Der Chromapohone 3 von Acoustic Systems (Sämtliche Foto: Screenshots)

Applied Acoustics Systems (Kurz: AAS) bringen mit dem Chromaphone 3 ein Update ihres ungewöhnlichen Resonanzkörper-Synthesizer-Plugins, das unseren Technikredakteur Numinos schwer begeistert hat. 

Es gibt ohne Zweifel viele schöne Arten, auf elektronischem Weg Klänge zu erzeugen: Subtraktive-, Wavetable-, Frequenz-Modulation oder auch Granular-Synthese, um nur einige zu nennen. Dabei lässt sich festhalten, dass die gute alte subtraktive Synthese die größte Beliebtheit und Relevanz in der gesamten elektronischen Musik für sich verbuchen kann. Weit abseits davon rangiert die Resonanzkörper-, beziehungsweise Karplus-Strong-Synthese, die – wenn man es genau nimmt – keine „richtige“ Synthese ist, sondern vielmehr ein ziemlich komplexer Feedback-Delay und Filter-Effekt. Aber gerade deshalb lassen sich mit ihr Klangereignisse kreieren, die mit den vorgenannten Synthese-Formen oft gar nicht oder wenn, dann nur ausgesprochen schwierig zu erzeugen sind. Dabei funktioniert sie im Grunde recht simpel: Ein einfaches Trigger-Signal (oft nur ein kurzer Impuls) wird einer Feedback-Schleife zugeführt, in der dem Signal dann durch eine spezifische Filterung die Klangsignatur (Formanten) von physikalischen Objekten wie beispielsweise Metallplatten, Schwingenden Fellen, Saiten oder Luftsäulen „aufgedrückt“ wird. 

2×2 = 4

Im Fall von Chromaphone 3 stehen zwei verschiedene Trigger zur Auswahl und lassen sich beliebig mischen und filtern: ‚Noise‘ für lang anhaltende Klänge und ‚Mallet‘ für kurze Impulse. Flankiert von einer Hüllkurve und einem flexiblen LFO laufen diese Impulse dann in zwei unabhängige Resonator-Module, die mit acht verschiedenen Modellen bestückt sind: Beam, Marimba, Open/Closed Tube, String, Drum Head, Plate, Membrane und ein ‚Custom‘-Mode, in dem sich vier Partialschwingungen frei zusammenmischen lassen. Diese beiden Resonator-Einheiten können wahlweise parallel oder seriell betrieben werden, wobei besonders der letztgenannte Modus für ziemlich realistische Naturklänge zu sorgen vermag. Damit nicht genug, steht diese Synthese-Einheit in Chromaphone 3 direkt in doppelter Ausführung bereit, so dass sich die beiden Synthesizer (A/B) gleichzeitig – wahlweise gelayert oder gesplittet – spielen lassen. Zur besseren Übersicht sind beide Synthese-Einheiten in drei Tabs gegliedert: ‘Modes’ – hier lassen sich vier Macro-Regler mit jeweils vier verschiedenen Parametern der Klangerzeugung belegen.

Die Synth – Ansicht in Chromaphone 3

Daneben ist hier ein Vibrato-Effekt und ein ziemlich leistungsfähiger Arpeggiator im Zugriff. ‘Synth’ – hierüber erfolgt der Zugriff auf die eigentlich Synthese. Und schlussendlich ‘Effects’. Auch hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Denn sowohl in den beiden Synth-Layern, wie auch in der Master Sektion stehen jeweils fünf, frei aneinander reihbare Effekt-Slots bereit, von denen drei fest mit Equalizer, Kompressor und Reverb bestückt sind, die beiden anderen nach Belieben mit einem von vierzehn weiteren Effekten bestückt werden können. Auch der globale Zugriff auf die Sounds, Synthese, Plugin-Verhalten ist in Tabs gegliedert (Home, Browser, Editor und Settings).

Effekte galore – eine der drei (!) Multi-FX-Units.

Praxis

Ein guter Ausgangspunkt zum Kennenlernen eines Synthesizers ist natürlich immer die Werksbibliothek. Im Fall von Chromaphone 3 erreicht man sie über ein separates Browser-Tap, wo weit über eintausend Klänge, wohlgeordnet nach Kategorien auf ihren Einsatz warten. Das Spektrum reicht hier von simplen Naturklängen (u.a. Saiten-, Tasten- und Blasinstrumente), über Pads und Solo-Klänge, bis hin zu Effekt- und Textur-Sounds. Das Material, was hier klanglich geboten wird, ist durch die Bank hochwertig (allein 676 Sounds stammen aus der Library der Vorgänger-Version) und wäre für sich genommen schon wert, sich das Plugin zu kaufen. Hören wir mal rein:

Chromaphone 3 Sounddemo

Hat man sich ein bisschen durch die Presets geklickt, sich dabei im relativ übersichtlichen GUI die nötige Orientierung verschafft und hier und da Veränderungen an den Sounds vorgenommen, wächst natürlich die Motivation, eigene Engels-Glöckchen, apokalyptische Drones oder sanfte New-Age Flächen selber zu generieren. Und tatsächlich wird man in Chromaphone 3 nach einer Einarbeitungszeit, die ich für Profis mit ca. 2 Stunden, für Laien mit einem langen Nachmittag ansetzen würde, mit ausgesprochen reizvollen Sounds belohnt. Im Grunde ist es nämlich ausgesprochen einfach: Man baut sich einen „Initiator“ aus Impuls und oder Rauschen, wobei diese sich – gewissermaßen zum „Vorhören“ – auch trocken anhören lassen. Den speist man dann in einen (oder beide) Resonatoren und experimentiert dann nach Herzenslust mit Parametern wie Anschlagsposition, Material und Ton. Mit ein bisschen Übung gelingt einem auf diese Weise in unter einer Minute beispielsweise ein wirklich realistisch klingender Kalimba-Sound. Hier ein kleines Beispiel:

Einfaches Sounddesign mit Chromaphone 3

Allerdings muss man auch festhalten, dass Version drei mit ihrem neuen, etwas kühlen GUI und den deutlich gewachsenen Möglichkeiten, nicht mehr ganz so „Reason-mäßig“ schnuckelig daher kommt, wie die 2.0. Nein, Chromaphone 3 ist optisch wie technisch ein ziemlich mächtiger, im besten Sinne „deeper“ Synthesizer. Das zeigt sich auch an der aufwändigen Macro-Modulationsmatrix, die aus vier Macro-Reglern besteht, denen sich jeweils vier Parameter der Klangerzeugung zuordnen lassen und dann gleichzeitig modifiziert werden können.

Offenkundig hat man bei AAS ein Herz für routinierte Sounddesigner, die viel und oft auf ähnliche Sounddesign-Templates zurück greifen, denn in fast allen Einzelinstanzen der Klangerzeugung wie beispielsweise Effekte, Modulation, Resonatoren und Macros, lassen sich Presets anlegen und laden, was den Arbeitsprozess stellenweise deutlich verkürzt. 

Wo Licht, da auch Schatten, denn nicht alles in und an Chromaphone 3 wusste mir zu gefallen: Allen voran ist festzuhalten, dass das Plugin ein ziemlicher CPU-Power-Fresser ist. Ein komplexer, zehnstimmiger Sound ist beispielsweise problemlos in der Lage, sich mal eben 50% Prozent der Prozessor-Leistung eines 2,8 GHz i7 zu genehmigen. Daneben hätte ich es sehr gerne gesehen, wenn die hervorragenden Resonatoren des Plugins auch zur Verarbeitung externer Klangquellen herangezogen werden könnten. Auch der Umstand, dass der LFO als Modulationsquelle virtuell „fest verdrahtet“ ist und nicht frei zugewiesen werden kann, ist eine kleine Einschränkung. Überhaupt hätte ich mir noch ein bisschen mehr Routing-Freiheiten gewünscht: Zwar sind an vielen Stellen sinnvolle Modulationsquellen auf Parameter quasi „vorgemappt“ (beispielsweise die Hüllkurve auf das Filter), lieber hätte ich allerdings ein völlig offenes Modulationssystem gesehen. Eine kleine Nickeligkeit im Gui: Oft ertappte ich mich dabei, dass ich beherzt in einem Synth-Modul schraubte und nichts passiert, weil ich zuvor nicht in den Reiter für den betreffenden Synth (Synth A/B) geklickt hatte. Zwar sind beide Synth-Blöcke farblich kodiert (Synth A = türkis, Synth B = rostrot), aber im Eifer des Sounddesigns übersieht man das doch häufiger mal. Und warum bei den Effekten kein Filter-Modul zu finden ist, obwohl man es dringend bräuchte, da die Synthese von Chromaphone 3 selbst ja keine Filterung vorsieht, ist mir schleierhaft.

Klang

Synthese-bedingt liegen Chromaphone 3 obertonreiche, metallische, hölzerne und geräuschhafte Sound, die wahlweise angeschlagen, gestrichen oder geblasen zum Klingen gebracht werden. Einfache Sounds, die an Kalimbas, Xylophone oder E-Pianos erinnern, sind auf diese Weise ziemlich schnell realisiert und haben dank der dynamischen Synthese ein hohes Maß an Lebendigkeit, die sich deutlich von Sample-Wiedergabe unterscheidet. Auch trockene, perkussive Klänge gelingen mit dem Plugin sehr einfach, so dass „Blue Man Group“-mäßige Kunststoffröhren-Sounds im Handumdrehen auf dem Keyboard liegen. Nicht ganz so überzeugend sind dagegen die Modelle der angeblasenen Pfeife (Open/Closed Tube) geraten – hier haben Yamaha schon in den frühen 1990er Jahren mit ihrem legendären „VL1“ weitaus realistischere Flötentöne zu Stande gebracht.

Die spezifischen Eigenheiten der Synthese zeigen sich besonders deutlich im Bereich von Flächen: Endlos vor sich hin schwingende, metallisch anmutende, obertonreiche Pads sind definitiv eine Stärke von Chromaphone 3, wenn nicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal. Denn mit ein bisschen Routine lassen sich hier sehr schnell wirklich eindrucksvolle Klangepisoden zaubern, die – in dieser Art – mit anderen Synthese-Formen ungleich schwieriger zu erstellen wären. Interessant ist dabei auch, dass die Klänge über weite Parameter-Bereich eine gewisse Authentizität behalten. Man beim Hören – auch aufwändig programmierter Synthese-Patches – also glaubt, es wäre eine Art Naturinstrument – spannend. Was das Plugin nicht beherrscht (aber natürlich auch gar nicht will), sind klassische, warme Synthesizer-Sounds, bei denen man den einzelnen „Sägezähnen“ beim Schwingen zuhören kann.

Fazit

Chromaphone 3 ist ein klanglich und funktional ziemlich außergewöhnlicher Synthesizer, der eine Bereicherung für jede Plugin-Sammlung ist, wenn man seinen Soundvorrat in Richtung virtueller Klänge erweitern möchte. Dabei hält die gelungene, über tausend Sounds umfassende Werkslibrary bereits unzählige inspirierender Klangprogramme bereit. Und für Nachschub ist gesorgt, denn die Vielzahl, zukaufbare Soundpacks namenhafter Sounddesigner wie Amon Tobin, Daniel Stawczyk oder Richard Devine zeigen eindrucksvoll, dass sich der Synthesizer einer konstanten Beliebtheit erfreut. Aber auch eigene Kreationen gelingen – nach kurzer Einarbeitung – erstaunlich schnell und auch gut, da die Synthese im Kern relativ einfach zu verstehen ist und ohne großen Aufwand sehr brauchbare Ergebnisse liefert. Tatsächlich geht von der hier realisierten Form der Karplus-Strong Synthese, die ja quasi eine Art „Umkehr“ des Subtraktiven Prinzips ist (Man startet mit einem rohen Oszillator und formt daraus dann durch Filterung – eben Subtraktion – den Klang) hin zu ‚man schickt ein unspektakuläres Rauschen rein und der Resonator reichert das dann mit – oft überraschenden – Obertönen an‘, eine ziemlich erfrischende und inspirierende Wirkung aus. Wer also absehen kann, sich so eine klangliche Erfrischung gönnen zu wollen, sollte zusehen, das Plugin noch zum Einführungspreis zu bekommen.