Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht die GROOVE-Redaktion die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Clara!, DJ Plead, Minos, Paramida und Robag Wruhme. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim GROOVE-Podcast vorbei.

Clara! – 08 March 2020 (Rinse France)

Clara Sobrino aka Clara! bringt in ihren Mixes einen eher unkonventionellen Musikgeschmack zur Geltung, der es aber in sich hat. Reggaeton küsst Salsa, Cumbia, Breakbeat, Hip-Hop, Rock und Drum & Bass. Bekannt wurde sie durch ihre Mixtape-Reihe Reggaetoneras. Sie schuf damit eine Plattform für von Frauen produzierte Tracks aus der Reggaeton-Vergangenheit und -Gegenwart. Dieses feministische Statement fand nicht nur viel Anklang in der hauptsächlich von Männern dominierten Szene, sondern verschaffte ihr auch noch weitere Auftritte. Heute wohnt sie in Brüssel und verfolgt neben ihrer Solokarriere ein Projekt mit dem Multi-Instrumentalisten Maoupa, welchem sie unter anderem mit ihrem spanischen Gesang beisteuert.

Eine würzige Mischung aus so ziemlich allen Genre-Ecken dieses Musikkosmos zeigt die gebürtige Spanierin auch in ihrem Mix für Rinse France. Obwohl sie in knapp einer Stunde Mix 55 Tracks verpackt, läuft ihr alles sehr geschmeidig von der Hand. Neben der Basis an Reggaeton, setzt sie zum Beispiel mit DJ Harams Song Overeager oder Gattomatto von Piezo gekonnte mystische Akzente, die an Ritualmusik erinnern. Gepaart mit rockigen Einspielungen von DJ Chloroform, dem Hip-Hop Instrumental von Booba PGP oder dem Breakbeat Clubtrack Unlast von Shalt, weht ihr Mix wie eine frische Brise in der Welt der elektronischen Tanzmusik daher. Julian Eichelberger

Dekmantel Podcast 271: DJ Plead (Dekmantel)

DJ Plead ist das vergleichsweise junge Pseudonym von Jarred Beeler, einem aufstrebenden Künstler, der dem pulsierenden Melbourne entsprossen ist. Beeler war zunächst Teil eines DJ-Trios und betätigte sich darüber hinaus in dem Projekt Poison. Mit seinem aktuellen Alias hat er seine ganz eigene, percussionlastige Klangästhetik geschaffen und sich so auch abseits der heimischen Szene Gehör verschafft. Als Produzent setzt sich der Australier mit seinem libanesischen Hintergrund auseinander und verstrickt so Rhythmen, Skalen und Klangfarben des libanesischen Pop und der traditionellen Hochzeitsmusik des Landes mit R’n’B und anderen zeitgenössischen Clubstilen.

Wie verblüffend gut ihm das gelingt, stellt sich bislang anhand seiner Veröffentlichungen für Nervous Horizon und DECISIONS dar. Und wie zu erwarten zeigt sich DJ Plead nicht nur als Produzent, sondern auch als Selector vielseitig: Eine Kostprobe dessen liefert sein jüngster Beitrag für den Dekmantel Podcast, den er gleich mit einer handvoll unveröffentlichter Eigenproduktionen versehen hat. Damit zeigt er allemal, dass er ein Meister darin ist, weltliche Trommelklänge und berauschende östliche Melodien mit vielseitigen kontemporären Sounds kollidieren zu lassen. Dabei gelingt es ihm das Energielevel stets hochzuhalten. Bleibt nur noch zu hoffen, dass seinem Mix bald die nächste Platte folgt. Leonard Zipper

Minos – IA MIX 328 (Inverted Audio)

Minos macht laut eigenem Bekunden Techno – sich über Genre-Zuschreibungen aber keine großen Gedanken. Eine angenehm unkomplizierte Aussage, insbesondere wenn man sich seine EP Sorry I’m Late auf Don’t Be Afraid von Ende letzten Jahres anhört. Ungerade Beats, tonnenschwere Bass Music und Detroiter Einflüsse nisten sich im düsteren Klangspektrum des Iren ein. In seinem Mix für Inverted Audio finden sich aber weniger Tracks seiner Vorbilder aus der Motor City, sondern vor allem solche von britischen Allstars: Randomer, Regis, Shackleton, Surgeon und zum Abschluss der 2017 viel zu früh verstorbene Marcus Intalex alias Trevino führen im Zusammenspiel unweigerlich zu einem percussiongetriebenen Klangbild.

Los geht’s mit Peter van Hoesens „New Territory”, einem gemächlichen Techno-Roller mit einer zerklüfteten Snare auf der Zwei und spielerischem Rhythmus. Anschmiegsam dann der Übergang zu Dubstep von Pev(erelist) & Kowton, ehe Randomer & Cadans die Stimmung in treibenden Hi-Hat-Techno überführen. Bereits in den Anfangsminuten des Mixes haben die Synapsen folglich mehr zu tun als in kompletten anderen Sets – höchst unterhaltsam! Maximilian Fritz

Paramida: 08 March 2020 (Rinse FM)

Paramida ist Berlins Gegenbewegung zum vorherrschenden Techno- und Breakbeat-Trend: Mit House, Disco und ganz viel Liebe bringt sie die Gesichter zum Lächeln und die Füße zum Tanzen. Seit 2014 unterstützt sie auch aufstrebende Künstler*innen mit ihrem Label Love On The Rocks und veröffentlicht darüber emotionsgeladene Nu-Disco- und House-Platten mit ganz viel Soul und Funk.

Für Rinse FM macht sie einen Ausflug in die Rave-Ära der Neunziger: 4/4-Takt, von Disco inspirierter Power-House und ekstatischer Gesang dominieren den Sound. Der Anfang ist allerdings irreführend, fast schon andächtig klingt der ambiente Opening-Track: Ineinander fließende Klangteppiche wiegen wie sacht an einen Strand schlagende Wellen vor und zurück und verzerrte Stimmaufnahmen geben dem Ganzen einen absurden Touch. Nach sieben meditativen Minuten dann der plötzliche Wechsel – eine trillernde Querflöte vermischt sich in Marika Lennys „Beat Summer“ mit einer kitschigen Synth-Melodie.

Disco und House heißt der rote Faden für die nächste Stunde. Thematisch dreht es sich in den Tracks um Liebe, Herzschmerz und Musik. Hier eine peitschende Snare, dort eine Cowbell, Trommelwirbel erzeugen Spannung. Dabei klettert auch das Rave-Klavier die Tonleiter rauf und runter. Mit Neunziger-Bomben wie „Got U On My Mind“ von Greg Lee und „Leaving My Heart Over You“ von April heizt Paramida die Stimmung an, erklimmt mit einem House-Mash-Up von Paul McCartneys „Où Est Le Soleil“ den Höhepunkt und schließt das ganze mit „The Horne“ von Watanabe ab. Lisa Kütemeier

Robag Wruhme: Day Mix (robag_fm)

Ja, mittlerweile sollte es auch der und die letzte verstanden haben: Corona-Parties sind nicht lustig, Social Distancing kann Leben retten und es gibt gerade wirklich nicht allzu viel Grund zum Feiern. Wovon es dafür umso mehr gibt: Zeit! Und wenn man Künstler*innen in die kreative Zwangspause schickt, können wir uns jetzt bei all dem Leid zumindest schon mal auf eine musikalisch reichhaltige Zeit nach der Quarantäne freuen. Aufgrund seiner geplatzten USA-Tour nutzte Robag Wruhme die Zeit schon mal, um gleich zwei neue Mixtapes aufzunehmen – und kramt dabei einige Schätze hervor.

„IF WE ALL CAN’T MEET OUTSIDE AT THE MOMENT, I’LL COME TO YOU“ schreibt der Jenenser unter den Mix, der sich als Wruhme-typischer wilder Ritt durch die Genres gestaltet. Über verspulten Funk, zurückgelehnten Weirdo-House, Rap und emotionalen Pop leitet Robag Wruhme von Daft Punk und Kornél Kovács über zu den Chilenen Chico Trujillo, deren sehnsüchtiger Salsa-Sound offenlegt, dass er selbst dem deutschen Winter gerne mal nach Ecuador entflieht. „Kein Wunder, dass der Spaß vergeht, bei so viel Negativität. Warum die Apokalypse reiten? Es gibt so viele Möglichkeiten!“ lässt Wruhme dann auch noch Jaques Palminger und Erobique mit ihrem Song „Farben“ zu Wort kommen. Ein Mix, der als Kommentar auf den verrückten Ist-Zustand nicht passender sein könnte – und gleichzeitig zeigt, dass Musik gerade jetzt eine der wenigen Sachen ist, die uns trotzdem bei Laune halten kann. Egal ob man im Club zu ihr tanzt oder ausnahmsweise für eine Weile mal im heimischen Wohnzimmer. Laura Aha