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Berghain und Celebrity-Culture: Rollt den roten Teppich aus!

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Rosalía, Drake, Harry Styles. Alle pilgern sie nach Friedrichshain wie früher die drogenentwöhnten Altpunks zu Marianne Rosenberg. Das Berghain ist nicht mehr Club, sondern Exkursionsziel von A-List-Promis – ein pädagogisches Wochenende für Stars, die unbedingt Realness tanken wollen. Das neue Detox: kein Superfruitsäftchen, nur Schlange stehen, zumindest sprichwörtlich. Menschen, die für zigtausend Dollar pro Sekunde Aufmerksamkeit bezahlt werden, wollen plötzlich genau das nicht: Aufmerksamkeit. Und wählen dafür ausgerechnet den sichtbarsten Unsichtbarkeitsraum des Planeten: das Berghain.

Die Frage ist: warum? Vielleicht, weil Stars heute ein Problem haben: Sie sind zu glatt. Zu choreografiert, so gescriptet wie eine Folge von den Geissens. Also brauchen sie Zertifikate aus der Underground-Fabrik. Früher bekam man die beim kalifornischen Buddha Rick Rubin. Heute halt: im Berghain. Es ist die gleiche Logik wie Influencer:innen, die auf Bali in veganen Hostels nach Sinn suchen. Nur halt in Schwarz und mit Echtledergeruch.

Sie kam rein und singt darüber. (Foto: Secretaría de Cultura de la Ciudad de México, CC BY 2.0)

Das Berghain ist zur kulturellen Waschanlage geworden: Rein, schwitzen, Ketapfütze, raus. Anschließend der unvermeidliche Insta-Post: „I’ve seen things”. Eine internationale Absolution, komplett geräuschlos. Im besten Fall mit gefaktem Paparazzi-Foto vorm Zaun, das beweist: Ich bin wie ihr! Ich stehe an! Zumindest in der Gästelistenschlange.

Kardashians lieben diesen Trick!

Es ist die Ironie der darbenden Clubkultur: Ein Club, der überlebt, weil er sich weigert, Teil des Mainstreams zu sein, wird gerade deshalb zum globalen Mainstream-Ritual. Das Türsteher-Komitee macht es noch glamouröser. Exklusivität erzeugt Begehrlichkeit. Das weiß jedes Luxuslabel schon lange. Balenciaga stitcht Kapuzenpullis, Berghain stitcht Mythen. Und ja: Niemand kann ein Marketing besser machen als jemand, der behauptet, kein Marketing zu machen. Die Kardashians knien nieder vor dieser Strategie.

Die Leute drinnen beobachten derweil nicht mehr die DJs, sondern die Möglichkeit, dass hinter ihnen Harry Styles steht. Irgendwann hat man mal von Anonymitätsversprechen gesprochen. Ein paar Verrückte sogar von der Auflösung des Ich. Jetzt ist es: „War das gerade Rosalía an der Bar? Und trägt die wirklich Buffalo?” Die vermeintliche Unsichtbarkeit im Berghain wird selbst zur Attraktion. Ein paradoxes Disneyland der Nicht-Fotografierbarkeit.

So ist das Berghain ein Fremdkörper im Entertainment-Mainstream. Aber genau das macht es anziehend. Für Drake ist Techno nicht Musik, sondern Forschungsprojekt. Für Elon Musk wäre es ein „I did Berlin”-Badge gewesen. Diese Leute wollen sich an Kulturen reiben, die nicht für sie gemacht wurden. Es ist die gleiche Bewegung wie Schauspieler, die einen Monat in einer Bäckerei arbeiten, um „eine Rolle vorzubereiten”. Nur umgekehrt, als Method Raving.

Er wollte mit Maske rein und scheiterte. (Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA 4.0)

Stars stehen Schlange

Und das Berghain selbst? Weitgehend unbeeindruckt. Beton bleibt Beton. Sound bleibt Sound. Tür bleibt Tür, auch wenn schon Claire Danes bezeugte, dass man ihr das Anstehen ersparte. Und auch ein Harry Styles wurde zwar schon oft im Club, aber noch nicht in der Schlange gesichtet. So oder so: Der Mythos war immer unabhängig von denen, die ihn bezeugen. Aber die Verschiebung ist trotzdem real. Der Ort, der Authentizität versprach, ist heute globales Echtheitslabor für Menschen, die sich Echtheit nur noch als Konzept leisten können. Die Clubkultur mag einmal Gegenkultur gewesen sein – heute ist sie Qualitätssiegel für Leute, die beweisen wollen, dass sie auch mal normal sind. So normal wie man eben sein kann, wenn einem die Weltöffentlichkeit ständig in die Nase bohrt.

Vielleicht ist das Berghain am Ende also gar kein Club mehr, sondern ein Authentizitäts-Resort. Eine Art Coaching-Programm zur Rückgewinnung der Menschlichkeit für jene, die zu viel davon verloren haben. Ein Raum für alle, die sich die Freiheit des Unbeobachtetseins inzwischen erkaufen müssen, indem sie in einen Ort gehen, der alles verbietet, was ihre Welt normalisiert hat: Selfies und Selbstdarstellung. Die Celebrity Culture hat jedenfalls ihren Lieblingsort gefunden. Ausgerechnet dort, wo es lange nicht darum ging, gesehen zu werden. Und damit ändert sich auch für uns die Frage: Kommen wir noch, um zu verschwinden? Oder kommen wir, um im Schatten einer größeren Unsichtbarkeit zu stehen?

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