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Die Platten der Woche mit Coil, DFD, Lanark Artefax, Tagliabue und Yokel

Coil – The Snow EP (Transmigration) [Reissue]

Coil, das Projekt von Ex-Throbbing-Gristle und Psychic-TV-Mitglied Peter „Sleazy” Christopherson und seinem Lebensgefährten Jhonn Balance (zeitweise auch Psychic-TV-Mitglied), war mit dem Genre-Stempel Industrial schon immer nur sehr ungenau, unscharf beschrieben. Schöpfte das Duo doch aus einem schier bodenlosen Brunnen musikalischer Einflüsse. So nimmt es nicht wunder, dass die beiden, als sie Ende der Achtziger mit Acid House in Berührung kamen, sich tanzenden Fußes verliebten. Mit Love’s Secret Domain widmeten sie 1991 dieser Liebe ein komplettes Album.

Auf der daraus ausgekoppelten The Snow EP, die hier nun wiederveröffentlicht wird, konnte man diese Liebe jedoch am genauesten spüren. Unter der Mitarbeit von Jack Dangers (Meat Beat Manifesto), Drew McDowall und Danny Hyde lieferten sie hier sechs Variationen des Tracks „Snow”, die von Ambient bis hin zu Breakbeat, Trance-Anleihen und Bleep-Techno einiges bieten, dabei jedoch nie den hypnotischen Coil-Groove verlieren – und auch heutzutage in keiner Weise angestaubt klingen. Zusätzlich zu den sechs Tracks gibt es noch die 12-Inch-Fassung eines weiteren Coil-Klassikers von Love’s Secret Domain, der LSD-Hymne „Windowpane”. Alles in allem eine Wiederveröffentlichung, die mehr als überfällig war. Kaufen! Tim Lorenz

DFD – DFD EP (Down Low Music)

Troy Anderson alias DFD lässt seinen Eröffnungstrack mit einem Dialog zwischen verhallten Synth-Chords und einer kleinen Melodie beginnen, zu denen sich schnell ein dezenter Breakbeat gesellt, der sich wie ein Vorbote für eine satte Four-To-The-Floor-Kick anhört. Doch das eigentlich perfekte House-Intro kippt nach gut 40 Sekunden in eine recht konträre Stimmung mit düsterer Bassline und weiter dominierendem Breakbeat. Alle Elemente bleiben erhalten, die Akkorde und die Melodie spielen aber nicht mehr die Hauptrolle und werden durch verschiedene ruhige und eher melancholische Flächen ergänzt. Trotzdem bleibt gleichzeitig eine ungewöhnliche Leichtigkeit bestimmend, die den Track vor jeder Tristesse bewahrt. Dieses geschickte und überraschende Arrangement fungiert als Quasi-Überschrift für die komplette EP, die trotz am Ende klarer Electro-Zugehörigkeit die Regeln des Genres klug aushebelt und damit perfekt zur Labelpolitik passt: „Proper electro with a touch of human feels”. Mathias Schaffhäuser

Lanark Artefax – Metallur (AD 93)

Fünf Jahre sind vergangen seit Lanark Artefax’ letzter Veröffentlichung. Zeit also für etwas Neues. Und Metallur erfüllt die angestauten Erwartungen vollstens. Schon der erste Track, „Surface Light”, hinterlässt mit seiner Mixtur aus bis zum Grunde des Ozeans verlangsamten Electro-Beats, verschachtelt gegateten Vocal-Schnipseln und metallischen Synths mit der Kinnlade am Boden. Das folgende Titelstück sonnt sich Arpeggio-selig unter dem dunklen Stern, unter dem auch Autechre zu ihrer Hochzeit operierten. „Meszthread” dürfte mit einem relativ klaren Electro-Rhythmus das Dancefloor-kompatibelste Stück der EP sein, macht dabei mit seinem hypnotischen Sog aus Stimm-Samples dennoch keinerlei Kompromisse. Überhaupt sind Stimmen wohl das vereinende Element dieser Platte, so auch in der dunkel funkelnden Ambient-Miniatur „Tris”. Das erhabene „At The Bay” rundet die EP mit einem weiteren Ambient-Meisterwerk ab. Eine Platte wie ein dunkel-mysteriöser Planet, den es zu erkunden gilt. Tim Lorenz

Tagliabue – Abisso (Subject To Restrictions Discs)

Der italienische Produzent Joseph Tagliabue hat sein Herz an Breakbeats mit Bass-Music-, Dub- und Electro-Einflüssen verloren. Das Schöne dabei ist, dass er nicht der schon recht lange anhaltenden Tendenz so mancher Gleichgesinnter folgt und seine Musik mit zu viel dubbiger Besinnlichkeit und überdosierter Produktionstechnik auflädt – auch wenn der Titel geradezu danach schreit. Seine Musik entpuppt sich hingegen als dezidiert elektronisch, will nicht organisch klingen und auch nicht im Ambient-Set in der Listening-Bar laufen. Immer wieder verweisen Abschnitte seiner Stücke genauso stark auf Kraftwerk wie auf die britische Post-Dub-Step-Schule. Und ins finale „Śāntra” hat der Mailänder zudem noch eine trance-typisch punktiert-zerteilte Synthie-Fläche hinein geschmuggelt, die den Track kompatibel macht für jedes aufgeschlossene und undogmatische Techno-Set. Mathias Schaffhäuser

Yokel – 4 A.M (Accidental Meetings)

Seit Ende 2020 verblüfft das in Bristol ansässige Label Accidental Meetings mit einer erfolgreichen Veröffentlichungspolitik, die keinem Genrediktat folgt. Das Spektrum reicht vom durchtriebenen Folk-Dub des mysteriösen Produzenten Abu Ama über zeitgenössische Bass Musique concrète von Berlins ML, antreibende Club-Mixtapes vom französischen DJs wie Judaah oder OKO DJ, bewegende multidimensionale Experimente des Briten Memotone bis hin zum verdrehtem elektronischem Postfolk des Wiener Trios Huuum.

Nun Yokel. Ein junger Brite, ebenfalls aus Bristol. Dort schon Szeneliebling, dank Releases auf lokalen Labels wie Avon Terror Corps oder Bokeh Versions. Nun Dungeon Synth. Coldwave. Industrial. Kurze, knappe Ideen. Fesselnde Skizzen. Minimal. Im Clap-Himmel. Verdrehte Samples. Funk. Electro. NDW-Feeling ohne NDW-Gesang. Alles da. Frisch. Wird halten. Yokel, ein weiteres fabelhaftes Accidental Meeting(s). Michael Leuffen

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