ADI – Basic Moves 14 (Basic Moves)

ADI - Basic Moves 14 (Basic Moves)

Der zweite Track auf Basic Moves 14 steht exemplarisch für einiges, was dieses sehr gelungene Album ausmacht. Er beginnt mit einem entspannten Housebeat und einer kleinen, sich alle acht Takte wiederholenden Melodie, die ein wenig an den Titelsong von F.S.K.s toller LP Tel Aviv erinnert. Dann kommt eine Bassfigur in Moll hinzu, die diese freundliche Eingangsstimmung konterkariert und sich harmonisch reibt, kurze Zeit später beginnen außerdem Spoken-Word-Vocals, die auch nicht nach leichter Kost klingen. Aber immer wieder setzt die in Dur gehaltene Melodie ein und zieht die gerade ins Melancholische kippende Stimmung wieder hinüber in eine leichtere. Der Track bleibt über seine gesamte Dauer sowohl stilistisch als auch atmosphärisch uneindeutig und wirkt dadurch wie aus einer anderen (musikalischen) Welt. Tatsächlich stellt sich dieser Eindruck auch beim fünften Hören des Albums bei mir immer wieder ein, als käme ADIs Longplayer aus einem Paralleluniversum, das fast exakt dem unseren entspricht und nur ganz subtile Abweichungen aufweist, die sich aber immer wieder und im Endeffekt hartnäckig andersartig manifestieren. Natürlich finden sich auf dem Longplayer jede Menge Einflüsse und ableitbare Stilelemente, die Kolumbianerin verarbeitet neben House und technoiden Bezügen auch IDM-, Hip-Hop- und Jazz-Partikel, aber fast immer leicht neben der allzu oft beackerten Spur. Subtil (!) abweichend vom Konsens, persönlich auf eine Weise, dass man sofort beginnen will, mit ihr zu fachsimpeln – oder gleich eine Band zu gründen. Eine Band, die, vielleicht ähnlich wie F.S.K., zwischen musikalischen Welten hin- und herspringt, sich sträubt gegen plumpes Einordnen und mehr zulässt als landläufig üblich. Basic Moves 14 erscheint übrigens neben den Download- und Streamingversionen auch als Vinylpaket mit Doppel-LP und 7-Inch-Single. Mathias Schaffhäuser

Bicep – Isles (Ninja Tune)

Bicep - Isles (Ninja Tune)

Bicep sind zurück. Nachdem das 2017 erschienene Debütalbum Bicep mit Karacho in so manche Raverherzen eingeschlagen war, erscheint nach gut drei Jahren das zweite Album des Duos: Isles. Matt McBriar und Andy Ferguson stammen aus Belfast und wohnen in London. Der Albumtitel signalisiert dementsprechend autobiographische Bezüge – es geht um das Aufwachsen (und sicherlich auch Erwachsensein) auf ihrer Heimatinsel. Aber auch ohne diesen thematischen Hintergrund wirkt Biceps Musik ja meist ziemlich bedeutungsschwanger. Öffnet man sich dafür, erahnt man einen bestimmten Ausdruck. Was macht diese Musik aus?

Produktionstechnisch findet sich im Vergleich zum Debüt wenig Überraschendes: Breakige Drums, softe Basslines, quirlige Synth-Pads und -Arpeggios, Vocal-Samples. Man könnte sagen: paradigmatische Bicep-Nummern. Die einzelnen Bestandteile für sich genommen sind bisweilen eher flach: Wenn hier und da die Beats nicht vom Bass mitgetragen werden, klopfen sie verloren ins Leere. Geradezu kitschig wirken manche Vocals. Doch die Kraft entsteht immer wieder in der Summe und entfaltet sich ungleichmäßig. Dann kriegt man in einzelnen Momenten genau das, was man sich von Bicep wünscht.

So ist es etwas müßig, über einzelne Tracks zu sprechen. „Atlas” startet hart und wird dann schwermütig, „Apricots” startet weich und wird dann schwermütig, „Lido” ist gänzlich schwermütig. Nimmt man in Kauf, dass es hier um einen einzigen Vibe geht, lassen sich als besonders gelungene Annäherungen neben der eben genannten Single „Apricots” auch „X”, „Fir” und der Schlusstrack „Hawk” hervorheben. Ist „schwermütig” also das Stichwort dieser Musik? Über die Singleauskopplung „Atlas” konnte man auf Resident Advisor lesen, der Track sei „Musik, die mit einem mitleidet, während man versucht, seine Ängste wegzutanzen.” Dabei stellt das (Mit-)Leid oder die Schwermut in Biceps Musik seit jeher nur die unmittelbare Oberfläche dar. Dahinter liegen Hoffnung spendende Nester aus Sinn, empathische Gesten bedingungsloser Geborgenheit – ein Gefühl des Behutsam-nach-Hause-getragen-werdens. Und ganz viel Platz für Euphorie. Moritz Hoffmann

Biosphere – Angel’s Flight (AD 93)

Biosphere - Angel’s Flight (AD 93)

Über Geir Jenssen, den Mann hinter Biosphere, ist bekannt, dass er mit dem Konzept der Improvisation nicht viel anfangen kann. Auf seinem neuen Album Angel’s Flight, erschienen auf AD 93, dem Nachfolger des britischen Labels Whities, lässt der Norweger denn auch die Grenzen zwischen Ambient und klassischer, also durchkomponierter Musik verschwinden. In weiten Teilen basiert dieses Album, das ursprünglich für ein Tanztheaterstück der Choreografin Ingun Bjørnsgaard geschrieben wurde, auf dem 14. Streichquartett von Ludwig van Beethoven. In den Neunzigerjahren wurde die Musik von Biosphere gerne als Arctic Ambient beschrieben. Das mag flach und plakativ gewesen sein, andererseits schickt Angel’s Flight Beethovens Streichquartett tatsächlich in die eisigen Welten der Arktis. Geir Jenssen, der seine Karriere als Musiker in einem an New Wave orientierten 80s-Synth Pop-Trio begann und dieses verließ, nachdem Acid House oder der Bleep-Sound sein musikalisches Koordinatensystem in den Grundfesten erschüttert hatten, schrieb als Biosphere die Geschichte des Ambient-Genres in Teilen neu. Zuvor wurde Ambient als Hintergrundmusik verstanden, ein Konzept, mit dem Jenssen nie etwas anfangen konnte. Es ist diese ungeheure Sogwirkung, die klassische Biosphere-Alben wie Substrata noch immer so spannend macht. Etwa 25 Jahre später hat sich an der Intensität der Musik von Biosphere nichts geändert, das vermittelt bereits „The Sudden Rush”, der erste Track auf Angel’s Flight. Geir Jenssen übernimmt hier auf schaurig schöne Weise die düstere Schwermut des ersten Satzes, die manchen von Beethovens Zeitgenossen einst zu knabbern gab. Er spielt Beethoven nicht nach, nur damit kein Missverständnis aufkommt. Beeindruckend ist immer wieder, wie er zentrale Elemente von Beethovens Komposition einarbeitet und sie dabei reduziert und abstrahiert. Andererseits wird Beethoven auf diesem großen Biosphere-Album auch nicht auf prätentiöse Art und Weise mit ein bisschen Rechnerleistung grundlegend dekonstruiert oder dekomponiert. Denkt man zumindest so lange, bis im letzten Track „The Cloud and Dial” Verzerrung und Glitches auf die Bühne huschen. Holger Klein

Crypticz – Between Dust & Time (Western Lore)

Crypticz - Between Dust & Time (Western Lore)

Crypticz schreibt Jungle-Tracks, die nach dreitägigen Ayahuasca-Retreats in einem Wellness-Tempel in Amsterdam klingen, also ordentlich Klangschalen-Vibes ballern und in der Birne homöopathische Gärten im unteren Frequenzbereich anlegen. Jordan Parsons, der in Bristol und damit in Rufnähe zu Western Lore, dem Label mit Gütesiegel aus dem Headshop, lebt, schreddert aber keine weichgespülten Esoterikkurse für hängengebliebene Raver-Typen aus den 90ern – auch wenn der Titel seiner Doppel-LP Between Dust & Time die Augen in Richtung Vergangenheit verdreht. Der Mann hat einfach eine Freude, Rastafari-Samples über Bässen auszustreuen, Nyabinghi-Drums in einer Ganja-Wolke aus Jamaica einzufliegen und Beats zu bauen, die zwischen Future Sounds of London und Burial zusammenlaufen. Wer bei „Lakutala” nicht wie ein Vollhonk durchs Wohnzimmer zappelt, hat die eigene Seele verkauft. Wer sich zum Dub-Feedback auf „The Guided” zwei Johnnys dreht, verdient sie zurück. Am besten, um die Kopfhörer zu verstöpseln und mit der Platte durch die Stadt zu latschen. Allein. In der Nacht. In einer eigenen Welt. Mit eigenem Garten! Christoph Benkeser

羅伯特 – Heirloom (Piece of Work)

羅伯特 - Heirloom (Piece of Work)

Heirloom bedeutet so viel wie „(Familien-)Erbstück” und 羅伯特 ist lediglich die chinesische Transliteration des Namens Robert, wie der auch als Bézier bekannte Produzent und DJ hinter diesem Album heißt. Derweil er sich unter diesem Pseudonym auf seinem Label miv. auf eine Drum-fokussierte Dancefloor-Platte vorbereitet, erscheint Heirloom auf dem neu gegründeten Imprint Piece of Work und spielt mit transkulturellen Tropen, die unter umgekehrten Vorzeichen präsentiert werden. Vor allem aber stehen die neun Tracks ganz in der Tradition von Robert Yangs Hardware-befüttertem, Wave-inspiriertem Ansatz, der einen ebenso roughen wie pathetischen Duktus verwendet und sich auf dieser LP nur vereinzelt wirklich Dancefloor-tauglich zeigt. Neben dem pulsierenden „Clawhammer” und dem harten Techno-Closer „Final Floor” dominieren Down- und Midtempo-Geschwindigkeiten, der Fokus liegt auf gleißenden Harmoniebögen und komplexen Melodienfiguren, die im Verbund mit trockenem Drum-Programming Reibungseffekte erzeugen. Heirloom umweht ein kosmischer Dunst, genauso aber ein harscher Retrofuturismus. Es ist ein sehr fordernder und bisweilen sogar anstrengender Sound, dem sich 羅伯特 auf seinem Projektdebüt widmet. Kristoffer Cornils

Deux Control – Sex Miami (Höga Nord)

Deux Control - Sex Miami (Höga Nord Rekords LP 23)

Deux Control, das sind der italienische Produzent Edoardo Cianfanelli alias Rodion und die in Rom lebende französische Produzentin und Sängerin Justine Neulat. Sex Miami ist ihr Debütalbum. Präzis produzierte Grooves, ein ausgefeiltes Gespür für Drama-Songwriting und das gewiefte Jonglieren diverser Genres zeigt, dass hier keine Anfänger ihre Roland TR-808  und Yamaha-Keyboards gestreichelt haben. Ihre Tunes, die auf mysteriöse Namen wie „Freaks”, „Le Masque” oder „Des Visages” hören, stehen legendären französischen 1980er Cold-Wave-Bands wie Deux, Ruth oder Mathématiques Modernes nahe. Ebenso haben sie den lebendigen Funk einer Anna Domino. Die elektronische Architektur der Musik ist indes keineswegs im Klangbild der Vergangenheit verhaftet. Stattdessen wirkt sie in abwechslungsreichem Tempo modern, klar und kräftig produziert. Elektronische Musik, die sich ungeniert psychedelisch ausbreitet, zuweilen nach Bandformat klingt und jene Coolness aushaucht, die einst in den besonders verrauchten Bars zu finden war. Da, wo sich der Schwermut poetisch vermehrte. Dazu Nuancen von House und Italo aus einer Zeit, in der jene Genres noch naiv-funky waren anstatt normativ und ausgedacht. Hier und da eine alles umarmende Melodie und immer wieder kühn-kühler Gesang von beiden oder Gästen wie dem aus Paris stammenden Musiker und Model Jordi Sorder. Würde es ein Genre geben, das „Salon Des Amateurs” heißt, so wäre das bunte Deux-Control-Debütalbum sicher vorne im Neuheitenfach zu finden. Denn zu Sex Miami lässt sich wunderbar die Zeit auflösen, während der Blick dem Zigarettenrauch zuschaut, wie er in Luft aufgeht und nebenbei die Empfindung entsteht, eine vernebelte Nacht in einem dämmerigen Establishment voll rätselhaft anziehender Figuren und verwandelnder Musik ziehe langsam vor dem inneren Auge vorüber. Michael Leuffen

Echelon – The Five Eyes (Axis)

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Als William Binney 2001 seinen Posten als technischer Direktor für Systeme zur Datensammlung und Filterung bei der NSA kündigte, war das globale Überwachungsprogramm Echelon mindestens schon drei Jahrzehnte aktiv. Über Radome und Satelliten mit so prahlerischen Namen wie „Vortex” belauschten, transkribierten, speicherten Geheimdienste aus den USA, Australien, Kanada, Neuseeland und England, die sogenannten „Five Eyes”, militärische und zivile Kommunikation auf dem gesamten Planeten – bis heute. Schon 1982 berichtete James Bamford in The Puzzle Palace vom operativen Datengeschäft der am besten finanzierten Behörde der Welt – Informationen, die Edward Snowden Jahrzehnte später im Sommer 2013 mit zig Millionen Dokumenten abermals untermauerte. Als dubios bis düster lassen sich sowohl die mit zahllosen Codenamen versehenen und nach wie vor laufenden NSA-Programme bezeichnen wie auch die 28 „Interceptions” auf The Five Eyes, das Jeroen Search kürzlich unter seinem bislang eher stiefmütterlich behandelten Echelon-Alias via Axis Records veröffentlichte. Konsistent produziert, geht es auf Entdeckungsreise in die verspiegelten Gewölbe des tiefen Staates, rein auditiv versteht sich. Im postdemokratischen Zwischenraum von Polizeiapparat, Verfassungsschutz, Militär und Rüstungskonzernen verlaufen die Dinge asymmetrisch, bleibt Täuschung immer allgegenwärtig, während kaum etwas an die gesellschaftlichen Oberflächen blubbert. Der anschwellenden Paranoia bahnt dieses Album unterschiedlichste Kanäle, wenn es seine dystopischen Episoden auffächert, einkassiert und wieder ausleuchtet, bevor der nächste Track gegenwärtige Szenerien wachsender Überwachungsstaaten vertont, wie in der knapp 19-minütigen „Interception 020”. Bedient wird das ganze Repertoire des Jeroen Search: von den frühen in Acid getünchten Minimal-EPs, die der Niederländer Ende der 90er auf seinem eigenen Label veröffentlichte, über spätere Ausflüge in reduzierten Dub Techno bis zu diversen spacigen Ambient-Updates, die er vor zwei Jahren noch auf Monism fürs delirante Wegdriften im Tripsitter-Tipi einhegte – nur ist hier alles eine Ecke schwärzer, noch ominöser. Seine Signatur blieb bei allen Abwandlungen über die Jahre schon ausformuliert, weshalb The Five Eyes trotz einer beachtlichen Laufzeit von annähernd 150 Minuten zwar keine echten Überraschungen, aber raumfüllende, immersiv produzierte und dicht verwobene elektronische Musik bietet. Ein Soundtrack für ungewisse Zeiten. Nils Schlechtriemen

Echelon The Five Eyes.mp4 from AxisRecords on Vimeo

Emeka Ogboh – Beyond The Yellow Haze (A-TON)

Emeka Ogboh – Beyond The Yellow Haze (A-TON)

Bevor Emeka Ogboh Klanglandschaften selbst erzeugt, nimmt er sie auf. Der Künstler widmet sich eigentlich der visuellen Kunst und der Soundinstallation. Zuerst in seine erste Solo-Ausstellung integriert, die 2018 in Paris zu sehen war, erscheinen seine Aufnahmen nun als das Debütalbum Beyond The Yellow Haze. Darauf vermischt er elektronische Sounds mit Field Recordings aus Lagos zu einem immersiven Klangerlebnis. Die LP lässt an der Metropole in seiner Heimat Nigeria teilhaben, umschließt in einen Kokon aus den Klängen der Stadt. Beyond The Yellow Haze klingt, als ob Ogboh die Geräusche Lagos’ wie mit einem Schwamm aufgesogen hat, um ihn dann wieder auszuwringen. Herausgetröpfelt sind fünf Tracks, die im eklektischen Rhythmus der Stadt mitschwingen und gleichzeitig Ogbohs Handschrift tragen. Dabei sind elektronische Klänge, Bass und Perkussion lediglich das Skelett, an dem der Nigerianer seine Aufnahmen akzentuiert in Szene setzt. Das ständige Sausen des Stroms an Autos, ihr hektisches Hupen, vorbeihuschende Menschen und ihre Gespräche prägen den Opener „Lekki Aiah Freeway”. Dabei verwischen die Grenzen zwischen rauchigen Synths und rauschendem Verkehr. An anderer Stelle, in „Everydaywehustlin”, untermalt Verkaufsgespräche ein grober Rhythmus, der das gemächliche Treiben der Passant*innen als auch den Trubel des Feilschens einfängt. Mit karger musikalischer Unterstützung verleiht Ogboh den urbanen Klängen einen melodischen Charakter, sodass diese immer Fokus der Tracks bleiben. Beyond The Yellow Haze klingt wie der Soundtrack zum Kopfkino, das Lagos in Ogboh hervorruft. Aus der Allgegenwärtigkeit von Klang in der Stadt kondensiert der Künstler einzelne Fragmente, die Lagos zum Subjekt des Albums machen. Alltagsgeräusche werden zu Klängen, Lärm zu Melodie. Und dieses Klangkaleidoskop endet letztlich nicht in Kakophonie, sondern im atonalen Rhythmus der Stadt. Louisa Neitz