Die Villa Party im Wohnprojekt Lichtenstein (Foto: Presse)

Tübingen ist eine kleine Stadt – allerdings mit vielen emanzipierten, politisch eingestellten Menschen, die sich für alternative Lebensweisen interessieren und gut untereinander vernetzt sind. Damit werden Freiräume für Musik geschaffen, jenseits von kommerziellem Interesse. In den letzten Jahren ist dort eine Szene entstanden, die unabhängig vom globalen Techno-Zirkus ein eigenes Verständnis von der Musik und vom Feiern entwickelt hat. Noch vor Corona ist unsere Autorin Linda Peikert in diese Szene eingetaucht, die sich als großer Freundeskreis versteht.


23.00 Uhr: Die Schlange am Einlass zieht sich über den Hof der alten Villa bis hoch zur Straße. Eine gutgelaunte Meute mit Masken vor dem Gesicht, Bier- und Sektflaschen in der Hand wartet geduldig, bis eine Person nach der anderen reingelassen wird. Im Inneren wummert die Musik, es leuchtet und glitzert. Überall gibt es etwas zu entdecken. Dieses Mal kribbelt und krabbelt es zusätzlich: Fantasiekäfer und Schmetterlinge kriechen aus Blumen und Gestrüpp. In der Mitte des großen Saales ist eine viereckige DJ-Insel aufgebaut, rundherum wird getanzt. Ausgelassen und gleichzeitig achtsam ist die Stimmung. 

Der kleinere Floor ist etwas verwinkelt: Der DJ steht auf einer kleinen Empore und lugt aus einer Art Vogelnest, getaucht in buntes Licht. Auch für die Besucher*innen gibt es Erhöhungen zum Klettern und kleine Spielereien. Man taucht ab in diese, für eine Nacht geschaffene, Welt – sonst ist die Villa nämlich ein Wohnprojekt namens Lichtenstein.

Party im Wohnprojekt: Achtsamkeit und Liebe zum Detail

„In Tübingen gibt es viele nicht-kommerzielle Partys mit elektronischer Musik, dafür ist in den Wohnprojekten Raum für Veranstaltungen mit viel Liebe zum Detail”, sagt Andreas Kandolf, kurz Andi. Er und Philipp Rösel sind gemeinsam Überhaupt & Außerdem und haben selbst im Wohnprojekt Lichtenstein gelebt, sich dort kennengelernt, angefreundet und angefangen gemeinsam Musik zu machen. Erst Big-Band-Projekte, seit einem Jahr legen sie zu zweit Melodic und Downbeat auf. Alleine haben beide schon mehrjährige DJ-Erfahrung, zu zweit macht es ihnen noch mehr Spaß. Sie haben sich in die Trackproduktion eingearbeitet und spielen auf vielen Partys in Tübingen – auch bei dem Maskenball im Lichtenstein im großen Saal direkt vor dem Main-Act.

Andreas Kandolf und Philipp Roesel sind Überhaupt & Außerdem Foto: Presse

Auflegen und Partyorganisation ist in Tübinger Technokreisen eng miteinander verbunden. Es gibt ein großes Netzwerk von Leuten, die Lust haben kulturelle Veranstaltungen zu organisieren. Die Gruppe ist fluide, jede*r kann je nach eigener Kapazität mitmachen”, sagt Philipp. Der Maskenball im Lichtenstein gehört zu den Highlights des Jahres. Bewohner*innen des Hauses fangen bereits Wochen vorher an Deko zu basteln, Holzkonstruktionen zu bauen, Acts einzuladen, ein Awareness-Team zusammenzustellen und Barschichten zu verteilen.


Wenn 30 Personen in einem Haushalt leben, ist neben Solidarität und Gemeinschaftssinn auch Achtsamkeit von Bedeutung. Raum für Oberflächlichkeiten, wie einen Erscheinungs-bildcheck an der Tür der Partys, gibt es hier nicht.


Die Auswahl an kommerziell organisierten Clubs mit elektronischer Musik ist in Tübingen gering. Gentrifizierung und daraus resultierendes Clubsterben ist auch hier ein Thema. Etwa 90.000 Einwohner*innen hat Tübingen, wegen der großen Universität sind darunter viele junge Leute. Im Vergleich zu anderen Städten gibt es außerdem verhältnismäßig viele Wohnprojekte, die sich unter dem Namen Schöner Wohnen vernetzen. Sie stellen ein kulturelles Angebot auf die Beine und ihre Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung. So entstehen Technopartys, die mit viel Engagement und ohne Profitorientierung organisiert werden. Der Eintritt ist meist auf Spendenbasis und refinanziert die Bookings. Da die Partys gut besucht sind und es wenig bis keine Ausgaben für die Location gibt, können sich die Veranstalter*innen immer wieder internationale DJs einladen.

ANII, Ania Iwinska, war dieses Jahr beim Maskenball als Main-Act gebucht und wurde dafür aus London eingeflogen. Sie reist viel von Gig zu Gig, war aber von der Stimmung dieser Party besonders begeistert: „Dieses Event war wirklich sehr besonders: Es war ein Rave in einer Art Schloss auf einem Hügel mit ausschließlich großartigen Vibes. Das Konzept war von den musikalischen bis hin zu den visuellen Komponenten super.”

Community statt Coolness-Faktor

Angekündigt werden die Veranstaltungen meist nur über einen Mailverteiler. Partytourismus, Menschen mit übersteigertem Coolnessfaktor oder Junggesell*innenabschiede bleiben somit weitestgehend fern. Linke Strukturen sind in den Wohnprojekten verankert. Die meisten dieser selbstverwalteten Häuser wurden durch Besetzungen gewonnen oder waren vorher Häuser von Studierendenverbindungen. Wenn 30 Personen in einem Haushalt leben, ist neben Solidarität und Gemeinschaftssinn auch Achtsamkeit von Bedeutung. Raum für Oberflächlichkeiten, wie einen Erscheinungsbildcheck an der Tür der Partys, gibt es hier nicht. Wer kommt und sich respektvoll benimmt, ist willkommen. Einlassstopp ist meist relativ früh, denn der Andrang ist groß. Mehrere hundert Menschen besuchen die Partys, verschmelzen zu einer Art großem Freundeskreis. Es fühlt sich ein bisschen wie ein familiärer Kosmos an.

Felix Reiter und Daniel Breyer sind Acado. Foto: Presse

Das findet auch Felix Reiter, der gemeinsam mit Daniel Breyer als DJ-Duo Acado auflegt. Er kommt aus Tübingen, wohnt inzwischen aber seit einigen Jahren in Berlin und spielt dort in den bekannten Technoclubs. „Da wir recht häufig auflegen, gehe ich in Berlin nach vielen Gigs wieder nach Hause. Wenn ich mal in Tübingen bin, nehme ich die Partys aber mit. Ich finde es toll, wie sich die Szene dort entwickelt hat”, sagt er. In Berlin würden sich die Leute mehr verteilen. „Bei einer größeren Veranstaltung in Tübingen reist die Community sogar aus umliegenden Städten wie Karlsruhe oder Stuttgart an”, sagt Felix. „Die Events, auf denen wir in Tübingen auflegen, haben auch immer eine sehr hohe musikalische Qualität.” Felix schreibt das vor allem der kleinen Community aus Musikbegeisterten zu.


„Die Kombination aus Couch von Freunden, drei Meter weiter steht man mitten auf einer Tanzfläche, morgens kann man die Sonne im Garten genießen – das gibt es in keinem Club. Außerdem kann man mit geschlossenen Augen durch die Menschenmassen laufen – alle Leute sind toll.”


Zu dieser Community gehören auch Andi und Philipp von Überhaupt & Außerdem. Däensn heißt eines ihrer Projekte. Gemeinsam mit zwei weiteren Personen organisieren sie Veranstaltungen, auf denen auch Acado schon aufgelegt haben. „Wir haben uns DJs aus Berlin geholt, und Tübingen ist aufgewacht!”, sagt Wolle, der mit vollem Name Wolfgang Friedly heißt. Auch er ist Teil von Däensn, hat das Kollektiv gegründet und sich Philipp und Andi ins Boot geholt. Wolle kennt die Wohnprojektsituation gut, ist seit den 2000ern auf diesen Partys unterwegs. Früher sei es punk- und rocklastiger gewesen. Seit etwa fünf Jahren sei Techno so richtig in Tübingen angekommen, meint er.

Andreas Kandolf und Philipp Roesel sind Überhaupt & Außerdem Foto: Presse

„Die Kombination aus Couch von Freunden, drei Meter weiter steht man mitten auf einer Tanzfläche und morgens kann man die Sonne im Garten genießen – das gibt es in keinem Club. Außerdem kann man mit geschlossenen Augen durch die Menschenmassen laufen – alle Leute sind toll.” Wolle hat eine Weile in Berlin und in Stuttgart gelebt, daher auch Kontakte zu Technoszenen anderer Städte. Das sei manchmal hilfreich bei den Bookings, meint er. Die nicht-kommerziellen Partys in Tübingen seien für ihn besonders: „Das kriegst du halt in keinem Club”, sagt er. „Es gibt keinen klaren Anfang, kein gesetztes Ende und viele Überraschungen – trotzdem ist alles auf einem hohen Level, was Deko und Musik betrifft.”

Felix Reiter und Daniel Breyer sind Acado. Foto: Presse

Musikalisch gehen die lokalen DJs teilweise auseinander. Schneckno, eine langsame Spielart von Techno, ist in Tübingen bei vielen der Wohnprojektsszene beliebt. Andi und Philipp von Überhaupt & Außerdem spielen Melodic Downtempo. „Das sind ganz schön schnelle 115BPM”, würden Leute immer wieder zu ihnen sagen. „Das bringt es für mich auf den Punkt. Angesiedelt ist unser Sound im Spektrum von groovig bis treibend mit analoger Wärme und dem nötigen Knarz, damit die Meute ihre Technoschnuten ziehen kann. Die synthetische Hektik, immer voll auf Anschlag, das hast du ja unter der Woche auf Arbeit genug”, sagt Andi.

Verspielt und tief hört sich das dann an. „Wir legen gerne mit einer gewissen Zielrichtung auf und planen so den Kurs”, fügt Philipp hinzu. In den Anfängen von Überhaupt & Außerdem haben die zwei viel perkussiven Sound mit ineinander fließenden Rhythmen gespielt. Die Soundwärme habe dabei im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung gewonnen. „Wir wollten weg vom Hyperhamsterdrive”, sagt Philipp. Es schäle sich eine versteckte Qualität heraus, eine neue Soundfarbe. Ihr Sound baut Spannung auf, ist gleichzeitig meditativ und tanzbar.

Das Feiern selbst in die Hand nehmen

Statt Konkurrenzdruck auszuüben, unterstützen die lokalen DJs sich gegenseitig. Philipp von Überhaupt & Außerdem erklärt: „Die Bookings laufen auf drei verschiedenen Wegen: Erstens gibt es immer wieder größere Acts, die wir nach Tübingen einfliegen lassen. Zweitens sind wir mit lokalen DJs gut vernetzt und drittens gibt es auch für Newcomer*innen die Möglichkeit, sich mal auf den Wohnprojekt-Partys auszuprobieren. Das Wichtige ist, dass es musikalisch stimmig ist.” Andi ergänzt: „Wir nehmen das Feiern somit selbst in die Hand. Wir lassen uns nicht berieseln. Klar kannst du dich beschweren, dass in kleineren Städten nichts los ist. Aber dann heißt es halt: Vibes nicht nur konsumieren, sondern selbst aktiv gestalten! Vor allem haben wir in Tübingen dafür auch die nötige Infrastruktur.”

Verschiedene Wohnprojekte haben verschiedenes Equipment. Damit es auf den Partys mehrere Floors geben kann, werden Anlagen untereinander ausgeliehen. Auch Deko, Mischpulte und Beleuchtungstools wandern von Party zu Party. „Solidarität untereinander ist uns nicht nur wichtig, sie macht unsere Veranstaltungen überhaupt erst möglich”, sagt Philipp. Mit der Non-Profit-Struktur komme auch ein demokratisches Grundverständnis bei der Veranstaltungsorganisation auf. Bookings oder Timetables werden im Plenum entschieden, genauso wie Ort, Zeit und Motto. Immer wieder werden auch Technopartys organisiert, um politische Projekte oder NGOs zu unterstützen. Däensn hat den Gewinn der letzten Party komplett an SeaWatch gespendet. Auch die Gartensia – ein besetztes Haus mit Kulturangeboten – wurde schon mit mehreren Spendenpartys von der Technoszene unterstützt. Politischer Aktivismus ist somit zwar während der Party nicht zwingend Bestandteil der Abendgestaltung, aber dennoch ein Teil des Konzepts. 

Zwischen linken Strukturen, Toleranz untereinander und Liebe zur Musik wird in den Wohnprojekten bis in die Morgenstunden (oder manchmal auch länger) getanzt. Es sind somit Veranstaltungen, die an Zeiten erinnern, in denen Techno noch nicht im Mainstream angekommen war. Statt überteuertem Eintritt und Getränken, stehen hier Solidarität und Miteinander im Fokus. Orte, an denen Freundschaften entstehen, an denen Coolness nicht von Bedeutung ist und Menschen nicht wegen Oberflächlichkeiten oder äußerem Erscheinungsbild aussortiert werden.