10 Years Butter Sessions (Butter Sessions)

Das Label Butter Sessions aus Melbourne ist seit Jahren ein Geheimtipp in der Szene. Der Künstlerstamm umfasst zwar hauptsächlich australische Künstler*innen wie den Mitgründer Sleep D oder Tornado Wallace, aber auch internationale Gesichter wie DJ Fett Burger und Jayda G haben sich bereits auf dem Underground-Imprint, das hauptsächlich auf Vinyl veröffentlicht, sehen lassen. Die Compilation zum zehnten Geburtstag erscheint dementsprechend stilgerecht auf drei 12-inches, die gemeinsam mit Jutebeutel und einem 120-Seiten-starken Buch erhältlich sein werden. Musikalisch findet sich auf den drei Scheiben eine Menge zeitloses Futter zwischen Electro, Techno und House. Sie zeichnen ein treffendes Bild des Katalogs eines Labels mit unzähligen interessanten Künstler*innen, von denen hierzulande kaum eine*r bekannt ist, die man auch in den nächsten 10 Jahren im Auge behalten werde sollte. 

Während die erste Platte relativ technoid daherkommt (vier hochenergetische, hypnotische Tracks) und anschließend zwei sanftere Entspannungsmomente spendiert, setzt sich das zweite Vinyl selbstbewusst zwischen die Stühle Electro, House und Broken Beats. Tornado Wallace liefert eine erstklassige Synth-getragene, verspielte Jungle-Nummer ab und Mousse mischt bei „You’re In Belgium” eine Acid-Bassline mit augenzwinkernden Pop-Vocals auf.

Am überzeugendsten wirkt jedoch der Abschluss auf der dritten Platte, die sich einem dubbigeren, deeperen Sound widmet. Besonders die steppigen „Hybride Time” von Turn Street Sound und „Tumbo Rumblin’” von Ben Fester kreieren mit ihren Breaks und schwingenden Sub-Bässen eine Atmosphäre, die gleichermaßen zum Tanzen wie Davonschweben taugt. Leopold Hutter 

LAB VA (XX LAB)  

Zart hebt es an. Aus der Ferne zaudern sich Winde aus Klang in die Nähe, schimmernde Synth-Bässe, und am Ende bleibt eine lüsterne, flamboyante Fläche stehen. So beginnt die Sammlung XX Lab des gleichnamigen Labels von François X. Der Parisien, der schon seit einigen Jahren einige grandiose Tracks an Psychoanalyse-Techno veröffentlicht hat, erweitert seinen Geschäftsbereich nun um das Veröffentlichen anderer Leute. 

Das Spektrum von XX Lab, dem Label mitsamt seiner Ur-Compilation, zielt ebenso wie die Stücke des Gründers auf die dunkle, von der Ratio abgewandten Seite des Seins. Auf das eröffnende „Untitled” von unit::overlay folgt “Non Existant” von In Aeteanam Vale, das mit einem pulsierenden Glas-Keyboard loslegt und von einer entschiedenen, kühlen Sängerin Anneq gevoicet wird; es geht um die Untiefen der Liebe. „Karkoubi” von Gohan wiegt zischende, explodierende Snare-Sounds mit einer sensualistischen Klanglandschaft ab. 

Der Track erzeugt Bilder von Fesseln und Gefesseltwerden, wie es seit Jahr und Tag’ in der Tanz- und auch in der erweiterten Clubszene beliebt ist. Nach wenigen Stücken führt XX Lab also in die Welt der Grenzüberschreitung, der Lust und ihrer Praktiken; Obsessionen somit, die sich in François X’ Tracks abzeichnen. Selbst trägt er zur Compilation bei mit dem „Melancholic Desire”. Eine so clonkige wie kinkige Bassline ebnet den Weg für maschinelle Sprechstimmen, die schwer zu verstehen sind. Um die Anmutung geht es: Ekstase und Wiederholung mit einem Hang zum Abseitigen. Manchmal, wie in „Engage” von Uncrat mit seinen Befehlstönen über Acid-meets-den-Mussolini-Beats oder in Elises Sexgestammel „Silk” geht das over the top, wird zu einseitig. Doch das gehört ja dazu, zum Karneval der schwarzen T-Shirts. Christoph Braun

La Dance Vol. 2 (Hard Fist)

Schon im Mai letzten Jahres funkten die Lyoner vom Label Hard Fist SOS: Wir müssen mal wieder tanzen, feiern, uns verlieren. So veröffentlichten sie die Compilation La Danse, um auf die lange Geschichte und Tradition von Tanz als Kultur- UND Gefühlsausdruck hinzuweisen – und um einen knorrigen Soundtrack für den nächsten Sommer zu haben. Wer hätte damals gedacht, dass die Pandemie-bedingte Ebbe für die Clubs so lange anhält?

Mehr oder weniger pünktlich ein Jahr später melden sich Tushen Raï und Cornelius Doctor mit der Neuauflage zurück; denn: Ja, es ist immer noch nicht vorbei.

Also treten sie und ihre Hard-Fist-Crew weniger als Mahner, denn als gedankliches – wenngleich tanzbares – Lesezeichen auf: „Leute, hier haben wir aufgehört. Hier sollten wir dann demnächst weitermachen!“ Passend dazu finden sich auf der Compilation nicht die revolutionären Beiträge wieder, sondern eher ein Best-Of des Sounds, für den das Label nunmal steht: Irgendwie originell, weltoffen, analog und organisch.

Sicherlich inspiriert von Granden wie Red Axes wird es hier immer mal wieder psychedelisch, überall sind immer wieder Drums verteilt, die nicht direkt aus einer TR8 stammen, oder man orientiert sich mit den Pattern direkt an folkloristischen Tänzen. Hier mal eine Tarantella, da ein Dabke – passt. Das ist natürlich nicht hochintellektuell, sondern wird vom Körper und vom Tanz her gedacht, heißt: Das macht einfach Spaß. Das gilt für den Electro-Boogie von Elfenberg (ja, wir verlesen uns alle an dieser Stelle!) genauso wie für den trippigen House des Labelgründers Tushen Raï (zusammen mit Neskeh). Lars Fleischmann

Raymond Castoldi  – X-Ray Records 1992 – 1994 (Kalahari Oyster Cult)

Raymond Castoldi: Eigentlich verdient der gute Mann sein Geld als musikalischer Direktor und Stadion-Organist des Madison Square Garden in New York. Und tatsächlich beschäftigt sich sein Wikipedia-Eintrag einzig damit, für welche Football-Mannschaften er in diesem Zusammenhang schon die Eröffnungs-Hymne gespielt hat. Gänzlich unter den Tisch fallen lässt Wikipedia dabei leider eine andere, für uns als Nachtleben-Interessierte viel bedeutendere Tätigkeit Castoldis, das X-Ray-Label nämlich. Jenes führte er von 1992 bis 1994 und brachte dort insgesamt sechs EPs mit eigenen Tracks heraus.

Castoldi steht dabei für einen sehr eigenen Deep-House-Sound, dem man seine musikalische Ausbildung durchaus anhört. Die Stücke schweben einem federleicht schwingend durchs Gehör, grundiert von einem warmen Bass-Sound, der sofort die Füße in Bewegung versetzt, während einem gleichzeitig die leicht angejazzten Melodien ein wissendes Lächeln ins Gesicht zaubern. So erschafft Castoldi eine relaxte Atmosphäre, der man sich schwerlich nur zu entziehen vermag. Schade nur, dass dies wohl nur eine kurze Phase seines kreativen Schaffens war. Sechs Platten in zwei Jahren, das wars. Und wieder einmal ist es Kalahari Oyster Cult, mittlerweile für ihre stets geschmackssicheren Reissues genauso bekannt wie für Eigenveröffentlichungen, das diesen versunken Schatz New Yorker Deep-House-Geschichte wieder ans Tageslicht (und bald hoffentlich auch wieder auf die nächtlichen Tanzböden) befördert. Zwar nicht das komplette Oeuvre Castoldis, dafür aber zumindest von jeder Veröffentlichung die zwei prägnantesten Tracks – was ok ist, bestand doch jede EP letztendlich aus nur einem Stück in mehreren Variationen. Tim Lorenz

Solidarity 002 (Durch)

Die Corona-Zeit, dieses lästige Thema, das man stets versucht aus Gesprächen, Texten und Musik zu verbannen, schleicht sich doch irgendwie in alles ein. Es ist eben unumgehbar. Und bringt Probleme, die primär erstmal überhaupt nichts mit der Krankheit selbst zu tun haben. So etwa der Verlust wichtiger Freiräume für marginalisierte Gruppen der Bevölkerung. Die Queer-Community ist eine dieser Gruppen. Clubs und Partys dienen oft als Safe-Spaces für gegenseitigen Support, für Austausch und Begegnung. Viele Angehörige dieser Gruppen fühlen sich ohne diese Safe Spaces wieder an den Rand gedrückt, ausgeschlossen und allein. Umso wichtiger ist es daher, andere Formen der Unterstützung und des Zusammenhaltes zu finden. 

Das queere Party-Kollektiv Durch aus Berlin und Tel Aviv hat sich das zur Aufgabe gemacht und veröffentlicht mit Solidarity 002 die zweite Compilation, deren Einnahmen an soziale Einrichtungen und Initiativen gespendet werden. Diesmal geht der gesamte Profit an TrIQ, einen Verein, der sich für trans, inter und queer lebende Menschen einsetzt und an das Trans, Queer und Inter Community & Health Center Casa Kua in Berlin.

Musikalisch ist Solidarity 002 eindeutig eine Ode an den Dancefloor. An einen dunklen stickigen Raum. An schwitzende Massen. An sich nah sein. Die Crew hat sich harter, schneller und düsterer Musik verschrieben. Dass Genres wie Gabber schon längst wieder angekommen sind, beweist das Berliner Duo Brutalismus 3000 mit seinem Track „Satan Was A Babyboomer”. Auf gut 160 BPM treffen eine Genre-typisch schnarrende Kickdrum und ein Vocal, das immer wieder den Tracktitel ins Getümmel schreit, aufeinander. Mit „Mehr Schein Als Sein” lenkt Sylvie Maziarz die Stimmung wieder ein wenig mehr in Richtung Ruhe. Die Kick-Drum ist dumpfer. Eine Stimme erzählt. Das Tempo bleibt auf Trapp. Zum ekstatischen Höhenflug setzt Metaraph mit seinem Track „Contaminations” an. Melancholische Pads auf der einen Seite und harte, maschinelle Rhythmen auf der anderen erzeugen eine energiegeladene Harmonie. „WIITWD” von Glitchgirl schafft einen interessanten Kontrast aus schnarrender Gabber-Akustik im Wechsel mit klickenden gebrochenen Beats. Abgeschlossen wird das Album von einem emotionalen Beitrag von AMRTÜM. „Pleiades” bildet als synthiger Acid-Techno-Treiber das Ende dieser Compilation – könnte aber auch gut und gerne am Anfang einer langen Nacht stehen. Jan Goldmann

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