Zwar wurde im sächsischen Kamenz Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing geboren und in der DDR-Zeit Malzkaffee hergestellt. Heute ist es aber eine eher unscheinbare Kreisstadt, die allenfalls von ihrer Nähe zu Dresden zehrt. Das hindert eine Truppe leidenschaftlicher Macher:innen nicht, dort das NOX aus dem Boden zu stampfen.
Initiiert wird das Techno-Festival von Linda Gowin (41) und ihrem Neffen Jonas Nitsche (18), die gemeinsam mit Tresor-Gründer Dimitri Hegemann (71) und seiner Initiative Happy Locals einen neuen subkulturellen Ort erschaffen wollen. In einem Videocall sprach GROOVE-Autorin Johanna Lühr mit dem intergenerationalen Trio über die wachsende Freetek-Szene im Osten und die Bedeutung ländlicher Kulturangebote als politisches Statement.
GROOVE: Linda, ihr habt euch entschieden ein Festival in Kamenz zu veranstalten. Welche Vision hattet ihr dafür?
Linda: Die Grundvision lag darin, die jungen Leute von der Straße zu holen. Die haben in der Vergangenheit schon versucht etwas zu starten, sind aber an den Behörden gescheitert. Im Osten ist alles etwas komplizierter. Ich habe lange in Berlin gelebt, etwa zehn Jahre.
Was hast Du da gemacht?
Ich habe zehn Jahre in der Charité gearbeitet und bin wegen meinem damaligen langjährigen Partner, der unter anderem bei AUTOMAT Musiker war, hingezogen. Wir sind bis heute gute Freunde. Durch ihn bin ich in die Berliner Kunst- und Musikszene eingetaucht. Ich bin sehr dankbar, noch einen Teil der originalen Berliner Kulturszene kennengelernt zu haben. Die hat mich stark beeinflusst.

Hier braucht man noch etwas Fantasie, um sich ein Festival vorzustellen (Foto: Linda Gowin)
In welchem Zusammenhang warst du in Berlin aktiv? Wann bist du aus Berlin zurück nach Kamenz gezogen?
Aus Berlin bin ich 2019, kurz vor der Corona-Zeit, zurück in die Heimat gegangen. Dadurch war erst mal Stillstand. Heute lebe ich unweit von Kamenz. In Berlin war ich in allererster Linie selbst Clubbesucherin, Konzertbesucherin, aber fast immer im Zusammenhang mit meinem damaligen musikalischen und künstlerischen Umfeld. Unter anderen habe ich selbst mit Martin Eder und anderen Fotografen gearbeitet. Natürlich kann man Berlin mit der Region hier in Sachsen nicht vergleichen. Der politische und gesellschaftliche Druck ist groß, und die Kids gehen da ein bisschen unter. Deswegen gehen viele weg aus den Städten.
Da setzt Happy Locals an. Der von dir mitgegründete Verein will Angebote unterstützen, um den Wegzug zu verhindern.
Linda: Wir wollten den jungen Leuten eine Möglichkeit geben, selbst Initiative zu ergreifen, kreativ zu werden, ihre Subkulturen auszubauen und Orte zu schaffen, an denen sie sich wohlfühlen und jede:r willkommen ist.
Dimitri: Wir von den Happy Locals wollen, dass die Jugend nicht wegzieht, sondern Bleibeperspektiven entwickelt. Ein Ort, ein Club, ein Festival, sodass die Kids sagen: Wir machen hier was, wir gehen nicht nach Berlin.

Jonas, ihr habt schon früher versucht, etwas in Kamenz auf die Beine zu stellen. Warum hat das nicht geklappt?
Jonas: Man hat hier echt Schwierigkeiten, etwas aufzubauen, das einen Mehrwert für die komplette Generation hat. Die Möglichkeiten in Kamenz sind begrenzt. Das geht schon mit den Förderungen los, die zurzeit leider immer geringer ausfallen. Das liegt auf jeden Fall an der politischen Situation. Es ist auch nicht leicht, einen Sponsor zu finden. Deshalb war das mit Dimi und den Happy Locals ein Glücksfall.
Dimitri, wer oder was sind die Happy Locals?
Dimitri: Das ist eine gemeinnützige Gesellschaft. Wir haben ein Team in Berlin und arbeiten immer projektbezogen. Eigentlich verbindet uns das Ziel, im ländlichen Raum Leute oder Kollektive zu finden, die Bock haben, etwas zu machen. Dann versuchen wir eine Moderation zwischen dem Team vor Ort, der jeweiligen Verwaltung und der Industrie. Die meisten Kids sprechen nicht mit Politikern. Das ist unser Job. Wir versuchen die Lager zusammenzubringen.

Und wie ist der Kontakt zwischen den Happy Locals und den Kamenzern entstanden?
Dimitri: Ich hatte bei einem Projekt mit unserem Industriepartner Jägermeister zu tun. Die haben mir erzählt, dass sie gerne mal was in Kamenz machen würden. Die haben dort nämlich ihren Standort zum Abfüllen. Ich wusste nicht, wo das liegt, aber ich habe unsere Hilfe angeboten. Daraufhin habe ich nach Leuten von dort gesucht und bin unter anderem mit Linda in Kontakt gekommen.
Linda, wie kam es, dass du bei dem Projekt mitmachen wolltest?
Linda: Ich bin sehr jung zur elektronischen Musik gekommen, da war ich 13. Das war in den späten Neunzigern. Der Vater von einem Freund hatte mehrere Diskotheken. Dort haben wir Partys organisiert, später auch in Steinbrüchen und Bunkern. Im Sommer haben wir immer zwei Wochen lang auf einem Acker bei einem Opa von einem meiner Freunde aufgelegt und gefeiert. Und nebenbei haben wir die Ernte eingeholt. Ich selbst habe dort privat und bei kleineren Anlässen aufgelegt. Dazu gab es in Kamenz die FeWa (alte Feuerwache), ein Club für elektronische Musik, gegründet Anfang der Neunziger, in dem bisweilen auch Metal, Punk und Rock liefen. Das Ganze endete 2017. Einige Leute von dort begleiten uns auch heute noch. Irgendwie kannten wir uns alle, es war immer irgendwo was los.

Irgendwann hat es dich aber nach Berlin gezogen.
Linda: Von der alten Musikszene in Berlin konnte ich viel mitnehmen, aber nach 15 Jahren bin ich wieder zurück nach Kamenz gezogen. Das hatte familiäre Gründe, aber auch, weil Berlin sich für mich sehr verändert hatte.
Und jetzt organisierst du zusammen mit der jüngeren Generation in deiner Heimatstadt ein Festival.
Linda: Genau, wir sind eine Gruppe von Älteren zwischen 45 und 50, und die Jüngeren sind zwischen 18 und 28. Die beiden Generationen arbeiten jetzt zusammen und ergänzen sich wirklich gut. Die Jungen bringen den neuen Spirit mit, und wir sind diejenigen, die ihnen unter die Arme greifen, wo sie allein nicht weiterkommen.

Jonas, wo helfen euch die Happy Locals?
Jonas: Die Happy Locals bringen ganz andere Ideen für so ein Projekt mit, was für uns als junge Generation ein großes Learning ist. Viele anfallende Aufgaben kennen wir gar nicht. Die ältere Generation hat früher Partys organisiert, das sind Dimensionen, mit denen wir nie zu tun hatten. Wir können uns viel von ihnen abschauen. Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, dass man einen Steuerberater braucht.
Linda: Die Suche war gar nicht so leicht. Die Steuerberater in Kamenz sind alle ausgebucht, niemand hat Kapazität. Aber neulich hatten wir einen am Telefon, der auch alter Technofan ist. Er hat gesagt: „Ich habe von eurer Sache gehört. Ich habe zwar keine Zeit, aber ich finde es total gut, was ihr macht. Ich werde euch unterstützen.”
War früher in Kamenz mehr los?
Linda: Früher gab es in Kamenz und Umgebung eine gute Subkultur-Mischung. Mein freundschaftliches Umfeld bestand auch dort schon immer aus vielen Musikern und DJs, die ich begleitet habe. Wir haben eine Partyreihe gemacht, an der an einem Abend 800 Leute ohne riesiges Werbe-Tamtam zusammenkamen. Es gab so einige gute Partys hier und in der Umgebung. Das spacefish am Steinbruch war sehr beliebt.

Wie seid ihr nun mit der Organisation gestartet?
Linda: Wir haben einen Verein gegründet, damit wir das Festival veranstalten können: Ostraka. Das steht für Ost-Rave-Kamenz. Der Name für das Festival kam von Dimi. „Nox” heißt im lateinischen Nacht. Das fanden alle cool, also haben wir das genommen. Dann haben wir uns mit den Happy Locals getroffen, die Stadt und ein paar Locations angeschaut und schließlich auch den Bürgermeister eingeladen. Der ist ein sehr aufgeschlossener Mensch und hat uns seine Unterstützung zugesichert. Also haben wir uns um ein Planungsbüro gekümmert und schließlich ein Festivalgelände gefunden. Die ganze Kommune hat sich zusammengetan und dort aufgeräumt. Mittlerweile gibt es verschiedene Arbeitsgruppen: Booking, Gastro und so weiter. Von der Pike auf werden wir gecoacht und überlegen zusammen, wie wir das alles hinbekommen.
Wie viele Leute seid ihr aktuell?
Linda: Ungefähr 20, würde ich sagen, das wechselt immer. Einige wohnen in Dresden, da ist es unter der Woche etwas schwierig. Manchmal sind alle da, aber jetzt zur Ferienzeit war ich mit den Jungs alleine auf dem Gelände. Ein paar Leute kriegen wir immer zusammen.

Wie finanziert ihr das Festival?
Linda: Unser Hauptsponsor ist Jägermeister mit dem Programm Save the Night der Jägermeister Night Embassy, das gezielt Budget für solche Projekte einsetzt. Nichtsdestotrotz gibt es Posten drumherum, die wir selbst tragen. Ich habe da auch schon ein paar Hundert Euro privat reingesteckt – wenn du so was mit Herzblut machst, darfst du dich davor nicht scheuen. Wir haben auch eine Förderung von der Stadt genehmigt bekommen, obwohl die Kassen hier im Osten relativ leer sind. Durch die Auswahl für das Bürgerbudget 2026 konnten wir uns Equipment wie einen DJ-Controller und ein Mischpult für Workshops und eigene Partys kaufen. Die Stadt versucht uns aber auch abseits der Finanzen zu unterstützen. Sie hat uns zum Beispiel das Festivalgelände überlassen. Den Rest werden wir nach dem Festival sehen: Die Weiterfinanzierung bleibt schwierig. Wenn das nächste Festival ansteht und wir den Sponsor nicht mehr haben, müssen wir uns noch einmal etwas Neues einfallen lassen.
Ihr habt erzählt, dass ihr früher Schwierigkeiten hattet, Unterstützung von den Behörden zu bekommen. Im Dezember letzten Jahres wurde Michael Preuß als neuer Bürgermeister von Kamenz vereidigt. Was hat sich mit ihm verändert?
Jonas: Er ist Mitte 40 und geht selbst gerne aus, zwar nicht in der elektronischen Musikszene, aber man sieht ihn auf vielen Festen. Wir wussten direkt: Mit ihm können wir zusammenarbeiten.
Linda: Der Bürgermeister steht total hinter uns. Er macht alles, um uns zu unterstützen. Er kann natürlich nicht alles alleine bestimmen, aber er versucht alles möglich zu machen, was in seiner Macht steht. Das muss ich ihm hoch anrechnen.
Dimitri, was bedeutet diese Unterstützung für die Stadt Kamenz?
Dimitri: Es ist die absolut richtige Entscheidung seitens der Verwaltung und des Bürgermeisters. Für mich ist das eine Art Statement. Sie zeigen: Here we are, mit euch! Damit unterstützt sie die Jugend, die ist nunmal die Zukunft dieser Stadt.

War es schwierig, die Leute in Kamenz von eurer Idee zu überzeugen?
Dimitri: Am Anfang war es ein bisschen schwierig. Der Missstand im ländlichen Raum liegt ja darin, dass nichts angeboten wird – 50 Wochenenden, 50 Freitage, 50 Samstage und nix los. Eigentlich ist es heutzutage selbstverständlich, kleine Festivals und Musikveranstaltungen zu machen. Aber hier ist das alles neu.
Wie sollte ein Kulturangebot dort idealerweise aussehen?
Dimitri: So, dass jedes Wochenende etwas passiert: Ein Film, es wird gekocht, ein Rockkonzert, eine Technoparty oder irgendwas anderes. Man trifft sich und teilt Ideen. Das schweißt zusammen. Man identifiziert sich viel stärker mit seiner Heimatstadt und kann später sagen: Mensch, das war eine tolle Zeit, da war was los.
Wie habt ihr euer Line-up zusammengestellt?
Linda: Wir haben zwei Bühnen. Bühne eins ist straighter Techno à la Tresor. Da haben wir eher an die ältere Generation gedacht. Wir werden beim Booking von Diana Alagic vom Tresor unterstützt, dadurch spielen unter anderem Künstler:innen wie Dasha Rush und Shaleen auf dem NOX. Jonas spielt aber auch auf Stage eins.
Jonas: Für die jüngeren Erwachsenen haben wir Stage zwei. Hier im Osten gibt es eine subkulturelle Freetek-Szene. Das ist sehr schnell, geht ab 160 BPM los, nennt sich Mentaltribe – das sind ganz wilde Geschichten. Diese Stage ist also schon recht hart. Aber das ist genau die Szene, die zum Beispiel in Dresden extrem lebendig ist und sich immer mehr in unserer Region ausbreitet: Die Leute haben Bock, laden einen Generator ins Auto und ein paar Boxen, suchen einen coolen Spot und laden alle ein, dorthin zu kommen. Dann ist da eine fette illegale Party. Das hat gerade einen riesigen Aufschwung. Dadurch, dass viele von uns selbst in diesen Kreisen auflegen und solche Partys organisieren, war klar: Wir brauchen eine Stage, auf der solche Künstler spielen können. Die Subkultur soll vertreten sein: Freetek und Techno 23, wie man es so schön schimpft.

Und was legst du selbst auf, Jonas?
Jonas: Ich werde zum Opening um 16 Uhr etwas schnelleren Dub Techno spielen. Ich hoffe, dass es warm ist und die Sonne scheint, dann ist das ein schöner Start, um mit diesem wundervollen Line-up anzufangen. Die anderen können dann nachlegen.
Neben der Musik bietet ihr auch Workshops an.
Linda: Genau, wir haben eine Airbrush-Schwarzlicht-Tattoo-Künstlerin und eine andere Künstlerin mit Henna. Wir haben einen DJ-Workshop, der für männlich, weiblich und alle anderen offen ist. Dann haben wir noch einen Künstler, einen Neffen des bekannten Malers Georg Baselitz, der aus Deutschbaselitz kam. Das ist auch in der Nähe von Kamenz.
Sachsen hat bekanntermaßen mit rechtsextremen Strukturen im ländlichen Raum zu kämpfen. Welche Rolle spielen kulturelle Angebote wie das NOX-Festival?
Dimitri: Sachsen ist schwierig. Die Kulturarbeit, die die jungen Leute hier betreiben, richtet sich gegen den rechten Mainstream. Es ist wichtig, dass es dieses Engagement gibt. Im besten Fall führt das dazu, dass viele Leute, die Wut im Bauch haben, abgeholt werden. Wir versuchen, im ländlichen Raum einen Samen zu säen. Du musst immer die Leute vor Ort finden, die Bock darauf haben. Dann begleitet man das eine Zeit, und dann machen sie es selbstständig. Das ist subkulturelle Arbeit gegen das Erstarken der rechten Liga, um die jungen Kids abzuholen, die falschen Propheten hinterherlaufen.

Habt ihr schon Erfahrungen mit Rechtsextremen machen müssen?
Linda: Letztes Jahr hat Jonas auf einem alternativen Festival gespielt, etwa eine halbe Stunde von Kamenz entfernt. Da sind die Rechten vorbeigekommen und haben die Autoreifen auf dem Parkplatz zerstochen. Beim Festival We Go Apart With Art hier nebenan standen, als das Festival publik wurde, ganz schnell Nazis auf der Matte.
Jonas: Auch das Toen-Festival hier in der Nähe hat schon jahrelang mit Nazis zu kämpfen. Die haben da ein riesiges Problem.
Linda: Ich denke, das Thema wird uns auch noch beschäftigen. Wenn ich mit Jugendlichen spreche, merke ich schon, dass sie Angst haben.
Wie geht ihr mit dieser Angst um?
Linda: Ich stecke im Zwiespalt. Es ist ganz klar, für was wir stehen. Aber wie laut kommunizieren wir das, ohne dass beim Festival dann 100 Glatzen vorbeikommen? Wir kennen das von früher. In der Szene, gerade im Osten, hatten wir immer mit Nazis zu tun. Das hat sich eigentlich nie geändert, im Gegenteil, es ist schlimmer geworden. Ich überlege noch, wie man damit umgeht, ohne die jungen Leute in Gefahr zu bringen.

Jonas: Wir wollen auch nicht anfangen, das Festival zu politisieren. Ein Festival steht an sich schon für die offene Gestaltung, für die Entfaltung von allen Menschen und auch für eine Offenheit gegenüber den Besuchern.
Habt ihr Maßnahmen, falls Menschen kommen, die euch oder dem Festival schaden wollen?
Linda: In erster Linie haben wir natürlich ein Sicherheitskonzept. Das Gelände ist abgesperrt. Wir haben Security vor Ort und versuchen diese Menschen nicht aufs Gelände zu lassen. Und zur Not gibt es immer noch die Polizei, auf die wir hoffentlich zählen können.
Zuletzt: Was erhofft ihr euch für das NOX?
Linda: Es soll richtig krachen. Krachen heißt, dass bis zu 1000 Leute kommen. Natürlich muss das Wetter mitspielen. Dann kann ich mir vorstellen, dass es wächst und dass die Leute darüber reden und nachdenken. Vielleicht entspringen daraus auch noch neue Aktivitäten.