Foto: Christian Weidner (Coco Cobra)

Insbesondere für aufstrebende DJs hat die Pandemie die Wichtigkeit von internationaler Vernetzung einerseits und regionalen Zusammenschlüssen unterstrichen. Als Gründungsmitglied des Hannoveraner Kollektivs soft spot ging Coco Cobra so gesehen bestens ausgerüstet ins Lockdown-Limbo: Die queer-feministisch ausgerichtete Gruppe vernetzt sich graduell mit ähnlich gelagerten Projekten, schafft neue Bündnisse und Querverbindungen überall in der Welt, während sie genauso vor der eigenen Haustür aktiv bleibt. Die erst seit dem Jahr 2019 aktive DJ, die zuletzt im Umfeld des Labels Raiders als Produzentin debütiert hat, ist zudem Resident im neuen Club Weltspiele, der ebenso konsequent zwischen lokalem Engagement und weltgewandten Bookings navigiert. Coco Cobras Mix für unseren Groove-Podcast bringt Tracks von bisweilen sehr unterschiedlichen Lieblingsproduzent*innen der DJ zusammen.


Wie sah deine musikalische Sozialisation aus, was hat dich zur elektronischen Musik geführt?

Bis zum Jahr 2002 lebte ich in China mit meinen Großeltern und meiner Tante. Wir waren eine Arbeiter*innen-Familie, die weder Zeit noch die nötigen Ressourcen hatten, mich durch eine musikalische Bildung zu fördern. Nicht, dass sie es nicht wollten, aber musikalische Bildung ist einfach teuer und an Privilegien geknüpft. Als ich nach Deutschland kam, kannte ich abseits von chinesischen Mainstream-Pop-Balladen keine alternative Musik oder Subgenres. Die bewusste Auseinandersetzung mit Musik und den dazugehörige Pop- und Subkulturen, kam durch meinen Stiefvater, der eine Leidenschaft für Musik und das Plattensammeln hatte. Der Plattenladenbesuch am Wochenende war immer unser kleines Ritual. Als Teenagerin kam ich dann durch das Internet und vor allem soziale Netzwerke wie MySpace mit Electropunk, Synthie-Pop und Hybriden aus Electronica und House in Berührung. Durch YouTube tauchte ich zunehmend tiefer in den unterschiedlichsten Sphären der elektronischen Musik ab. Zeitschriften und Festivals, die sowohl Konzerte als auch elektronische Tanzmusik vereinten, erweiterten auch meinen musikalischen Horizont. Zu der Zeit entstanden auch Freund*innenschaften, in denen der Austausch über Musik sehr prägend waren.

Als DJ bist du seit dem Jahr 2019 aktiv, weshalb das Gros deiner Aktivitäten von der Pandemie geprägt war. Wie hast du in dieser Hinsicht die zurückliegenden zwei Jahre erlebt?

Durchwachsen. Zu Beginn der Pandemie hatte ich sehr viel Zeit, neue musikalische Eindrücke zu sammeln. Ich war hauptsächlich motiviert, mich mit dem neuen Input kreativ als DJ auszuprobieren. Das entfaltete sich dann größtenteils in Form von Mixes, Podcasts und Livestreams. Während sich die Lage der Pandemie im Sommer und Spätherbst 2021 entspannte, ging es dann recht schnell los mit Anfragen und tatsächlichen Gigs. Ich konnte endlich mal wieder vor Publikum spielen. Das war super ambivalent, weil ich immer sehr freudig aufgeregt und gleichzeitig auch ein bisschen überfordert war. (lacht) Ich musste die Interaktionen und den Umgang mit der direkten Resonanz vom Publikum erst mal wieder kennenlernen. Nichtsdestotrotz hatte ich über die letzten zwei Jahre das Glück, tollen Menschen zu begegnen und sehr viele neue, spannende Erfahrungen zu machen.

Mit dem Track “Skittles” auf der Compilation Queens of Club: Astral Booty hast du im Herbst 2020 auch als Produzentin debütiert. Welche Rolle spielt das Musikmachen in deinem Leben?

„Skittles“ war ein Versuch, vielleicht auch eher ein wildes Herantasten ans Produzieren. Ich habe mich davor bereits mit Field Recording auseinander gesetzt und hatte schon Erfahrungen mit Musikmachen im Bereich der Stummfilmvertonung gesammelt. Die persönliche Herausforderung mit dem Release war meine Ungeduld und die Tatsache, dass Produzieren einfach Zeit braucht. Momentan spielt das Produzieren leider eine weniger zentrale Rolle in meinem Leben, weil meine Kapazitäten von Lohnarbeit und Studium gerade sehr beansprucht werden. Ich würde gerne in Zukunft mehr Zeit ins Musikmachen und Produzieren investieren, aber ich versuche mir im Lernprozess selbst keinen allzu großen Druck zu machen.

Du bist Mitbegründerin des Club- und DJ-Kollektivs soft spot, das sich im Jahr 2019 in Hannover gründete und einen dezidiert queerfeministischen Ansatz verfolgt. Aus welcher Motivation heraus habt ihr euch zusammengefunden?

Am Anfang waren wir zu dritt und wir hatten alle bereits vereinzelt Erfahrungen im Klub- und Veranstaltungskontext, sei es DJing, Booking und mit kollektivem Arbeiten. Wir sind uns vor Partys und Clubs begegnet, haben uns über die Clubszene in und um Hannover ausgetauscht und hatten alle unterschiedliche wie sich überlappende Erfahrungen mit lokale Räumen gemacht, die auch negativ und von Übergriffen geprägt waren. Gleichzeitig hatten wir den Eindruck, dass hier in Hannover wenig von dem sichtbar und hörbar ist, was die Clubgeschichte ursprünglich ausgemacht hat: Clubkultur und -musik ist aus der LGBTIQA+-Gemeinschaft entstanden, maßgeblich von Schwarzen, Latinx, People of Color und queer-feministischen Gruppen geprägt worden. Diese Lücke war für uns der Impuls, wieder mehr queer-feministische Politiken lokal auf die Tanzflächen in Hannover zu bringen. Auch der Wunsch, Räume von und für marginalisierten Personen zu gestalten, die sich sicherer anfühlen, die ein Gegengewicht zu aktuellen gesellschaftlichen Normen oder Dominanzkultur bilden, um die Nächte wirklich gemeinsam genießen zu können.

Ein besonderer Fokus der Arbeit von soft spot liegt auf dem Austausch mit anderen Kollektiven, was sich unter anderem an dem von euch betreuten Podcast On Exchange sowie einer ganzen Reihe von kollaborativ entwickelten Events äußert. Warum ist euch die überregionale Vernetzung ein so großes Anliegen?

On Exchange ist ein sehr gutes Beispiel, denn initiiert wurde dieser Podcast ursprünglich vom Hamburger Kollektiv POSSY, das seit Jahren lokale feministische Arbeit leistet und musikalische Vielfalt generiert. On Exchange war erst der Auftakt für Gespräche und Freund*innenschaften, die daraus entstanden sind. Vernetzung ist deshalb so wichtig, weil sie Vereinzelungen vorbeugen und man das Gefühl hat, nicht alleine zu sein mit den Hürden, die ehrenamtliche Kollektivarbeit so mit sich bringt. Obwohl wir an unterschiedlichen Standorten aktiv sind, konnten wir im Austausch miteinander feststellen, dass wir alle mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Und dass die Probleme um Sichtbarkeit, Ressourcen und Sicherheit strukturelle Probleme in der Musikszene sind, die keine*r von uns alleine lösen kann. Wir finden, dass die Kommunikation über Strategien und sich gegenseitig überregional zu unterstützen bei – überwiegend – ehrenamtlicher feministischer Arbeit fundamental sind, um diese Arbeit weiterzumachen. Das hat denke ich auch viel mit unserem Verständnis von Kollektivität und Solidarität tun.

Auch gehörst du seit Beginn zu den Residents des neuen Hannoveraner Clubs Weltspiele. Wie kam es dazu?

Als ich mit dem Auflegen angefangen habe, konnte und wollte ich mich nicht wirklich auf eine Genre festlegen. Es sind immer die Stimmungen und ein gewisses Sounddesign in den Tracks, die mich faszinieren und begeistern. Die daraus entstehende Vielseitigkeit kann manchmal beim Auflegen herausfordernd sein, sowohl als DJ aber auch für die Zuhörende. Deshalb bin ich ständig auf der Suche nach “meinem Sound” und meiner Verortung in der Szene. Als ich fürs Studium nach Hannover zog, war Florian [His Master’s Voice] eine der ersten Personen aus Hannovers Musikszene der ich begegnet bin. Wir haben uns seit jeher oft über Musik ausgetauscht und über die Zeit habe ich weitere Freund*innenschaften in der Stadt geschlossen. Sie alle haben mich musikalisch sehr bereichert und mich in der Szene hier willkommen geheißen. Eines Tages erzählte Florian dann von einem neuen Club, der musikalische Diversität und lokale Akteur*innen unterstützen möchte und fragte mich ob ich dort regelmäßig spielen möchte.

Nach der Eröffnung im Oktober 2021 fanden nur wenige Klubnächte statt, bei zwei von ihnen hast du gespielt. Welche Erfahrungen hast du aus den bisherigen Veranstaltungen mitnehmen können?

Es war mir eine Freude, die Bühne an beiden Abende mit so tollen Künstler*innen wie 41ISSA, Luz1e, Gian und weiteren teilen zu können. Für mich ist es immer wieder inspirierend, anderen DJs bei der Arbeit zuzuschauen und zuzuhören. Dass es nun in Hannover möglich ist, so ein breites Spektrum an Künstler*innen hören zu können, stimmt mich zuversichtlich. Der Club befindet sich im Aufbau, aber das aktuelle Booking spiegelt, für mich persönlich, sein Potential wider. Auch wenn der Club mit einem Awareness-Konzept und -Team arbeitet, habe ich bereits die Grenzen dessen erfahren. Leider war ich an einem der Abende mit sehr unangenehmen Besucher*innen konfrontiert, die mich bei meiner Arbeit störten, die Grenzen meines persönlichen Raumes überschritten und ich musste mir sogar von einer Person rassistische Kommentare anhören. Awareness-Team und Artist Care waren aus Kapazitätsmangel an dem Abend nicht verfügbar für mich. Mir ist bewusst, dass Clubs nicht frei von Diskriminierungen und Übergriffen sind. Aber wenn Clubs betont utopische Räume und safer spaces versprechen, sollten sie auch ihre Ressourcen in interne wie externe Bildungsarbeit, die nötige Infrastruktur und ausreichend Personal in den Bereichen Awareness und Care investieren. Dass Clubs sicherere Orte werden, ist ein langwieriger Prozess, der von seiten der Clubs viel Arbeit, Reflexion und die Bereitschaft braucht, sich auch langfristig diesen Problematiken anzunehmen. Wenn sich Clubs von Beginn an und fortlaufend Awareness und Care mit der nötigen Ernsthaftigkeit widmen, besteht die Chance, dass sich diese Räume nachhaltig strukturell anders gestalten lassen.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unseren Groove-Podcast?

Für den Mix habe ich einige meiner Lieblingsproduzent*innen der letzten Jahre rausgesucht.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Eines meiner persönlichen Ziele ist es, mein aktuelles Studium zu beenden, um mehr Raum und Zeit fürs Musikmachen zu schaffen. Ich hoffe, dass wir alle ganz bald wieder Veranstaltungen organisieren und umsetzen können.

Stream: Coco Cobra – Groove Podcast 328

01. Windowseeker – Z-Travel
02. Coe – Radial (Or:la remix)
03. Mary Lake – Magnetic Island
04. Cassius Select – Scrooge
05. Faff – Course Poursuite
06. D. Tiffany – AK
07. Luxe – May I Help You
08. Sansibar – Force Of Equilibrium
09. Andi A. – Maschine Emotions
10. Luz1e – Oscillatory Pulse
11. Reptant – March Of The Repazoids
12. DJ Swisha – Spirit Airlines Distress Track
13. DJ Simlocked – Data Jit
14. Sherelle – 160 DOWN THE A406
15. Fauzia – Progression
16. DJ Swagger – Deep Down (M Ruffing RemixX)
17. BootyPowder – On the flow
18. Jana Rush – Beat Maze
19. DJ Earl – Ya Bish
20. Oceantied – Outer World
21. Mathis Ruffing – FMeral
22. Auco – Enjoy the Light
23. Driss Bennis & Swoze – Networks

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