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Mixe des Monats: März 2023

Vitamine – Vitamine FM (Noods Radio) 

Vitamine, so nennt sich das Duo, bestehend aus Quentin Sagols und Léo Schwarb. Irgendwo zwischen Frankreich und Rumänien nehmen die beiden ehemaligen Artrax-DJs mit auf eine „multikulturelle Reise aus vergangenen Tagen und Rhythmen.” Als Residents beim Independent-Radiosender Noods aus Bristol liefern sie regelmäßig ihre vor allem von Acid-House angehauchten Mixe.

Mit dem Neuesten halten die beiden ihr Versprechen der multikulturellen Vielfalt und zeigen in knapp einer Stunde die Essenz von Musik: Groove. Viel Oh Oh und noch mehr Wah Wah geht einher mit Disco-Funk und einer subtilen Acid-House-Schleife. Die Assoziationen, die mit der Musik einhergehen, pendeln zwischen Beverly Hills Cop und einem Sci-Fi-Action-Computerspiel-Soundtrack à la Terminator.

Vitamine schaffen es immer wieder, versteckte popmusikalische Referenzen in ihren Mix einzubauen und so eine wilden und dennoch groovigen Fluss zu basteln. Stets vom Synthie getragen, gleitet der:die Hörer:in in das nächste musikalische Zeitalter, bis der Mix langsam in einem Piano-Solo ausläuft. Johannes Hartmann

A Strange Wedding – Further Inward Staffel 1 – Cycle Of Life And Death (Rinse FM)

Der Kreis schließt sich für A Strange Wedding diesen Monat. Mit der Fertigstellung von Further Inward Staffel 1 – Cycle Of Life And Death liefert der französische Nachwuchsproduzent Adrien Van de Velde einen sechsstündigen Konzept-Mix, in dem die Kreisläufe des Lebens in einer geheimnisvollen Ansammlung polychromer Einflüsse Ausdruck finden. In dem aus sechs Episoden zusammengestellten Mix auf Rinse FM wagt sich A Strange Wedding in die Grenzbereiche seiner musikalischen Fetischformen.

Von experimentellem Leftfield Dub bis hin zu psychedelischem Deep Techno bewegt sich Further Inward Staffel 1 – Cycle Of Life And Death zwischen fernen Dimensionen und Oden an die Unendlichkeit des Intimen. Ein dicht verwobenes Netz cleverer Beat-Progressions sorgt für nahtlose Übergänge, die auf eine spirituelle Erkundungsreise verschiedener Lebensformen führen. Hier kann sich zurückgelehnt und in einen sphärischen, experimentellen Klangfluss eingetaucht werden – stets begleitet von einer ununterbrochenen, feinfühligen Eleganz. Diese stellte A Strange Wedding bereits 2018 mit seiner ersten EP Meta Romance unter Beweis. Richtig ausgereift kam der Sound des Musikers aus Marseille jedoch erst 2021 auf Black Magic Rituals zur Geltung. Beide Platten erschienen auf Worst Records.

Über die Mix-Reihe hinweg treffen Tempi und Klänge aus verschiedenen Welten aufeinander. Raum und Zeit fallen aus ihrem Rahmen. Die Kicks wummern durch das Insektengewimmel, Hats flattern um die Ohren und wirren durch Amazonaswälder. Alles schwirrt und ergießt sich zu einer Art überirdisch-kosmischer und ritueller Musik. Abgehoben, und doch geerdet. In diesem eklektischen Hörerlebnis zeigt A Strange Wedding mit viel Gefühl und intuitivem Gespür, wie die Musik der Zukunft klingen könnte – ein spannender und durchaus gelungener Versuch. Sarah Neumann

Sam Goku – Truancy Volume 303 (Truants)

Mit einem Spoken-Words-Stück von Ana Roxanne und suggestiven Ethno-Klängen von ihm selbst startet Sam Gokus Truants-Mix eher in der Kunstinstallation als auf dem Dancefloor. Tracks von Mor Elian, Facta oder Konduku führen wenig später auf den ambitionierten Breakbeat-Floor. Das sind nur die ersten beiden Kapitel dieses mit 33 Tracks kurzweiligen Sets des Müncheners. Mit einem stark beschleunigten „Rhythm” von Joe Claussell und Jerome Sydenham gibt Goku dem Set eine unerwartete Tribal-House-Wendung, die in Dub-Techno-Grooves von Queniv und Malin Genie mündet. Deren forschender Duktus ist Anlass, die Breakbeats des zweiten Kapitels mit Dauwd und Thought Reform flächiger und IDM-lastiger wiederaufzunehmen. Dann signalisiert der Drum-Workout von Naco, dass wir beim Finale des Sets angekommen sind. Mit SBTRKT im Objekt-Remix gibt Goku der Achtziger-Abfahrt die für ihn unverzichtbare rhythmische Vertracktheit. Der Music-Man-Klassiker „Spectral Beats” von Time Syndrome von 1994 ist zugleich Höhepunkt und Ankündigung des detroitigen letzten Kapitel des Mixes, der mit Passarani, A+A und ᕦ(ò_óˇ)ᕤ so emotional endet, wie er begonnen hat. Alexis Waltz

DJ Voices – Live @ Nowadays // Opening before upsammy – March 4 2023

Seien wir ehrlich: Techno-Boomer haben nicht immer unrecht. Beschwerden, kaum ein:e DJ beherrsche mehr die Kunst des Warm-up-Sets, sind besonders in Zeiten, in denen in manchen Clubs von Anfang an auf mindestens 140BPM durchgeknüppelt wird, nicht völlig unbegründet. Gut, dass es DJ Voices gibt. Die aus Florida stammende und in New York lebende Künstlerin macht eine Sendung bei The Lot Radio und ist Resident im New Yorker Club Nowadays.

Zu ihrer regelmäßigen Nacht lud sie sich Anfang März upsammy ein, und was soll man sagen: das passt. Nicht nur das Visual – sollte da nicht eigentlich ein abgetrenntes Ohr statt eines Spiegels liegen? – für den Mix suggeriert eine Verbundenheit mit Thessa Torsings Bildsprache, die knapp drei Stunden aneinandergereihte Musik, mit stark perkussivem Einschlag, gebrochen und dennoch agil, komplimentierten upsammys Peaktime-Set sicherlich ganz hervorragend.

Kristin Malossi, so DJ Voices’ bürgerlicher Name, hüpft furchtlos ins Wurmloch, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Der Ritt klingt bedrohlich und in seiner Reizüberflutung hypnotisierend, was nicht zuletzt an der ein oder anderen Nummer im Dreiviertel-Takt liegt. Dennoch warten zwischen den ganzen Breaks und Bass-Music-Rollern Vocals und kleinere Pop-Momente. Oder schlicht messerscharfe Übergänge. Etwa als nach 71 Minuten Rikos „I Know” in den Mix kommt. Tolles Set, zu dem sich der Dancefloor vor dem inneren Auge immer mehr füllt. Maximilian Fritz

DJ Voices – Live @ Nowadays :: Opening before upsammy - March 4 2023

Wiener Gerüstbau invites: FARR (021)

Farr, zertifizierter Sucker für „schöne Akkordfolgen”, kraxelt auf den Wiener Gerüstbau. Hoch droben, über Designercouch und Sauerteig, pfeift ein kalter Wind über den Donaukanal. Es ist die Vergangenheit, die dem Euphorie-bedürftigen Praterstrassen-Musiker durch die Dreitagestoppeln streift. Doch: Die Frisur hält!

Kein Wunder: Wer downdowndowndowndown in die Panade fährt und mit FatCat eines der besten Tribal-Taschenmesser der Neunziger ausklappt, darf sich auch Love-Parade-Energy leisten. Danach steckt man die Hände in die Hose, klatscht die Tresortüren der Zweitausender zu und zerschlitzt mit Shygirl eine Ledercouch, weil: „Was sollen wir im Westen, im Osten is’ am besten!” Christoph Benkeser

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