Auch in Zeiten des Coronavirus erscheinen Alben am laufenden Band. Da die Übersicht behalten zu wollen und die passenden Langspieler für die Club-freie Zeit zu küren, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Zum Ende jedes Monats stellt die Groove-Redaktion Alben der vergangenen vier Wochen vor, die unserer Meinung nach relevant waren. Im dritten Teil des Juni-Rückblicks mit Regis, ShiftedSoft Boi und drei weiteren Künstler*innen – wie immer in alphabetischer Reihenfolge.

Für mehr Alben-Reviews folgt diesem Link zu Teil 1, diesem zu Teil 2.

Regis – Hidden In This Is The Light That You Miss (Downwards)

Regis – Hidden In This Is The Light That You Missed (Downwards)

Nein, Alben scheinen für Karl O’Connor alias Regis nicht gerade Priorität zu haben. Stolze 19 Jahre sind seit dem letzten vergangen. 2001, das muss man sich mal vorstellen. Da diskutierte man noch MP3-Tauschbörsen wie Napster, und mit 9/11 endeten die 90er endgültig. 2001, das war sogar noch vor dem ersten Release der British Murder Boys, jenem Projekt, mit dem O’Connor und Anthony Child sich in die Geschichtsbücher der Clubmusik eingetragen haben. Wirklich still ist es um den Briten dennoch nie gewesen: Maxis & Remixes kamen regelmäßig, das von ihm geführte Label Downwards ist seit Jahren produktiv. Ein neues Regis-Album? Trotzdem etwas Besonderes. Dieses hier ist weniger gerade als vielleicht erwartet, der alte 4/4-Modus ist passé. Es trägt Techno im Herzen, klar, ist dabei aber immer offen für diverse Formen von Bass Music, aber auch für die widerborstig-analoge Klänge aus den Sphären von Post-Punk und Industrial. Unterkühlt monoton und einfach unfassbar trocken geht es auf einem Regis-Album also auch 2020 noch zu. Das Licht, von dem im Titel die Rede ist, versteckt sich bestenfalls im Detail. Der Opener prescht gleich Richtung Mainfloor, aber „Hidden Is The Light…” zieht sogleich die Handbremse: „Eros In Tangiers” zum Beispiel ist ein Stück Musik gewordene Suspense, das kaum mehr braucht als einen analogen Basston, ein paar verhallte Field Recordings und einen verstimmten Synthie. Das folgende „The Blind Departing” verlässt sich dagegen auf Rasierklingen-Elektro im harmonischen Brachland. Und Platz für sehr düster-schleifende Interludes bleibt sowieso immer. Mitproduziert hat dies alles übrigens Boris Wilsdorf, der über Jahrzehnte so etwas wie der Haus- und Hof-Toningenieur der Einstürzenden Neubauten gewesen ist – eine Personalie, die durchaus Sinn ergibt: Denn Hidden In This Is The Light That You Missed geht es immer um die Balance zwischen Brachialität und Finesse. Mal sehen, wie Regis sich dann 2039 anhören wird. Christian Blumberg

Shifted – The Dirt On Our Hands (Avian)

Shifted – The Dirt On Our Hands (Avian)

Wasserkaskaden fallen durchs Blickfeld, als die minimalistisch designten Beats von The Dirt On Our Hands über Amboss und Steigbügel unaufhörlich tiefer ins Innenohr rauschen. Mit seinen aufs Wesentliche reduzierten Arbeiten unterzog Guy Alexander Brewer schon während der 2010er so manch effektive Techno-Formel einer partiellen Restauration, indem Dub-erfüllte Tiefen kalt raunende Industrial-Fundamente aufpumpten und kontraktierten – Monotonie wurde bei dem Mann wieder zur Tugend. Nach drei Alben für Mote-Evolver, Bed Of Nails und Hospital brütet Brewer auch auf seinem neuesten Output wie ein Alchemist über psychologischen Transmutationen, getriggert durch Hypnose-Zyklen in absoluter Dunkelheit. Zum ersten Mal erscheint damit ein Longplayer von Shifted über sein enorm einflussreiches Label Avian, auf dem er bisher lediglich einige seiner EPs platzierte und darüber hinaus vor allem außerirdisches Material von 400PPM, Litüus oder den Zeitreisenden SHXCXCHCXSH vertrieb. An Letztere erinnert The Dirt On Our Hands schon im Opener „Eso”, der genau wie „Reptilian” mittels panischer Repetition echte Unruhe auszulösen vermag. Als schieße der Bodyload einer überraschend hohen Methylon-Dosis gerade durch die Arterien bis in den Kiefer. Puls und Blutdruck steigen, der Schweiß rinnt von den Achseln abwärts zur Hüfte und mit einem mal weicht die physische Paranoia einem ausdauernden Gefühl, nicht nur das 4/4-Basswummern, sondern auch die Mitten und Höhen haptisch spüren zu können. „Moving Towards The Exits” nutzt das voll aus und zählt ohne Frage zu den stärksten Tracks, die Shifted je veröffentlicht hat – ein Sound für illegale Keller-Raves oder schwüle Gewitterabende unterm Kopfhörer, an denen die Welt sich wegzuducken scheint. Seite C und D gestalten sich zwischen „Correctional” und „Sharpen Your Senses” qualitativ zwar etwas ambivalenter, und an den Mahlstrom-Techno des Debüts Crossed Paths kommt die ganze Platte ohnehin nicht heran. Doch geht es um Industrial Techno der Gattung Güterzug, führt nach wie vor keine Schiene an Shifted vorbei. Nils Schlechtriemen

Skudge – Time Tracks (Skudge)

Skudge – Time Tracks (Skudge)

Skudge-Tracks hatten schon immer etwas Einzigartiges an sich. Stilsicher, simpel bis aufs Mark, beherbergen die Loops von Elias Landberg jene skandinavische Tiefe und Erhabenheit, mit der sich andere Producer eine Karriere lang schwer tun. Der Detailreichtum beschränkt sich hier zwar jeweils nur auf einige Bars, entfaltet aber auf jedem der zehn Stücke seinen Sog, wenn pulsierende, Sub-starke Bässe auf filigrane Pads und Echo-lastige Percussion treffen. Während frühere Tracks und EPs oft eine gewisse Dringlichkeit transportieren, schwingen die Beats auf Time Tracks so gelassen wie noch nie, ohne dabei ihre Bewegungstauglichkeit einzubüßen. Alles sitzt zwar bombenfest, dafür aber auch an genau der richtigen Stelle – Landberg lässt dem Loop eben gerade so viel Spiel wie nötig. Ein großartiges Narrativ oder Konzept jenseits von puristischem Loop-Techno bietet diese LP zwar nicht, dafür eine großzügige Erweiterung des begehrten Skudge-Katalogs um einige neue, zeitlose Perlen. Leopold Hutter

Soft Boi – So Nice (Climate of Fear)

Soft Boi – So Nice (Climate of Fear)

Man kennt ihn vornehmlich für sein Projekt Pessimist, vergangenes Jahr lieferte er als eine Hälfte von Boreal Massif zudem eines der besten elektronischen Alben des Jahres ab. Jetzt ist der Produzent Kristian Jabs unter dem Namen Soft Boi auf Dating-Apps unterwegs, verliert sich in den Oberflächen digital getrennter Körper. Wie die blecherne Telefonstimme vermuten lässt, mit der er seine apathisch vorgetragenen Texte spricht, waren die Erfahrungen dieses Soft Boi bisher wenig zufriedenstellend. Träge rhythmisierte Tracks mit unschlüssig um sich kreisenden E-Piano- oder Synthie-Streicher-Akkorden, in denen gelegentliche störrische Breakbeats für die größte Bewegung sorgen, lassen an eine penibel gesäuberte und kaum besuchte Lounge mit kalter Beleuchtung denken. Der menschlichste Aspekt an alldem ist der Bristoler Akzent, in dem Jabs seine Gedanken zum Nicht-Gelingen von zwischenmenschlichen Begegnungen artikuliert. Aber auch in der klinischen Mattigkeit der Arrangements hat diese mutmaßliche Geschichte eines Scheiterns etwas sehr Anrührendes. Auf ätzende Weise schön. Tim Caspar Boehme

The Exaltics & Heinrich Mueller – Dimensional Shifting (SolarOneMusic)

The Exaltics & Heinrich Mueller – Dimensional Shifting (SolarOneMusic)

Wie kaum ein anderer Act der Neunziger hat das Detroiter Duo Drexciya ein eigenes Genre begründet – ihre Verschmelzung von Electro und Industrial vor einem bewusst enigmatisch gehaltenen, afro-retrofuturistischen Hintergrund wirkte stilbildend. Unter Pseudonymen wie Dopplereffekt, Arpanet, Rudolf Klorzeiger oder Xor Gate führt Gerald Donald nach dem Tod seines Duo-Partners James Marcel Stinson 2002 das Projekt eines Sounds fort, der die Radikalität der Maschinenmusik Detroit Techno mit den Breakbeat-Grooves des in den Anfängen von Hip Hop entstandenen Electro-Funk kurzschließt. Im Producer Robert Witschakowski aus Jena, der als The Exaltics, Robert Heise oder Crotaphytus in Erscheinung tritt, hat Donald einen passionierten Mitstreiter gefunden – sein 2007 mit Nico Jagiella gegründetes Label Solar One Music hat sich zu einer nahezu unfehlbaren Institution der Szene entwickelt. Mit Dimensional Shifting knüpfen Donald und Witschakowski direkt an Spiralgalaxie (Hubble Telescope Series Vol. III), ihre 2016 erschienene Kollaboration als Project STS-31, an. Bereits die zehn Tracks der regulären Doppel-LP dürften für Oldschool-Electro-Fans einer Offenbarung gleichkommen. Im limitierten Boxset finden sich darüber hinaus, auf eine Maxi, eine CD und eine MC verteilt, sieben weitere Zeugnisse dieser überaus fruchtbaren kreativen Zusammenarbeit. Authentischer und überzeugender ist diese Musik derzeit nirgendwo zu finden – jetzt schon ein Meilenstein des Genres. Harry Schmidt

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The Primitive Painter – The Primitive Painter (Apollo)

The Primitive Painter – The Primitive Painter (Apollo)

Unter dem Namen Acid Jesus hatte ihre Karriere bereits Fahrt aufgenommen, als Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke, inspiriert von der Musik von The Black Dog, Biosphere oder Aphex Twin, diese zehn zwischen IDM und Ambient angesiedelten Tracks produzierten. Hauptverantwortlich dafür war jedoch die Apollo-Compilation von 1993 auf dem Ambient-Sublabel von R&S: „Das war wirklich der Auslöser, sich vom Detroit-Sound zu entfernen und sich mehr den großen Melodien von B12 usw. zuzuwenden”, so Wuttke. Daher schickten sie ein Demo an R&S-Gründer Renaat Vandepapeliere. Dass die Platte dennoch als erste LP-Veröffentlichung auf Klang Elektronik erschien, sei einem Lapsus im Hause R&S geschuldet, heißt es im Pressetext zur Wiederveröffentlichung auf Apollo. Wie dem auch sei: Überaus erfreulich, dass man nun keine Mondpreise auf Discogs mehr entrichten muss, um The Primitive Painter zu hören und damit einen perfekten Soundtrack für die seinerzeit noch auf jeder Technoparty üblichen Chillout-Räume kennenzulernen, der auch für die Musik von Acts wie Boards of Canada Pate gestanden haben könnte. Die Frische und Begeisterung, mit der Flügel und Wuttke ihre Einflüsse aufsogen und sublimierten, vermittelt sich auch heute noch sehr direkt. Auf der Doppel-LP-Ausgabe findet sich auch das seinerzeit nur auf der CD enthaltene „Stoned Soul Picnic”, die Digitalversion macht zudem den unveröffentlichten Outtake „Testing” zugänglich. Verdienstvolle Veröffentlichung. Harry Schmidt