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Juni 2023: Die essenziellen Alben (Teil 2)

Brigitte Barbu – La science des imbéciles (Circus Company)

Julien Augers Spielwiese für freaky Electronica geht in die zweite Runde. Als Brigitte Barbu widmet sich der Franzose mit aus jedem Takt quellender Leidenschaft Musik jenseits gängiger Definitionslinien. War das Debüt Muzak pour ascenseurs en panne mit seinem genialen mehrteilig-leitmotivischen Stück „Trou Vert” eher melancholisch-tiefsinnig und von Jazz und Noise geprägt (wobei, wie gesagt, Definitionen hier nur ungenügend funktionieren), transportiert La science des imbéciles einen anderen, leichtfüßigeren Geist. Und der wirkt definitiv psychedelisch beschwingt, egal ob durch lustige Pilze oder kreativitätsfördendes Vintage-Equipment.

Direkt im Eröffnungsstück verwischt die Gewissheit, ob hier Synthesizer sprechen oder Menschen wie Maschinen zu klingen gelernt haben. Und so murmelt-brummelt und blubbert es im Verein mit wabernden Wah-Wah-Gitarren und freilaufenden Loops weiter durch 17 (!) Stücke, die aber oft nur ein bis zwei Minuten lang sind und wie Überleitungen wirken. La science des imbéciles – auf Deutsch: „Die Wissenschaft der Narren” – erscheint als Ganzes tatsächlich wie ein endloser Übergang vom Unbestimmten ins Unbekannte und zurück ins Niemandsland, und das alles bei bester Laune, ohne Trübsinnigkeit, ohne Zwang, etwas finden oder aussagen zu wollen – eine Laune, die in feinster Hofnarrentradition ablenkt und gerade recht kommt in Tagen, die geprägt sind von düsteren Ahnungen. Mathias Schaffhäuser

Caterina Barbieri – Myuthafoo (light-years)

Das Jahr 2019 war für Caterina Barbieri ein besonderes. Ihr Album Ecstatic Computation erschien bei Editions Mego, was ihren psychedelischen elektronischen Patterns mit diesem sehr eigenen Fluss noch einmal mehr Aufmerksamkeit bescherte. Im selben Jahr nahm Barbieri parallel dazu ein zweites, bis vor kurzem unveröffentlichtes Album auf, das sie in geschwisterlichem Verhältnis zu Ersterem sieht.

Myuthafoo, das sie auf ihrem eigenen Label herausbringt, bildet den kontemplativeren Gegenpart zu den ekstatischen Sequenzen der anderen Platte. Was nicht heißt, dass hier weniger los wäre. Die Patterns pulsieren mindestens genauso dynamisch, in steter Veränderung begriffen, sie scheinen bloß ein wenig mehr Raum bekommen zu haben, um sich in ihrem eigenen Nachhall zu entfalten. Mitunter bewegen sie sich zudem mit einer dichten Vielstimmigkeit, die, bei „Math of You” etwa, an weniger geläufige Minimal-Music-Klassiker wie David Bordens The Continuing Story of Counterpoint denken lässt.

Bliebe die Frage, was der Titel Myuthafoo eigentlich bedeutet. Womöglich hilft es, die anderen Titel der Platte zu vergleichen und nach strukturellen Ähnlichkeiten zu suchen. Barbieri scheint jedenfalls nicht allein mathematisch präzise an ihre Musik heranzugehen, sondern auch mit viel Freude an Spielereien. Eine Kombination, die fantastisch aufgeht. Tim Caspar Boehme

Coco Bryce – Computer Love (Myor)

Das viel beschworene Comeback von Jungle und UK Hardcore ist schon seit Längerem in vollem Gange. Einer der hellsten Figuren dieser Szenerie ist Coco Bryce, dessen letzterer Geniestreich mit dem Titel Mantra noch fleißig in manch einer Gehirnwindung hin und her rollt. Diesmal ist es ein ganzes Album, das auf seinem eigenen Label Myor erscheint. Er nutzt dieses Format und erschafft eine interessante Gewichtung der Elemente, die sich weniger statisch im Hardcore- und Jungle-Kontinuum verortet, sondern den Samples und Sounds gegenüber den Drums mehr Platz einräumt, um eine noch deepere, souligere Seite seiner Produktionen zu zeigen.

Gleich der erste Track liebäugelt im House-Tempo mit einem gewissen Crossover-Potenzial zwischen Four-to-the-Floor und Breakbeat, während Track 2 mit dem Namen „House Music” offen anspricht, wohin geschickt verbunden werden soll. Das gelingt ausgesprochen gekonnt, und wenn auch einen Tick weniger musikalisch, erinnert es an die besten Zeiten von Marc & Dego, die die Schnittstelle zwischen Jungle und House etwa mit Jacob’s Optical Stairway Mitte der Neunziger eindrücklich im Blick hatten. Insgesamt zieht sich diese Annäherung mit viel Soulfulness durch das ganze Album und streift dabei auch Ambient-Momente („Visibility Cloak”) oder, wie bei „Computer Love” oder „Eye New”, UK-bassige Experimente. Dass Bryce dabei nicht vergessen hat, wie ein Destillat aus Jungle-Breaks und Rave-Streichern die Arme auf jedem Hardcore-Floor sicher in die Höhe bringt, während die „E” so richtig an Fahrt gewinnt und der Kosmos greifbar zu werden scheint, zeigt er mit „Night Safari”.

Eine erfrischend facettenreiche Mischung, die die vielen unterbrochenen Entwicklungslinien unterstreicht, die zu Hochzeiten von Jungle und Drum’n’Bass vielleicht nur angerissen und im Trubel des schnellen Erfolgs des Genres zu Unrecht liegengelassen wurden. Es gibt viel zu tun. Packen wir es an. Richard Zepezauer

C-thru – The Otherworld (Pacific Rhythm)

Jesse Edwards hatte schon mal so eine Phase. Gemeinsam mit der Mitstreiterin Jessica Bailiff veröffentlichte er unter dem Namen Red Morning Chorus schön strohige Sounds im Niemandsland jenseits von Post-Rock, Downbeat und Electronica. Als Produzent hatte Edwards zuvor bereits an Produktionen von His Name Is Alive und Odd Nosdam mitgewirkt. Nun kehrt der Texaner mit dem Alias C-thru zurück. 

Durchsichtig wie die Flügel so mancher Elfe klingt auch die Musik auf The Otherworld: Sicht nach oben, Sicht nach unten, nach rechts wie links. Wohin das Auge blickt, es sieht wunderlich Gutes, eine utopische Ambientwelt, wo nicht mit Stahl und Beton gebaut wird, sondern mit Serotonin und Dopamin. Ab und an geraten Sprachsamples aus alten Sendungen in die gemütlich dahinplätschernden Human-Voice- und Flöten-Sounds, in „Glimpses Of Concentric Realities” gibt es Hintergrund-Kaskaden aus urzeitlichen LED-Lichterketten, während „Awake In A Dream” den Beat nach vorne holt, herzeigt, und sich dann fragt, was zuerst da war, der Traum oder das Wachsein. 

Das ist bei aller musikalischer Catchiness und Verweisfülle auf die materialistische Welt aus frühen Computerspielen, Frühneunziger-Netzaktivismus und uralten Sagen gerade in jenem Maße albern, wie es auszuhalten ist. So will es Jesse Edwards aber auch, er zieht es voll durch, und das ist die Freude an The Otherworld. Christoph Braun

DJ Bone – Further (Subject Detroit)

Further wird die letzte Katalognummer auf Subject Detroit sein, dem seit einem Vierteljahrhundert bestehenden Label von Eric Dulan, über das er vorrangig seine eigenen Releases als DJ Bone veröffentlichte. Es ist also ein Longdrink mit einem guten Schuss Wermut drin, den Bone seinem Publikum über zwölf Tracks hinweg serviert. Zugleich ist es sein erstes Album seit der massiven Triple-LP A Piece of Beyond aus dem Jahr 2018, nach der mit Ausnahme einer EP für fabric Originals herzlich wenig neue Musik erschien. Und der von seiner Amsterdamer Veranstaltungsreihe entlehnte Titel spricht aus, dass er mit diesem Album die Zukunft in die Augen nehmen möchte. Das gelingt ihm, obwohl er dafür eigentlich nah an den eigenen Wurzeln agiert.

Aus jedem Akkord, jeder Bassline und jeder bouncenden Kick quillt die nervöse Aufbruchstimmung, wie sie das Öffnen eines solchen neuen Kapitels gemeinhin begleitet. Das wird in der eigentlich klassischen, um nicht zu sagen historischen Klangsprache der zweiten Detroiter Welle präsentiert, der Bone seit Veröffentlichung seiner wunderbar betitelten Debüt-EP Electronic Birth angehört. Alles gleißt und glänzt, groovt und tut schlicht gut: Soul, aber Techno. Dulan gibt sich aber auch wunderbar verspielt wie auf dem verorgelten „The Standard” oder den perkussiven Monstern „Our Cosmic BBQ” und „Exorcising Ghosts From the Past”. Trance, daran erinnert Further mit einer Überdosis Freude, ist nicht Mittel zum Zweck. Es war schon immer das eigentliche Ziel dieser Musik. Kristoffer Cornils

Gacha Bakradze – Pancakes (Lapsus)

Für den georgischen Produzenten Gacha Bakradze ist das Backen von Pfannkuchen eine Metapher für Veränderung und Metamorphose. Weshalb er den Begriff als Titel für sein drittes Album für Lapsus wählte. Denn auf den zwölf Tracks der Platte bleibt er zwar seinem Grundsound treu – Basis für alle Stücke ist verspielt melancholische Electronica, die am ehesten an frühe, noch eher melodische Werke von Autechre denken lässt. Gleichzeitig erweitert er aber sein Klangbild, in verschiedene Richtungen gar.

So steht traurig sehnender Ambient neben technoiden, auf jedem Dancefloor Sinn machenden Sequenzen. Oder die zuckersüßen Arpeggio-Ozeanwellen des Hyperpop treffen auf fluffig techsteppende Drum’n’Bass-Rhythmen. Dann wieder Jungle, der wie auf Kinderinstrumenten gespielt erklingt. Und auch Trance-Melodien in hochgepitchten Stimm-Kaskaden über Gummiball-artig hüpfenden Electro-Beats ist er nicht abgeneigt. Alles verbunden in einem glasklar-räumlichen Sounddesign, in dem man sich sogleich zu Hause fühlt. Klingt nach ungewöhnlichen Pfannkuchen-Rezepten? Sicherlich, aber schmecken tun sie alle. Tim Lorenz

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