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Dezember 2022: Album des Monats

Jascha Hagen – Songs For A Future Generation

Dem Drang nicht widerstehen und sich auf der Suche nach ungewöhnlichen Klangkombinationen nicht beirren lassen – Jascha Hagen heißt auf seinem aktuellen Album Songs For A Future Generation seltsame Gedanken willkommen. Seine zweite LP nach Harmonies Romantiques, die er nun auf dem Istanbuler Imprint Oath veröffentlicht, klingt so, als würde es Hagen nicht scheren, mit den acht Titeln vermeintliche Erwartungen an Tanzbarkeit sausen zu lassen. 

Die LP hat etwas sympathisch Eigenbrötlerisches. Sie ist hörbar, wenn man sich auf Klänge einlässt, die beim ersten und vielleicht auch zweiten Hören den Track eher aufrauen und nicht glatt runtergehen lassen. Beim Opener „QQQ” taucht nach anfänglichem Synth-Geblubber ein Knistern auf, als würde der Track sich im Innern einer Luftpolsterfolie befinden. Dazu gibt es neben dem stampfenden Beat elektronisches Flattern und Summen, das sich im Laufe des Songs immer mehr Raum nimmt. Wie der Closer „Slide Through The Valley” ist es der einzige Track, der im House-Sound mit Techno-Anleihen anschiebt. 

Wie soll man diesen Sound benennen?

Rabiat geht es bei Songs For A Future Generation trotzdem nicht zu. Die einzelnen Elemente, die federleicht über eine meist solide Bassline hüpfen, kommen zart daher. Bei „Gem” sind Synths und Pads so flächig und diesig angelegt, als könnte man die Textur des Sounds erfühlen. Auf „Too Far” lässt eine Gemengelage aus Rauschen, Knistern und Summen eine unheimliche Stimmung aufkommen. Obwohl die Tracks eine federnde House-Ästhetik vereint, die ihnen einen Klang gibt, als würden sie sich im dauerhaften Schwebezustand befinden, arrangiert der Leipziger Producer filigran und akzentuiert Elemente, die von mechanisch-kühl und repetitiv zu organisch-warm und intuitiv reichen. 

Jascha Hagen (Foto: Presse)

Wie soll man diesen Sound benennen? Irgendwas zwischen IDM, Weirdo-House und Keller-Techno-Anleihen? Schwierig, denn: Keine freche Phrase oder kecke Genre-Wortkonstruktion bringt den Sound des Albums auf den Punkt. Das ist auch gar nicht Sinn der Sache. Ein gutes Beispiel liefert „L7 Dream”. Das Setting ist eine düstere Traumlandschaft, in der die Pads wie ein Nieseln erscheinen und von einer süßlich hellen Melodie kontrastiert werden. Manchmal schallen donnernde Klänge hinein und manche Synths klingen wie das Krächzen von Krähen.

Der wilde Ritt durch Hagens Klangrepertoire hört sich wie ein neugieriges Verlangen nach ungewöhnlichen Texturen

Die tiefgehende Bassline und ein ins Ohr kriechendes Summen lassen den Traum immer weiter ins Schräge abrutschen. Zusätzlich zu der gegen Ende auftauchenden sich melancholisch wiegenden Synthmelodie schlägt ein Vocal im Loop seine Runden. Während zu Beginn nichts aus der abgekappten Aufnahme zu verstehen ist, klingt sie durch die ständige Wiederholung doch fast wie ein Wort – aber nur fast und das seltsam-schräge Gefühl, das den ganzen Track einrahmt, bleibt bestehen. 

Immer wieder kommen beim Hören der Kompositionen neue Ausdrücke oder Worte in den Sinn. Manches klingt im Ansatz wie Field Recordings aus dem Wald, anderes wie ganz und gar anorganische Materie. Der wilde Ritt durch Hagens Klangrepertoire hört sich wie ein neugieriges Verlangen nach ungewöhnlichen Texturen, Stimmungen und Klangkombinationen an.

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