Ballet Mechanique – Embody EP (Delsin)

Ballet Mechanique - Embody EP (Delsin) Eevo Lute Muzique Reissue

Bereits zweimal widmete sich das niederländische Traditionslabel Delsin durch Retrospektiven von Produzenten wie Wladimir M und Florence dem aus Eindhoven stammenden, 1991 gegründeten Label Eevo Lute Muzique. Dessen vom Detroit Techno beeinflusste Veröffentlichungen waren in den 1990ern gefragt. Nicht zuletzt wegen EPs wie Embody, produziert vom Maastrichter Grafikdesigner und Produzenten Jeroen Borrenbergs alias Ballett Mechanique. Nun erscheint seine vielseitige Techno-Soul-Maxi nach 24-jähriger Reife und frischem, zeitgenössischen Mastering erneut. Der Titeltrack ist ein deeper Cosmic-Detroit-Stepper. Fesselnd, phantasievoll, funky und voller skulpturaler Soundeffekte. Auch der dubbige Acid-trifft-Sunshine-Electro-Track „Evolutionary Entities”, das von entfremdeten „E2-E4”-Geistern befruchtete Motor-City-Funk-Stück „Radio Atlantis” und die feingliedrige IDM-Nummer „The Third Ear” haben unverwüstliche emotionale Qualitäten, die unmittelbar wirken und schon 1996 eine tiefe Verehrung des futuristischen Sound Of Detroit bezeugen, der die Zeit bis heute nichts anhaben kann! Michael Leuffen

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Dynarec – Studio Defeat (Return To Disorder)

Dynarec - Studio Defeat (Return To Disorder)

Dynarec könnte auch Dynamit heißen – wegen der Löcher, die der Typ aus Straßburg seit 15 Jahren mit einer Mischung aus Drexciya-Electro und Tresor-Techno aus den Wänden sprengt. In all den Jahren hat er auf Delsin, Technorama und Electrix Records bewiesen, dass drei Kilo TNT noch immer ein probates Mittel für den Totalabriss sind. Mit Studio Defeat, das auf dem Helena-Hauff-Label Return To Disorder erscheint, robotern die Kraftwerke und qualmen den deftigsten Punk raus, seitdem ein Electro-Remix von irgendeinem House-Franz 2009 auf die Eins in den Techno-Charts bei Beatport geschlittert ist. Bei so viel unkontrolliertem Sprengeinsatz im Hochgebirge können schon mal verfrühte Frühlingsgefühle aufkommen, im Zuge derer man die Platte wie eine Frisbeescheibe aus dem Fenster schleudert und hofft, dass sie niemand fängt. „Aber, aber”, werden jetzt ein paar Boomer-Liberalos faseln, „Gewalt ist doch auch keine Lösung.” Naja, bei Dynarec schon. Schließlich würde man sofort die komplette Ostgut-Sammlung opfern, um „Ray Mentor” im Club durch die Anlage zu pusten und der Querdenker-Fraktion damit den Aluhut zu polieren. Christoph Benkeser

Hörbeispiele findet ihr in den einschlägigen Shops.

Eversines – Plooi (Kalahari Oyster Cult)

Eversines - Plooi (Kalahari Oyster Cult)

Nicht erst seit gestern gilt Kalahari Oyster Cult als Tanzmusik-Label für den*die Connaisseur*in. Klein, aber fein hat sich das Label mit Veröffentlichungen zwischen Techno, House, Trance und Breakbeat, zwischen Electro, Acid, IDM und UK Garage einen mehr als guten Namen gemacht. Und da macht der neueste Release von Eversines und RDS beileibe keine Ausnahme. Mal zwitschert die 303 über rasenden Breakbeats, mal taucht man ab ins tribale Untergestrüpp, um dann wieder von Garage-House-Akkordfolgen emporgespült zu werden und letztendlich seinen Kopf im verschallerten Ganja-Dub-Schwaden zu verlieren. Immer macht das Hören Spaß, zuckt das Tanzbein und das letzte, was hier regiert, ist Langeweile. Und wenn die EP dann zu Ende ist, legt man sie sofort nochmal von vorne auf. Tim Lorenz

Pugilist – Siphon EP (Dext)

Pugilist - Siphon EP (Dext)

Schon lustig, dass man unter einem Siphon ein Gerät verstehen kann, aus dem Sprudelgetränke hervorquellen, oder etwa das Ding unter dem Waschbecken, in dem sich allerlei Unappetitliches ansammelt. Für Pugilists jüngste EP bringt das allerdings keinen weiteren Erkenntnisgewinn. Auch nicht, dass der Projektname des Melbourner Produzenten, bürgerlich Alex Dickson, übersetzt so etwas wie Faustkämpfer heißt. Seine vier Tracks stehen jedenfalls fest in der Bassmusik-Tradition, sei es nun Jungle, Garage oder Breakbeat. Pugilist fährt die Beats dabei nicht stur als Referenzen an Bewährtes auf, sondern sorgt in seinen Produktionen stets für ausreichend Sauerstoffzufuhr, dreht die Rhythmusspur durch allerlei Effekte, hält sie so in permanentem Fluss. Mit dem Niederländer Coco Bryce als Remixer kommt ein Gleichgesinnter hinzu. Dessen Version des Titeltracks feiert das Jungle-Revival noch eine Spur knüppeliger in den Breaks. Fast schon ein wenig zu eindeutig, darin aber dann schön konsequent. Tim Caspar Boehme

Ricardo Villalobos – Matsuhop (Rawax)

Ricardo Villalobos - Neunatchi EP (Rawax)

Auch an Ricardo Villalobos’ jüngster Veröffentlichung werden die Geister sich erneut scheiden. Denn auch die beiden Tracks der Neunachi EP – es mag seine 62. Maxi sein, jedenfalls ist es die zweite für das Frankfurter Imprint Rawax innerhalb weniger Monate – halten die Spur, die der deutsch-chilenische Producer seit einem Vierteljahrhundert verfolgt. Manche erkennen darin lediglich pure Langeweile in Rillenform, anderen gilt Villalobos nach wie vor als Magier des Afterhour-Sounds, dessen experimenteller Ansatz Minimal Techno semantisch, einige meinen gar spirituell auflädt und damit vor stupider, eindimensionaler Funktionalität bewahrt. Wie dem auch sei: Nur wenige Produzenten elektronischer Musik besitzen einen längeren Atem als Villalobos. Auch die beiden neuen Tracks wirken wieder eher labyrinthisch mäandernd, fließend und gejammt als gegossen, gemeißelt oder gestapelt. Im Titeltrack nimmt sein fluides Klangdickicht tatsächlich gewissermaßen flüssige Formen an: Er gleicht einer Passage durch das Gewölbe einer feuchten, tropfenden Klangwelt, in deren Verlauf die rituelle Zeremonie eines rückwärtssprechenden Wesens in Wechselrede mit seinem Schamanen, Glockenspieltöne und Streicherflächen auftauchen. „Detrant” hört sich – einige BPM schneller als von Villalobos gewohnt – wie eine Transformation dieser Idee in eine Höhle während der Trockenzeit an, wo schabende, kratzende Klangereignisse auf Liegetöne einer Orgel, Rückkopplungen und in den Hintergrund gemischte, afrikanisch anmutende Chants treffen. Dass die Beschreibungen der Klangquellen stets nur eine Annährung darstellen kann, da diese sich latent der konkreten Identifizierung entziehen, gehört substanziell zur charakteristischen Soundästhetik Villalobos’, dessen unbeirrte Beharrlichkeit auch hierin beeindruckt. Harry Schmidt

Auch hier müsst ihr euch Hörbeispiele selbst besorgen.