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Mixe des Monats: November 2023

Reinier Zonneveld – Essential Mix (BBC Radio 1)

Der niederländische Produzent, Live-Act und Labelinhaber von Filth on Acid Reinier Zonneveld gibt sein Essential-Mix-Debüt. Damit tritt ein Künstler an, der für seine komplexen Live-Performances und seine Fähigkeiten im Umgang mit analogen Synthesizern und einem hochmodernen Maschinenpark bekannt ist. Zwei Stunden ballert ein Techno-Gewitter, das jegliche Niedlichkeit im Keim erstickt. Zu hören gibt es 24 Tracks, die fast ausschließlich von Zonneveld selbst produziert wurden oder Duo-/Trio-Kollaborationen sind.

Der Mix katapultiert direkt ins Geschehen: „Der Club macht Liebe mit seinem Raver”, heißt es zu Beginn, was an klebende Körper, Lust und Unermüdlichkeit erinnert. Mit jeder Schicht gewinnt der Mix in rasanter Intensität an Tiefe und Komplexität. Eine halbe Stunde drin, und es gibt kein Halten mehr. Die akustische Essenz manifestiert sich in treibendem Gewummer ohne Pause – ekstatisch, laut, kribbelnd. Die Kombination aus stampfenden Basslinien, eingängigen Vocals und knackigen melodischen Exkursen entlädet eine rohe Energie bis zur Vollkommenheit. Bis zum Ende gibt es die volle Dröhnung Zonneveld. Eine makellos infektiöse Aneinanderreihung von Liebe, Sehnsucht und Rave. Laura Baumgardt

Power Suff Girls: Nachtipod // Nachtiville 2023 (Wave Cave)

Die letzten zwei Jahren wurde die Welt der elektronischen Musik von post-pandemischer Euphorie geprägt. Man konnte den endlosen Tik-Tok-Edits nicht entkommen, auch die 150-BPM-Trance-Tracks hatten zugegebenermaßen ihren Reiz. Zu einem hochgepitchten, technoiden Madonna-Remix raven zu gehen ist doch lustig, nicht wahr? Während zigtausende Boiler-Room-Besucher:innen mit gehobenen Handys munter weiter zu dem piepsigen Sound „raven”, hat ein Großteil der Party das Trance-Revival hinter sich gelassen – es wird Zeit für Abwechslung.

Dass klassischer House und humane 130 Beats pro Minute die Menge zum Beben kriegen, bewies das deutsche DJ-Duo Power Suff Girls auf dem winterlichen Nachtiville Anfang des Jahres. Selbst nach Ende des Festivals verwöhnen die Veranstalter:innen Fans mit Uploads auf Soundcloud. So werden Zuhörer:innen diesen Monat mit einem zweistündigen Mix des dynamischen Duos beschenkt. Die Live-Aufnahme aus der Wave Cave beginnt zunächst mit perkussiven House-Tracks und entpuppt sich schnell als eine Genre-übergreifende musikalische Reise. Der Mix nimmt sich mit Progressive, Disco und gelegentlichen Bangern vielseitig aus. Die DJs sorgen für ausreichend Vocals und Groove und verzichten beim Closing dennoch nicht auf einen etwas basslastigeren, trancy Track. Die Power Suff Girls zeigen, wie man energiegeladene Sets zeitgemäß gestaltet und die Tanzfläche auch ohne trashige Edits erobern kann. Charlotte Elsen

3LNA LFE-KLUB Mix 53

Hardcore Jungle und Drum’n’Bass in einem Live-From-Earth-Klub-Mix? Das liefert 3LNA, Producerin und DJ aus Berlin. Bekannt wurde sie mit ihrer träumerischen Stimme, die über selbst produzierten Beats schwebt, mittlerweile hat sie sich auch als DJ etabliert und präsentiert der deutschen Technoszene mit ihren Drum’n’Bass-Sounds einen erfrischenden Twist.

Durch die 50 Minuten des Mixes rollen uns nur die fettesten Bässe entgegen: Drum’n’Bass, UK Bass, Jungle – alles ab 175 BPM und nichts darunter. 3LNA überrascht mit neuen Edits, darunter beeindruckende Interpretationen von etwa Skin On Skins’ „Burn Them Bridges”. Auch Nia Archives findet wiederholt ihren Platz im Mix, sie trägt die Hörer:innen mit ihrer unverwechselbaren Stimme durch das Set. Zwischen Percussion-Madness, Backspins und 2-Step-Beats pulsieren auch Elemente aus Dubstep und Grime. Psychedelische Atmosphären erweitern das Set durch eine epische Note.

Insgesamt eine herausragende Selektion von Tracks, die die Vielfalt und Intensität der modernen Drum’n’Bass-Szene widerspiegelt. 3LNAs Mix verpasst LFE mit ihrer beeindruckenden Breakbeat-Erkundung nicht nur einen Frischekick, sondern auch neue Aufmerksamkeit aus der Bass-Szene. Mit schrillen Geräuschen und pulsierenden Beats zieht sie auf die Tanzfläche und reißt in einem Wirbel aus Energie mit. Ameera Lumb

Roman Flügel – 11 November 2023 (Rinse FM)

In diesem Mix zeigt Roman Flügel, der auch für seine bleepy Minimal-Techno-Produktionen bekannt ist, seine housige Seite. Den Ton geben hier melodische, zeitgenössisch klingende Tracks wie „We Got Those Faces” von Girls Chat Room oder „Meine Lederjeans” von Josh Caffé an, die allerdings nicht nur unter dem Oberbegriff House firmieren. Mit ihren Vocals legen sie auch eine Pop-Sensibilität an den Tag. Und das mit pitch-perfektem Mixing, wie man es von Flügel kennt.

Mit dieser Formel geht der ganze Mix weiter, den einzigen Bruch gibt es ganz am Anfang: überraschenderweise startet Flügel mit „Violet” von Machinedrum, das ausnahmsweise keinen Four-To-The-Floor-Groove hat, sondern mit Electronica-Breaks arbeitet. So sehr Flügel auf einen konstanten Flow setzt, hat der Mix aber auch einige Peaks, zum Beispiel „Greed” von Shangri-lies gegen Ende. Der Track erinnert an die nüchterne, fokussierte Dancefloor-Ästhetik des Robert Johnson, in dem Flügel seit vielen Jahren Resident ist. Derin Senbaklavaci

Igor Botur – Feldkirch Tape I

Jaja, hört ihr mal weiter euren Krach, ich hör jetzt das, was Igor Botur macht, weil der ja immer was macht, vor allem mit der Musik. Und wenn’s nicht gerade Coco-Jamboo-Mucke ist, dann klopft der Bildhauerorganisatorproducer in, dreimal dürft ihr raten, Dreisechseins-Berlin halt ein paar Mixtapes zusammen.

Mit Mischen ist da grob gesagt nix – eher rein, raus, Micki Kraus, eh! Aber die Tracks sind geil, und darum geht’s bei der Sache ja irgendwie. Also los, halbe Stunde, grad lang genug, um sich danach einzureden, dass man heute was gemacht hat, außer acht Stunden krumm vor dem Mac zu versumpern. Joy Division, Danny Brown, irgendwas aus den Siebzigern und ein Mann im Mond. Ist ja alles wunderbar. Und dann auch wieder vorbei. Christoph Benkeser

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