Eine Wüste inmitten Portugals, eine der am wenigsten besiedelten Regionen Europas. Ein teurer Flug in den Süden, eine lange Busreise vorbei an Korkhainen im Anschluss. Dann: das Waking Life! Aber warum tun sich Tausende Musikbegeisterte alljährlich diese Pilgerreise an? Weil es derzeit nichts Vergleichbares gibt: Sechs Tage lang Musikprogramm, das seinesgleichen sucht; dazu ein wunderschöner See, der echtes Urlaubsflair heraufbeschwört. Es ist das ultimative Feriencamp für Erwachsene, und all deine Lieblings-DJs sind mit dabei.
Die größte Neuerung dieses Jahr war die Einführung des lang erwarteten dedizierten Ambient-Floors Mimo (port. „Kleines Geschenk”). Der liegt am hintersten Ende des Terrains und macht den Rundgang um den See endlich komplett – überall gibt es jetzt etwas zu entdecken. Außerdem: mehr Essensstände und weniger logistische Nadelöhre, wie etwa bei der Anreise am Vortag zum Festivalbeginn zu merken. Die Gesamtsituation war merklich entspannter, trotz gleicher Größe wie im Vorjahr mit insgesamt etwa 13.000 Anwesenden. Der Treppenwitz vom „Waiting Life” war endlich passé.

Paquita Gordon, eine der vielen Quasi-Residents des Festivals und meistens für die Sonnenaufgänge zuständig, übernahm diesmal das Opening und – Spoiler – auch das geheim gehaltene Closing der Floresta Stage. Langsam und gefühlvoll arbeitete sie sich in Richtung tanzbare Tempi vorwärts, bevor sie Theo Parrish das Feld überließ. Der jagte seinen eigens mitgebrachten Isonoe-Mixer über die acht Stunden seines Waking-Life-Debüts zwar öfter ins Rote, hielt den Dancefloor mit seinem eklektischen Mix aus souligem Disco und House jedoch auch bis weit nach zehn Uhr morgens noch problemlos am Köcheln.
Abhängig von Geschmack und Konsumverhalten
Erst am zweiten Tag öffnet traditionell die „Giegling-Bühne” Outro Lado: Ein hedonistisches Paradies unter hohen Kieferbäumen mit einer der gewichtigsten Anlagen, die man sich vorstellen kann. Die zahlreichen Podeste zum Sehen und Gesehen-Werden (Fotos sind übrigens unerwünscht) und der Floor-nahe Badestrand (mehr FKK als an der Ostsee) schaffen hier nochmal ein ganz eigenes Ambiente. Zwischen Minimal, (Tech-)House und dem kompletten Giegling-Kader hört man hier zwar die zugänglichere Seite des Waking Life. Man hat aber dennoch Raum für Bookings wie die Workshop-DJs Lowtec oder Willow, das b2b von PLO man mit XDB oder Perlon-Boss Zip. Bei den meisten Besuche:innen kristallisiert sich über die Woche hinweg tatsächlich eine persönliche Zugehörigkeit zu einer der See-Seiten heraus, abhängig vom persönlichen Musikgeschmack und Konsumverhalten.

Die Wild Card unter den Floors aber bleibt Praia („Strand”), wo sich generell viel Basslastiges tummelt. Sonntags etwa wird extra ein Dub-Soundsystem angekarrt und Tune für Tune im jamaikanischen Stile getoastet. Der Floor hat dieses Jahr einen frischen Anstrich erhalten – mit besserem Besucherfluss, Schatten auf der Tanzfläche und Wassersprinklern von oben. Während Mark Farina hier nachmittags noch Chicago House der alten Schule zitiert hatte, erwischte ich spätnachts Richard Akingbehin, den modernen Botschafter des Dub Techno. Aus eigentlich nur mal gucken wurde eine durchwachte Nacht, als Lieblingsplatten von Skudge und Joy Orbison ineinander verschmolzen. Solche Momente sind bezeichnend fürs Waking Life: Immer und überall hört man seine all time favorites, egal ob von Biosphere oder Terekke. Und selbst am Kaffeestand in Umbaupausen der Live-Bühne wird öfters Shazam bemüht.
Szene-Hippies tanzen barfuß
Mit dem Morgengrauen wurde es Zeit für den ungekrönten König des Waking Life: Djrum, der sich dank fingerfertiger Drei-Turntable-Technik einen singulären Stil erarbeitet hat, sprang vier Stunden lang waghalsig von BPM zu Breaks und mischte Gabber-Salven, Jungle-Stepper und ambiente Filler-Passagen. Was die erste Set-Hälfte mit stakkatohaften Beats zwar wenig musikalisch klang, verfehlte seine Wirkung nicht und mündete in einem ekstatisch-kathartischen, gemeinsamen Freakout auf dem Floresta-Floor, über dem in der Morgensonne unendliche Staubpartikel wogten. Ein besonderer Moment des kollektiven Ausrastens, für den alleine sich die weite Reise gelohnt hätte. In dieser völligen Gelöstheit erinnerte der Vibe eher an eine große Psytrance-Party denn an die manchmal verhalteneren Events mit ähnlich nerdigem Programm. Genau das aber ist die Kernqualität von Waking Life. Barfußtanzende Hippies, die irgendwie alle Szene-intern aktiv sind und wahrscheinlich den Labelkatalog von Warp Records rückwärts zitieren könnten.

Nach der erfrischenden Taufe im See wurde der Rest des Tages im Erholungsmodus verbracht. Der hintere Teil des Geländes, jenseits der Outro Lado, verwandelt sich mittags in einen Wald aus Hängematten und Picknick-Decken – die einzige Möglichkeit, auch während der sengenden Mittagshitze ein Auge zuzumachen. Am anderen Ufer startet der Nachmittag genauso gemütlich: Altmeister Laraaji gibt ein meditatives Konzert an Harfe, Piano und Gong, die aufmerksam Zuhörenden versinken langsam in Trance. Die Live-Bühne Cochilo („Nickerchen”) ist jetzt übrigens nur noch auf Konzert-Performances ausgerichtet. Während bislang noch DJs versuchten, die letzten zum Zeltplatz Wankenden abzufangen, gibt es mit Mimo nun endlich einen wirklich der Ambient-Musik gewidmeten Ort, an dem geschlafen, gechillt und Klängen in 6.1 Spatial Audio gelauscht werden darf.

Djrum war übrigens auch hier vertreten. Mit selbst gesammelten Gegenständen wie Kork-Rinde oder Steinfragmenten spielte er ein experimentelles Live-Set und bewies die gesamte Bandbreite seines künstlerischen Könnens.
Was der Bauer nicht kennt
Diese enge Bindung mit vielen der Künstler:innen zeichnet das Waking Life ebenfalls aus: manche von ihnen spielen jedes Jahr, oft sogar den gleichen Slot. Etwa Aleksi Perälä, der wieder den letzten Morgen auf Cochilo mit einem andächtigen Live-Set einläutete. Wer auflegt, bringt in der Regel auch Vinyl mit – trotz Staub und Hitze in der Wüste. Genauso Jane Fitz, die wie jedes Jahr durch den Mitsommer-Sonnenaufgang führte und dabei einem der größten Floors der Woche ihren ausgefallenen Sound zwischen Acid House und Trance präsentierte. Bei Acts wie ihr zeigt sich besonders das feste Vertrauen zwischen Crowd und Künstler:in. Beim Waking Life kennt man sich – alle spielen genau, was sie wollen.

Diese Offenheit überträgt sich auch auf die Gäste und gilt ebenfalls für die dem Publikum oft unbekannten Live-Bands, die seit jeher überraschend und abwechslungsreich ausfallen. Vom indonesischen National-Orchester bis zur Space Lady, die seit den Siebzigern ihre eigentümlichen Pop-Cover auf Casio-Keyboard und im Astronauten-Anzug darbietet. Selbst die portugiesischen Jungrocker MAQUINA werden mit Headbangen frenetisch gefeiert. Nerds wiederum kommen beim beeindruckenden, multiinstrumentalen Solo-Konzert von James K. oder der neunstündigen Performance Mermaid Ball von GiGi FM auf ihre Kosten.
Von der Kunst des Reisens
Entdecker:innen werden aber auch abseits der Bühnen belohnt, etwa in der mit geheimem Programm sporadisch geöffneten Casa Mermelada oder mit im Wald versteckten Kunstinstallationen und Kuschelmöglichkeiten. Apropos: die sexpositive Suna-Zone wurde erweitert. Sie liefert nebst Cruising-Area und Dark Rooms nun auch Workshops um artverwandte Themen wie BDSM, Polyamorie oder Consent. Kreative Köpfe konnten sich im Vorfeld für eins der Creative Camps bewerben, die mittlerweile so unterschiedliche Angebote wie Schachclub, Minigolfplatz oder Jam-Zelt abdecken, während Tudo Bem sich zu einer waschechten Wellness-Zone mit Yoga, Sauna und Massagen gemausert hat.

Am Ende der Woche bleibt ein Gefühl der Fülle. Die Reise ist beschwerlich, das Umfeld treibt den Körper regelmäßig an seine Grenzen. Doch fühlt man sich hier aufgehoben in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Dazu der See, gesundes Essen und die immer passend kuratierte musikalische Untermalung. Dieses Feriencamp am See ist und bleibt ein Pflichttermin im Sommer. Für manche sogar die schönste Zeit im ganzen Jahr.