Und Jennifer Touch agiert dann noch etwas kühler, technoider und minimal waveiger. Berlin Style halt. Behind the Wall (FatCat) poliert das leidlich Bekannte in einem Sound, der definitiv schon mal einen Club besucht hat. In diesem Fall ist es ein Glück, dass sie die Minimal-Wave-Retroformel nicht hundertprozentig erfüllt und nachbaut.

Osnabrücks größte Söhne Sankt Otten haben sich nach 20 Jahren Aktivität mittlerweile zum Duo stabilisiert und sind in diesem Format produktiver denn je. Die kondensierte Instrumentierung aus Drums, Vintage-Synthesizer und einer mit dem E-Bow betriebenen Gitarre (diesem klanglichen Pendant zum dunkelgrünen Nicki-Rollkragenpullover) macht den instrumentalen Prog-Pop ihres elften Albums Lieder für geometrische Stunden (Denovali) zu einer höchst erfreulichen Übung in Selbstvergessenheit und Achtsamkeit, was in dem Fall so gar nichts mit Yoga, Wellness, Meditation oder Zen zu tun hat. Die geometrischen Stunden des Titels meinen die schlaflosen Grübelmomente, in denen sich die Gedanken ähnlich unauflösbar im Kreis drehen wie Sankt Ottens krautige Loops. Exzellente Arbeit mal wieder.

Matti Gajek, etwas weiter östlich daheim, hat aktuell ebenfalls eine mehr als ordentliche Portion Kraut inhaliert. Alt genug, um als Kleinkind noch die DDR mitbekommen zu haben, stellt Vitamin D (Throttle Records, 8. August) diese Herkunft als liebenswerte Freak Electronica wieder her, die mit der realostdeutschen Prä- oder Postwende-Tristesse ungefähr so viel zu hat wie mit seinen Techno-Produktionen für Monkeytown. Abgefahren, fusselbärtig und zauselig, aber definitiv freundlich, dieses kleine Krautmonsterchen.

Bezaubernd einfache und klassische Elektronik mit Rückgriff auf vergangene Dekaden aber aktuellem oder leicht retrofizierten Sounddesign hat immer eine Existenzberechtigung. Zumal wenn sie so gut gemacht ist und dabei so zahlreich Hit-Kandidaten abfallen wie bei Emmaline Davies. Die junge Britin E.M.M.A. kennt die Triggerpunkte nur zu genau, an denen der Staubsaugerbass mit den Pads und den flirrenden Flächen eine perfekte Synthese eingeht. Indigo Dream (Local Action) ist nicht ihr Debüt, aber im Gegensatz zu den Brit-House und Grime-Beats, die sie bislang produzierte, so durchgängig perfekt, präzise und zielführend arrangiert, dass es sich wie ein Neuanfang anfühlt. Etwas ganz Besonderes und Tolles innerhalb des zum Überdruss Bekannten.

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Ant Orange agiert von Berlin aus. Von dieser tendenziell unnützen Information mal abgesehen, klingt alles, was der britische Expat auf You’re Super In Diagonal (Karaoke Kalk, 28. August) macht nach Südlondon, nach UK-Garage, Grime und dem Erbe von Drum’n’Bass, aber brandaktuell aus dem Club hinaus gewendet in eine homelistening-affine, smarte Electronica. Die Beats bouncen, die Bässe wobbeln, rühren aber nicht aggressiv in den Eingeweiden herum. Sauber aufgeräumt, räumlich trennscharf und minimalistisch, ein perfekter Soundtrack zur vorsichtigen Öffnung (von allem möglichen, nicht nur Covid-Lockdowns) mit der Perspektive, bei einer zweiten Welle noch immer Bestand zu haben.

Luca Mucci alias Piezo aus Mailand hat ebenfalls eine Schwäche für britische Breakbeats, speziell Bristoler Provenienz. Da auf seinem Langdebüt Perdu (Hundebiss, 8. August) abseits der meist gebrochenen Beats und Bässe wenig Melodisches passiert, konzentriert er sich umso mehr auf die Feinheiten des perkussiven Sounds, nimmt Patterns und Strukturen aus IDM, teilbegradigt diese in einer klar polierten Techno-Produktion und setzt sie dann wiederum einem digitalen Vermumpfungsprozess aus. Interessant, sowas macht sonst nur Sam Shackleton, aber der ist (siehe weiter unten) schon wieder eine Abbiegung weiter.

Die zweite Folge der experimentellen EP-Serie Rescue and Research (Failed Units) stammt vom israelischen Newcomer Yogev Freilichman. Der agiert für die Verhältnisse von Failed Units eher un-messy und un-aggressiv, entspricht dem explorativen, grenzensprengenden Spirit des Berlin-Manchester-Labels aber vollständig. Wie Yogev Electro- und crunchy IDM-Beats abstrakt macht und minimal mit Sample-Fetzen versieht, bezieht sich einerseits klar auf (nord)britische Vorbilder aus den Neunzigern, ist in der Ruhe und Umsicht, mit der das geschieht, aber ziemlich neu und ungehört.

Ist es das letzte, aber gewaltige Aufbäumen von etwas Altem, der Vergangenheit Angehörigem, oder die forcierte Geburt von etwas Neuem? Nun, das Megaprojekt The Consuming Flame (Thrill Jockey, 21. August) von Matmos scheint beides sein zu können und zu wollen. Es sind 99 Kollaborationen bei 99 BPM, drei mal je 33 Tracks auf je eine Stunde gemixt mit einer unglaublichen Menge an mehr oder weniger prominenten Mitmusiker*innen. Wie es Matmos’ klassischem Anspruch an elektronische Musikproduktion entspricht, sind die Bruchstücke, Snippets, Songs, Fragmente in einer Collage-Ästhetik angeordnet, zu einer inneren Ordnung (nicht) sortiert, die wohl nur Drew Daniel und MC Schmidt wirklich verstehen können. Das wäre für sich genommen schon beeindruckend genug, aber im queeren Erscheinen der Fragmente im großen Ganzen liegt eben noch etwas, das die Stücke über ein megalomanisches Cut-Up-Sample-Glitch-Epos hinausführt. Also alles beim Alten, in gut neu.