Extrawelt (Foto: Lukas Gansterer)

Extrawelt aus Hamburg haben eine eigene Techno-Sprache zwischen Minimal und Rave-Sound erschaffen, der sie zu einem der glaubwürdigsten Acts unserer Szene macht. Anfangs noch als begeisterte Clubgäste und DJs, entdeckten Arne Schaffhausen und Wayan Raabe schnell ihre Begeisterung für das Produzieren und Liveshows. Erste Projekte namens Spirallianz und Midi Miliz entstanden, deren Sound mancherorts wegen der Mischung aus Techno und Psytrance als Cinematic Techno bezeichnet wurden. Mit „Soopertrack” auf James Holdens Label Border Community gelang schließlich der Durchbruch – Extrawelt war geboren. Mit ihrem bodenständigen Auftreten und ihrem gesunden Mix aus Ambition und Feierfreudigkeit mauserten sich die beiden zum international gefragten Live-Act.

In diesem Jahr feiert Extrawelt ihr 15-jähriges-Jubiläum. Zu diesem Anlass haben die beiden ein Best-Of-Album zusammengestellt. Unser Autor Philipp Thull sprach Schaffhausen und Raabe via Skype. Er erkundigte sich nach der geheimnisvollen Psytrance-Vergangenheit der beiden, erfuhr, wie sie den Plattendeal ihrer Karriere mit James Holden einfädelten – und wie sie von einem der ganz Großen der Szene unter die Fittiche genommen wurden.


Wie kam die Idee auf, ein Best-of-Album zu veröffentlichen?

Schaffhausen: Ziemlich spät im letzten Jahr, als wir überrascht festgestellt haben, dass Extrawelt in diesem Jahr 15 Jahre alt wird. Wir dachten uns, dass wir uns zu so einem Anlass mal ein Best-Of-Album erlauben können. (lacht) Als erstes kam die Idee ins Spiel, eine Collector’s Box zu machen. Auch aufs Remastering der Tracks haben wir uns gefreut, da einige von diesen Stücken noch nie ein optimales Mastering erhalten haben. Wir waren uns aber nicht ganz sicher, ob Cocoon Interesse an dem Projekt hat. Die wurden aber zum Glück sofort hellhörig, als wir ihnen unsere Idee vorschlugen. Und dann kam eins zum anderen. 2501, der Künstler, mit dem wir schon im Zuge von Unknown zusammengearbeitet haben, hatte ein paar neue Bilder, von denen mir eines besonders gut gefiel. Und dann hab ich mich mit Bernd [Brink, Mitgründer des Designstudios, d.Red.] von Weissraum direkt daran gemacht, diese schöne Box zu entwerfen.

Die aufwändigsten Arbeiten in Eurer Diskographie sind die vier Alben für Cocoon. Habt ihr da jeweils ein bestimmtes Thema verarbeitet?

Raabe: Nur beim letzten Album. Das ist unser einziges Konzeptalbum, wenn man so will. Da haben wir gesagt, dass kein Stück drauf kommt, in dem eine gerade Bassdrum vorkommt. Die anderen sind frei entstanden. Unsere Art, Musik zu produzieren, bestand immer darin, dass wir machten, worauf wir gerade Bock hatten und hinterher guckten, wofür man sie verwenden könnte. Als wir genügend Tracks hatten, konnten wir ein Album zusammenstellen. Natürlich sind immer ein paar Stücke entstanden, die nicht zum Rest passten. Die sind dann entweder als B2 rausgekommen oder in irgendwelchen Schubladen liegengeblieben. Egal, ob das jetzt Breakbeat oder Electro ist oder irgendwas dazwischen. Auf jeden Fall hatten wir davon irgendwann eine ganze Menge in der Schublade, und wir überlegten, was wir damit machen könnten. Das war ja nicht der Sound, den die Zuhörer*innen erwarten. Er liegt uns aber trotzdem musikalisch sehr am Herzen. Meine völlig unwichtige Meinung ist ja, dass das Unknown-Album unser bisher bestes Album ist. Die Meinung hab ich aber exklusiv. (lacht)

Extrawelt (Foto: Sebastian Magnani)

Wie ist das für euch, ein Album in der kulturellen Durststrecke von 2020 zu veröffentlichen?

Schaffhausen: Das war ein Auf und Ab. Im Februar waren wir mehr oder weniger fertig mit dem Album. Mit der Tracklist taten wir uns aber echt schwer, da es bei so einem Sammelsurium aus 15 Jahren gar nicht einfach ist, sich auf 15 Tracks festzulegen. Als das Cover und alles andere stand, fing die Corona-Krise an, und plötzlich war alles anders. Der ursprüngliche Plan war, das Album im Mai rauszubringen. Aber dann überlegten wir natürlich, ob das der richtige Zeitpunkt ist. Das hätten wir zwar gerade noch so geschafft, aber es gab neben den Bedenken wegen Corona auch einen finanziellen Engpass. So eine Collector’s-Box mit Vierfach-Vinyl, Vierfarbdruck, eventuellen Kunstdrucken, T-Shirt und den anderen, geplanten Extras muss vorfinanziert werden. Als überall die Einnahmen wegbrachen, wurde dann erstmal alles auf Pause gestellt. Bis wir uns dann im Juni, Juli wieder zusammensetzten und alle der Meinung waren: „Jetzt erst recht. Scheiß drauf! Lasst es uns einfach probieren. Wenn wir damit ein paar Leute glücklich machen, ist das auch was wert.” Nun ist es eine puristische Version ohne die ganzen Extras geworden.

Feiert ihr denn in eurem Kreis trotz Corona euer 15-jähriges Jubiläum auf irgendeine Art und Weise?

Raabe: Nö, Jubiläen sind was für Spießer. (lacht) Eigentlich hatten wir eine Tour mit einem erweiterten Konzept geplant. Die erste und einzige Show fand im Februar in Hamburg im Übel & Gefährlich statt. Da war zwar noch einiges verbesserungsfähig, aber es hat total Spaß gemacht. Die restliche Tour fiel dann natürlich ins Wasser, und jetzt muss man gucken, ob sowas nach Corona überhaupt noch möglich ist. Das Konzept war schon vor Corona schwierig, da wir wesentlich mehr Equipment haben als ein DJ. Dann kommen noch der technische Aufwand, mehr Leute und der zusätzliche Platz hinzu. Jetzt kann man nur noch hoffen, dass es nach Corona überhaupt noch Clubs gibt. Bisher sieht das ja nicht so rosig aus. Ob man dann noch eine Tour durchführen kann, die noch mehr Geld kostet? Feststeht, dass wir tierisch Bock hätten. Gerade passendes Licht ist ja total unterschätzt.


„Wenn uns nichts mehr einfiel oder ein technisches Problem nicht lösen konnten, sind wir auf den Abenteuerspielplatz bei mir um die Ecke gegangen, um dort erstmal eine Stunde zu kicken. Da haben wir uns dann wirklich kennengelernt.”

Arne Schaffhausen

Was haben wir uns da vorzustellen, was ist an dieser Show anders?

Schaffhausen: Wir wollten Licht und Visuals passend zur Musik, so wie das bei Konzerten Standard ist. Uns hat vor allem die Zusammenarbeit mit der eigenen Crew total Spaß gemacht. Das Ganze zu konzipieren und zumindest bei dem einen Gig, den wir dann spielen durften, zu erleben. Wie sich alles in eineinhalb Stunden Auftritt verwirklichte. Licht, Visuals, Bühne und so weiter übernimmt ja normalerweise der Veranstalter. Das selbst zu machen, war Neuland für uns. Dann beim Gig zu sehen, dass alles funktioniert, von außen gut aussah und sich für uns auf der Bühne auch gut anfühlte, war echt schön. Und natürlich danach mit der Crew zusammenzukommen und anzustoßen! Jeder hat seinen Part einigermaßen vernünftig hingekriegt, bis auf uns natürlich! (lacht) Das war ein tolles Gefühl, wie Mannschaftssport.

Ihr tretet seit 15 Jahren als Live-Act auf. Habt ihr auch mal daran gedacht, wieder ein DJ-Set zu spielen?

Raabe: Arne spielt manchmal als DJ. Wie ich finde sogar sehr gut.

Schaffhausen: (lacht) Danke. Manchmal passierte das auch aus der Not, weil ein Flugzeug nicht abgeflogen ist oder das Equipment nicht ankam. Ganz ab und zu allerdings auch mal geplant. Wie heißt der Club nochmal?

Raabe: Belgien.

Schaffhausen: (lacht) Genau, im Club Belgien. Nein, im Kompass Club in Gent! Da haben wir es die letzten zwei Jahre so gemacht, dass wir erst live gespielt und ich danach noch bis zum Schluss ein DJ-Set gespielt habe. Das machte auch sehr viel Spaß, aber das kann ich mir auf jeden Fall nicht jedes Wochenende antun. Live- und DJ-Set direkt hintereinander – das ist definitiv herausfordernd. Und das DJ-Set macht mich immer besonders nervös, weil ich es so selten mache.

Raabe: Der ist dann zu nichts zu gebrauchen. Wenn Arne als DJ spielen soll, ist der eine Woche vorher so nervös, dass ich ihn beim Konzert die ganze Zeit anquaken muss. 

Schaffhausen: Das macht schon Spaß, ist aber wirklich etwas komplett Anderes. Und um zusätzliche Bookings anzunehmen, fehlt dann auch ein bisschen die Zeit, weil wir eh jedes Wochenende im Schnitt zwei Live-Gigs spielen. Da noch ein DJ-Set einzubauen, wäre ein bisschen aufwendig. Aber kommt immer mal wieder vor. So ein-, zweimal im Jahr.

Raabe: Ich war ja auch mal DJ…

Extrawelt
Extrawelt Konzerttour im Übel & Gefährlich in Hamburg (Foto: We Are Vision)

Ihr habt euch in dieser Zeit kennengelernt, oder?

Raabe: Zu dieser Zeit hörte ich eigentlich schon wieder auf. Ich hatte keinen Bock mehr auf das Nachtleben, auf Partys und den ganzen Quatsch. Mit 18 dachte ich mir, ich müsste jetzt mal was Vernünftiges machen. Und dann lernte ich Arne kennen.

Schaffhausen: Genau. Und dann zog ich ihn wieder rein. (lacht)

Wie habt ihr euch genau kennengelernt?

Schaffhausen: Ich würde sagen auf Partys. Wir spielten auch ein paarmal zusammen oder waren auf welchen, wo der andere auflegte. Ich war sogar bei Wayans allererstem DJ-Set, als er mehr oder weniger von den älteren DJs gezwungen wurde, aufzulegen. Und das mit Zauberhut. (lacht)

Raabe: Da war ich 14. Richtig kennengelernt haben wir uns aber erst, als wir gemerkt haben, dass der jeweils andere auch Equipment besitzt. Wir dachten: Wenn wir uns zusammentun, haben wir ein Tonstudio! Danach haben wir relativ schnell angefangen, Musik zu machen. Das war ’97, ’98.

Was hattet ihr da für einen Eindruck voneinander?

Raabe: Naja, Arne hatte noch lange Haare.

Schaffhausen: Du aber auch.

Raabe: Das war so ein Hippie. Aber ja, ich auch. Wir haben damals noch viel rumgeblödelt.

Schaffhausen: Das war mehr Rumblödeln als alles andere. Tierisch einen reingekifft und Spaß gehabt.

Raabe: Arne hatte mehr Arm-Reichweite als ich, das war bei körperlichen Auseinandersetzungen von Nachteil.

Schaffhausen: Genau. Wir waren so jung, dass wir uns noch prügelten. Wenn uns nichts mehr einfiel oder wir ein technisches Problem nicht lösen konnten, sind wir auf den Abenteuerspielplatz bei mir um die Ecke gegangen, um dort erstmal eine Stunde zu kicken. Da haben wir uns dann wirklich kennengelernt. Da dachte ich dann auch, dass der Wayan ja doch was kann, wenn er sich anstrengt. (lacht)

Wann fanden eure ersten Auftritte statt?

Schaffhausen: Unser erster offizielle Auftritt war auf einem Bauwagen bei der Hanfparade in Hamburg. Das dauerte allerdings noch eine ganze Weile bis dahin. Unsere ersten drei Tracks brachten wir aber direkt an den Mann. Da gab es einen neuen Plattenladen, Ventilator Records in Hamburg, der dem Ex-Besitzer vom Delirium gehörte, dessen Logo ich gerade designt hatte. Und der fand die Tracks anscheinend ganz gut. Die erste Testpressung hatte aber ein Problem, weil sie stark knackte. Daraufhin hat er das Presswerk verklagt, und es zog sich alles ewig. Die Platte ist jedenfalls nie rausgekommen.

Raabe: Zum Glück.

Schaffhausen: Danach kam das Label Spirit Zone in Hamburg, wo wir schließlich unsere erste Musik veröffentlichten.


„Für den neuen Alias wollten wir einen deutschen Namen finden, aber mit Worten, die ein*e Engländer*in gerade noch aussprechen kann. Wir standen zwar auch schon als Extrawet auf Flyern, aber meistens wird er richtig geschrieben.”

Arne Schaffhausen

Als Midimiliz und Spirallianz.

Schaffhausen: Genau. Wir sind direkt mit zwei Projekten gleichzeitig gestartet. Spirallianz exklusiv für Spirit Zone und Midimiliz für alles andere.

Raabe: Wir hatten da sogar noch zwei Projekte mit anderen Kollegen nebenher. Eigentlich waren wir die ganze Zeit im Studio. Sechs Tage die Woche, 24 Stunden. Schlafen, wenn man müde ist, und zwischendurch mal kurz was essen. Ansonsten im Studio und Musik machen oder Kicken. So machen wir das auch immer noch. Abgesehen davon, dass wir inzwischen Kinder haben und nicht mehr ganz so viel Zeit. Kicken geht auch nicht mehr. So fing das auf jeden Fall an – und das ist auch immer noch das, was uns am meisten Spaß macht.

Seid ihr zu dem Zeitpunkt noch zur Schule gegangen?

Schaffhausen: Nee, da waren wir gerade raus. Und Wayan war auch fast mit seiner Ausbildung zum Toningenieur durch. Allerdings war das erste Studio noch direkt über dem Schlafzimmer meiner Eltern.

Als Midimiliz und Spirallianz habt ihr noch mehr oder weniger Psytrance produziert.

Schaffhausen: Wir haben zwar immer auf Psytrance-Partys gespielt und auf den entsprechenden Labels releast, aber richtiger Psytrance war das, glaub’ ich, nie. Da gab’s dann Magazine und Labels, die für uns schnell ein eigenes Subgenre erfunden haben. Das hieß dann zum Beispiel Tech Trance oder Cinematic Techno. (lacht)

Raabe: Uns war das immer egal. Wir hatten Freunde, die Psytrance-Produzenten waren. Die brachten uns ziemlich viel bei. Und natürlich übernimmt man dann Techniken, weswegen die Musik erstmal ähnlich klingt. Wenn wir aber auf Psytrance-Partys gespielt haben, gab es fast immer den Moment, wo jemand kam und sagte, dass wir mal Goa anmachen sollen. Den echten Psyheads war es auf jeden Fall nicht trancig genug. Andersherum war es aber auch so, dass wir, wenn wir in der Technowelt waren, gerne als die aus dem Psytrance belächelt wurden. Damit konnten wir uns arrangieren. Den Stempel bekommt man von außen, den gibt man sich nicht selber. Was die Leute in die Musik interpretieren, ist ihnen selbst überlassen.

Extrawelt by Wayan Raabe
Extrawelt im Backstage (Foto: Wayan Raabe)

Wie ist dann das Projekt Extrawelt entstanden?

Raabe: Eigentlich änderte sich soundmäßig gar nicht viel. Wir dachten nur irgendwann, wir machen mal ein bisschen langsamer und produzieren dadurch hoffentlich ein bisschen besser. Arne schickte nach einiger Zeit ein paar Tracks an James Holden, weil er das Label cool fand. Der meldete sich ein halbes Jahr später bei uns und fragte, ob er das Stück noch haben kann. Das war dann „Soopertrack”. Das war zwar nur der Arbeitstitel, er fand den aber super. In diesem Moment fragten wir uns, ob das nicht der richtige Zeitpunkt ist, um einen neuen Bandnamen zu wählen. Arne kam daraufhin mit dem Namen Extrawelt um die Ecke, der sich im Nachhinein auch nicht als die schlechteste Idee herausstellte.

Kannst du dich noch erinnern, was dir durch den Kopf ging, als du das Demo verschickt hast?

Schaffhausen: Ich dachte mir einfach: Warum nicht, wenigstens probieren. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass James sich dann tatsächlich melden würde.

Das Demo verschickte ich noch als Midimiliz, und so hat er es auch gesignt. Kurz bevor der Release bei Border Community in die Design-Abteilung ging, überlegten wir uns: Wenn nochmal ein neuer Name her soll, dann jetzt. Wir hatten immer wieder das Problem, dass Spirallianz und Midimiliz international häufig falsch geschrieben wurden und die Namen außerdem niemand aussprechen konnte. Eigentlich war das Ziel für den neuen Alias, einen deutschen Namen zu finden, aber mit Worten, die ein*e Engländer*in gerade noch aussprechen kann. Wir standen zwar auch schon als Extrawet auf Flyern, aber meistens wird er richtig geschrieben.

Raabe: Viel mehr dachten wir da auch nicht drüber nach. Wir bekamen später Verträge oder Rechnungen, auf denen versehentlich Extrabreit stand. Und als wir feststellten, dass Legowelt, der ja auch einer unserer alten Helden ist, namentlich ziemlich nah dran ist und auch schon auf Cocoon veröffentlicht hat, war uns das ziemlich peinlich. Aber das passiert dann einfach so.


„Wenn man zehn Jahre lang auf einem bestimmten Tempo rumreitet und dann 15 BPM runterfährt, eröffnet allein das schon sehr viele neue Möglichkeiten.”

Arne Schaffhausen

Wo wir bei der Entstehung des Namens sind. Ihr verwendet manchmal provokative Tracktitel wie „Gott ist Schrott”, ihr selbst nennt euch Extrawelt. Zum einen ist da eine bestimmte Weltuntergangsstimmung, aber gleichzeitig gibt es auch ein Moment von Utopie, das in dem Namen mitschwingt. Seid ihr unzufrieden mit der Welt, wünscht ihr euch eine neue?

Schaffhausen: (lacht) Eine humorige Untergangsstimmung. Ja, definitiv wünschen wir uns eine bessere Welt und eine bessere Menschheit. Aber uns ist schon auch klar, dass dies ein komplexes Unterfangen ist. Bei Tracknamen machen wir uns allerdings auch nicht zu viele Gedanken. Wenn wir einen Namen haben, der sich gut anfühlt und ein bisschen was hermacht, überlegt man sich dazu natürlich auch, was das bedeuten könnte. Generell überlassen wir das aber lieber den Zuhörer*innen. Extrawelt hat für uns eine Bedeutung. Aber wir wollen denen, die sich schon etwas Anderes dabei gedacht haben und sich auf irgendeine Art und Weise damit identifizieren, ihre Vorstellung nicht nehmen. Für „Gott ist Schrott” gab’s auch die ein oder andere Kritik. Wir sehen die Religionen tatsächlich auch eher kritisch, aber vorrangig fanden wir den Namen einfach sehr lustig!

Raabe: Wir sind ja hier aus Norddeutschland und nicht sehr religiös angehaucht. Wenn man politisch werden wollte und nach Amerika schauen würde, was dort gerade für eine Richterin [Amy Coney Barrett, d.Red.] vereidigt wird – was die in der Vergangenheit von sich gegeben hat! Da fragt man sich schon, ob Religion noch zeitgemäß ist.

Nochmal zum „Soopertrack”. Wie kam der Kontakt zu Border Community zustande?

Raabe: Arne fand Border Community gut und hat ganz klassisch ein Demo verschickt.

Schaffhausen: Auf CD mit handgeschriebenem Brief, wie man das damals eben so machte.

Extrawelt Live @Ritterwelt (Foto: itsnotanothershot)

Wie ist der Track entstanden? Habt ihr von Anfang an gemerkt, dass das ein besonderes Stück ist?

Raabe: Nö. Wir setzten uns ins Studio und sagten: „Wir machen jetzt mal etwas langsamer.” Wir hatten gerade einen neuen MicroKORG-Synthesizer gekauft. Den kauften wir, weil der bei den Neptunes auf dem Cover abgebildet war. Und weil wir große Fans waren und sind, dachten wir: Wenn die diese geile Scheiße mit dem Teil machen, brauchen wir den auch.

Schaffhausen: Der hat einen Vocoder!

Raabe: Genau. Da kam am Ende, glaube ich, der Bass raus. Manchmal, wenn man ein neues Spielzeug hat, inspiriert einen das. Vielleicht kam das auch doch, weil wir den MicroKORG kauften und den Hit-Faktor von den Neptunes gleich mit. Und deswegen ist das ein erfolgreicher Track geworden. Das ist natürlich reine Spekulation.

Viele verbinden diesen Sound am stärksten mit euch.

Raabe: Das ist ganz unterschiedlich. Vielleicht hast du generell recht. Aber es gibt auch viele Leute, die den Sound von unserer ersten Cocoon-Maxi erwarten, die ja ein bisschen raviger ist. Genauso gibt es aber auch welche, die ein paar Maxis auf Traum Schallplatten, die, wie der Name schon sagt, ein bisschen verträumter und softer sind, mehr mögen. Wir streiten uns leidenschaftlich und gerne darüber, was denn jetzt der Extrawelt-Sound ist. Vor allem, wenn jemand vor unserem Live Act sagt, dass wir heute mal mehr Extrawelt-Sound spielen sollen, aber der eine dann etwas Anderes meint als der andere. Letztendlich ist es das, was in dem Moment rauskommt. Das hat wiederum damit zu tun, was uns aktuell inspiriert, was wir vorher gehört haben oder in welcher Stimmung wir an dem Tag sind. Bei „Titelheld” zum Beispiel, da schraubten wir ewig dran rum und waren nie zufrieden. Irgendwann haben wir einfach alles distorted und kaputt gemacht, so entstand die finale Version.

Schaffhausen: Wenn wir etwas musikalisch planen, funktioniert das in der Regel nicht. Wenn man aber aufhört, sich irgendwo dran festzubeißen, kommt dabei manchmal etwas raus, von dem man sich angesprochen fühlt.

Raabe: Wenn einer von uns sagen würde: „Lass’ uns mal einen House- oder Techno-Track produzieren”, dann ist völlig klar, dass das voll in die Hose geht.

Schaffhausen: Oder noch schlimmer: „Lass uns mal einen Hit machen.” Dann wird das definitiv kein Hit. (lacht)

Raabe: Das wird dann, wenn überhaupt, einer für die Schublade.


„Aktuell fehlt uns die Verbindung zwischen Musik und Partys, und es wäre schön, unsere neuen Platten zum Sonnenaufgang auf der Fusion hören, fühlen und erleben zu können.”


Wie sieht dann eure Herangehensweise aus?

Schaffhausen: Wir möchten nicht immer dasselbe machen. Das war uns schon immer wichtig. Seit es „Soopertrack” gibt, versuchen wir, möglichst nicht wieder einen zweiten zu produzieren. Wenn sich das Stück, an dem wir gerade saßen, „Soopertrack” annäherte, versuchten wir eher, etwas anders zu machen. Dass wir fünf oder zehn BPM runtergegangen sind, war auch der Zeit geschuldet. Alle Techno-DJs spielten auf einmal langsamer und alle House-DJs funktionaler und minimaler. Das wurde alles irgendwie eins zu der Zeit. Deswegen näherten wir uns auch im Tempo an das an, was die meisten DJs spielten. Wenn man zehn Jahre lang auf einem bestimmten Tempo rumreitet und dann 15 BPM runterfährt, eröffnet allein das schon sehr viele neue Möglichkeiten. Auf einmal funktionierte eine rhythmische Techno-Platte ohne Hook und Melodie nicht mehr so gut. Tracks brauchten dann auf einmal etwas Anderes, um zu tragen.

Ihr seid in den letzten Jahren auf kommerziellen Veranstaltungen aufgetreten, aber auch auf Festivals wie der Nation of Gondwana oder auf der Fusion. Wo seht ihr euch? Bereitet ihr euch unterschiedlich auf Gigs vor, je nachdem, was für eine Party oder ein Festival das ist?

Raabe: Als Partygänger liegen uns die undergroundigen Veranstaltungen ganz klar mehr am Herzen. Produktionen wie die Time Warp oder Awakenings machen uns aber genauso Spaß. Wenn man eine Anlage bespielt, die so gut ist, dass die Musik wie im Studio klingt, obwohl man in einer riesigen Halle steht, ist das natürlich ein Genuss. Alles hat immer zwei Seiten. Es ist in unserer Szene ja schon immer en vogue gewesen, Kommerz zu bashen. Andererseits ermöglichte der Kommerz vieles überhaupt erst. Wir machen das seit 20 Jahren hauptberuflich. Auch wir müssen von etwas leben, das Studio verbessern oder die Miete dafür bezahlen. Wir sehen uns aber nicht als kommerzigen Act, schon weil wir außerhalb unserer Musik nicht viel hermachen. Du siehst uns ja. (lacht)

Was unterscheidet euch von anderen internationalen Künstlern?

Raabe: Wir sind Social-Media-Nulpen. Ich bin froh, wenn ich weiß, wie Facebook angeht. Bei Instagram verklick’ ich mich so oft, dass Arne kommen muss, um mir zu helfen. Uns fehlt ganz viel, was diverse kommerziell erfolgreiche Acts ausmacht. Man freut sich über kommerziellere Bookings trotzdem, weil man dann weiß, dass es Menschen gibt, die einfach die Musik gut finden, obwohl wir keine Marketing-Profis sind. Wir freuen uns, wenn wir auf diesen Festivals stehen und merken, dass hier auch viele nette Menschen sind, die wahnsinnig Spaß an der Musik haben. Aber klar, als alter Hase, der auf Partys groß geworden ist, auf denen es keine Security gab, weil man keine brauchte, ist man immer froh über Bookings von Festivals wie der Fusion oder der Nation. Mal sehen, wie das dort weitergeht, wo André [Janizewski, einer der Macher der Nation of Gondwana, d.Red.] leider gerade gestorben ist. Auf solchen Festivals macht es Spaß zu spielen, weil es einfach toll ist, als Gast da zu sein. Das ist sicherlich eine andere Erfahrung als auf einem kommerziellen Festival.

Fusion by Axel von Panda
Extrawelt Live auf dem Fusion Festival (Foto: Axel von Panda)

Das neue Album erscheint wieder auf Cocoon. Wie seid ihr mit dem Label in Kontakt gekommen? Kanntet ihr Sven Väth schon vorher?

Raabe: Wir kannten ihn nicht persönlich, nur als DJ. Als kleine Jungs haben wir uns in die Clubs geschummelt, wo er spielte. Die Zusammenarbeit ist durch die Border-Community-Maxi entstanden. Nachdem wir die zweite Maxi veröffentlichten, meldete sich seine Agentur bei uns und fragte, ob wir nicht von Cocoon betreut werden möchten. Das war für uns damals ein absoluter Ritterschlag. Zu der Zeit waren Sven Väth, Richie Hawtin, Ricardo Villalobos und andere große DJs dort vertreten, und wir hatten plötzlich Kontakt mit solchen Leuten. Das war klasse. Es lag natürlich nahe, dort auch mal eine Veröffentlichung zu machen. Für das, was die für uns geleistet haben, sind wir heute noch wahnsinnig dankbar.

Schaffhausen: Der erste Kontakt kam tatsächlich durch „Soopertrack” zustande, da Sven den Track für seine Sound-Of-The-Season-Compilation lizenzieren wollte und Pauli [Steinbach, früherer A&R von Cocoon Recordings, d.Red.] sich bei uns meldete. Danach fragte er nach unserer Booking-Agentur. Bisher kümmerten wir uns immer alleine darum. Cocoon war unsere erste Booking-Agentur und eine komplett neue Erfahrung für uns.

Raabe: Wir hatten plötzlich Hotelzimmer.

Schaffhausen: Und Drinks bei den Gigs!

Habt ihr noch Ziele, die ihr gerne mit Extrawelt erreichen würdet?

Schaffhausen: Wir haben mehr erreicht, als wir uns je hätten erträumen können. Wir sind dankbar für diese 15 Jahre Extrawelt, die auch ein komisches Gefühl verursachen. Eine Mischung aus Dankbarkeit, Wehmut, Stolz…

Raabe: …und boah, sind wir alt.

Schaffhausen: Genau. Wir hoffen, dass sich bald alles zum Guten wendet und wieder back on track kommt, damit wir alle weitermachen können. Es wird dieses Jahr auch noch ein paar mehr Veröffentlichungen geben. Zum Beispiel Eigensender, ein Mini-Album auf Furthur Electronix und noch ein paar Remixe. Mit allen Releases dieses Jahr verhielt es sich eigentlich genauso wie mit der Collector’s Box. Die waren für Mitte des Jahres geplant. Da sagten wir uns dann aber auch: „Scheiß drauf, jetzt erst Recht.” Aktuell fehlt zwar auch die Verbindung zwischen Musik und Partys, und es wäre schön, diese Platten zum Sonnenaufgang auf der Fusion hören, fühlen und erleben zu können. Aber das gibt’s halt gerade nicht. Und deswegen hauen wir dieses Jahr die Releases raus und gucken, was passiert.

DeFeKT x Extrawelt (Feel My Bicep), die Little We Know EP (Traum Schallplatten) und Extra Welt Hits (Cocoon Recordings) sind bereits erhältlich. 

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