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Die Platten der Woche mit Ekkel, Jorkes, Memphis Glass, Midland und Thomas Brinkmann

Ekkel – Spore Core EP (Junction Forest)

Viele lieben das südkoreanische Label Junction Forest des gleichnamigen Plattenladens von S.O.N.S. Ich finde die bisherigen vier Releases nicht sehr gelungen. Auch der Drei-Tracker von Ekkel aus dem Ute.Rec.-Roster überzeugt mich leider nicht.

„Crystal Creek” pumpt deutsch die Prolltrance-Gegenkick, als hätte Jack aus Chicago die kurze Hi-Hat gegen einen Digi-Compressor-Bass ausgetauscht. Der Stimmen-Break ist auch ohne Pilze ganz geil schrill. In den Neunzigern waren Psilocybin und andere Psychedelika in Japan legal. Wie ist die Lage heute in Südkorea? Kann man Junction Forest als politisch verklären? Zwar hören wir, wie sehr der Kapitalismus in den meisten südkoreanischen Familien medial wütet, doch ist das auch beim Euro-Trance-Techno-Revival-Tribe der Fall? So oder so gab es in Amsterdam 1994 mal Spiritual Records, an das mopst sich der Track  „Salamander” frisch und leicht heran. Jedoch ist die Soundästhetik nicht deep-dreckig. Die Ableton-Live-Überkompression und der Masteringversuch helfen wenig. Wenn das ein Stilmittel ist, wo sind die restlichen 500 Produktionen, die irgendeiner Welt erklären, dass das so ist? Der milde Breakbeat-Acid des Titeltracks hat dann tatsächlich eine gute Deepness. Manchmal reicht im 21. Jahrhundert nur ein Track als EP-Legitimation. Dafür lohnt sich die Resourcenverschwendung der Vinyl-Scheibe allemal. Mirko Hecktor

Jorkes – Super Hot Lover (Permanent Vacation)

Die Prophezeiung steht: 2024 wird so was von Hedonismus! Kein Wunder, bei aller Tristesse des Weltgeschehens. Super Hot Lover von Jorkes darf als gutes Omen gesehen werden. Feinster House mit warmen Piano-Chords, energiegeladenen Synths und einem Bass, der everybody in die Arme schließt. Love is the message, hatte sich nicht ohne Grund die gute alte Tante Disco auf die Fahnen geschrieben. Geheimnisvolle, emotionsgeladene Vocals verheißen Gutes. Eine vornehme Aufgabe der Musik ist es, Mut und Freude zu bereiten. Ob „Follow Me To The Toilet” der richtige Ansatz ist, mag jeder selbst entscheiden – schon der Track allein erzeugt mit aufsteigenden Chords und pumpenden Bässen aber pure Euphorie. Auf der EP sind zwei feine (Re-)mixe – das Acid-getränkte „Hot Lover (CYRK’s Strings Attached Remix)” und das treibende „Follow Me To The Toilet (Chris Cruse’s More the Merrier Mix)” mit dubbigen Vocals. Liron Klangwart

Memphis Glass – Mechanics EP (Mood Of The Era) 

House für kleine Räume, Kellerräume, in denen alles entstehen kann in der Dunkelheit, was Memphis Glass auftauchen lässt auf dieser Vier-Stücke-EP: Brandung, Vögelchen, wie die Sonne wandert im Laufe des Tages. Kleine Dinge, lässig erzählt.

Der englische Produzent eröffnet seine zweite EP mit House-Beats mit beschwingten 126 Schlägen pro Minute. In den oberen Frequenzen sprenkeln diverse Synthies alles bunt. So geht es weiter, wenn in „Unpacked” ein Keyboard vor sich hinzusummen scheint. Rhythmische Schläge bleiben harmonisch nah am Hauptstrom, all das danach durchvariiert, nackte Beats, Innehalten, der Hauptstrom kehrt zurück. „Hard Times” ist ein in größere Bruchstücke zerhauenes Piano-House-Stück mit verhallenden Flächen im Himmelsgewölbe. „Let It Pour Out Of You” sagt Gute Nacht mit weich gemaltem Sternenhimmel und einer lieblichen Synthie-Stimme. Christoph Braun

Midland – You Never Take Me Dancing (Graded)

Früher war Harry Agius alias Midland auf dem Label Aus Music ein zuverlässiger Lieferant von stilvoll angerumpeltem House. Auf seinem eigenen Label Graded machte sich der Produzent mitunter etwas lockerer, besonders auf der herrlich verspielten EP The Alchemy of Circumstance von vor fünf Jahren.

Auf seiner jüngsten Einlassung geht er umso geradliniger zur Sache, wobei das bei ihm nie ohne zusätzlichen Twist geschieht. Gleich im ersten Track weicht er das straffe Beat- und Bassgerüst mit einer verregnet tropfenden Melodie wieder auf, womit er die Sehnsüchte aller Tanzwilligen gleich auf seiner Seite hat. Noch reduzierter die fast kindgerechte Melodie im folgenden „Side Gurn” mit äußerst lebhaften Synkopen darunter als Gegengewicht. Ohne Umschweife zur Sache kommt der Titeltrack mit einem guten Teil Achtziger-Nostalgie als Schmiermittel. Was nicht als Kritik gemeint ist, Midland baut genügend Extras wie schlierige Glissando-Harmonien mit ein, damit nichts abgestanden erscheint. Und die Träumerei zum Abschluss gehört völlig selbstverständlich da hin. Tim Caspar Boehme

Thomas Brinkmann – maxErnst 25 Anniversary ep (Third Ear)

Der Kölner Thomas Brinkmann war irgendwie schon immer sein eigener Kosmos. Oft ein bisschen missverstanden als Protagonist des puristisch-minimalen Techno, spielten doch bei ihm Siebziger-Discofunk und russischer Futurismus als Inspiration eine mindestens gleichberechtigte Rolle. 25 Jahre nach dem Start des Labels Ernst mit seinem zwölf Maxis und eine CD umfassenden Namensregister von Anna/Beate zu Yvette/Zora macht Brinkmann jetzt überraschenderweise mit Quila und Romy die fehlenden Buchstaben zu.

Und ähnlich wie schon beim wenigen Wochen zuvor ebenfalls auf Third Ear erschienen Projekt Mele Boy entwickeln die sechs Tracks einen wunderbar partikelverliebten Swing. Gleichsam mechanisch perkussiv, und dennoch mit flirrender Wärme schieben sich Rhythmusgitarrenanschläge („Quila 1”), absurde Orgelostinatos („Romy 1”), komplexe Ska-Piano-Percussions („Quila 2”) und vokaler Ringelnatz-Bumerang-Expressionismus („Romy 2”) anscheinend schwerelos in die Füße. Großartig! Jochen Ditschler

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