Sky Deep (Alle Fotos: Angel Ka)

Sky Deep verkörpert Vielseitigkeit wie kaum eine Zweite im Berliner Musikkosmos. Die US-Amerikanerin etablierte sich dementsprechend schnell in der umkämpften Szene der deutschen Hauptstadt. Das gelang ihr nicht nur mit ihren quirligen House- und Techno-Tracks, sondern auch durch ihren facettenreichen musikalischen Hintergrund, der sich aus Rock’n’Roll, Hip Hop und Gospel konstituiert. Allerdings geht es nicht nur um Musik; mit ihrem nächsten Projekt plant sie etwa, sich als Multimedia-Künstlerin zu verwirklichen.

Als politische Künstlerin zögert Sky Deep außerdem nicht, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus anzuprangern, besonders in der Musikindustrie. An einem sonnigen Nachmittag, am Spreeufer nahe des Schlesischen Tors, erklärt sie, wieso Musik vor allem eine körperliche Angelegenheit ist, warum die Szene grundlegende Veränderungen nötig hat und wie ganze Musikgenres aus ihrem schwarzen Ursprungskontext herausgelöst und im Anschluss weißgewaschen wurden.


In deiner Arbeit verlässt du dich mehr auf Körpersprache und Improvisation als auf bloße Musiktheorie. Du hast auch Workshops zum Thema Improvisation gegeben. Wie bringt man das Leuten bei?

Durch die Bereitstellung eines Raums, in dem die Menschen die Möglichkeit haben, es auszuprobieren. Selbst die kleinste Übung hilft, zum Beispiel, zusammen zu klatschen. Es ist eigentlich ganz simpel, aber woher weißt du, wann du beschleunigen oder verlangsamen musst, wenn du es mit anderen Leuten machst? Wie bereitest du Leute darauf vor, etwas zu ändern? Das kann zum Beispiel über Augenkontakt funktionieren. Ich würde für den Anfang zwei Leuten die Aufgabe geben, zusammen zu klatschen, das Tempo zu beschleunigen und dann wieder langsamer zu werden.

Es geht also viel um Chemie.

Sicher. Aber auch darum, zuzuhören und zu kommunizieren. Wenn die Chemie stimmt, geht es wahrscheinlich etwas schneller. Sonst muss man eben lernen, andere zu beobachten, während man sein eigenes Ding macht, und sie auf dieser Reise begleiten. Wenn das funktioniert, ist es wirklich magisch. Als DJ muss ich das beispielsweise die ganze Zeit machen: Sehen, ob die Leute mit der Musik so zufrieden sind, wie sie ist, oder ob sie etwas anderes brauchen.

Gibt es eine Kombination von Instrumenten, mit der das am einfachsten gelingt?

(kichert) Ich komme ursprünglich aus der Kirchenmusik. Da gab es immer eine Gitarre, ein Keyboard, ein Klavier oder eine Orgel und Bass und Schlagzeug. Und natürlich Gesang. Deshalb denke ich da zuerst an einfache Bandbesetzungen. Aber weil ich mich so viel mehr mit elektronischer Musik beschäftigt habe, fasziniert mich die Idee, das mit Controllern und Ableton oder einem Synthesizer tun zu können. Patches oder Filter einrichten zu können, Dinge, mit denen man auch dann spontan improvisieren kann, wenn man mit einer Band spielt.

Sky Deep bringt ihre Kreativität auf die Straße.

Wann hat das für dich besonders gut funktioniert?

Etwas ziemlich Cooles ist passiert, als ich letzten Sommer mit Peaches auf Tour war. Ich habe damals Laser-Harfe und Gitarre gespielt, das Playback und alle MIDI-Cues bedient. Eines meiner Schlüsselinstrumente war das Akai MPC. Nach dem Ende des Konzerts und dem abschließenden Beifall des Publikums jammten einige Bandmitglieder plötzlich los.
Bei einem Auftritt habe ich es geschafft, mich mit der Drum Machine in ihr Spiel einzubringen, ohne das vorher geübt zu haben. Das war ein tolles Gefühl. Ich will Musiker*innen, die vor Improvisation eher zurückschrecken, dazu ermutigen, sowas öfter zu probieren.

Bist du selbst auch unsicher oder schüchtern, was das angeht?

Ich war und bin es immer noch. Ich habe ja mit Hip Hop angefangen, wo dich die Leute zum Freestyle ermutigen. Ich meinte dann, dass ich mich eher als Songwriterin sehe und mich mit der Sache unwohl fühle. Aber sie haben mich dazu gebracht, es zu versuchen. Um ehrlich zu sein, habe ich es nicht immer so gut gemacht. Bis mir klar wurde, dass es in Ordnung ist, eine kleine Struktur im Kopf zu haben, an die man sich in besonderen Situationen erinnert.

Vor Publikum zu improvisieren ist wohl mit das Schwierigste am Künstler*innendasein. Wie ist es, quasi nackt auf einer Bühne zu stehen, ohne deine Show vorbereitet zu haben?

Ich habe vor einiger Zeit einen Workshop für Ableton gemacht. Es war eine große Jam-Session mit rund 20 Leuten. Wir haben rotiert, um allen eine Chance zu geben. Wir waren viele und die Stimmung gut. Ich ermutige die Leute ständig dazu, nicht in Gedanken zu schwelgen, sondern auf ihre Körper zu hören. Wenn du Lust hast, was anderes zu spielen, bewege dich anders. Wenn jemand nach einem Groove verlangt, wirst du ihn wahrscheinlich irgendwo in deinen Hüften finden. Steck’ nicht zu sehr in deinem Kopf fest!

Ist dieser physische Ansatz auch für beim Auflegen hilfreich?

Das kommt drauf an. Einige DJs nutzen beim Übergang Loops oder Clips, andere cutten gerne Teile in den aktuellen Track. Die Frage ist, ob du es genießen kannst. Wie gut kennst du dein Instrument? Wenn du nur ein Selektor bist, ist das auch gut. Aber es ist durchaus möglich, beim Auflegen musikalisch zu sein. Ich habe in Bands gespielt, bevor ich mit DJ wurde. Das bin ich dann aber mit der gleichen Mentalität angegangen. Wenn ich nicht eine bestimmte Art von Bewegung in der Menge wahrnehme, habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann mir den Kopf zermartern und darüber nachdenken, welcher Track am besten funktioniert. Oder ich frage mich einfach, was sich richtig anfühlt. Vielleicht sehe ich nicht genug Leute, die mit dem Arsch wackeln, sondern nur mit den Schultern wippen. Oder es ist die Zeit der Nacht, in der alle schweben. Vielleicht muss ich sie wieder auf den Boden bringen. Ich wähle Musik tatsächlich basierend auf dem Groundedness-Faktor. Bin ich auf dem Boden der Tatsachen? Wenn Leute ihre Augen schließen oder zur Bar gehen, ist es vielleicht Zeit, sie aus dem Schwebezustand zurückzuholen.

Wie machst Du das?

Zuerst muss ich wissen, ob die Platte in der Lage ist, das zu tun. Ich muss spüren, wie sie meinen Körper beeinflusst. Fühle ich mich, wie ich möchte, dass sie sich fühlen? Wenn ja, dann spiele ich sie. Es ist ein Experiment, aber der der Improvisation mit anderen Musiker*innen sehr ähnlich. Nur dass sich Leute dazu bewegen und tanzen – und nur ich die Musik spiele. In jedem Fall bringt es mich aus meinem Kopf – und hin zu einem Ort des Gefühls. Es geht darum, zu fühlen, was andere Leute fühlen.

Sky Deep by Angel Ka 2

Dies passt zu deiner Improvisations-Perspektive. In einem Interview meintest du: „Ich habe nur ein paar Regeln in der Musik gelernt. Gerade genug, um sie wissentlich zu brechen, wenn ich es will.” Welche Regeln brichst du? Welche verdienen es, gebrochen zu werden?

(lacht) Hier kommt das Gefühl ins Spiel. Ich habe mal einen Remix gemacht, und jemand sagte, dass die Tonleiter leicht abweicht, dass eine bestimmte Note nach den Regeln dort nicht hingehört. Und das war mir einfach egal. (lacht) Es fühlte sich genau so an, wie ich es wollte. Ich habe Verständnis dafür, dass diese Person es nicht mochte, aber es ist mir egal. Eines der besten Dinge an Funk sind die Regeln, gegen die dabei verstoßen wurde. Viele dieser Künstler*innen waren Jazzmusiker*innen, die die richtigen Noten durchaus kannten. Aber manchmal setzt man eben absichtlich auf Dissonanzen. Du kannst dich bewusst dafür entscheiden, Dinge miteinander in Konflikt treten zu lassen. Mein größter Regelverstoß liegt wahrscheinlich darin, wie ich meine Songs angehe. Erstmal spiele ich irgendwas, und wenn ich das Gefühl habe, bestimmte Noten anpassen oder hinzufügen zu wollen, mache ich das eben. Aber größtenteils verlasse ich mich aufs Bauchgefühl. Manchmal, wenn ich gar nicht weiß, in welche Richtung ich gehen soll, hilft mir die Musiktheorie aber auch.

Noch ein zweites Zitat: Wie wichtig ist es für dich, „dich selbst nicht zu ernst zu nehmen und das Kind in dir zu bewahren, wenn du Musik machst”?

(lacht) Meine letzten Veröffentlichungen waren wirklich darauf ausgerichtet, eine gute Zeit mit der Musik zu haben. Das bedeutet auch, dass ich nicht immer Trends nachjage. Für mich ist das in Ordnung, weil ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich mich selbst akzeptiert habe. Das heißt oft, dass meine Sachen ein bisschen albern oder komisch sein werden, aber ich mag das. Das ist einfach mein Humor, und ich denke, dass Musik durchaus Humor verträgt. Die Musikszene in Berlin war lange sehr ernst und steif, alles musste auf eine bestimmte Weise gemacht werden. Jetzt ist mir das ziemlich scheißegal. (lacht) Die Arbeit selbst nehme ich allerdings sehr ernst. Ich arbeite sehr hart, sogar zu hart. Manchmal esse oder schlafe ich nicht, weil ich arbeite, aber ich versuche weiterzumachen und ein Gleichgewicht zu finden.

Teaser zu Sky Deeps nächster Single „Up In Here”, die mit 360-Grad-Musikvideo veröffentlicht wird. Erscheingsdatum: 17. November.

Wie bist du überhaupt zur elektronischen Musik gekommen?

Durch Hip Hop. Ich rappe immer noch von Zeit zu Zeit, obwohl es eher im Rahmen von Dance Music mache. Meine letzten Veröffentlichungen sind mehr House, manches fast Deep Techno. Ich mag Dance-Vibes sehr und liebe die Ursprünge und die Nostalgie des Hip Hop, aber ich glaube nicht, dass ich zu modernem Hip Hop oder Trap besonders gut passe. Sprechgesang oder Spoken Word unter einem Beat gefällt mir aber trotzdem. Und ich bin in LA aufgewachsen, also ist es ohnehin ein Teil von mir.

Welche Arten von Hip Hop magst du am liebsten?

Diejenigen, die etwas zu sagen haben! Und die Grellen, Verrückten, auch Party-MCs. Ich liebe Missy Elliott, Busta Rhymes. Aber auch Conscious Rapper, allerdings nicht viel von dem aktuellen, neuen Zeug. Ich kann nicht sagen, wer derzeit angesagt ist.

Und der Wechsel zur House-Musik war damals eine natürliche Entwicklung?

Ich habe es seit den Neunzigern genossen, mich zu House zu bewegen, dazu zu tanzen. Obwohl ich nicht wusste, wie das Genre hieß. Ich habe damals genug zwischen LA und New York gefeiert, um zu erkennen, dass ich die Botschaft des House mag. Es geht um Gemeinschaft, darum, Menschen zusammenzubringen, auch wenn dabei keine Worte fallen. Es ist eine Form der Befreiung, eine Form des Selbstausdrucks. Davon bin ich gerne ein Teil.

In einem früheren Interview mit GROOVE über dein Festival Reclaim The Beats hast du erzählt, dass du mit einigen POCs gesprochen hast, die nicht verstehen konnten, warum du elektronische Musik machst. Kannst du dir vorstellen warum?

Die kommerzielle Industrie hat irgendwie entschieden, dass als schwarze Musik nur Hip Hop und R’n’B gelten. Oder Reggae. Ich versuche ständig, andere daran zu erinnern, dass Rock’n’Roll schwarze Musik ist, dass elektronische Musik schwarze Musik ist. Diese Genres wurden uns auf eine Art entrissen, die unsere Gesichter nicht mehr mit ihnen in Verbindung bringt. Wenn aber doch, entspricht die Entlohnung nicht der der Menschen, die nicht schwarz oder braun sind. Es war wirklich enttäuschend für mich, schwarze und braune Leute zu treffen, die das Gefühl hatten, dass ich weiße Musik mache. Weil ich auch Rocker war, habe ich früher in Bands gespielt. Die Leute sagten damals dasselbe, das war so seltsam! Mit der Gentrifizierung verhält es sich ähnlich; die Leute ziehen in eine laute Nachbarschaft und beschweren sich danach darüber. Wir sind seit 20 Jahren laut. Die sind gerade erst hier angekommen und fangen sofort an, Regeln aufzustellen? Das zwingt Menschen dazu, auszuziehen. Ich denke, dass das leider mit einigen Musikgenres passiert ist. Wir sind nicht einmal mehr willkommen. Ich kann hier nur für mich selbst sprechen: Warum sollte ich weiterhin Rock’n’Roll spielen, wenn mir niemand einen Auftritt geben oder mich in eine Band lassen wird? Ich kann eine eigene gründen, das ist cool. Aber einige Schwarze werden kommen und mich dann fragen, warum ich die Musik der Weißen mache.

Hat sich das in den letzten Jahren geändert?

Viele Menschen verfügen über eine bessere Bildung, das Wissen über diese Verhältnisse in der Gesellschaft mehrt sich. Manche akzeptieren das einfach, manche nicht. Wir können nicht beeinflussen, wie sie sich entscheiden.

Das Interview, auf das ich mich bezog, fand 2016 statt. Glaubst du, dass es in den letzten Jahren auch einige Fortschritte in Bezug auf Rassismus im Allgemeinen gegeben hat?

Das spielt sich hauptsächlich an der Oberfläche ab. Wenn wir allgemein über Medien sprechen, gibt es da definitiv mehr Bewusstsein für diese Themen. Und es ist cool, zu sehen, wie junge Aktivist*innen auftauchen, die wirklich energisch bereit sind, ihre Werte zu verteidigen. Es gibt sicherlich viel gute Energie, die Veränderungen nach sich ziehen wird. Aber ein Großteil dieser Veränderung ist an der Oberfläche. Es ist egal, wie
viele Artikel oder Dokumentarfilme darüber gemacht werden, dass Techno schwarze Musik ist. Was letztendlich zählt, ist, wer die neue Generation von braunen und schwarzen Musiker*innen, die gerade ihr Ding macht, tatsächlich bucht und bezahlt, sie sich anhört. Lass’ uns zurückblicken: Jeff Mills – eine Legende, absolut! Aber: Wer ist der Jeff Mills von heute? Es geht uns nicht darum, dass jeder eine riesige Geschichtsstunde abhält, es geht uns um die Präsenz.

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Was ist mit den anderen Künstler*innen? Tun sie genug, um Ungleichheiten zu beseitigen?

Es kommt drauf an, wer sich deshalb überhaupt bemerkbar machen will. Es gibt Leute ganz oben, die auch rassistische Scheiße sagen. Aber wer sagt: „Wisst ihr was? Anstatt mir 40.000 für ein einstündiges DJ-Set zu zahlen, könntet ihr auch mich und diese*n Schwarze*n buchen”, oder etwas Ähnliches. Das Geld müsste auf angemessene Weise geteilt werden, aber die Leute sind egoistisch. Natürlich nicht alle, aber viele. Ich kenne Leute, die nur dann Konzerte geben, wenn die Besetzung für sie divers genug ist. Aber es gibt einfach nicht genug davon. Es wäre nötig, dass die Leute zum ursprünglichen Gemeinschaftsaspekt von Tanzmusik und elektronischer Musik zurückkehren. Jetzt ist plötzlich jeder ein Bedroom-DJ, jetzt möchte jeder wie der Kiez-Typ von nebenan wirken.

Glaubst du, dass nach der Pandemie genug Leute bereit dazu sein werden, sich zu verändern?

Das ist nicht wahrscheinlich, um ehrlich zu sein. Einige sicherlich. Wird das einen Unterschied machen? Ja. Wird das reichen? Ich bezweifle es.

In den letzten Monaten wurde oft gesagt, dass diese Zeit die Clubkultur zum Besseren verändern kann.

Letztendlich gibt es immer noch einige wahnsinnig reiche Leute, die diesen Zustand für die nächsten zehn Jahre aussitzen können und sich keine Sorgen machen müssen, ob sie essen können oder nicht. Alles, worum sie sich sorgen, ist, jetzt Sachen billig aufzukaufen, damit sie später ihr Einkommen steigern können. Wir haben auf der einen Seite eine Menge Leute, die versuchen, zu überleben, und auf der anderen eine Menge Leute, die gar keine Probleme haben. Das Gute ist, dass sich aufgrund des Social Distancings schon jetzt mehr Menschen für die Gemeinschaft interessieren. Sie merken, dass sie andere Menschen wirklich brauchen. Sie brauchen sogar ihre Ellenbogen, weil es zumindest irgendeine Art von Kontakt ist. Das ist gut, hilft aber immer noch bei der Vermögensverteilung. Es läuft sich immer noch auf das eine Prozent gegenüber den 99 hinaus.

Wie hast du Berlin diesbezüglich wahrgenommen, als du hergezogen bist?

Am Anfang war ich extrem im Touri-Modus. Alles fühlte sich frei und neu und aufregend an, und ich fühlte mich wieder wie 14. In den USA hatte ich einfach nicht so viel Zeit, mich und meine Persönlichkeit zu erkunden, weil sich alles um die Arbeit dreht. Du kaufst Sachen, verschuldest dich und arbeitest daran, diese Schulden zu begleichen. So läuft das Leben dort. Als ich aus New York hierher zog, waren die Lebenshaltungskosten viel niedriger. Ich hatte mehr Zeit für Artist Residencys oder für simple Spaziergänge. Die Leute gehen hier ja tatsächlich spazieren, das war für mich total ungewöhnlich! Ich habe so viele verschiedene Arten von Menschen kennengelernt, die aus verschiedenen Ländern kamen. Auch deshalb weiß ich zu schätzen, wie sich das Sozialsystem hier bis zu einem gewissen Grad um die Bürger*innen kümmert. Das ist in den USA definitiv anders. Aber überall auf der Welt, zumindest dort, wo ich war, ist Rassismus immer noch eine Art Problem und etwas, mit dem ich mich befassen muss. Allein die Farbe meiner Haut macht das Leben schwerer.

Hast du Rassismus in Berlin anders erlebt?

Gleiche Scheiße, andere Sprache. (lacht) Der US-Kontext ist jedoch anders als der deutsche. Rassismus ist in Deutschland schwieriger zu diskutieren, da das in den letzten 100 Jahren nicht so oft gemacht wurde. Während es in den USA für viele, viele Jahre ein großes Thema war. In Deutschland läuft es so, das ist übrigens sogar noch ein bisschen beängstigender, dass die Leute es nicht mal merken. Sie wissen nicht, dass sie manchmal rassistisch sind. Es macht ihnen mehr aus, dass du sie für eine schlechte Person halten könntest, als dass das, was sie gerade getan haben, beschissen war. Es geht ihnen vor allem darum, dass sie von dir hören, dass alles in Ordnung ist.

Sie würden wahrscheinlich sagen, dass sie es nicht so gemeint haben.

Total! Aber darum geht es nicht. Können wir das Problem nicht einfach lösen? Ich sage niemandem, dass er oder sie ein schlechter Mensch ist. Aber ich kann sehr wohl sagen,
dass jemand rassistische Handlungsmuster verwendet. Auch wenn die Person nicht rassistisch sein wollte. Wir können die rassistische Welt, in der wir leben, nur verändern, wenn die Menschen das anerkennen. Wenn nicht, gibt es keine Möglichkeit, was zu bewegen. Ich würde es fast vorziehen, wenn jemand offen rassistisch ist und es zugibt, als wenn jemand sagt, dass es nicht möglich ist, dass er rassistisch ist, weil er einen schwarzen Freund hat. (lacht)

Im Zuge von Black Lives Matter scheinen einige Deutsche zu denken, dass es nur um die USA und die dortigen Ungleichheiten geht.

Das ist das Schlimmste. Es passiert hier doch auch, auch hier gibt es Bewegungen. Black Lives Matter Berlin existiert, und schwarze Menschen, die Deutsche sind, beschäftigen sich seit ihrer Geburt mit diesem Zeug. Sie konnten den kompletten Diskurs bislang nicht führen, weil die Leute hier nur den Zustand in den USA vor Augen haben.