abspielt. Und glaub mir, es passiert alles. Und prägt alles – die Künstler:innen, die Region, die Politiker:innen, Behörden und nicht zuletzt die Subkultur in Deutschland.

Ruhe vor dem Sturm: Die Turmbühne 2026 (Foto: Jasper Wessel)

Wenn du die Energie von Festivals wie der Fusion mit der aktuellen Clubkrise in den Städten vergleichst: Was können urbane Clubs von der Booking-Philosophie der Fusion lernen?

Die Fusion hat einen radikal community-zentrierten Ansatz. Wir machen das Programm mit den Leuten für die Leute. Dabei gibt es die Freiheit, alles auszuprobieren. Dadurch entsteht eine Explosion an Kreativität, die in institutionalisierten und von Marktlogiken durchdrungenen Rahmen nicht möglich ist. Egal, was wir machen: Es fließt in Vereinsaktivitäten, ins Gelände – ohne Verwertungsdruck, für die Gemeinnützigkeit.

2027 macht die Fusion jedenfalls eine Pause. Für dich: Freud oder Leid?

Lass‘ es mich so beantworten: Es wird diesmal eine schlaflose Fusion für mich. Trotzdem freuen sich alle auf die Pause. Es ist eine willkommene Gelegenheit, kurz durchzuatmen und sich dann mit richtig viel Energie wiederzusehen.

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