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[REWIND 2025]: Clubmusik im Konzertformat: Coldplay oder Keinemusik?

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Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks 2025. Alle Beiträge findet ihr hier.

Es war einmal ein Keller. Dort, wo der Mythos von Techno hingehören will. Dicht, stickig, ohne Ticketlink mit Pre-Sale-Code. Viel eher: Schweiß, filterlose Zigaretten und die Ahnung, dass das alles niemals genehmigt sein konnte. 1990 sprach ja auch noch niemand von Kultur. Es gab nur dieses Gefühl für das, was draußen nicht funktionierte und drinnen nicht mehr nervte.

Die Leute drängten sich in Räume, die nach Schimmel und DDR rochen und nannten es Wochenende. Und genau darin lag die Magie. Nichts war geplant, alles konnte passieren. Meistens passierte dann auch irgendwas, das man heute, viele Jahre später, bereitwillig erzählt.

Weil: Damals war es zu laut dafür und DJs keine Werbeflächen. Manchmal standen sie mit dem Rücken zu den Leuten, weil die Plattenspieler so rum aufgebaut waren. Niemand störte sich dran. Es ging nicht um Gesichter, es ging ums Verschwinden. Wer feiern wollte, wurde Teil von etwas, das keine Fotos kannte, weil Handys gar nicht in die Hosentasche passten.

Klar, klingt alles wie Mittelalter. Dabei ist das keine dreißig Jahre her. Irgendwann kam aber die Idee, dass man das alles auch anders erzählen könnte. Dass lautes Stampfen nicht nur Soundtrack für 200 Verrückte sein muss, sondern auch für 2000 Raver, später 20.000 Raver:innen, vielleicht sogar 200.000 Menschen funktionieren kann.

Der Club wird zur Kulisse

Clubmusik sollte also auch jene erreichen, die lieber auf gepolsterten Stühlen sitzen, statt in der Kloschlange zu kleben. Deshalb tauchten die Namen, die man zuvor noch auf dem Programmposter las, plötzlich in Feuilletonspalten auf – direkt neben Jazzfestivals oder Tanztheater. Elektronische Musik bekam so etwas wie einen Sitzplatzeinweiser. Statt Eintritt zehn Euro an der Kellertür hieß es nun: Konzertticket, 48,50 plus Gebühren, hier entlang.

Die Logik: Wenn schon alle vom „kulturellen Wert” dieser Musik reden, dann kann man sie auch gleich wie Kultur inszenieren. Das heißt: Visuals, die an Videoinstallationen in Kunsthallen erinnern. Tracks, die länger dauern, weil sie „Kompositionen” heißen. Und das Publikum, das so tut, als sei es im ZDF Fernsehgarten gelandet.

„Man wollte nicht länger Subkultur spielen, sondern Headliner sein.”

Es war die erste kosmetische Operation an der Rave-Fratze: dieselben Beats, nur mit Akademiediplom. Man konnte auf einmal Date-Nights dorthin verlegen, wo vorher nur verschwitzte Kellerkreaturen ihr Wochenende vernichteten. Elektronische Musik wurde gesellschaftsfähig, oder zumindest so gesellschaftsfähig, wie ein Loop aus dem Kaugummiautomaten eben sein kann.

Natürlich war das kein Zufall. Man wollte nicht länger Subkultur spielen, sondern Headliner sein. Der Schritt ins Sitzen war nur die Vorstufe: eine Art Zwischenlager, in dem der Clubsound die alten Adidas gegen Lederschuhe tauschte. Und die sogenannten Kritiker dankten es, weil sie endlich über etwas schreiben konnten, das nach mehr klang als „Bass wummert, Leute tanzen”.

Keine Musik?

Deshalb musste die nächste Evolutionsstufe her. Und Festivals winkten schon. Mit großen Bühnen, grellem Licht, ganz viel Merchandise. Dazu einem Ticketsystem wie bei der Lufthansa. Also winkte man freundlich zurück. Afterlife, Bicep, Keinemusik – allesamt haben sie begriffen, dass man Clubmusik wie einen Sneaker-Drop verkaufen muss: streng limitiert, sofort ausverkauft, auf Ebay zum dreifachen Preis.

Der Trick: Man tarnt es immer noch als „Rave”, obwohl es längst ein Corporate Event ist. Statt handgeschriebenem Flyer gibt es Insta-Trailer mit Drohnenaufnahmen. Statt Türsteher gibt es Wristbänder, die aussehen wie ein Apple-Produkt. Und statt zerschossenen Anlagen liefert man Shows, die so präzise durchchoreografiert sind, dass sich sogar der Cirque du Soleil hinterfragt.

Deine Musik? (Foto: Tdierich, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Man muss sich nur mal eine Show von Keinemusik ansehen: drei DJs, die Ibiza wie eine Modemarke behandeln. Jeder Auftritt ist Werbekampagne, jede Location ein Showroom. Keinemusik verkaufen keine Musik mehr. Sie hebeln Lifestyle: Kapselkollektionen, Collab-Drops. Vor allem aber: das Gefühl, man sei Teil einer Clique, die ihren Club längst im Duty-Free-Shop eröffnet hat.

Komm Karaoke

Es ist Clubmusik, die nicht mehr im Club stattfinden muss. Fred again.. ist dafür das Musterexemplar. Ein Typ, der aussieht wie der Mitbewohner, der ständig dein Bier austrinkt und gleichzeitig Stadien füllt. Sein USP: Er macht aus jedem Gig ein virales Video. Das Publikum ist nicht mehr die Crowd, sondern die Kamera. Fred sitzt am Klavier, schmeißt ein paar Samples rein, alle heben die Arme, irgendjemand weint in der ersten Reihe. 

Und zwar: zu Recht. Fred again.. spielt nämlich keine Sets, er schließt Freundschaften. Seine Fans wissen nicht, ob sie auf ein Konzert oder ein Gruppentreffen gehen. Sie filmen sich gegenseitig beim Mitsingen, weil sie wissen: Das ist der Content, den er später auch posten wird. Man geht dann nicht mehr feiern, man steigt ins Story-Archiv.

„Alle kennen die Drops, alle wissen, wann man kollektiv schreien muss.”

Marlon Hoffstadt treibt das noch weiter. Der Typ ist eigentlich ein DJ, aber das ist nebensächlich. Er ist ein Meme, das regelmäßig die Haarfarbe wechselt. Seine Edits kursieren zuerst auf TikTok, bevor man sie in einem Club hört. Und wenn er dann doch irgendwo spielt, wirkt es wie ein groß angelegtes Meet & Greet: Alle kennen die Drops, alle wissen, wann man kollektiv schreien muss.

Clubmusik ist inzwischen Karaoke, nur ohne Monitor. Und bei Karaoke weiß man ja: Das Publikum ist nicht da, um zu tanzen. Es ist da, um zu dokumentieren, dass es da war. Der DJ, ob er Marlon oder Peggy oder Sven heißt, liefert nur die Kulisse für diese Selbstinszenierung.

Man kann das mögen oder verachten, aber es funktioniert. Fred again.. verkauft Stadien schneller aus als Oasis. Hoffstadt tourt wie Beyoncé. Und alle tun so, als hätten sie Clubmusik neu erfunden. Dabei haben sie nur verstanden, dass ein virales Video mehr wert ist als jede verschwitzte Nacht.

Frontmann sucht Front

Natürlich hat all das mit Club genauso wenig zu tun wie mit Rave oder Techno. Es ist Stadion-Pop mit hochgepitchtem Berghain-Samplepack. Man singt mit und hebt die Arme, während man filmt, wie man die Arme hebt. Der DJ ist längst Frontmann, die Crowd sein Chor. Der Unterschied zu Coldplay? Eigentlich nur, dass man statt „Yellow” auf „Glue” wartet, aber die Geste bleibt dieselbe: Massenerhebung, Kollektivgefühl, Pseudo-Intimität in Industriegröße.

Man könnte es auch „Rave für die Generation Spotify Wrapped” nennen. Alles ist personalisiert, aber für alle gleich. Man bekommt nicht mehr das Unvorhersehbare, sondern das Erwartete. Spoiler: Der Drop kommt immer dann, wenn auch das Feuerwerk hochgeht. Zufall abgeschafft, Überraschung gecancelt, die Ekstase verlässlich wie eine Versicherungspolice.

Post, häh?

Man mag das Clubkultur nennen oder Post-Club oder ein Rebranding von Rave. Jedenfalls ist es Teil der Experience Economy, so wie Escape Rooms, Floating Tanks oder Picknick mit Alpakas. Man kauft sich nicht mehr ins Unbekannte ein, sondern in ein kuratiertes Risiko, das mit Awareness-Teams, LED-Bändchen und Timetable-Apps abgesichert ist. Der Rausch kommt schließlich mit Exit-Strategie.

Kein Wunder, dass niemand mehr von „Subkultur” spricht. Das muss nicht schlecht sein, es ist nur ehrlich. Der Underground war immer ein Mythos, spätestens in dem Moment, in dem Flyer gedruckt oder Platten gepresst wurden. Heute hat derselbe Mythos halt einen Instagram-Account und einen Content-Kalender. Denn das Gefühl, etwas zu verpassen, ist wichtiger als das, was man erlebt. Damals im Keller. Oder heute bei Kalkbrenner.

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