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Epstein und Erregungskultur: Warum Schweigen bei Wasserman die einzig ehrliche Antwort ist

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Auf der Welt explodieren gerade die Festplatten, die sogenannten Epstein Files sind draußen, und mittendrin: Casey Wasserman. Der Mann, dem die Agentur gehört, die quasi die gesamte Playlist des Abends verwaltet. Wasserman, der CEO, der mit einer Epstein-Vertrauten so locker-flockig hin- und hermailte, als ginge es um die Gästeliste für das nächste Coachella. Während es in Wahrheit um, nun ja, Massagen ging.

Und was macht die sogenannte Szene? Die Szene, die sonst bei jeder – wirklich jeder – politischen Verwerfung sofort den Share-Button glühen lässt? Die Szene, in der man ohne eine 20-minütige Abhandlung über Intersektionalität und globale Gerechtigkeit eigentlich gar kein Ticket mehr kaufen darf? Sie schweigt. Es ist ein Schweigen, so tief und schwarz wie ein Berliner Dancefloor um vier Uhr morgens. Und es ist ein gutes Schweigen.

Cancelt euch doch selbst!

Da haben wir dieses Roster. Die Champions League der elektronischen Musik. Fred again.., Skrillex, David Guetta. Aber auch: Zedd, der deutsche Export-Krach aus Kaiserslautern. DJ Heartstring. Klangkuenstler. Sie alle stehen auf dieser Wasserman-Liste. Genauso wie Charlotte de Witte, TSHA, MCR-T oder Marlon Hoffstadt, der auch dem letzten Daddy erklärt, dass Trance wieder cool ist.

Sie werden von einem Apparat vertreten, dessen Kopf gerade im moralischen Treibsand versinkt. Und sie schweigen aus gutem Grund. Denn die Welt tut gerade so, als hätte man Wasserman dabei erwischt, wie er persönlich die Schlösser auf Little Saint James ausgewechselt hat. Aber schauen wir uns die Realität an, jenseits der amerikanischen Cancel-Culture, die wir so ungefiltert importieren wie billigen Bourbon. Die E-Mails, um die es geht, stammen aus einer Zeit, als Epstein noch der charmante Milliardär war, dem die halbe Welt die Hand schüttelte. Bevor die Verbrechen aktenkundig wurden.

Wasserman war damals – Überraschung! – ein einflussreicher Mann in einem Umfeld von einflussreichen Menschen. Und in diesen Kreisen schickt man sich nunmal E-Mails. Wenn wir jeden canceln wollten, der vor 20 Jahren mal eine dumme Nachricht an jemanden geschrieben hat, der später im Gefängnis landete, müssten wir die Musikgeschichte der letzten 40 Jahre löschen.

Schweigen ist Gott

Warum sagt ein Roman Flügel nichts? Wieso schweigt Floating Points? Warum gibt es kein Statement von Young Marco oder Ross From Friends? Vielleicht weil sie verstanden haben, dass man als Künstler nicht der Hilfssheriff der globalen Moralpolizei ist. Vielleicht, weil sie wissen, dass ein Booking-Agentur-Vertrag kein Eheversprechen vor Gott ist, sondern eine geschäftliche Vereinbarung.

Man wirft den Künstler:innen Schweigen vor, aber die, die jetzt laut schreiend den Ausgang suchen, tun das doch nicht aus Ethik. Die tun es aus Angst. Angst vor dem Algorithmus. Angst vor dem nächsten Shitstorm. Der Ausstieg ist der ultimative Distinktionsgewinn des Jahres 2026. Man kauft sich billig frei. Man wäscht seine North-Face-Weste in der Öffentlichkeit rein, damit man beim nächsten Gig in Tulum wieder ganz entspannt über Awareness referieren kann.

Wo geht es zum Kindergarten?

All die Künstler – jene bei Wasserman oder den anderen Agenturplayern des Coolness-Kartells, WME oder CAA – sind Teil einer Infrastruktur. Wer glaubt, dass es irgendwo im globalen Musikbusiness eine Agentur gibt, die als karitative Zweigstelle der Heilsarmee durchgeht, hat das Spiel nicht verstanden.

Zu glauben, man könne im Kapitalismus der Aufmerksamkeitsökonomie operieren und dabei moralisch so sauber bleiben wie eine ungespielte Erstpressung, ist die größte Lüge der Szene. Die Forderung, dass jede:r Künstler:in, von Avalon Emerson bis Zimmer90, jetzt ein Dossier über die privaten E-Mail-Kontakte seines Agenturchefs vorlegen muss, ist lächerlich. Weil: Das ist die Endlich-wieder-mal-Infantilisierung der Kunst.

Halt! Stopp!

Was wir hier sehen, ist der Triumph der Pose über die Realität. Die, die gehen, wollen Applaus für ihre Haltung. Die, die schweigen, machen einfach ihren Job. Sie wissen: Wasserman ist ein Apparat. Ein Apparat, der funktioniert. Wenn man den jetzt wegen ein paar E-Mails aus dem Jahr 2003 einreißt, dann ist das keine Reinigung. Das ist purer destruktiver Narzissmus.

Wir brauchen diese amerikanische Erregungskultur hier nicht. Wir brauchen keine Künstler, die sich wie Social-Media-Manager ihrer eigenen Moral aufführen. Deshalb: Danke an alle, die nichts sagen! Danke für das Schweigen von The xx und Mount Kimbie. Danke, dass ihr uns nicht mit eurer ach so tollen Gewissensprüfung belästigt. Bleibt bei Wasserman. Spielt eure Sets. Und lasst uns mit diesem albernen Moraltheater in Ruhe.

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