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Die Platten der Woche (KW36)

DJ Fucks Himself – Weisse Weste EP (Natural Positions)

Verspielte Breakbeats von Niklas Fucks sind am Hineinkommen. Die Vier-Track-EP mit zwei Digital-Exclusives bricht runter mit „Café del Mardcore”, unterbietet teuflisch lächelnd jeden Friseursalon-Wortwitz, um sich bei 148 Schlägen in der Minute kurz über Klingelglöckchen lustig zu machen, bevor die superhochpetitchten Stimmen schwirren.

„Dream Team” hingegen verschränkt Flöten und Footwork, eingehüllt in Sternenstaub versandet die Suche nach der Zählzeit im schwarzen Nichts, das vielleicht ja weiß ist. 

„Ausgefallen” ist ausgefallen scharf produziert. Rund rollen die Breaks, die WahWah-Gitarre schiebt sich plastisch in die Landschaft und die Maschinenbeats federn.Mit „Take It” wackelt ein hinternfreundliches Electro-Teil hinterher, jpeg.love, Co-Boss bei Raiders Records, remixt sich für die Digitalveröffentlichung „Dream Team” in eine Rave-Euphorie. UrbnMowgli geht für den „Take It”-Remix die Fuckparade suchen, so ranzig schnoddert es hier rum. Also: alles cool, klar, alles wunderbar. Christoph Braun

Mani Festo – Eyes Open (DEXT)

Nick Marks alias Mani Festo führt auch auf seinem DEXT-Debüt sein erst 2018 begonnenes, mittlerweile aber schon 13 EPs umfassendes Projekt fort, Breakbeats in all ihren Variationsmöglichkeiten zu umarmen und mit der dunklen Seite des Synthesizer-Imperiums zu vereinen.

Auf Eyes Open liegt sein Fokus dabei nicht so sehr auf Drum’n’Bass wie auf der Mehrzahl der vorangegangenen EPs. Der Fünftracker startet mit dem Titelsong auf 140BPM recht enstpannt, das Klangbild tendiert – klar – in Richtung Dunkelblaugrau, lediglich von ein paar helleren Akkorden aufgemuntert.

Damit ist die Stimmungslage definiert, die Track zwei auch nahtlos aufnimmt, allerdings auf forcierten 148BPM, die durch die verspieltere Drum-Programmierung aber wesentlich schneller wirken. Trotzdem dominiert weniger die Drum’n’Bass-Verwandtschaft, „Dreadnaught” ähnelt von Aufbau und der Wirkung her eher gutem technoiden Trance.Der Denham-Audio-Remix des Titeltracks baut sich dann um einen Wobble-Bass und orientalisch beeinflussten Beats auf, gefolgt vom dubsteppig-harten „Testflight” als Höhepunkt der EP und – als Digital-Bonus-Track – der ebenso mitreißenden Acid-Breaks-Fusion „Folding Time”. Mathias Schaffhäuser

Mani Festo – Eyes Open (DEXT)

Okzharp – Outside The Ride (Hyperdub)

Okzharp hostet auf Hyperdub einen Crashkurs in Polyrhythmik. Outside The Ride sind sieben Tracks, die nicht nur am Trafalgar Square für Chaos zur Rushhour sorgen, sondern in jedem Club am Verstärkerturm zündeln. Kein Wunder, der südafrikanische Producer in London hat eine Footwork-Vergangenheit. Seine Guest-Mixes im BBC-Radio pusteten mehr Bass aus den Woofern, als die Queen zur Nachmittagsekstase erlaubt, aber: So klingt Durban in der City of London. So will Okzharp in Ecstasy-Erinnerung bleiben. Egal, welchen Track man durch die Rekordbox schleift.

Outside The Ride besteht aus breitbeinigen Bangern, die die Style-Polizei bei Hyperdub in ihren Kanon durchwinkt. Die Synths hooken sich in den Frontallappen, der Bass gräbt in der Magengrube. Man küsst Beton und liebt den Dude für den Funk, den er aus Minimalo-Melodien quetscht. Wie Okzharp komplizierte Kopfficker-Rhythmen so einfach klingen lassen kann, bleibt sein Ableton-Geheimnis. Wer einfach nur auf Futur Zwei im MP3-Format steht, holt sich den Hyperdub ins Wohnzimmer – oder reißt damit zur nächsten Klubnacht ab. Christoph Benkeser

Okzharp – Outside The Ride (Hyperdub)

Paramida – Moonrise VII (Love On The Rocks)

Als Resident-DJ der Panorama Bar, im Robert Johnson und auf Rinse FM konnte Paramida in relativ kurzer Zeit Schlüsselpositionen in der Welt der Clubkultur besetzen. Mit Love On The Rocks kuratiert sie eines der geschmacksichersten Labels der vergangenen Dekade. Doch erst seit 2021 tritt Paramida auch als Producerin in Erscheinung.

Mit ihrer zweiten EP knüpft sie nahtlos an ihr Debüt Dream Ritual an: Die drei neuen Tracks erkunden das Revier zwischen Neunziger-Progressive-House, Goa und gegenwärtigem Emo-Techno mit souveränem Understatement, aber auf höchstem Niveau.

„Sailor Moon House” ist inspiriert von der gleichnamigen japanischen Manga- und Animeserie und verbreitet mit Mövenrufen über Brandungsrauschen balearisches Flair, während eine tiefe Bassline, Sonarsignale gepaart mit etwas Restacid und im Stereoraum oszillierende Trancefiguren unmissverständlich den Dancefloor adressieren.

Verglichen mit diesem Klangfarbenbonbon wirkt „Space Ride” mit einem Sample von SYTs „Drift” eine Spur funktionaler, aber auch fokussierter. „Paradise” heißt die Losung auf „33”, einem Ambient-Dream-House-Stück, dem trotz seiner Kürze eine gewisse Zeitlosigkeit eignet.Spezifisch ist die Wärme aller Tracks, wohingegen das Vinyl-Only-Konzept der Veröffentlichung zwar einem nachvollziehbaren Grassroots-Ethos folgt, aber letztlich vor allem, möglicherweise ungewollt, Spekulant:innen in die Karten spielt. Harry Schmidt

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Paramida – Moonrise VII (Love On The Rocks)

Rene Wise – Knock Motion EP (Blueprint)

I feel good – und Rene Wise sich wohl auch. Der Brite Andrew Shobeiri, der unter eben genanntem Pseudonym wohltuende Bassmassagen, aufblitzende Bleeps und verschrobene Beats in perfekter Harmonie zusammenleben lässt, hat jetzt den Blueprint-Hafen angelaufen. Die Chancen stehen gut, dass er mit seinem Alte-Schule-Verständnis von Techno dort in Zukunft noch öfter einfahren wird. Vielleicht ist es aber auch nur die Euphorie, die man nach dem Hören dieser Platte im Inneren fühlt.

Was genau hat es jetzt mit dem einleitenden Sich-Gut-Fühlen auf sich? Kurz auf den Punkt gebracht: Man kann es sich nur schwer vorstellen, aber James Brown kann auf einer Techno-Platte auch ohne Momente des Fremdschämens funktionieren. Statt Saxophon und Jazz-Trompeten gibt es auf „Frown Like Brown” nämlich tosende Bässe, geradliniges Beatbeben und eben – es ist des Rätsels späte Lösung – ein vokales Schnippselchen aus James Browns unsterblichem Song „I Feel Good”.Aber würde man diese EP nur darauf herunterbrechen, täte man sich und seinen Ohren keinen Gefallen. Auch die anderen drei Tracks sind es Wert, gehört zu werden. James Brown ist zum allerersten Mal in seinem Leben nur das Zuckerl obendrauf. Die Nummer 65 von Blueprint zeigt ganz klar auf, wieso britische Nachtmusik immer noch auf der Landkarte der Techno-Neuzeit festgehalten werden muss. Brutal, pulsierend und in seiner Gesamtheit doch so filigran und leichtfüßig. Das können so nur regennasse Inselbewohner:innen. Andreas Cevatli

Rene Wise – Knock Motion EP (Blueprint)

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