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Motherboard: September 2022

Der Kultur/Event-Zusammenhang Digital in Berlin, kurz D/B, hat sich im August um ein gleichnamiges von Michael Rosen kuratiertes Label erweitert, auf dem nun nicht nur digitale Veröffentlichungen im typischen D/B-Sound erscheinen sollen. Also elektronisch, nach dem Club, vor der Kunst, zwischen der Avantgarde. Den Anfang machte im August der Pole Piotr Bednarczyk alias LOUFR, dessen Isolated Point (Digital in Berlin, 19. August) den hybriden D/B-Sound zwischen abstrahiertem R’n’B und konkreter Elektroakustik bestens repräsentiert.

Dem zweiten D/B-Album Pindrops (Digital in Berlin, 19. August) des Berliner Produzenten und bildenden Künstlers Dylan Peirce hört man eine (vergangene) Nähe zum Club noch etwas deutlicher an. Sie manifestiert sich in hibbeligen Kleinbeats und bassigem Wumms. Beide D/B-Veröffentlichungen eint eine zeitgenössische Ästhetik der digitalen Collage. Samples und Sounds sind in Loops und Schleifen gesetzt, diese folgen aber keiner geradlinigen Logik, sondern haken und verkanten sich gerne mal zu Noise-Clustern oder lösen sich in Stille auf, gerne nicht-binär, simultan und liquide. Eine unterschwellige Unruhe aber bleibt.

Vor knapp zwei Jahren hat der junge Franzose mit dem kryptischen Alias S8JFOU in einer einsamen Berghütte für sich selber – und für uns – die IDM der Neunziger nochmal neu erfunden, einfach so. Wo das damalige Album Cynism die Abkehr vom Lärm der Welt in eine durchaus noch immer lärmige und hibbelige Electronica übersetzte, markiert Op·Echo (Parapente Music, 21. September) einerseits eine ganz andere Art von Weltabgewandtheit, nämlich die einer Konzentration auf das Wesentliche. Das Album ist rein digital und wie im Albumtitel angedeutet mit nur zwei Werkzeugen gebaut, nämlich dem Synthesizer „Operator” und dem Delay-Effektplugin „Echo”. Diese beiden eher simplen Ableton-Erweiterungen genügen, um einen hochauflösenden Pre/Post-Club-Sound zu generieren, der ganz vorne mitspielt im modernen Synthesizergeschehen.

Die geballte archaisch-mythische Kraft des Blind Emperor von The Allegorist in eine neue Form zu bringen, die noch Sinn ergibt, ist kein einfaches Unterfangen, haben die einzelnen Stücke doch jeweils eine erzählende Binnenstruktur und sind dabei in einen starken sinnstiftenden Kontext eingebunden. Also etwas, das zu Progrock-Zeiten mal Konzeptalbum hieß und eher selten einem Remixprozess unterworfen wurde. In Post-Club-Prog-Techno-Zeiten ist das natürlich anders. Und doch sehen sich die Bearbeitungen vor der schwierigen Aufgabe, dem Geist des Originals gerecht zu werden und etwas Eigenes hinzuzufügen. Wie der Name bereits andeutet, haben die einzelnen Tracks von The Round Table (Awaken Chronicles, 9. September) eher den Charakter einer Fortschreibung des Blind-Emperor-Kosmos, folgen verborgenen Pfaden, die in den Tracks eventuell angelegt, aber nicht verfolgt wurden. Am offensichtlichsten etwa im gleißenden Ambient des wie immer exzellenten KMRU oder in der übervollen Techno-Katharsis von Magna Pia, die hier jeweils die klanglichen Extreme abgeben. Wobei tatsächlich alle Bearbeitungen dem Anspruch gerecht werden, die Ideen und den Sound von Blind Emperor weiterzuspinnen.

Die Rhythmen der nichtbinären Produzent:in Authentically Plastic aus Kampala, Uganda sind aus den sonischen Ausdrucksformen der musikalischen Apokalypse geboren, aus Industrial und Post-Punk, verfolgen aber eine ganz andere, queere Politik des Clubsounds, als es die verkörperten Genres je im Sinn hatten. Die geraden und halbgeraden Beats von frühem Techno, Jungle und Rave werden in Überlagerung, Puls, und Phasenverschiebung in einen angeregten Zustand versetzt, sie vibrieren und interagieren auf einer tieferen Ebene. In der Form fast gerader, breakreicher, gnadenlos dichter und schwerer Drum’n’Bass-Punisher bewegen sich die Tracks doch hinter der stetig hämmernden Soundoberfläche viel geschmeidiger als sonst irgendwo. Subtile Bewegung und Freiheit in der Katharsis. Keine isolationistischen Keta-Hits. Es geht hier um Liebe und Tanzen.

Wenn ein Zusammenkommen spät stattfindet, ja überhaupt eher unwahrscheinlich scheint, dann kommt vielleicht so etwas überraschend Tolles heraus wie The Dictator (Glitterbeat, 9. September) von Catherine Graindorge featuring Iggy Pop. Die belgische Violinistin hat für die leider sehr knappe EP exquisit flirrende elektroakustische Soundscapes generiert, über die Iggy Pop einen existenzialistischen Bassbariton grummelt. Apokalyptische Postkarten aus einer allzu nah, allzu wahrscheinlich wirkenden postdemokratischen Zukunft.

Eine andere Art von Fügung, die nicht gerade naheliegend scheint, aber dann doch irgendwie sehr folgerichtig, ist, wenn der kanadische Sänger und Sound Artist Ian William Craig einen Soundtrack für ein Computerspiel schreibt. Music For Magnesium_173 (FatCat, 23. September) spielt sich im bekannten eigenwilligen und unmittelbar wiedererkennbaren Sounduniversum Craigs ab. Der Mann ist sein eigenes Genre geworden: Theatralische bis opernhafte Vokallinien, von einem Hagelsturm granularer Zerfallsoptionen porös geklopft, in einem analogen Tape-Looping-Prozess weiter verschleift, mürbe gemacht zu fragilen Nicht-mehr-Songs im Zustand kurz vor der spektralen Geistwerdung. Wie dieser Sound zu Gaming-Aktivität passt? Exzellent natürlich. Wobei Magnesium_173, eine Art dreieinhalbdimensionales Puzzle mit der Zeit als zusätzliche Dimension, bereits ein adäquat avantgardistisches Spiel darstellt, in dem Craigs Sound keineswegs fehlplatziert wirkt. Feine Synergien also.

Gab es zuletzt zu wenige Free-Psych-Out Triple-Tapes in dieser Kolumne? Tja. Nun aber Moth Cock, Duo aus dem amerikanischen Provinz-Suburbia Kent, Ohio im Mittleren Westen, liefert vollständige Abhilfe in Form von Whipped Stream and Other Earthly Delights (Hausu Mountain, 3. September). Der herrlich unkategorisierbare und wundervoll unvorhersehbare Sound, den sie produzieren, crasht jedes selbsternannte Freak-Format mit Stücken, die in drei – ok, 4:04 ist das kürzeste – oder 30 Minuten eine fremde und seltsame Welt bauen, die doch unwahrscheinlich vertraut erscheint. Ja, es gibt da durchgedrehte Collagen, elektronischen Power-Noise und Free-Jazz-Tröten, aber nie bis zum Anschlag ausgebrötzt. Die psychtropen Rauchwaren des musikalischen Irrsinns sind hier feinstens kalibriert und bestens abgewogen.

Der Berlin-Schweizer Multifunktions-Drummer Samuel Rohrer zeigt übrigens ebenso wenig Ermüdungserscheinungen oder nachlassenden Output-Druck. Sein jüngstes, quasi-live eingespieltes Percussion-plus-Elektronik-Soloalbum Hungry Ghosts (Arjunamusic Records, 23. September) ist bei aller bekannten Hibbeligkeit und Komplexität doch erstaunlich ambient geraten, zumindest im Höreindruck. In der Herstellung kann es nur auf allerhöchster Konzentration und Reaktionsschnelligkeit gebaut sein, bei der Menge an mikroskopischen Events, die hier passieren. Umso interessanter, dass es im Zusammenklang und Zusammenhang tatsächlich eher entspannend wirkt.

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