Auch in Zeiten des Coronavirus erscheinen Alben am laufenden Band. Da die Übersicht behalten zu wollen und die passenden Langspieler für die Isolation zu küren, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Zum Ende jedes Monats stellt die Groove-Redaktion Alben der vergangenen vier Wochen vor, die unserer Meinung nach relevant waren. Im dritten Teil des Mai-Rückblicks mit Red AxesRødhådThe Advent und drei weiteren Künstler*innen – wie immer in alphabetischer Reihenfolge.

Quaid – Dreem Static (Apron)

Quaid – Dreem Static (Apron)

Die ersten sechs Stücke auf Dreem Static wirken wie eine Compilation von Techno-Ouvertüren, wie ein Sampler bestehend aus Alben-Openern mit hohem Ambient-Anteil und gelungenen Reminiszenzen an den speziellen Synthesizer-Sound Detroits – typische Appetizer für ein opulentes Techno-Menü eben. Aber diesem Anheizen der Lust auf Erlösung im Beat und auf der Tanzfläche lässt Quaid eine völlig unerwartete Prince-Verbeugung folgen, eine funky Pop-Miniatur ohne großen Ohrwurm-Refrain, aber mit umso mehr Charme. Dieser Überraschungscoup kanalisiert die aufgestaute Energie in eine sanfte, weniger körperliche als – man muss es so sagen trotz Emo-Kitsch-Gefahr – irgendwie beseelte Freude. Der Bewegungsdrang darf sich dann umso stärker im folgenden Tribal-House-Track „Latent Heat” entladen, der nach dieser Einleitungs-Kaskade fast ganz auf Bass verzichten kann und nicht viel unternehmen muss, um den musikalisch manipulierten Hörer in den Bewegungsmodus zu transportieren. Nur um danach wieder die nächste Ouvertüre folgen zu lassen zwecks Sensibilisierung von Hirn und Ohren für weiteren Elektronika-Minimalismus, Stolper-Beat-Maschinen-Funk und das abschließende „City Of Dreems”. Dieser finale Track führt nicht nur die City im Titel – es kann nur eine sein! –, sondern auch wieder die ikonischen Synths im Sound-Gefüge, die aus dieser Traumstadt stammen. Und zudem das Leitmotiv, das dem Album explizit zugrunde liegt – Träume, Dreams, DREEMS. Dreem Static nennt man übrigens das Restsignal von Maschinen im Standby-Modus. Im Klang gewordenen Traum von Quaid haben sich diese sonischen Partikel zu einem bemerkenswerten Album geformt. Mathias Schaffhäuser

Red Axes – Red Axes (Dark Entries)

Red Axes – Red Axes (Dark Entries)

Red Axes veröffentlichen ihr drittes Album. Diesmal auf Dark Entries, jenem US-Label, dem die Jungs aus Tel Aviv seit 2017 immer mal wieder mit Veröffentlichungen verbunden sind. Ihre beiden vorigen Alben auf I’m A Cliché und ihrem eigenen Label Garzen stellten eher Musik vor, die nicht genuin für ein Album konzipiert wurde. Nun sind Dori Sadovnik und Niv Arzi mit dem Vorsatz ins Studio gegangen, ein Album zu produzieren, auf dem alles auf einen perfekten Spannungsbogen abgestimmt ist. Natürlich nicht stilistisch, denn Red Axes waren nie für nur ein Genre zu begeistern. Ihre Roots liegen im Rock und Post-Punk, was sich in den neuen Tracks widerspiegelt. Tunes wie „Moonlight” oder „Sticks & Stones”, in dem die Stimme von Adi Bronicki, Sängerin des Garage-Punk-Duos Deaf Chonky, zu hören ist, spielen poppig mit Garage-Rock und Electroclash. Gitarren tauchen auch in anderen Zusammenhängen auf. Wie in „Shelera”, einem augenzwinkernd einpeitschenden Amalgam aus Acid, Rockgitarren und Scooter-Gröl-Rave. Stücke wie „They Game” und „Zeze” erinnert dann an frühen Manchester-Rave-Pop, psychedelische Cosmic-Welten und sphärischen Berliner-Schule-Gitarren-Rave. Auch EBM und Darkwave, angefeuert von einem rockigen Club-Drive, werden in Tracks wie „Break The Limit” und „Brotherhood (Of The Misunderstood)”, auf dem der israelische Landsmann Autarkic singt, gewieft auf zeitgenössisch getrimmt. Die letzten Stücke des Albums, „Udibaby” und „Arpman”, spielen schließlich mit afrikanischen Melodien und Rhythmen sowie von Italo beeinflusster Cosmic und runden alles mit einer Vielfalt ab, die so selten nebeneinander steht. Was alle Tracks eint, ist eine nervöse Grundnote, die Liebe zu kitschigen Camp-Melodien und ein unbedingter Wille zur Euphorie. Das könnte für manchen zu viel kummerlosen Frohsinn bedeuten, doch Red Axes wird das Schnuppe sein. Sie wollen feiern – und das, wie jeder Track belegt, stets ungeniert ausgelassen. Michael Leuffen

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Rødhåd – Mood (WSNWG)

Rødhåd – Mood (WSNWG)

Auf leisen Sohlen stampft es sich schlecht. Deshalb lässt man die Techno-Sache für die nächsten fünf Sätze außen vor und sagt, wie’s ist: Rødhåd hat mit Mood den Soundtrack für die Post-Lockdown-Stimmung veröffentlicht. Kein Geballer, kein Exzess – dafür flauschige Flächen zwischen Himmel und Hölle, das Rattern von riesigen Rotoren und genügend sphärische Sci-Fi-Skizzen, um alle Matthew-Barney-Filme neu zu vertonen. Das passende Drehbuch schustert man aus den 18 Tracktiteln zusammen, die sich in ihrer Gesamtheit wie ein surrealistisches Rodeo in der Black Lodge lesen. Soll heißen: Konzept gibt’s hier keines. Braucht es aber gar nicht. Man greift sich raus, was gefällt. Das Angebot reicht von außergalaktischem Ambient über Düster-Drones bis hin zum Dub-Techno-Crescendo für die Space-Time und verschwurbelten Technoanleihen, die Aphex Twin versehentlich beim letzten Soundcloud-Dump übersehen hat. Alles in einem Album, alles for free – als Geschenk, als Dankeschön, von und mit Rødhåd. Übrigens: Der Preis für das beste Cover-Artwork geht schon jetzt an Mood. Was John Juan Mendez alias Silent Servant mit Gebiss und weißen Rosen drapiert, ist das Vanitas-Stillleben der Corona-Krise. Must-have! Christoph Benkeser

Rone – Room With A View (Infiné)

Rone – Room With A View (Infiné)

Room With A View, das fünfte Album von Erwan Castex alias Rone, ist in Vielem eine Rückbesinnung: Ohne Kollaborationen, Studiogäste und komplett elektronisch produziert, zeigt es den französischen Producer ungefähr wieder an dem Punkt angekommen, an dem er vor rund einer Dekade die Bühne betreten hat – allerdings merklich gereift im Sounddesign. Zudem ist dies eine Auftragsarbeit für eine Live-Show des Théâtre du Châtelet mit der Kompanie des Ballet National de Marseille, was sich für Castex, der als Filmemacher begonnen hat, Musik zu produzieren, doch wie einer Rückkehr zu seinen Wurzeln anfühle könnte. Das Bühnenstück widmet sich Fragen der Umwelt und des Klimawandels, die Zusammenarbeit mit den Akteuren hat auch in der Covergestaltung, die das Corps de Ballet in Aktion zeigt, sowie in den Tracks selbst Spuren hinterlassen – in Form von Dialogen, Stimmfetzen, Interviewausschnitten und Field-Recordings-Samples. Doch Room With A View funktioniert auch ganz ohne Bewegtbilder, unter Verzicht auf jegliche visuelle Inszenierung, als akustisches Ereignis für sich. Produziert in Nohant-Vic, im ehemaligen Haus der Schriftstellerin George Sand, also am Ort, an dem Frédéric Chopin ein Drittel seiner Stücke komponiert hat, findet Castex mit den überaus atmosphärischen 13 Tracks auf Room With A View endgültig zu einer Klangsprache, die Einflüsse von Barockmusik bis IDM, Vivaldi bis Boards of Canada zu einer völlig eigenständigen Synthese verschmilzt. Ein formidables, durch und durch überzeugendes piece of art, auch jenseits seines gesellschaftspolitisch engagierten Kontexts. Harry Schmidt

The Advent – Life Cycles (Cultivated Electronics)

The Advent – Life Cycles (Cultivated Electronics)

Nach 17 Jahren mal wieder ein Electro-Album ankündigen und dann ausschließlich unveröffentlichtes Material aus den tiefsten 90ern servieren? Kann sich nicht jeder leisten, macht aber im zeitgenössischen Revival des Genres total Sinn. Besonders, wenn wie bei Cisco Ferreira alias The Advent von jeher meist quality cuts den Weg zum Mastering fanden. Quasi Archiv-Compilation, offiziell aber neuer Release, schwankt Life Cycles dementsprechend gehörig zwischen feschem Retro-Electro á la „Vast” oder Boogie Electro und einigermaßen egalen Nummern wie „This Is Not” oder dem behäbigen Rausschmeißer „Panda”. Der Mann macht das seit nun gut drei Dekaden, und genau so klingen diese Aufnahmen meistens auch: Routiniert, erfahren, professionell. Drei Prädikate, die eigentlich Positives versprechen. Hier stehen sie mehr für Vorhersehbarkeit und stellenweise genügsame Selbstzitate. Sicher ist das irgendwo auch Sinn und Zweck einer solchen Veröffentlichung, doch selbst wenn die Highlights „Music Is Life” und „Electrical Sounds” mit knusprigen Breaks und kirre machenden Synth-Leads schon ziemlich bocken, darf man ja vielleicht nach so langer Zeit insgesamt etwas mehr von einem Kaliber wie Ferreira erwarten. Nils Schlechtriemen

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Yotam Avni – Was Here (Kompakt)

Yotam Avni – Was Here (Kompakt)

Mit Acts wie Moscoman, Autarkic, Deep’a & Biri und Red Axes hat in den vergangenen fünf Jahren eine ganze Garde junger israelischer Producer auf den Dancefloors der globalen Hipster-Metropolen Einzug gehalten. Ein Kontext, in dem auch der Name Yotam Avni fällt – tatsächlich gehört der Israeli als Journalist, DJ, Promoter und Producer bereits zu den Veteranen der internationalen, virulenten Elektronikszene Tel Avivs. Seit 2012 hat Avni ein gutes Dutzend EPs auf überaus renommierten Labels wie Ovum, Seasons, Innervisions, Stroboscopic Artefacts oder Rebirth veröffentlicht, wobei diese Aufzählung auch gut geeignet erscheint, die Disposition seiner Produktionen zwischen den Polen Minimal Techno und Deep House zu charakterisieren. Erst jetzt aber erscheint mit Was Here auf Kompakt ein Debütalbum des für seine Avadon-Partys bekannten Produzenten. Eingeleitet mit einem kurzen Intro, präsentiert Avni auf zehn Tracks sein Verständnis von Detroit Techno als Schnittmenge hymnischer Maschinenmusik mit lyrischen Jazz-Elementen. Für Letztere ist oft der Trompeter Greg Paulus zuständig, der gemeinsam mit Nicholas DeBruyn als No Regular Play veröffentlicht. „It Was What It Was” ist symptomatisch für die gesamte Platte: Der Titel referiert direkt auf „It Is What It Is”, Derrick Mays Hit von 1988. Eine Hommage an die große Zeit von Rhythim Is Rhythim und Galaxy 2 Galaxy, deren „Hi-Tech Jazz” hier ebenfalls für manches Pate gestanden hat, die aber gleichzeitig auch schon die bereits eingetretene Historizität des Verehrten benennt. Mit Vocals von Georg Levin wird „Island Hopper” als Ausklang des gelungenen, unaufgeregten Albums sogar zum Song. Harry Schmidt