Ortstermin beim Renate-Umbau: Eine Hausparty ohne verschlossene Schlafzimmer

Was plant die Renate zur Neueröffnung? Wir haben uns vom Team die Baustelle zeigen lassen.

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In den letzten Wochen hat sich die Renate darauf konzentriert, Teilen des Clubs eine Renovierung zu verpassen. Seitdem klar ist, dass der Mietvertrag doch verlängert wird, ist im Team Tatendrang ausgebrochen. Das Ziel: Den Geist der Renate neu aufleben lassen und die Venue bestens für die kommenden Jahre vorbereiten – und für das große Opening am Osterwochenende unter dem Motto Welcome To The New Renate. GROOVE-Autorin Greta Allgöwer war während der Bauarbeiten vor Ort, um sich einen Eindruck zu machen.

Von außen kann man wegen der hohen Holzzäune nur erahnen, auf welcher Fläche sich die Renate ausbreitet. Drinnen wirkt der Außenbereich des Clubs zunächst wie ein Themenpark. Zur Rechten ein Podest mit einer Hütte, die als Bar funktioniert, Tischen, Bestuhlung und einem großen Springbrunnen. An der Holzhütte sind vereinzelt noch Spuren des Brands von letztem Jahr zu erkennen. Zur Linken erstreckt sich ein Garten mit Sitzmöglichkeiten, einem Bootskörper, auf dem man sich niederlassen kann, und einem kleinen überdachten Weg, der an den Garten grenzt.

Wenn in einigen Monaten Bäume und Pflanzen grünen und die Sonne vom Himmel knallt, wird das hier eine Oase sein. Renate-Mitarbeiterin Caitlin Russell weckt mich aus diesem Tagtraum und führt auf den Green Floor, das Zentrum der Renovierungsarbeiten. Caitlin ist seit über einem Jahr in der Renate als PR-Managerin tätig, sie begleitet mich durch das Renate-Labyrinth, wie sie es nennt.

Ein Eindruck der Baustelle mit LED-Leuchte (Foto: Renate)

Es geht eine Treppe rauf und in die linke Wohnung des einst besetzten Hauses, wo Felix Cornelsen, der Booker, zu uns stößt. Eine große Tanzfläche eröffnet sich vor mir. Offene Stahlträger lassen erahnen, dass diese früher in mehrere kleine Räume unterteilt war.

Die Renate sei eher ein Spielplatz, der sich von anderen Clubs mit ihren immergleichen Anordnungen abhebt und deshalb etwas Besonderes ist, sagt Caitlin Russell.

Ein gewaltiger Sub-Tower steht unmittelbar hinter einem kleinen runden Podest. In dessen Mitte ragt eine Stange zur Decke. „Wenn hier was los ist, ist die keine Minute frei”, sagt Caitlin. Wo früher eine jetzt abgerissene Wand und die DJ-Booth standen, fällt nun Sonnenlicht durch ein bunt beklebtes Fenster. Es prallt in bunten Streifen vom Boden und einer Malerleiter ab und sorgt für eine warme Stimmung. Disco, Oldschool, Sexiness, aber auch Camp seien die Vorgaben an die Dekorateur:innen gewesen.

Der Green Floor mit den freigesetzten Stahlträgern in den ersten Schritten der Renovierung (Foto: Renate)

Früher sei hier eine runde Lounge-Couch gestanden, sagt Caitlin. Über die musste sie immer klettern, um Artist-Care zu machen und Getränke zu reichen. Noch einmal geht sie die Wege von damals, hüpft, macht große Schritte und läuft im Zickzack über eine nun leere Fläche. Ich kann es mir bildlich vorstellen, doch jetzt ergibt das Konzept der Tanzfläche, die wie ein L geformt ist, Sinn. Die DJ-Booth ist aus allen Winkeln gut zu sehen, die beiden Bars gut zu erreichen.

Die Malerleiter vor der DJ-Booth in bunten Farben (Foto: Greta Allgöwer)

Auf die Frage, wie es nach der Kündigung im vergangenen Jahr nun doch zur Verlängerung des Mietvertrags kam, gibt es eine einfache Antwort: Eine Einigung mit dem Vermieter schien unmöglich, dann kam im letzten Moment doch noch ein Ok, als niemand mehr damit gerechnet hatte und das Inventar des Clubs teilweise schon auf dem Flohmarkt verkauft worden war.

Ein Blick hinter das DJ-Pult (Foto: Renate)

Zum Anlass des um ganze zehn Jahre verlängerten Mietvertrags wollte man dann eine Auffrischung. „Den alten Renate-Spirit neu aufleben lassen”, beschreibt Caitlin diese. Im Sommer dieses Jahres feiert der Club seinen 19. Geburtstag. Caitlin ist stolz auf die Geschichte und darauf, dass sich dieser besondere Ort schon so lange gehalten hat, auch in Zeiten von auslaufenden Mietverträgen und Club-Schließungen aufgrund wirtschaftlicher Probleme.

Rote Kissen auf roten Lederbänken

In den Neunzigern war das Haus besetzt, regelmäßige Afterpartys in den ehemaligen Wohnzimmern entwickelten sich quasi von selbst zu dem Club, wie er heute hier steht. Früher wurde die Venue „Salon zur wilden Renate” genannt. „It was giving circus”, lacht Caitlin. Es gab auch mal ein Labyrinth. Sie finde, die Renate sei eher ein Spielplatz, der sich von anderen Clubs mit ihren immergleichen Anordnungen abhebt und deshalb etwas Besonderes ist. Auch sexpositive und queere Partys fanden hier schon vergleichsweise früh statt. Die Vermittlung des Kerngedankens – Du bist willkommen, wie du bist – funktioniert auch dadurch, dass es keinen Dresscode gibt und man an der Tür keine Angst vor Ablehnung haben muss.

Der Rote Raum (Foto: Greta Allgöwer)

Durch einen breiten Flur mit goldenen Wänden gelangen wir zu einem schmalen Durchgang, dessen Eingang und Decke transparente, schimmernde Stoffe säumen. Von dort geht es in einen roten Raum. An der Decke hängen Dutzende Halbkugeln in verschiedenen Größen, manche davon leuchten in regelmäßigem Abstand. In der Mitte des Raumes liegt eine rote Matratze, an der linken Wand befindet sich ein rotes Fenster zur Bar. Rote Kissen schmücken rote Lederbänke. Alles hier ist rot, der Raum wirkt warm und schafft eine entspannte Atmosphäre.

Die goldene Tür ins Zimmer mit dem Himmelbett (Foto: Greta Allgöwer)

Nach rechts geht es durch eine golden angemalte klassische Jugendstil-Tür in den nächsten Raum. Dort steht ein großes metallenes Himmelbett im Vordergrund, ein Perserteppich liegt davor. Die Decke ist nicht zu sehen, sie ist bedeckt von transparentem Stoff.

Die verbotenen privaten Schlafzimmer sind in der Renate allerdings nicht abgeschlossen, im Gegenteil: man ist dort herzlich willkommen.

Jeden Tag, wenn Caitlin und Felix die Renate betreten, bemerken sie etwas Neues, was bisher noch nicht da war. Der Umbau ist ein stetiger Prozess, bei dem drei der ehemaligen Gründer:innen mitarbeiten, weil sie den Laden mit all seinen wirklich vielen Ecken, in denen man sich verlaufen kann, gut kennen und verstehen. „Die ganzen Schüsseln an der Decke des roten Raumes wurden vom Team selbst im Garten mit Farbe besprüht.” Es scheint eine Familie zu sein, die hinter der Renate steht.

Das metallene Himmelbett mit der geschmückten Decke (Foto: Greta Allgöwer)

Je mehr kleine Zwischenebenen und winzige ausgepolsterte Ecken ich entdecke, desto mehr muss ich über die Labyrinth-Bemerkung schmunzeln. So viele kleine Kabuffe, in die man sich zurückziehen kann oder den müden Füßen eine kurze Pause vom Tanzen gönnen. Mir werden die verschiedenen Funktionen der einzelnen Wohnungen erklärt. Tanzflächen, Büros, Umkleiden, Make-up-Räume. Eine Wohnung ist eine eigene Tanzbar, die für private Events gebucht oder als Backstage genutzt wird. Hinter einer anderen Wohnungstür finden sich die Büros der Mitarbeitenden.

Ich weiß gar nicht mehr, wie genau ich hierhin gekommen bin, doch plötzlich stehe ich in einem neuen Tanzraum. Er ist dunkel, rote Fäden dekorieren das Fenster zur DJ-Booth. Sie sind an einem Ring befestigt und spannen sich über den Raum. Läuft man durch diesen hindurch, gelangt man in ein Zimmer mit einer langen hölzernen Theke. Sofort muss ich an ein Piratenschiff denken, von der Decke hängen bunte Stofffetzen. Aus diesem Zimmer gelangt man in einen Raum, in dem der Blick unweigerlich auf einen hellen Baldachin gelenkt wird, der die dunkle Decke schmückt. Darunter steht ein einladendes großes schwarzes C-förmiges Sofa.

Ich habe das Gefühl, dass hier auf Augenhöhe kommuniziert wird, Hierarchien scheinen ein Fremdwort zu sein.

Die Renate hat eine ganz eigene Note. Es gibt nicht das eine Konzept, das sich in jedem Raum wiederfindet. Der Laden lebt von witzigen Einzelheiten, Dekorationen wie einem Löwenkopf an der Wand, kitschigen Wand-Ornamenten und anderen glitzernden bunten Details. Dort tanzen zu gehen, fühlt sich an wie die erste Hausparty, auf die man gegangen ist. Die so eskaliert ist, dass sich plötzlich Hunderte Menschen in einer kleinen Wohnung aneinander vorbeiquetschen mussten. Die verbotenen privaten Schlafzimmer sind in der Renate allerdings nicht abgeschlossen, im Gegenteil: man ist dort herzlich willkommen.

Die Deckenansicht in einem der vielen Flure in der Renate (Foto: Renate)

Felix fängt an, von den Zielen der Renate in ihrer neuen Daseinsform zu erzählen. „Das ist ein riesiges Privileg für mich”, erklärt er. „Die Chance, hier zu kuratieren, einen Einfluss zu haben.” Der Ansatz sei, die Community zu stärken und Kollektiven eine Möglichkeit zu geben, mit und in der Renate zu wachsen. Die großen Bookings werden der Else überlassen, dem Schwesterclub. Hier ginge es um etwas anderes.

Viele sind eher zufällig nach Berlin gekommen und haben vor zehn oder 15 Jahren zum ersten Mal einen Fuß in die Renate gesetzt, wo sie mit den vielfältigen Spielarten des House konfrontiert wurden, die sie nachhaltig geprägt haben. „Wir hatten auf der ersten der Donnerstags-Partys, bei denen wir kleinere DJs und Kollektive einladen, jemanden da, der in der DJ-Booth fast geheult hat”, erzählt Felix. „Weil er meinte, er sei hier vor zehn Jahren zum Tanzen hergekommen. Nun da zu stehen und selbst aufzulegen, das wäre total besonders für ihn.”

Das neue DJ-Pult (Foto: Renate)

„Ich möchte, dass der Club zugänglich bleibt”, ist Felix‘ Antwort auf die Frage, welche Zielgruppe die Renate anstrebt. Die Leute, die die Langlebigkeit der Szene ausmachen, wären die mit Zielen, Visionen, Vorstellungen. Wenn kleine DJs, Labels oder Radioshows wie zum Beispiel Radio 80.000 aus München eingeladen werden, seien das Leute, die dafür brennen, was sie tun. Die bringen Energie mit. „Die sollen sich hier wohlfühlen, dann hat das Ganze von alleine einen Triple-Effekt.”

Caitlin zeigt auf eine kürzlich lila gestrichene Wand und erklärt, dass dort vielleicht noch eine Bühne hinkommen soll, um Performer:innen ein Podest zu bieten.

Außerdem werden Bookings nicht ausschließlich von Felix gesteuert, das ganze Team berät sich gegenseitig und macht Vorschläge. Ich habe das Gefühl, dass hier auf Augenhöhe kommuniziert wird, Hierarchien scheinen ein Fremdwort zu sein.

Die neu beklebten Fenster (Foto: Renate)

Zuallererst ging es bei der Renovierung des Green Floors wohl darum, die Sardinenbüchsen-Atmosphäre zu beseitigen. Leute, die sich mit Sound auskennen, waren da und haben mit Simulationen berechnet, wie man es schafft, den bestmöglichen Klang aus dem Raum herauszuholen. „Wir haben nun über dem Pult einen zusätzlichen Hornverteiler für die Frequenzen angebracht.” Felix zeigt auf einen großen Klotz, der von der Decke hängt. Er beschreibt den Sound der neuen, maßgefertigten Anlage von Kirsch Audio als warm und punchy. „Es gibt entweder die Funktion One, über die ja nichts geht, oder als Alternative dazu eine Anlage von Kirsch. Beide sind beliebt bei Kennern, wir haben uns für Kirsch entschieden.”

Caitlin findet es schade, dass Drag-Shows und Live-Performances nicht mehr so wie früher fester Bestandteil von (queeren) Parties sind, und will auch diesen Aspekt, der in der Renate-DNA steckt, wieder erwecken. Sie zeigt auf eine kürzlich lila gestrichene Wand und erklärt, dass dort vielleicht noch eine Bühne errichtet werden soll, um Performer:innen ein Podest zu bieten. Auch Konzerte sind vorgesehen und in Planung.

Baustellengerümpel vor dem nun freigelegten Fenster (Foto: Renate)

Ich frage Caitlin, wie die Renate mit den unzähligen anderen Berliner Clubs mithalten kann. „Ich glaube, es geht gar nicht darum, zu konkurrieren”, findet sie. Das müssten sowieso alle Clubs in Berlin unvermeidlicherweise. Aber das mache Berlin ja auch aus. Berlins Clubszene wäre sowieso immer im Wandel. Eine Nacht-Metropole wird Berlin immer bleiben – und somit würde sich immer Neues in diese Richtung entwickeln.

Caitlin glaubt daran, dass Kollektive ohnehin an Relevanz gewonnen hätten, vielleicht sogar relevanter als Venues selbst geworden sind. Weil sich Leute nicht einen spezifischen Club aussuchen würden, sondern die Party mit der Community, die von diesem und jenem Kollektiv oder Veranstalter:in geboten wird. „Während wir konkurrieren, kollaborieren wir ja auch. Ich definiere Erfolg letztendlich mit dem kulturellen Einfluss”, gibt sie zu bedenken und blickt auf die beachtliche Baustelle, die bei aller Liebe zur Historie der Renate Aufbruchstimmung verbreitet.

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