Knowledge Magazine 25th Anniversary Book (Bild: KMag)

Als Fanzine und Sprachrohr der jungen Jungle-Szene 1994 geboren, wurde das Knowledge Magazine zu einem der wichtigsten Medien der später Drum’n’Bass getauften Breakbeat-Musik aus dem Vereinigten Königreich. Wer Glück hatte, konnte auch hierzulande eine der Ausgaben im Plattenladen seines Vertrauens ergattern. Die Printausgabe von Knowledge teilte 2009 das Schicksal der Plattenläden und verschwand vom Markt. Als Blog ist das – neben der Atmosphere – wohl einst wichtigste Drum’n’Bass-Magazin seiner Zeit aktuell weiter im Internet vertreten. Zum 25-jährigen Jubiläum (2019) hat Knowledge im Frühjahr 2020 ein limitiertes Buch herausgebracht – unser Autor Steffen Korthals stellt es vor.

Korthals ist nicht nur Musikjournalist, sondern vor allem Szeneaktivist. Seit über zwei Jahrzehnten wirkt er als DJ, Veranstalter und Radiohost in Dortmund und dem kompletten Ruhrgebiet. Musikalisch tendiert er als DJ Dash neben Techno, House oder Hip Hop insbesondere zum Genre Drum’n’Bass, das er auch dezidiert literarisch und akademisch behandelt. Er kontextualisierte etwa in diversen Vorlesungen die Musikstile des Hardcore Continuums hinsichtlich Sound und Identität, Raum und Körper, spezifischen sozialen Praxen, Technik, Ästhetik und gesellschaftlichen Verstrebungen. Außerdem setzte er im Katalog zur Ausstellung Afro-Tech 2017 Afrofuturismus und Drum’n’Bass in Bezug.

Denkanstöße im Dubplate-Format

Das Beste vorweg: Statt Nostalgie und Selbstreferenz gibt der opulente Band einen aktuellen und frischen Blick auf die Themen, die sich seit Jahrzehnten durch den Kosmos der gebrochenen Beats und dicken Basslines ziehen und relevant in der derzeitigen Entwicklung von Clubmusik sind.

Herausgeber Colin Steven wollte vielleicht ein Zeichen setzen, auf jeden Fall lässt er das wertig gestaltete Buch im 10-Inch-Dubplate-Format mit einem Roundtable von weiblichen DJs, MCs, Produzentinnen und Geschäftsfrauen im Drum’n’Bass-Business unter dem Titel „The Future Is Female” beginnen. Über Sichtbarkeit, Globalisierung, Social Media, die Position von Frauen im Genre im Vergleich zu anderen Musikrichtungen, weibliche Akteurinnen und Kollektive als Motor von Innovation im Breakbeat und weiteres sprechen DJ Flight, DJ Sweetpea, MC Chickaboo, Alley Cat und Hannah Helbert (CEO von Elevated Sound PR), ergänzt durch Beiträge von DJ Rap, Collette Warren, Dazee, Iris und vielen mehr. Weitere Berichte und Ergebnisse von Panels folgen auf den ersten 35 von insgesamt 160 Seiten. Das Kapitel „For The Record” thematisiert die Vergangenheit, den aktuellen Stand und die Zukunft von Plattenläden. Auf dem Podium sitzen und sprechen unter anderem Nicky Blackmarket und Ray Keith. „Promoting Passion” zeigt einen seltenen Blickwinkel, nämlich den auf Drum’n’Bass aus Sicht von Veranstalter*innen. Im vierten Kapitel „Radio Active” diskutieren die Macher*innen von Kool FM, Rinse FM, Rough Tempo und Pyro Radio über die Entwicklung, die jetzige Situation und Zukunft von Pirate Stations und legalen Radiosendern im Drum’n’Bass-Kosmos. Die Panels sind zum Nachhören ebenfalls auf Mixcloud veröffentlicht worden.

Viel neuen Inhalt neben einigen Rückblicken im Buch zu präsentieren war Colin Stevens Anliegen, denn „Drum & Bass has always been futuristic”, wie er unterstreicht. Als Autor*innen sind u.a. Dave Jenkins, Martin James, Brian Belle-Fortune und Sarah Marshall dabei. Der innovative Impetus ist auch der Gegenstand des ersten Essays im Buch. Unter dem Titel „Hybrid Minds” werden die Klangästhetiken von dBridge, Om Unit, Sherelle, Tim Reaper, Fixate, Dead Man’s Chest, Special Request, Lakeway und weiteren Künstler*innen beleuchtet. Für Einsteiger und Nerds ist der Text gleichermaßen aufschlussreich, enthält historische Linien, nimmt Clubs wie Rupture, Untergenres wie Halftime und Neo-Jungle, Labels wie Exit und Astrophonica unter die Lupe, spricht mit A.Fruit, Icicle, Dexta und kontextualisiert in Richtung Detroit Techno, Videospiele, Chicago, UK Garage, Dub, Jazz, Bleeps, Interkultur und betont die Magie der Fusion, die eines der konstituierenden Elemente von Drum’n’Bass ist.

Die Entwicklungen in den vergangenen Jahren, mehr an der Mitte des klassischen Drum’n’Bass-Terrains, behandelt ein Beitrag mit Serum, Ulterior Motive, Breakage, DLR, Alix Perez, Lenzman und weiteren. Wobei Bristol als neuer kreativer Hotspot, in den Künstler wie Total Science, Break und Randall bereits vor einiger Zeit gezogen sind, gesondert Thema ist. Neurofunk („Has Neuro Funked Itself”) und Jump-Up („Jump-Up Will Never Die”) als Subgenres werden in zwei extra Kapiteln nicht ausgeblendet, sondern erfrischend ernst genommen und offen diskutiert. Leider können hier nicht mal ansatzweise die Ergebnisse und Thesen der einzelnen Essays vorgestellt werden, so viel Inhalt und Tiefe bieten die über 25 Kapitel. Da aber die Diskussionen um Jump-Up und Neurofunk viele Tasten in den Online-Medien heiß laufen lassen, seien hier die beiden Eingangssätze der jeweiligen Essays kurz gedroppt: „Jump-Up: It’s the dirtiest word in the D&B dictionary, yet it’s the style that gets the most raucous reactions in the dance. It’s got a history that goes right back to the very start of the genre, yet it attracts the youngest crowds. It’s home to a fiercely loyal fanbase, it’s got it’s own entirely self-sustained eco-system, it’s arguably the backbone of Drum & Bass” (Dave Jenkins) und „Neurofunk: A style of D&B which initially began out of two other vague subgenres, Techstep and Darkstep, has both evolved into some of the most technical and experimental work Bass Music has ever seen and devolved into a snooty, angry caricature of itself” (Layla Marino). Natürlich wird auch Liquid als Drum’n’Bass-Genre zur Materie eines Kapitels, das sich der beginnenden Hochzeit von Liquid 2005 mit damals jungen Labels wie Liquid V, Soul:r, Signature, Innerground etc. widmet.

Wie im HipHop ist die Drum’n’Bass-Kultur die Summe ihrer Elemente. Neben den zuvor genannten Grundpfeilern gibt es eigene Kapitel zum MCing in seinen vielen Ausformungen zwischen Crowd-Hyping und Storytelling (mit DRS, Tali, Navigator, Degs, Lady MC, Duskee etc.), zu Soundsystems, Körperresonanz und Basskultur inklusive überraschenden Einblicken in Richtung EQing, Tinnitus, Monitorboxen (mit Dillinja, Fabric, Klute etc.), zu Dubplates und den mächtigsten Dubs, die jemals geschnitten wurden (mit Digital, TeeBee, Grooverider & Fabio etc.) und schließlich zum Amen-Break, dem König der Breaks, und zehn weiteren grundlegenden Soul- und Funk-Breakbeats (mit Tech Itch, Equinox, Rohan, Ray Keith, Remarc etc).

Es bleibt nerdig im Kapitel „Chasing Andy”, das humorvoll diskutiert, wie Andy C seit über 20 Jahren alljährlich die Wahl als bester Drum’n’Bass-DJ gewinnt. Ebenso selbstironisch ist das Kapitel über Mode im Jungle und Drum’n’Bass, in dem Chase & Status ihre Moschino-Klamottensammlung vorstellen. Wesentlich ernster geht es in der Diskussion um Drum’n’Bass in den sozialen Medien und im Internet zwischen ebenjenem Andy C, Simon Bassline Smith, Micky Finn und Clayton Hines zur Sache. Werden Labels überhaupt noch gebraucht? Warum ist das Verhältnis von Drum’n’Bass zur Technologie so zwiegespalten? Liegt es daran, dass auf der einen Seite so sehr auf Innovation und Technik gesetzt wird, während auf künstlerisch-konservative Tradition gepocht wird? Spannende Fragen und Thesen wirft auch das Essay über die Festivalszene in Bezug auf Clubveranstaltungen auf. In dem sehr aufschlussreichen Artikel gibt es nicht nur eine historische und gesellschaftliche Betrachtung, sondern auch markige Statements von u. A. Mantra (Rupture), Chris Marigold / Blu Mar Ten (von der Bookingagentur Clinic Talent) und Josh Robinson (Hospital). Die Grafik-Sparte wurde bis jetzt nur unzureichend diskutiert und erhält in Knowledge 25 glücklicherweise zwei wertschätzende Kapitel. Flyer von der Foundation-Zeit bis heute sowie hervorragende Cover-Gestaltung (inklusive Vorstellung der besten Designer*innen und prägendsten Designs der Drum’n’Bass-Geschichte) sind auf circa 20 Buchseiten zu finden.

Für die wissenschaftlich interessierte Leserschaft runden Simon Reynolds’ maßgeblicher Artikel „Enter The Nuum” über das Hardcore Continuum, ein Update von Martin James zu seiner Neuauflage von State Of Bass, dem ersten Buch über Jungle und Drum’n’Bass, der Rückblick von Martin Anniss auf die englische Bleeps & Clonks-Kultur als eine der Wurzeln von Proto-Jungle (mit Warp, A Guy Called Gerald, Unique-3, Reinforced, Moving Shadow etc.), ein Essay von Marc Mac / 4 Hero über die Synergie von Detroit-Techno und Jungle/Drum’n’Bass und ein Artikel des All Crews-Buchautors Brian Belle Fortune über das Ausnahmefestival „Sun And Bass” (und warum er dort einen ewigen DJ-Slot hat) das Themenspektrum des umfangreichen Buches ab. Obendrauf wird Tristan O’Neill mit seinen Bildern vorgestellt, eine Art Wolfgang Tillmans der Drum’n’Bass-Fotografie. Großformatige Fotos aus dem Knowledge-Archiv beschließen das Werk, das nahezu kein Thema unberührt lässt, dabei kritisch und dennoch sachlich bleibt, sich für Einsteiger*innen und Expert*innen empfiehlt, einfach und erhellend zu lesen ist.

Drum’n’Bass-Literatur im englischsprachigen Raum

Mit dem Knowledge Magazine 25th Anniversary Book ist seit langer Zeit mal wieder ein Buch über Drum’n’Bass erschienen. Neben Biographien einzelner Künstler*innen (Goldie, Jumpin Jack Frost, DJ Rap, Uncle Dugs, Billy Bunter, Marc Archer etc.) gibt es im englischsprachigen Raum mit The State Of Bass: Jungle – The Story So Far von Martin James (1997, Neuauflage am 8. Mai 2020) und All Crew Muss Big Up – Journeys Through Jungle Drum & Bass Culture von Brian Belle-Fortune (1999) nur zwei Werke, die Drum’n’Bass-Kultur als Hauptthema fokussieren. In Kodwo Eshuns Heller als die Sonne (1999) spielen Breakbeats eine zentrale Rolle als Sound, der auf etwas Außer-Menschliches, Utopisches und Innovatives verweist. In Simon Reynolds’ bis heute stimmiger Theorie des Hardcore Continuums (siehe u. a. Energy Flash (1998)) sind Acid House, UK Hardcore, Jungle und Drum’n’Bass die wichtigsten sozialen und musikalischen Achsen. Bei Peter Shapiro und seinem The Rough Guide To Drum’nBass (1999) gibt es eine alphabetisch geordnete Vorstellung der Foundation-Akteure aus Drum’n’Bass, Big Beat und Trip Hop. It’s A London Thing (2019) von Caspar Melville untersucht black music in London aus sozialer Sicht und Aspekten der Stadtentwicklung. In den anderen Clubmusik-Büchern, wie etwa von Bill Brewster oder Jeremy Gilbert und Ewan Pearson, gibt es immerhin einzelne Kapitel zu Jungle und Drum’n’Bass, während diese Musikrichtungen in der US-amerikanischen Fachliteratur gar nicht oder lediglich am Rande auftauchen – wie in Michaelangelo Matos’ The Underground Is Massive (2015) auf immerhin insgesamt zwei Seiten.

Drum’n’Bass-Literatur im deutschsprachigen Raum

Zahlreiche Bewegtbild-Dokumentationen über die Szenen einzelner deutscher Städte oder Crews sind im Internet zu sehen, Oliver Von Felberts Doku Jungle in der ARTE-Reihe Lost In Music über die englischen Akteure 1996 ist ein Klassiker. Ein Buch aus Deutschland, das historisch, anekdotisch, interkulturell oder analytisch Jungle und Drum’n’Bass beleuchtet – egal ob mit englischem oder deutschem Schwerpunkt oder Blick auf die Beziehungen der beiden Bass-Kulturen –, bleibt bis jetzt aus. Ulf Poschardt gibt Jungle im Standardwerk DJ Culture (1997) immerhin ein eigenes Kapitel. Einzelne studentische Arbeiten aus deutschen Universitäten haben eine soziologische Sicht aufs Thema eingenommen. 

Hat Drum’n’Bass kein Interesse an Theorie oder die Theorie kein Interesse an Drum’n’Bass?

Häufig stellt sich die Frage: Warum gibt es so wenig Auseinandersetzungen in Büchern mit Jungle und Drum’n’Bass? Marktwirtschaftlich hat dies sicherlich damit zu tun, dass Verleger*innen die Szene (als potenzielle Käufer dieser Literatur) als zu klein einstufen, was zumindest ein diskutabler Standpunkt ist. Wissenschaftlich lässt sich jedoch die Relevanz der beiden Styles nicht kleinreden, spätestens seit ihre Elemente in zahlreichen Techno-Produktionen – und damit in der die deutsche Clubkultur dominierenden Musikrichtung – aufgetaucht sind. Nicht nur in den deutschen Drum’n’Bass-Hochburgen und im englischen Jungle-Revival im Stadium-Format lassen sich reichlich Veranstaltungen finden, bei denen Menschen in signifikanter Anzahl zu Breakbeats und Basslines tanzen. Die Anzahl der hiesigen Fans ist größer als von vielen angenommen und gleicht in diesem Punkt beispielsweise der Psytrance-Szene, die ebenfalls komplett unter dem Radar des Techno-Feuilletons stattfindet. Drum’n’Bass-Partys mit reichlich Nachwuchs bei Künstler*innen und Publikum gibt es seit ein paar Jahren mehr noch als zu den „Goldenen Zeiten” von 1996 bis 1998. Längst sind Vorurteile überholt, die Drum’n’Bass als eine Kultur für Rave-Kids only erachten oder dem Genre eine ausschließlich düstere Klangwelt andichten.

Vielleicht ist aber auch das Buch als Medium abgelöst worden. Blogs, Internetseiten und Postings in den sozialen Medien thematisieren en masse Drum’n’Bass und Jungle. Das Thema interessiert. Die Dokumentation Drum & Bass: The Movement von Bailey Hyatt, geschrieben von Dave Jenkins, ist am 26. Mai erschienen. Ist also auch Knowledge 25 etwas für Nostalgiker? Als reines Medium vielleicht, in der stringenten Bündelung und Art und Weise, wie sich Musikrichtungen genähert werden kann – im Vergleich zu den meisten Online-Artikeln und -Diskussionen – wohl kaum. So ist das Buch in der Breite und Tiefe der Themen ein absolutes Must-Have der Literatur über die heutige Clubkultur und speziell für Drum’n’Bass-Heads essenziell. Herausgeber Colin Steven schließt weitere Bücher über seinen auf nicht-fiktionale Texte aus dem Bereich elektronischer Musik und Clubkultur spezialisierten Verlag Velocity Press im Mix mit weiteren Panels nicht aus. Und vielleicht ist ja die Knowledge-Buchveröffentlichung ein Anstoß für weitere, dringend benötigte Auseinandersetzungen auf sachlicher Ebene mit der Vielseitigkeit jener Kultur, die so viele lieben.

Knowledge 25th Anniversary Book erschien im Frühjahr und kostet 25 Pfund zuzüglich 12 Pfund Versandkosten.