Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht die GROOVE-Redaktion die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Crossing Avenue, Duval Timothy, Ikonika, Jossy Mitsu und Tzusing. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim GROOVE-Podcast vorbei.

Crossing Avenue – Gigi FM (NTS)

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Spazio Disponibile, das italienische Label von Donato Dozzy und Neel, hat einen beeindruckenden Katalog an berühmten Musikschaffenden. Trotzdem und zu Recht wird neben den Altbewährten Crossing Avenue als eines der zentralen Projekte des 2016 gegründeten Labels gehandelt. Im aktuellsten Mix der monatlichen Gigi-FM-Reihe führen die beiden Künstler die Hörer*innen mit ihrem hybriden Set-up eine Stunde lang durch eine sowohl bedrohliche als auch befreiende, abenteuerliche Reise, die einen in eine immer tiefere Trance versetzt. Endlos morphende Synthesizer und minimalistische Percussions werden durch ihre Handschrift, die traditionellen Rhythmen ihrer Heimat Apulien, zu einer privaten Hypnose-Sitzung. Imposante Trommeln und Rasseln bauen aus dem Hintergrund eine Atmosphäre auf, die durch Mark und Bein geht, und man fühlt sich unmittelbar in eine Zeremonie versetzt, die zugleich heilend und auflösend wirkt. Wehren? Zwecklos. Philipp Thull

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Duval Timothy – Sunday Mix (Crack Magazine)

Mehr gemütliche Sonntagsstimmung konnte Duval Timothy wohl nicht mit seinem Mix fürs Crack Magazine einfangen. Der Südlondoner lebt einige Monate im Jahr in Freetown, Sierra Leone. Für den Lockdown ergatterte er aber noch einen Flug nach London, um bei seinen Eltern Unterschlupf zu finden. Timothy ist ein vielbeschäftigter Mann: Am 7. August erschien sein neues Studioalbum Help. Neben seiner Jazz- und Electronic-inspirierten Musik beschäftigt sich Timothy mit Fotografie, Malerei, Design und kulinarischen Genüssen. Und wenn er nicht gerade daran arbeitet, ein Musikstudio für lokale Musiker*innen in Freetown einzurichten, dann betreibt er das Pop-Up-Restaurant The Groundnut in London. Mit seinem Sunday Mix fängt Timothy eine verträumte Atmosphäre ein. Elektronische Ambient-Klänge webt der Brite in eine Mischung aus Soul, Jazz, klassischer Musik und modernem Indie ein. Mit einer Leichtigkeit folgt auf Wladimir Aschkenasis klassische Piano-Klänge Yves Tumor. Und neben Indie-Folk-Interpret*innen wie Weyes Blood und James Blake reihen sich Soul-Klassiker wie „Intimate ” von Eddie Kendricks und „At The Hotel” von Eunice Collins ein. Alle Tracks schmelzen zu einer wohlig-warmen Mixtur zusammen. Timothys Sunday Mix wärmt das Bett auf, in das man sich gerne einen ganzen Tag einkuscheln kann. Louisa Neitz

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Ikonika – Truancy Volume 267 (TRUANTS)

Eine der wenigen erfreulichen Entwicklungen dieses Jahres sind die beiden EPs, die die Dubstep- und Bass-Music-na ja,-Ikone Ikonika binnen kürzester Zeit auf Don’t Be Afraid und ihrem Stammlabel Hyperdub unterbrachte. Nicht nur die Eigenproduktionen der Londonerin bieten eine routinierte Parallelrealität zum New Normal, auch ihre Mixe wirken wie ein Allheilmittel. Das liegt zuvorderst an der spezifischen Genre-Signatur, die sie seit Jahren in ihren Sets auftischt. Auf perkussive und hochseriöse Clubtracks folgen in aller Regelmäßigkeit Mainstream-affine Edits von Songs meist weiblicher Popstars, nicht umsonst veröffentlichte Ikonika bereits als Ariane Granda. Im Gegensatz zu Kolleginnen wie DJ Bus Replacement Service, die Pop an der Grenze zum Trash beinahe schon fetischisiert, fügen sich diese Stücke hier nahtlos in den Fluss des Sets ein, sorgen möglicherweise mal für Stimmungs- und Lusthochs – Minute 25 –, stehen aber nicht als exponiertes Gimmick im Raum. 60 Minuten lang reiht Ikonika kunstvoll Breaks zwischen Alarmbereitschaft und Aderlass aneinander, geht über kurze Distanzen zu geraden Beats über und beginnt das Spiel nach der bereits thematisierten Vocal-Zäsur von vorne – schlicht großartig. Maximilian Fritz

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Jossy Mitsu – Dekmantel Podcast 293 (Dekmantel)

Die britische DJ Jossy Mitsu ist bekannt für ihre Vielseitigkeit beim Auflegen. Diese Fähigkeit beweist sie auch mit ihrem Mix für den Dekmantel Podcast. Mitsu war schon immer einer Vielzahl von Szenen ausgesetzt, ist in diese eingetaucht und vermischt in ihren Sets Jungle, Two-Step, Techno, House und Leftfield. Dies beweist sie fortlaufend in ihrer Rinse-FM-Radio-Show. Ihr Produktionsdebüt machte das 6-Figure-Gang-Mitglied zudem Anfang des Jahres für Astral Blacks Frass-FM-Compilation mit dem Track „Whirl”. In ihrem Dekmantel-Mix beweist die Britin erneut, wie sie mit tiefliegenden Bässen und einer vielseitigen Auswahl von Tracks aus verschiedenen Genres eine spärliche Late-Night-Atmosphäre kreieren kann. Ob Jungle oder wilder Rave und Techno – in diesem Mix ist alles dabei. Um Jossy Mitsus Mix in zwei Worten auf den Punkt zu bringen: Düster und melodisch. Johanna Urbancik

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Tzusing – RA.741 (Resident Advisor) 

Seit einigen Monaten beglücken uns DJs mit Mixen aus den eigenen vier Wänden, mit Livestreams aus leeren Clubs oder anderen verlassenen Kulissen. Nun, nach einer gefühlten Ewigkeit, hat es mal wieder eine Liveaufnahme aus einem Club an die Oberfläche geschafft. Aufgenommen bei einer echten Clubnacht, mit echten Gästen, vollkommen legal. Was hierzulande noch immer utopisch klingt, ist in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh längst wieder Realität. Anfang des Monats durfte der chinesische DJ und Produzent Tzusing im Club Final ein DJ-Set zum Besten geben. Der Globetrotter wurde in Malaysia geboren und verbrachte seine Jugend in Singapur und Taiwan, ehe ihn sein Studium nach Chicago zog. Mittlerweile pendelt er zwischen Shanghai und Taipeh. Durch mehrere Releases auf L.I.E.S konnte Tzusing seit 2014 auch international auf sich aufmerksam machen. Mit seinem Resident-Advisor-Podcast erfolgt nun der Ritterschlag seiner DJ-Laufbahn. Für die 741. Ausgabe der Serie präsentiert er 90 Minuten eklektischen Clubsound aus dem Final. Während Techno vor ein paar Jahren noch die Quintessenz seiner Sets ausmachte, entfernte er sich in der Folgezeit immer mehr von dem geradlinigen Sound. In seinem RA-Podcast trifft Techno auf asiatischen Synth-Pop, südafrikanisches Gqom und diverse andere Genres des internationalen Untergrunds. Auch einen kleinen Depeche-Mode-Abstecher lässt er sich nicht nehmen. Plötzliche Tempowechsel und minutenlange Soundflächen ohne Kickdrum setzen ein offenes und anspruchsvolles Publikum voraus. Und das hat sich Tzusing über die letzten Jahre verdientermaßen aufbauen können. Jonas Hellberg

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