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Die Platten der Woche mit Gesloten Cirkel, Kreggo, Mella Dee, Rising Sun und Unknown Mobile & Mulholland

Gesloten Cirkel – I Live In The Midwest EP (Selvamancer)

Der Hype um den maschinengetriebenen Produzenten Gesloten Cirkel und seine analogen Techno- und Electro-Tools hat sich schon seit einigen Jahren wieder gelegt. Trotzdem macht Alex Kislitsyn fleißig weiter, seine neue 12-Inch für das spanische Label Selvamancer ist ein Mini-Album mit acht Stücken geworden.

I Live In The Midwest fügt seiner bekannten Acid-Electro-Soundpalette aber kaum neue Farben hinzu. Der Titeltrack trägt durch eine karge, von gespenstischen Melodien gefüllte Krater-Landschaft, danach gibt es den gewohnten, verzerrten Lo-Fi-Electro mit schrägen Synths. Ein paar experimentelle Industrial-Ambient-Interludes dürfen auf so einer Platte natürlich nicht fehlen, fügen sich mit Ausnahme des trippigen „Download” aber nicht wirklich ins Gesamtbild ein. Und dieses Bild kann eh schon kaum mehr überzeugen, denn der Charme von übersteuerten Drummachines und Hau-Drauf-Ästhetik hat nach über zehn Jahren deutlich an Unterhaltsamkeit eingebüßt. Leopold Hutter

Kreggo – Swaying (Nous’klaer)

Mit breiten, federnden Schritten kommt der Italiener Kreggo auf seinem Nous’klaer-Audio-Debüt (sonst ist er, unter vielem anderem, etwa als Labelhead von Art-Aud bekannt) daher. Drei Midtempo-Tracks bietet die EP, die stark von der grazilen Verspieltheit früher Autechre-Veröffentlichungen beeinflusst zu sein scheinen, dabei mit schwereloser Wucht aber auch den Dancefloor fest im Blick haben. Techno? Electro? Whatever. Auf jeden Fall groovt es, dass der Dampf aus den Rillen quillt. Hier kennt einer offensichtlich seine Drummaschinen vom Inneren heraus. Doch damit nicht genug. Der Closer „Tochi” schichtet auf einer geraden Bassline Akkord um Akkord. Und flirtet dabei mit House wie auch Trance, um so eine wunderbare aurale Traumlandschaft erblühen zu lassen. Die perfekte Ausfahrt von der Abfahrt. Tim Lorenz

Musik zum Sich-hin-und-her-Wiegen und Schwanken. Oder so ähnlich. Der Mailänder Produzent Kreggo hat bisher eine Handvoll Platten draußen, darunter ein Album auf Lobster Theremin. Für Swaying, seinen Einstand auf Nous’klaer Audio, geht er die Dinge in gemäßigtem Tempo und mit luftiger Energie an. Scheinbar Unvereinbares kommt bei ihm zusammen, zu dichter Rumpeligkeit im Beat fügt er suchend atmosphärische Synthesizer, weniger schwelgerisch als freundlich tastend. Manches schwebt wie Ambientflächen, doch fließt es in seinem Fall nicht ohne dezenten Widerstand der übrigen Spuren. Und selbst wenn er im letzten Track „Tocchi” einen gerade klackernden Drumcomputer einsetzt, kommt durch Hall und sanfte Akkorde genug Gegenläufiges ins Spiel, um die Sache nicht zu eindeutig geraten zu lassen. Tim Caspar Boehme

Mella Dee – Strictly Ruffneck (Private Parts)

Eine EP, bei der der Titel genau ins Schwarze trifft. Denn Mella Dee präsentiert hier vier staubtrockene House-Banger, bei denen kein Ton viel gesetzt wurde. Kicks, Claps und Hi-Hats bestimmen den Rhythmus. Dazu eine stoische, angezerrte Bassline, vielleicht noch ein, zwei Vocal-Fetzen – fertig ist der Track. Die Kunst hierbei ist es natürlich, auch bei solch geringer Abwechslung keine Langeweile aufkommen zu lassen. Und das gelingt Mella Dee ausgezeichnet. Denn auch wenn die Stücke hauptsächlich als Mix-Tools gedacht sein mögen, macht das alleinige Durchhören Laune. Tim Lorenz

Rising Sun – The Eternal (Echocord)

Steffen Laschinski ist unter einer ganzen Reihe von Pseudonymen wie The Ambientist, Rising Sun Psyche oder eben Rising Sun unterwegs und hat es wie kaum ein anderer geschafft, Prescription-eske Deepness, Dub Techno und Ambient zu einer wunderbar atmosphärischen und immer etwas spirituell anmutenden Melange zu verweben.

Nach verschiedenen Releases auf Labels wie Fauxpas, Styrax oder eigenen Imprints wie Reality Used To Be A Friend Of Mine kommt seine neue EP The Eternal auf Kenneth Christiansens Echocord heraus, das sich seit vielen Jahren so konsequent wie kaum ein anderes Label an der hohen Lehre des Dub Techno abarbeitet. In diese Kerbe schlagen auch die sechs Tracks auf The Eternal, die aber nie den typischen Rising-Sun-Signature Sound aus den Augen verlieren. Hier grüßen Ron Trent, Moritz von Oswald und Brian Eno aus der Morning Factory, und ein Teppich aus warmen Chords, Spoken Words, sehr viel Atmosphäre und wohlig warmer Deepness schließt sofort in die Arme. Stefan Dietze

Unknown Mobile & Mulholland – War Piece (Banoffee Pies)

Soundsystem-Musik mag zwar momentan gar nicht in Mode sein, doch Banoffee Pies aus Bristol hält die Flagge hoch und veröffentlicht mit War Piece eine Platte, die sich zwischen 2006 und 2008 in guter Südlondoner Gesellschaft gefunden hätte. Unknown Mobile, zuletzt mit dem tollen Ambient-Bass-Music-Album Aurora aufgefallen, und Bass-Head Mulholland tun sich zusammen für eine Split-EP, die die Subs zum Rütteln und die Köpfe zum Nicken bringt.

Die A-Seite birgt zwei OG-Dubstep-Tunes, die anno dazumal bei Digital Mystikz erschienen wären und alle wichtigen Zutaten einer solchen Produktion an den Tag legen. Die Flip wirkt futuristischer, post-irgendwas: zwar schneidet immer noch der Sägezahn-Bass und swingen die Subbässe, doch lässt Mulholland immer wieder Überraschungen vom Stapel – ob nun in Form unberechenbarer Perkussion oder schräger Samples, die einen bekifften Film-Noir-Vibe kreieren. Leopold Hutter

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