Nächstes Thema: Ihr seid in der Diskussion gewesen, weil ihr euch anders als viele andere zum Nahostkonflikt positioniert habt. Vor allem nach dem 7. Oktober 2023 wurdet ihr von einigen Künstler:innen boykottiert. Hat das für euch etwas im betrieblichen Alltag verändert?
Flo Paloma: Es hat große Auswirkungen auf unser Innenleben, die man vielleicht auf den ersten Blick gar nicht so wahrnimmt – auch weil wir immer wieder Kapazitäten und Ressourcen dafür aufwenden. Wir sprechen mit Künstler:innen und Veranstalter:innen, die sich unsicher sind. Das ist eine Belastung für die Leute, die hier arbeiten, weil sie immer wieder damit zu tun haben und in ihren sozialen Umfeldern unter Druck geraten. Mitunter gehen sie, weil sie es nicht mehr aushalten. Wir sehen es bei DJs, denen es schwerfällt, hier zu spielen und mit uns assoziiert zu werden. Die Angst davor haben, in ihrer Karriere Rückschläge zu erleiden, wenn sie hier spielen. Das ist nicht unbedingt die inhaltliche Gegenseite, das sind viele Leute, denen der ganze Konflikt zu heiß ist. Ich merke das aktuell wieder stark bei einer queeren, sexpositiven Party, die wir im Sommer veranstalten. Das ist ein sehr zähes Booking.
Sulu Martini: Im Grunde gibt es bei ganz vielen Leuten, die hier spielen, dieses Kontaktschuld-Problem, auch wenn sie sich selbst noch gar nicht positioniert haben. Allgemein ist da etwas verhärtet und unglaublich schwer aufzulösen. Es ist eine mühsame Arbeit, das immer wieder zu adressieren, weil gerade die Leute, die diese Narrative weitertragen, für uns unerreichbar sind. Wir haben unsererseits immer das Gespräch angeboten, wenn Leute Irritationen oder Fragen hatten.
Flo Paloma: Wir führen viele solcher Gespräche, aber gemessen an der Menge von Angeboten bekommen wir nur wenige Reaktionen. Die meisten gehen darauf nicht ein und sagen im besten Fall noch: Danke, dass du das Angebot gemacht hast.
Sulu Martini: Ganz viele sagen: Hey, ich habe mit euch eigentlich gar keinen inhaltlichen Dissens, aber ich kann und ich will mir den Stress nicht geben, ich lasse das dann lieber mit dem Booking. Das ist natürlich frustrierend. Es ist eine Belastung für viele geworden. Man kann den Leuten gar nicht so richtig böse sein.
Wir würden uns wünschen, dass die Leute sehen: Hey, das Blank ist doch viel mehr als diese eine Positionierung, die im Grunde vor allem Antisemitismus thematisiert. Wir finden es problematisch, welche Narrative und einseitigen Zuschreibungen entstehen. Für viele ist das aber schon zu viel. Unsere Position ist relativ transparent, niemand von uns muss sich ernsthaft vorwerfen lassen, israelisches Regierungshandeln gut zu finden. Der Vorwurf ist absurd und durch nichts gedeckt, was wir veröffentlicht haben.
Diese Narrative betreffen ja nicht nur uns, sondern andere linke Orte wie die Rote Flora in Hamburg oder das Conne Island in Leipzig. Das ist eine Spaltungslinie, die die gesamte subkulturelle und radikale Linke durchzieht und auf die ganze Kulturszene einwirkt. Wir sehen dadurch aber auch, dass wir nicht alleine mit dieser Position sind.
Trotzdem gibt es natürlich viele Institutionen, die sich nicht solidarisch verhalten. Auch das ist ein Problem. Wir erhalten beispielsweise null Unterstützung von der Clubcommission. Sie duckt sich vor dem Problem einfach weg und hat sich noch nie gegen die Angriffe auf das ://about blank ausgesprochen. Trotzdem ist die Situation in Deutschland, so absurd das klingt, noch am differenziertesten. In England sind diejenigen Stimmen, die Antisemitismus von Linken thematisieren, noch viel marginalisierter als im deutschen Diskurs.
Im Grunde gibt es bei ganz vielen Leuten, die hier spielen, dieses Kontaktschuld-Problem, auch wenn sie sich selbst noch gar nicht positioniert haben.
Gibt es überhaupt einen Dialog zu Akteur:innen, die in dem Konflikt auf der anderen Seite stehen?
Sulu Martini: Das Problem ist, dass die wenigsten Akteure präsent sind. Meistens agieren sie aus der Anonymität heraus. Mit den Leuten, die uns alle paar Wochen „://about blank = Zio-Nazis” auf die Straße sprühen, kann man wahrscheinlich kein sinnvolles Gespräch führen. Wer sich zu so einer Position verstiegen hat, ist nicht erreichbar. Aber bei Bookings merken wir schon, dass Leute, die vielleicht vor einem oder zwei Jahren hier nicht gespielt hätten, teilweise wieder mehr Bereitschaft zeigen.
Flo Paloma: Bei den meisten kriegst du den Grund nicht raus. Alle Anfragen laufen ins Leere. Auch bei Leuten, die hier wirklich viel gespielt haben, ist das schwer rauszukitzeln. Ich sehe da wenig Bereitschaft. Es sind meistens linke Artists oder linke Bands, die sagen: Wir quatschen mal darüber. Aber die meisten DJs aus der Berliner Szene sagen nur: Es fühlt sich für mich nicht richtig an, im ://about blank zu spielen. Gleichzeitig wird kein Gesprächsangebot genutzt. Wie sollst du da rankommen?
Die Zeit, die wir darauf verwenden, können wir nicht nutzen, um uns weiterzuentwickeln und neuen Ideen nachzugehen. Wenn wir Zeit und Ressourcen haben, sind wir sehr kreativ, und das fällt so völlig hinten runter.
Sulu Martini: Es besteht natürlich die Gefahr, sich nur noch auf diesen Konflikt zu reduzieren. Es wird immer wieder nur darüber gesprochen, weil er so omnipräsent ist – obwohl wir gleichzeitig viele andere Sachen machen. Wir sind im Bündnis Berlin gegen Gentrifizierung aktiv und kämpfen gegen die Hotelneubauten im ganzen Kiez, oder gegen die Veränderung im Laskerkiez. Wir veranstalten viele feministische und antirassistische Soli-Partys und supporten die Beschuldigten im Antifa-Ost-Verfahren und im Budapest-Komplex.
Wenn der Nahostkonflikt eine weitere Erregungswelle schlägt, droht das unterzugehen, und man diskutiert über ein Thema, das im Grunde unlösbar ist. Wir hatten diese Haltung bereits vor dem 7. Oktober und finden, dass der Konflikt zu komplex für eine einseitige Parteinahme ist. Es ist ein Thema, bei dem sich linke Einseitigkeit der Komplexität verweigert. Die Sehnsucht, sich die immer irrer werdende Welt so einfach zu machen, teile ich ja, aber das führt in der Regel nicht zu mehr Klarheit.
Flo Paloma: Wenn Namen, die hier lange gespielt haben und immer noch angesagt sind, nicht mehr hier spielen, ergibt sich daraus die Wahrnehmung, dass das Blank outdated ist, kein Innovationspotenzial hat oder aus der Zeit gefallen ist.
Sulu Martini: Das ist absurd, denn die meisten Orte entwickeln sich nur noch investitionsgetrieben. So kommt die Frage auf, ob es eine Entwicklung aufgrund von künstlerischem Potenzial überhaupt noch gibt? Mir fällt kein Berliner Ort ein, an dem sich noch neue Crews entwickeln. Da wird mit einem Investitionsplan geguckt, was funktioniert und was nicht. Das, was nicht funktioniert, ist dann weg. Dass Projekte sich aus sich selbst heraus entwickeln, dafür gibt es kaum noch Freiräume. Das hier ist immer noch der Versuch, einen solchen Freiraum zu halten.

Das Modell des Clubs als Freiraum steht allgemein unter Druck.
Sulu Martini: Die Hoffnung war, dass unser Modell sich in andere Städte oder Stadtteile ausbreitet. Jetzt sehen wir: das IfZ in Leipzig hat aufgegeben, das MenschMeier ist dicht, das Objekt klein a in Dresden struggelt. Den Ansatz, Clubs anders zu denken, also nicht nur einen Besitzer, Personal und vielleicht noch einen Shareholder zu haben, gibt es immer weniger.
Flo Paloma: Früher wurde mehr auf die Besitzverhältnisse von Clubs geguckt als auf die Bilanzen. Die Leute nehmen das gar nicht mehr wahr. Es heißt nur: Oh cool, jetzt macht ein neuer Club am Alexanderplatz auf, der super ausgestattet ist und eine megageile Soundanlage hat.
Sulu Martini: Fürchterlich!
Flo Paloma: Würde man da mal genauer hinschauen, merkt man: Drei Dudes machen das, einer davon bringt auf jeden Fall ordentlich Asche mit. Aber das passiert halt nicht mehr.
Ihr sprecht vom AMT.
Flo Paloma: Auch über diese Gamification sollten wir reden. Du kriegst über die App eine Wartenummer, kannst nochmal losgehen und kommst dann super optimiert für die Abläufe des Clubs wieder zurück. Das ist eine Effizienzierung, die gerade die Unternehmen in der Clubkultur offensichtlich brauchen, um überhaupt noch bestehen zu können.
Wir wollen keinen smarten Club betreiben.
Sulu Martini
Sulu Martini: Man muss das Erlebnis in der Club-Schlange auch nicht überidealisieren, aber es ist natürlich auch ein Teil des Ganzen. Mit Leuten in der Schlange stehen und dann zusammen reingehen, ist auch ein Moment der Vergesellschaftung.
Flo Paloma: Es stellt sich auch die Frage: Wenn ich eine Wartenummer habe, kann ich die verkaufen? (lacht)
Sulu Martini: Neue Firmen schreiben uns an, um hier beispielsweise das Gastro-Management effektiver zu gestalten, indem sie vorgeschnippeltes Obst in Portionen liefern oder schon vorgemixte Komponenten für die Cocktails. So was kommt jetzt laufend rein. Das kommt bei uns natürlich alles sofort in den Trash. Wir wollen keinen smarten Club betreiben. Allein die Diskussion, Kartenzahlung zu ermöglichen, hat bei uns eine Weile gedauert.
Flo Paloma: Fünf Jahre oder so.
Sulu Martini: Sieht man den Club als reines Profitcenter, ist Kartenzahlung sinnvoll, aber trotzdem ist das eine Entscheidung gegen Lebensentwürfe, die nicht smart sind, die nicht mit dem Handy oder der EC-Karte funktionieren. Wo eine totale De-Anonymisierung vermieden werden soll. Es hat ja einen Grund, dass Clubs eigentlich Orte sind, an denen alles, was dort passiert, auch bleibt. Der Club soll das Schwarze Loch bleiben, in dem man eine beliebige Zeit verbracht hat, ohne hinterher genau zu wissen, wann man eingecheckt und wann man ausgecheckt hat. Diese Idee wollen wir aufrechterhalten.
Vielleicht bleiben wir eine Art anachronistisches U-Boot.
Zuletzt: In vier Jahren feiert das ://about blank seinen 20. Geburtstag. Was glaubt ihr, wie und was der Club dann noch ist?
Sulu Martini: Wir hätten nie gedacht, dass wir es bis zum 16. schaffen. Unser erster Mietvertrag ging von 2009 bis 2014. Weil es damals schon hieß, 2014 kommt die Autobahn. Wir haben damals gesagt, wir wollen einen Laden, der mit Ökostrom läuft. Wir wollen dieses Dach mit Solarpanelen vollknallen.
Flo Paloma: Ökostrom haben wir, Solarpanele nicht.
Sulu Martini: Ökostrom haben wir über den Anbieter. Deswegen zahlen wir mehr für den Strom als andere Clubs. Wir wollten aber auch selbst Strom produzieren. Es gab leider keinen Anbieter, der das für eine Laufzeit von unter zehn Jahren machen wollte. Heute wissen wir, dass sich das gelohnt hätte. Deswegen ist der Blick in die Zukunft nicht unsere Stärke. Ein Club ist kein Planspiel. Ein Club ist nichts, was man auf dem Reißbrett errechnen kann. Wir wissen weder bei der aktuellen Weltlage noch bei der politischen Zuspitzung in Deutschland, was in vier Jahren ist. Ein Club ist da besser für eine Momentaufnahme als für eine Zukunftsvision.

Vor vier Jahren konnte man sich kaum vorstellen, wie ein vergleichsweise kurzer Zeitraum dem Berliner Nachtleben zusetzen kann.
Sulu Martini: Andererseits werden wir auch in vier Jahren noch Orte brauchen, an denen wir verschnaufen, in denen wir uns ehrlich umarmen, in denen wir zusammen Euphorie erleben. Vielleicht bleiben wir eine Art anachronistisches U-Boot. Es kann sein, dass wir einfach kleiner und kleiner werden. Das ist aber nicht schlimm. Wichtig ist, dass wir bestimmte Linien weiterverfolgen.
Flo Paloma: Auf jeden Fall werden wir alles dafür geben, dass es uns hier in irgendeiner Form noch lange gibt. Vielleicht nicht als Club, vielleicht ist es dann ein autonomes Zentrum für die Community, in dem kritische Stadtpolitik weiter vorangetrieben werden kann.
Sulu Martini: Wir haben es auch wegen unserer Startnext-Kampagne zum Geburtstag durch das letzte Jahr geschafft. Die hat uns das finanzielle Überleben gesichert. In diesem Jahr haben wir sie erst mal nicht aufgelegt. Wir brauchen aber im Grunde noch eine Strategie, um den Laden durch das Jahr zu kriegen.
Flo Paloma: Man muss schon sagen: Das Business trägt sich nicht mehr, weil sich zu viele verschiedene Faktoren dafür geändert haben. Vom Ausgehverhalten bis hin zu den Kosten. Das ist multifaktoriell, das liegt nicht nur am Boykott.
Sulu Martini: Wir haben keinen Geheimplan oder so. Am Ende entscheiden auch die Leute, die noch hierher kommen, ob es uns im nächsten Jahr noch gibt oder nicht.