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Dezember 2023: Die essenziellen Alben (Teil 1)

Aïsha Devi – Death Is Home (Houndstooth)

Aïsha Devi veröffentlicht mit Death Is Home ein futuristisches Singer-Songwriter-Manifest, das von ihrer Stimmgewalt und spannendem Sounddesign lebt. Für das Album reist die Künstlerin in die Vergangenheit zurück und verarbeitet Kindheitstraumata, um anschließend als Wiedergeborene aufzutauchen. Ihre Stimme ist dabei ihr prägnantestes Tool, mit der sie über cinematische Flächen fliegt, die mit gewaltigen Bassdrums unterlegt sind. Diese wiederum formen oft die breakige Grundstruktur, die dem Album zugrunde liegt und durch trappige Hi-Hats wundervoll ergänzt wird. Devis Stimme unterliegt außerdem einem deutlichen Bearbeitungsprozess und wird mal gepitcht, dupliziert oder auch durch den ein oder anderen Autotune-Effekt gejagt. Insgesamt ergibt sich ein stimmiges und komplexes Gesamtbild der Stimmkunst Aïsha Devis. Die Tracks leben dabei von ihrer Unterschiedlichkeit und dem Versuch, durch progressives Sounddesign neue Welten zu erkunden. Eine Empfehlung für alle, die sich mit experimentellen und elektronischen Ansätzen von Stimm- und Wortkunst auseinandersetzen. Vincent Frisch

Altered Natives – Time Decays All Things (Eye4Eye)

Heutzutage ein bemerkenswertes Drum’n’Bass-Album zu produzieren, das dem Genre sogar noch kleine Nuancen hinzufügt, ist ungefähr so schwer, wie eine solche Großtat im übervollen Feld von Deep-House, Detroit Techno oder Gangsta Rap zu vollbringen. Es kommt, was kommen muss: D. Yorke alias Altered Natives ist genau eine solche Überraschung mit seinem zehnten Album Time Decays All Things gelungen, und das sogar über die unfassbare Strecke von achtzehn Tracks!

Klar, Yorke erfindet hier weder den Amen-Break noch Timestretching neu, und unweigerlich weckt das Album auch Erinnerungen an die legendären Jungle-Tage der frühen Neunziger, aber die Songs sind eben nicht museal, nicht retro-pur. Es gibt in fast jedem Song mindestens ein Element, das es in dieser Form in den Neunzigern nicht gegeben hätte, das eben genau so in einen Jungle-Track einzubauen sich bis dato keiner getraut hat – wie etwa eine heftige Tech-Step-Bassline mit einem soften Marimba-Sound zu doppeln. Aber natürlich reden wir hier nicht von massiven Neuerungen und Genre-umwälzenden Elementen. So doch von entscheidenden Geistesblitzen, die scheinbar ausdefinierte Musikstile wieder zum Leben erwecken und den Spaß zurückbringen können, den diese in einer vielleicht schon recht lange zurückliegende Zeit gebracht haben. Und wie schafft dieser Mr. Yorke das? Schwer zu sagen, eine bestimmte Vorgehensweise lässt sich nicht erkennen. Hörbar sind allerdings anscheinend unendlicher Ideenreichtum, sprudelnde Kreativität und Unabhängigkeit, die zusammengenommen zu einem schlicht zeitlosen Resultat geführt haben. Mathias Schaffhäuser

Duckett – Eight Tits Total (Solar Phenomena)

Das ist jetzt so ein Albumtitel, der spontan Fluchtreflexe auslöst. Andererseits gelten Waliser, zu denen der Produzent Duckett zählt, manchen Engländern ohnehin als unfreundliche Menschen. Mithin könnte das Ganze eine kalkulierte Provokation sein, begleitet von einem eingeschränkten Bedürfnis, geliebt zu werden. In der Musik, die sich hinter Tracktiteln wie „How To Care More About The Cat” oder „Long Profound Sentences In Yellow Light” verbirgt, lässt sich eine Neigung zu klangverspielter Sprödigkeit erkennen. Bei Breakbeats mit Footwork-Ambitionen genauso wie bei dem, was man als formal leicht ausgefransten Minimal House betrachten könnte. Das kann trocken und mit kleingehackten Stimmensamples garniert oder durch an Dub angelehnte Halleffekte vernebelt sein. Was die Platte bei all ihren Richtungswechseln zusammenhält, ist Ducketts unabhängig vom zugrundeliegenden Genre zu erkennender Wille, die Dinge in seinem Sinn anzugehen. Das gelingt besonders gut in „Never Will I Change”, das wie eine R’n’B-Nummer beginnt, um sich unterwegs in eine filterverwaschene Bass-Music-Studie weiterzuentwickeln, bei der die Titelzeile programmatisch bis zum Ende als Konstante bleibt. Auch ansonsten gibt es gute Ansätze, lassen sich immer wieder interessante Details finden. Zum großen Wurf fehlt es etwas an ausgearbeiteten Ideen – oder einfach am Groove. Tim Caspar Boehme

Forest Swords – Bolted (Ninja Tune)

Die Achtziger sind schwer im Kommen – zumindest bei unseren Nachbarn auf den britischen Inseln. Dass die dortige Musikindustrie schon immer ein gutes Näschen für neue und wiederbelebte Trends hatte und hat, wird sich auch nächstes Jahr zeigen. Wer kürzlich in London war, wird feststellen, dass Downbeat, Trip-Hop und Headz wieder omnipräsent sind. Dazu passt Forest Swords’ neues Album Bolted.

Das Album ist nicht der Soundtrack für den dritten Teil von Blade Runner, könnte es aber durchaus sein – ob „Chain Link”, „Tar” oder „Line Gone Cold”. Industrial trifft auf Elektronik – so lautet das Grundrezept. Weitere Zutaten sind Björk-eske Stimmen und esoterische Klänge, verzerrte Gongs oder Klangschalen-Sounds. Weitere Zutaten des Albums, das in einem leerstehenden Lagerhaus aufgenommen wurde: Perkussive Elemente, sphärische Flächen und ebenso elfengleiche Stimmen treiben den vorab veröffentlichten Track „Butterfly Effect” gepflegt voran. Nach dem Album hat man Lust, sich Blade Runner im Original anzuschauen und danach eine alte Bill-Laswell-Scheibe aufzulegen. Liron Klangwart

Om Unit – Threads (Remastered 10 Year Anniversary Edition) (Civil Music)

Om Unit war schon immer einer, der Breakbeats nicht nur lebte, sondern auch ständig weiterdenken wollte. Sein wegweisendes Album Threads von 2013 bekommt nun eine verdiente Neuauflage, die dank Remastering noch beeindruckender klingt. Als Om Unit circa 2010 auf der Bildfläche erschien, war das offene Spielfeld der Post-Dubstep-Szene in vollem Schwung, und so traute sich Jim Coles aus Bristol in seinem Bedroom-Studio mit etlichen Iterationen aus Breaks und Subbass zwischen 120 und 180 BPM zu experimentieren. Releases aus dieser Zeit zeigen einen Künstler auf der Suche nach seiner Sprache, es finden sich Tropen aus IDM, Techno, Dub, Jungle und Hip-Hop.

Dass er auf Threads einen eigenen Sound gefunden hatte, wird auch beim erneuten Hören eine Dekade später deutlich. Die Atmosphäre ist dicht und gibt vielen Tracks mehr als nur Tool-Charakter; es sind kleine Geschichten, wie man sie von ähnlich vielseitigen Kollegen wie Djrum erwarten könnte. Dagegen hatte Coles aber auch immer ein starkes Hip-Hop-Element mitschwingen und stärkere Electronica-Einschläge als andere im Crossover-Bereich von Jungle und Dubstep aktive Produzenten. Genau das macht Threads so unterhaltsam und abwechslungsreich, mit vielen herausragenden Gast-Vokalisten, die dem Album Persönlichkeit und Wiedererkennungswert verleihen, ohne jemals poppig zu wirken. Daneben überzeugt aber auch der rein instrumentale Teil nach wie vor als ein einzigartiges Amalgam aus allen Spielarten der Bass Music. Leopold Hutter

Quimbie – Hello, It’s Jemlo (Kame House)

Auf dem zweiten Album spannt Quimbie einen recht großen stilistischen Bogen von fast schon ätherischer Electronica über Trip-Hop-Verwandtes bis hin zu schnelleren und energetischeren Breakbeat-Stücken. Letztere erinnern aber, besonders melodisch, auch an Jazz-Rock- und Jazz-Fusion aus den Siebzigern, an Projekte wie Weather Report oder Return To Forever – vor allem „Blinkerquark” und „Soja Glue”, beides Breakbeat-Tracks mit Drum’n’Bass-Wurzeln, die auf den ruhigen, sphärischen Opener und Titeltrack folgen. Daran schließen vier atmosphärische Downtempo-Stücke an, die gut 25 Jahre zurückführen in die große Zeit von Leftfield-Produktionen und instrumentalem Trip-Hop, die Quimbie ohne Schnickschnack, ohne aktuelle Software-Tricks, aber auch ohne epigonenhaft-wehmütiges Inszenieren einer verklärten Vergangenheit kreiert.

Wenn in „Pull The Trigger“ nach einigen Takten der Bass einsetzt, stellt sich unmittelbar und ein wenig gespenstisch dieses unvergleichliche Massive-Attack-Gefühl ein, aber mit einem geschmackssicheren Dreh in Richtung Underground, Abteilung weniger Cinemascope, mehr Arthouse-Kino. Zu all diesen Bezugslinien passt, dass das Album neben der obligatorischen digitalen Form auch als limitierte CD erscheint – eine bewusste Reminiszenz an die kurze und phasenweise mit einer speziellen Energie aufgeladene Millennium-Epoche. Mathias Schaffhäuser

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