Blawan – Woke Up Right Handed (XL)

Blawan - Woke Up Right Handed (XL)

Seit 2015 hat Blawan eigentlich nur noch auf seinem eigenem Label Ternesc veröffentlicht. Erstaunlich also, dass sich seine neue EP jetzt beim Major XL Recordings wiederfindet. Allerdings scheint sich auch stilistisch etwas getan zu haben bei Jamie Roberts, der sich ursprünglich mal mit UK-Bass-Mutationen einen Namen gemacht hatte, in den letzten zehn Jahren dann aber doch mit relativ geradlinigem Maschinen-Techno zum Headliner-Act avanciert ist.

Interessanterweise erinnert die neue Platte Woke Up Right Handed direkt an sein unvergessenes Release von 2012 auf Joy Orbisons Hinge Finger. Damals war es der nicht ganz ernst gemeinte Track „Why They Hide Their Bodies Under My Garage”, der unerwarteterweise mit teuflischen Vocals und spitzen Schreien zum außergewöhnlichen Underground-Hit wurde.

Neun Jahre später kehrt Blawan also zurück zu einem Sound, der irgendwie an Horrorfilme und B-Movies erinnert. Alles übermäßig stark verzerrt, rauscht und rumpelt umher, Geräusche und musikalische Elemente sind nicht mehr voneinander zu trennen. Und genau wie diese B-Movies scheinen auch die Tracks auf dieser EP sich nicht wirklich ernst zu nehmen; seien es die Leadsingle „Under Belly” mit ihrer schrägen Kirmes-Melodie und dem höllisch langen Breakdown oder die satanisch anmutenden Soundeffekte auf dem böse knurrenden Unterwelt-Stepper „Blika”. Ob Blawan nun wieder bei diesem zweifelsohne atmosphärischen, dafür aber doch deutlich weniger clubaffinen Horror-Techno bleiben will? Schade nur, dass die Platte ganz knapp nach Halloween herauskommt, hätten ihre Stücke doch perfekt zum allgemeinen Gruselambiente gepasst. Leopold Hutter

DJ Stingray 313 – Molecular Level Solutions (Micron Audio)

DJ Stingray 313 – Molecular Level Solutions (Micron Audio)

Frische, überraschende neue EP von DJ Stingray 313, jenem Detroiter DJ und Produzenten mit Wohnsitz in Berlin, dessen Gesicht nur wenige kennen und der genau deshalb stets direkt erkannt wird. Wer seine DJ-Kunst schätzt, der ist im Bilde über sein Geschick der schnellen, fließenden Perspektivenwechsel. Electro, Techno, House, Funk – aus vielen kleinen Partikeln zaubert er ein bewegendes Fließgleichgewicht, auf dem für kurze Zeit die Zukunft getanzt werden kann.

Auch als Produzent interessierte ihn schon immer mehr die kommende Zeit im Neonlicht der endlosen Detroiter-Highways. Zwischen 2007 und 2017 dokumentierte Stingray mit einem Album und zahllosen EPs seinen atemlosen Electro- und Techno-Forschungsdrang. Dann war plötzlich Pause. Nun veröffentlicht er nach fast fünf Jahren mit Molecular Level Solutions vier neue Tracks auf seinem Label Micron Audio, die enthüllen: DJ Stingray hatte keine Schaffenskrise! Vielmehr scheint er so detailverliebt gearbeitet zu haben, dass einfach ganz viel Zeit verging. Zwei vier- und knapp fünfminütige Tracks, in denen die Liebe zum Detail nicht knöchern wirkt, sondern lebendigen Funk erzeugt. Molekularen Detroit-Funk, in neuer, psychedelischer Lackierung.

Der Opener „Bioplastics” trumpft mit dichtem Basspuls und verdrehten Synthpads gleich zur Peaktime auf. Mit „Construction Materials from Organic Waste” folgt nebliger Magic-Mushroom-Warehouse-Electrofunk, und „Carbon Neutral Fuels” lässt Techno in Dub tropfen. Zum Abschluss macht „Enzymatic Detergents” mit nervösem Synth-Zittern und synkopiertem Electroswing nochmal deutlich, dass der Micron-Audio-Labelclaim, „eine Drehscheibe für einen modernen und futuristischen Electrosound” zu sein, keine leere Marketingfloskel ist. Michael Leuffen

Donato Dozzy – 124 EP (Tresor)

Donato Dozzy – 124 EP (Tresor)

Ein Jubiläum wie 30 Jahre Tresor bietet sich naturgemäß als Rückschau an, und der Produzent Donato Dozzy nutzt seinen Beitrag, um einen Klassiker der Automobilmarke Fiat zu würdigen: den 124, eine Familienlimousine, die bis in die achtziger Jahre gebaut wurde, abgebildet auf dem Cover.

In der Musik findet sich davon nichts direkt wieder, doch der Gedanke zählt. Wobei die elegant ohne großen Kraftaufwand rollende erste Techno-Nummer, „Messy Kafka World”, vom Design her allemal passt. Gewohnt reduziert im Einsatz der Mittel auch „Synthi Chase”: auf die Knochen reduzierter Acid ohne das gern zum Klischee geronnene Blubbern. Im abschließenden „Cassiopeia 36” scheinen sogar zwei Takte gegeneinanderzulaufen. Vier Tracks, die auf frische Art no-nonsense sind. Klarer Grund zum Feiern. Tim Caspar Boehme

rü – Blue / Green EP (Super Legit)

rü – Blue : Green EP (Super Legit)

Andrew Luhring. Von dem Typen haben selbst die ganz Fixen noch nie gehört. Nicht nur, weil er am anderen Ende der Welt wohnt (in Chicago), sondern auch wegen Super Legit. Das Label behauptet zwar von sich, dass es was taugt (man soll das also glauben!), hat bisher aber gerade mal eine Platte rausgepresst. Immerhin: , wie sich Luhring nennt, wenn er hinter den Plattendrehern steht, hat vor, das zu ändern – zumal es sich um sein Baby handelt.

Nach Black / White kommt deshalb Blue / Green, was die Annahme zulässt, dass der Mann mit den Zottelhaaren den Farbstecker gefunden hat. Applaus, Applaus! Die Party führt von der Waldorfschule aufs Gaspedal, um wie auf dem Opener mit 220 Sachen in die Eisen zu steigen und eine Bremsspur bis nach Dortmund zu legen. Zwischendurch wundern sich die Leute, was da so raucht. Könnte es sein, dass, ne, dat jibt’s doch nich’, is dat nich der… Aber spätestens bei „A Catchy Song” rotzt man Blut und Tränen. Wegen der Downer, die man auf der Überholspur aus Verzweiflung in sich reinkippt. Na ja, Chillen war sowieso gestern. Deshalb knattert man auf 138 Beats in der Minute weiter, bis der Sprit alle ist und man keinen Bock mehr hat auf schlechte Tanzmusik – und rü. Christoph Benkeser

Hörbeispiele findet ihr in den einschlägigen Stores.

SectorSept – 954 (Gobstopper)

SectorSept – 954 (Gobstopper)

Es sind Klänge, die so leicht wirken, als ob sie von einem Windhauch verweht werden könnten, wären sie nicht mit spitzen Snares im Boden verankert. SectorSept stellt mit den acht Tracks seiner EP 954 eine unwahrscheinliche Beziehung zwischen einer mit Bissigkeit kombinierten Leichtigkeit und einer schweren Bass-Erdung her. Hier ziehen sich die Gegensätze an, verschränken sich zu locker und unmissverständlich treibenden Tracks zwischen Rave und Ruhe.

Die EP auf dem Label von Grime-Freigeist Mr. Mitch spiegelt die offene Vielfalt von Gobstopper und SectorSept. Label und Produzent passen hervorragend zusammen, wenn bei „Digital Franchise” Rhythmen aus Jersey Club oder Miami Bass auf Electro-Funk, schlingernde Synthesizer, verlangsamte Vocal Samples und cheesy Flöten treffen. Oder wenn bei „Prize” schillernde Klangtropfen von einem wühlenden Dancehall-Beat davongetragen werden. SectorSept schafft mit seiner Rhythmus- und Strukturvielfalt, die er scheinbar schweben lässt, eine beinahe fantastische Klangwelt, deren Reiz gerade in der Zurückhaltung liegt. Philipp Weichenrieder

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