Auch in Zeiten des Coronavirus erscheinen Alben am laufenden Band. Da die Übersicht behalten zu wollen und die passenden Langspieler für die Club-freie Zeit zu küren, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Zum Ende jedes Monats stellt die Groove-Redaktion Alben der vergangenen vier Wochen vor, die unserer Meinung nach relevant waren. Im ersten Teil des Juni-Rückblicks mit Alva Noto, ArcaEllen Allien und drei weiteren Künstler*innen – wie immer in alphabetischer Reihenfolge.

Alva Noto – Xerrox Vol. 4 (Noton)

Alva Noto – Xerrox Vol. 4 (Noton)

13 Jahre nach Xerrox Vol. 1 veröffentlicht Carsten Nicolai alias Alva Noto Vol. 4 auf dem eigenen Label NOTON. Und es ist, wie nicht anders zu erwarten, wunderschön. Da derweil Lichtspielhäuser due to Corona konsequent geschlossen sind, lässt es sich wohl besonders gut aushalten beim Soundtrack zum eigenen, inneren Film. Denn Xerrox Vol. 4 ist absolute Atmosphäre. „Kirlian”, Track eins, fungiert quasi als Theme Track, der einem die Richtung des Ganzen vorgibt und den Einstieg ermöglicht. Hat was vom Dystopismus der letzten Boards of Canada. Mit Pathos – man höre „Voyage”, es zerreißt einem das Herz. Die Wärme, die man beispielsweise in Veröffentlichungen von Harold Budd oder Brian Eno zumeist spürt, entfällt hier mehr oder weniger zur Gänze. Es ist keine wirklich heile Welt. Und doch fühlt man sich geborgen in diesen fließenden, kaum endenden, weiß leuchtenden Flächen. Absolute Kälte, Leere, menschenfrei. Es sind die dramatischen Momente, die Harmonien wie in „Voyage”, die die Hörer*innen etwas Menschliches darin sehen lassen. „Cosmos” hingegen wirkt, als hätte HAL 9000 aus Kubricks Film eine eigene Musik komponiert bzw. programmiert. Oder beim Song „Argo”, der siebten Nummer auf Xerrox Vol. 4, die, so unweltlich dahinfließend, doch auch wieder etwas ganz und gar Betörendes ausstrahlt mit ihren Streichern und den fast aquatischen, hingehauchten Tastentönen, die irgendwo in dieser Ewigkeit fließen. „Sans Retour” klingt recht düster, man ist verloren in den Weiten der Leere, erst in „Calypsoid” klärt sich die Dunkelheit gegen Ende langsam etwas auf. Nach dem Drone-Stück „Apesanteur” klingt es mit „Néant” aus. Es ist gut. Lutz Vössing

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Amnesia Scanner – Tearless (PAN)

Amnesia Scanner – Tearless (PAN)

Wenn jemand eine Ahnung hat, wie sich der Soundtrack zu einer post-humanen Dystopie anhört, dann sind das die zwei Finnen Ville Haimala and Martti Kalliala. Besser bekannt als Amnesia Scanner, zeichnen die beiden Wahlberliner verantwortlich für etwas, das klingt, als komme es aus einer Parallelwelt, in der mies gelaunte KIs versuchen, den Club-Sound der letzten Jahrzehnte zu reproduzieren. Hilfe bekommen die beiden dabei von der körperlosen Stimme Oracle, die man bereits aus ihrem Debütalbum Another Life kennt. Oracle ist kein Mensch, sondern schallgewordener Algorithmus. Eine Deus-ex-Machina im besten Wortsinn, die überall dort zum Einsatz kommt, wo eine bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Singstimme noch zu human für das Produzenten-Duo klingt.Für ihr zweites Album, Tearless, entschieden sich Amnesia Scanner nun doch für etwas menschliche Unterstützung. Zusammen mit der Post-Club-Ikone Lyzza, der peruanischen Sängerin Lalita und der Metalcore-Combo Code Orange drehen Amnesia Scanner Pop, Metal, Grunge und Reggaeton zusammen mit einer guten Prise EDM durch einen Algorithmus-getriebenen Fleischwolf. Heraus kommt ein Album, das die Gruppe mit den Worten „Refuse like the ’90s and party like the ’20s—if that seems senseless, you are doing it right” umschreibt. Und kein Satz könnte den Sound besser beschreiben, den Deconstructed-Club-Musik in einer Zeit haben sollte, in der Clubs tatsächlich nicht viel mehr als eine dunkle Erinnerung aus grauer Vorzeit sind. Willkommen im Post-Club-Zeitalter! Patrick Wagner

Arca – KiCk i (XL Recordings)

Arca – KiCk i (XL Recordings)

Arca. Neue Platte. Mehr gibt’s nicht zu sagen – eigentlich. Man muss das Projekt von Alejandra Ghersi in den letzten Jahren nicht als Die-hard-Fan verfolgt haben, um mitzubekommen, dass hier jemand die hypersexualisierten Grenzen des Mach- und Hörbaren in operettenhafter Zügellosigkeit zu einem utopischen Schwellenzustand zwischen Kitsch, Pathos und Cyborg Manifesto zusammengeführt hat. Mit KiCk i rüttelt die non-binäre Latinx aus Caracas an der Konzeption des Körpers, der porös wird und sich durchdringen lässt von akustischem Pomp und Prunk, der Björk ebenso herumgeistern lässt wie zerschnippelte Vocals von SOPHIE und die Codes der Oper aus dem laserdurchfluteten Orchestergraben ins Endzeitszenario von Netflix’ 3% stürzt, durcheinanderwürfelt, zerhackt, zusammenklebt und an zwei Beinprothesen schraubt, um damit den Selbstdarstellungsfetischismus der Coke-auf-Speed-Videos von Ryan Trecartin zu vertonen. Oder auch nicht. Arcas fragile Opulenz spielt sich in den Hologrammen der Zukunft ab, deren Bezug zur Gegenwart über die Nostalgie für eine Vergangenheit zurück in eine Autodrom-Welt führt, die wir uns nicht vorstellen, aber hören können. Das ist keine Pop-Platte. Kein Techno-Bumms oder Experimental-Dings. KiCk i vermischt alles auf einmal, legt sich nicht fest, bleibt in Bewegung. Seien wir froh, dass wir das 2020 in unsere Ohren streamen dürfen. Christoph Benkeser

Brigitte Barbu – Muzak Pour Ascenseurs En Panne (Circus Company)

Das französische House-Urgestein Pépé Bradock hat ein neues Projekt und nennt sich Brigitte Barbu. Auf Muzak Pour Ascenseurs En Panne, das auf Deutsch so viel wie Muzak für steckengebliebene Aufzüge heißt, würfelt der Franzose das stilentfremdete Plätschern der Bimmelbammel-Dosenmukke zwischen Plastilin-Trip mit Alice und Fassbinders Spiegelkabinett zu einer hyperrealen Mischung aus Traum, Fantasie und dem, was Barbu als ätherisch-abstrakten Hip Hop bezeichnet. Soll heißen: Da verkabelt jemand seine Gitarre als Gerhirnwäsche-Instrument mit Verstärkern, um im Schwellenzustand seines unterbewussten House-Gewölbes nach Beats zu graben. Die gibt’s auf der Platte nämlich nicht. Und damit auch keinen Hip-Hop. So ätherisch oder abstrakt Barbu die Sache auch framen möchte. Eso-Mief steigt spätestens mit der zweiten Nummer in die Nase, als wäre der Geist von Conny Plank auf die Chill-Out-Tapes von The KLF gestoßen, hätte die Bänder durch das Inner-Space-Studio von Can gezogen und in ewig rauschenden Feedback-Schleifen von Daniel Lanois’ Steel-Gitarren-Gejauchze mit dem Wall-of-Sound-Krachen von Fennesz in ein Crescendo zusammenlaufen lassen. Kein Wasser, bitte! Christoph Benkeser

Conceptual – Null Respekt (Warm Up)

Conceptual – Null Respekt (Warm Up)

Hinter Conceptual steckt Simone Scardino, der zudem zusammen mit Mattia Prete bereits seit den frühen Zehnerjahren das Duo Beat Movement betreibt. Techno bildet für beide die große Überschrift ihres Schaffens, aber nicht auf puristische oder gar engstirnige Weise. Null Respekt stellt nun Scardinos persönliche Untermauerung dieser Haltung dar, über zehn Stücke wird Techno auf sehr unterschiedliche Weise durchdekliniert – immer mit dem Anliegen, auch Entwicklungen voranzutreiben. Der Opener des Albums startet überraschend und extrem gelungen mit einem erst analog anmutenden, Drone-artigen Synthie-Sound, der sich zunehmend in Richtung verzerrtem Digital-Cello öffnet, um dann in einem Breakbeat/Four-to-the-floor-Hybrid aufzugehen. Nach dreieinhalb Minuten scheint alles vorbei, aber nach einer kurzen Generalpause geht es noch einmal energetisch-brachial weiter – was für ein cooler Start und Gegenpol zu den lauen Ambient-Openern auf vielen heutigen Techno-Alben! Danach schraubt Conceptual das Energielevel zurück, oder besser gesagt, er formt die Härte des ersten Stücks um in Schnelligkeit. Der Titel „Basilisk” ist sehr passend gewählt, tatsächlich ist der Track luftig und schlank, dürfte laut und tief in der Nacht aufgelegt aber einen großen Effekt auf anspruchsvollen Techno-Dancefloors erzielen. Stuck Nummer drei widmet sich dann einer Verarbeitung von Bass Music und Dub unter dem Retrofuturismus-Brennglas. Das folgende „Blue Spirit” wiederum ist einfach ballernder Techno, wobei auch dieses Stück von einem Sounddesign lebt, das immer einige Schritte neben dem Hauptpfad der Community wandert. Und so geht es weiter – ruhigerer Techno folgt, danach ein Ethno-Tech-Experiment, dann wieder ravige Selbstkontrolle, die die Lust oft mehr befeuert als das Voll-auf die Zwölf-Prinzip, dann eine Art finales Industrial-Triptychon, das die Stimmung des ersten Tracks aufgreift. Fast allen Stücken sind schabende, knirschende Sounds im Rhythmus-Geflecht gemeinsam, die den Eindruck von Rauheit und einer hintergründigen Härte noch verstärken. Der Albumtitel soll übrigens eine gewisse Traurigkeit Scardinos zum Ausdruck bringen, die er beim Umgang etlicher Akteure in der Clubwelt mit Techno empfindet. Mathias Schaffhäuser

Ellen Allien – AurAA (BPitch Control)

Ellen Allien – AurAA (BPitch Control)

Das Raumschiff setzt zur Landung an. An Bord befindet sich mit AurAA, Ellen Alliens neuestem Longplayer, wertvolle Fracht. Mit dem zeitlosen Electronica-Stück „Hello Planet Earth (Breath Mix)”, begrüßt die außerirdische Künstlerin das weltliche Empfangskomitee. Assoziationsmöglichkeiten beim Anhören: Die Bilder zu „Birth Of A Cyborg” aus dem japanischen Anime Ghost In The Shell oder die surreale Ringbahn-Fahrt zur Arbeit am Montagmorgen. Könnte aber auch einfach nur der Song sein, den Ellen Allien jeden Morgen zum Aufstehen hört. In „Traum”, „Walking In The Dark” und „In Music I Trust” zeigt sie dann genau die wunderbaren Neo-Trance-Galaxien, die ihr in den Nullerjahren zu ihrem kometenhaften Aufstieg verholfen haben. Es fällt zudem auf, wie geschickt sie abermals Stimmen als melodische Werkzeuge einsetzt. Der Titel „Confusion” fügt dazu noch pumpende Drums und Bässe hinzu und lässt Hörer*Innen bei gefühlvollen Synth-Modulationen dahinschmelzen. Verglichen mit Alientronic und Nost, ihren letzten beiden Longplayern auf BPitch, fühlt sich das ganze Album wesentlich intimer an. Wenn man resümiert, dass die Berlinerin mit AurAA zu ihren Wurzeln zurückkehrt, ist das als großes Kompliment gemeint. Andreas Cevatli