Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Function & Nastia Reigel – Devocion EP (Dekmantel UFO)
Es ist ja so: Man kann die Vergangenheit kopieren oder man kann sie exhumieren, ihr tief in die verquollenen Augen schauen und sie einmal komplett linksdrehend durchprügeln. David Function Sumner und Nastia Reigel haben exakt Zweiteres getan. Devocion heißt das Dokument des Wahnsinns. Ein Titel wie eine Drohung. Und darum geht es natürlich auch: Hingabe. Absolute, bedingungslose Unterwerfung unter den Sound der guten, alten Neunziger. Wir reden hier aber, Gott bewahre, nicht von debilem Großraumdiskoelend für Leute mit Camp-David-Polos und Energydrinkaugen, sondern von Trance im, hust, transzendentalen Wortsinn. Dafür muss man sich nur mal „Eternity” anhören: diese quälend einsamen Bleeps, getragen von einem Breakbeat-Roll, der unbarmherzig flachlegt. Reigel kramt jetzt auch noch die verstaubten R&S- und FAX-Platten raus, und Sumner klatscht begeistert, weil: Nostalgie! Aber verchromt. Glänzend. Bling. Christoph Benkeser

Katatonic Silentio – Paradise Mountain (Maloca)
Sind wir nicht alle auf der Suche nach dem geheimen Ort, an dem wir ankommen, uns verorten, erden und zugleich auch erheben können? Paradise Mountain wirkt wie ein Spaziergang durch einen geheimen Garten, fernab des Alltagslärms. Irgendwo zwischen Ambient, subtiler Electronica und einem kaum greifbaren, weltmusikalischen Echo entfaltet Katatonic Silentio eine Klangsprache von bemerkenswerter Eleganz.
Das Album prägen eine geduldige kompositorische Entwicklung, schwebende Harmonien und eine meditative Tiefe, die sich erst mit der Zeit öffnet. Der Opener „Primordial Blossom” macht seinem Namen alle Ehre: perlende Figuren steigen auf und ab, wie Licht, das sich durch Blätter bricht. Es ist ein Aufblühen, organisch, atmend, von leiser Schönheit. „Secret Garden” verdichtet diese Stimmung weiter – geschichtete elektronische Flächen, zurückhaltend und geheimnisvoll, wie ein Ort, den man eben nur zufällig findet und intuitiv für sich behalten möchte. Mit „Archipelago” kommen Bewegung und Erdung ins Spiel: elektronische Wassertropfen, die sich allmählich zu einem fast tribal anmutenden Rhythmus verdichten. Ein Höhepunkt des Albums – fließend, hypnotisch, fein austariert. „The Only Way Out” baut etwas Spannung auf: ein langsam wachsender Puls, jetzt ein perlendes Piano, ein paar Acid-Klänge in der Ferne – nicht als ein Statement, sondern als etwas Flüchtiges.
Besonders faszinierend sind die Versionen von „Is Through”. Die „Eden Version” schwebt auf einem tiefenentspannten Rhythmus, umgeben von weiten Klangflächen, in denen sich Assoziationen an den Ruf eines Muezzins ebenso finden lassen wie spirituelle Übergangsräume. Früher fiel solche Musik auch unter die Kategorie New-Age. Die „Land of Nod Version” wirkt nomadisch – Klänge von weit her, nordafrikanische Anmutungen.
Den Abschluss bildet „El Baile de Icaros” – ein musikalisches Glasperlenspiel. Eine ferne, verheißungsvolle Frauenstimme trägt den Track, ruhig und rhythmisch, entspannend und gleichzeitig vorwärtsdrängend. Ein letzter Tanz im Halbschatten, bevor der geheime Garten sich wieder schließt.
Paradise Mountain ist elektronische Musik der Extraklasse: fein produziert, frei von Effekthascherei. Perfekt für stille Stunden, für das Umherwandern im Grünen – real oder imaginiert. Liron Klangwart

Kolter – Get Sexy EP (Koltercamp) [Reissue]
Ursprünglich bereits 2021 erschienen, hat die Get Sexy EP von Kolter auch ein halbes Jahrzehnt später mit dem Reissue auf Koltercamp nichts von ihrem Charme verloren: frech, humorvoll und verspielt. Disco-House-Sound, der sich nicht zu ernst nimmt. Statt auf sterile Funktionalität setzt Kolter auf Humor, Bounce und kleine rhythmische Gemeinheiten. Die EP zwinkert auf dem Dancefloor, ohne dabei zur bloßen Gag-Platte zu werden. Gerade diese Mischung aus Club-Handwerk und Lockerheit macht sie so charmant.
„Terminate the Machine” startet mit reduziertem Beat. Dann kommt eine verträumte Melodie dazu, bevor sich der Track mit Einsetzen des titelgebenden Vocal-Samples in ein bounciges Disco-House-Brett wandelt. „Namaste” bleibt durch das markante bollywood-eske Sample von Beginn an im Ohr. Zwar ein wenig kitschig, aber durchaus gelungen. „Totally Lost Focus” kommt verspielt daher. Viele kurz gechoppte Elemente machen den Track zu einem Hörerlebnis, dass nie langweilt. „Get Sexy” beendet die EP in fast schon provokanter Manier. Ein Vocalsample, dass die Hörer:innenschaft unverblümt zum Tanzen auffordert. Die Instruktion ist dabei wörtlich zu nehmen: Clubsound mit genau der richtigen Portion Augenzwinkern. Daniel Böglmüller

Ottagone – Selected II (Swap Shop)
Nachholbedarf, doch wo anfangen? Ottagone hat die Fließbandarbeit zur Kunst erhoben – oder andersrum: Unnachgiebig kloppt der Niederländer Dub-Techno-Finessen für unterschiedlichste Party-Aggregatzustände raus. Mal gibt’s ausdauernde Klangforschung à la Porter Ricks – es muss ja nicht immer der Basic-Channel-Vergleich sein – wie auf „Ottagone 035”, mal hagelt es Rave-Stabs wie auf dem reschen „Ottagone 025”. Damit wäre eruiert, in welchem Spannungsverhältnis sich diese Musik bewegt: Das ist makelloser Dub Techno, ähnlich wie etwa Wax ihn bis heute produziert. Sattsam toolig, ohne Tamtam, doch locker interessant genug, um genauer hinzuhören. Der heilige Gral also für geschichtsbewusste Tänzer:innen und Realkeeper-DJs, die sich für ihre Sets in 20 Jahren nicht schämen wollen. Maximilian Fritz

Special Request – Uncanny Valley (Timedance)
Wenn die Faltenstirn mal wieder einen tiefen Graben schlägt und man sich bedacht melancholisch fragt, wo denn der frische und dynamische Oberstufen-Olympionik geblieben ist, von dessen Kletterkünsten gerade die Dauerwellen-Kumpaninnen der Großmutter so begeistert waren, dann geht nur: Überreagieren, Sambas entstauben und sich in einer Blechdachdiskothek mal wieder kräftig durchschütteln lassen.
Am besten zu Uncanny Valley, Special Requests taufrischer EP auf Timedance. Dem Titeltrack liegt eine präzise-flatternde Acid-Line zugrunde, die sich, wie ein akustischer Herzschlagsensor einsilbig und hypnotisch hin und her verschiebt. Bevor man sich jedoch fragen muss, ob sich das insektoide Modulargezirpe bereits auf der Amygdala eingeschrieben hat, mündet der unvermittelte Amen-Break in ein chaotisch-entfesseltes Junglegewitter. Das ist einerseits hysterisch und instinktiv, wirkt durch die minimalistische Synthesizer-Kontrastierung und die druckvolle Low-End-Fläche aber dennoch reduziert, geordnet und tanzpädagogisch: Ekstase mit therapeutischem Bodensatz. Oder: Mit Ableton-Sommerferien-Zertifikat im Kord-Latz-Brusttaschenschlitz im Sandkasten herumwühlen und den anderen Feinstaubspuckern irgendwas von Vektoren und Oszillatoren erzählen. Wra-wra-ba-baraba!
Der Remix von gyrofield übernimmt das synthetische Grundgerüst des musikalischen Stammzellenspenders, verfrachtet das Original aber in den Kontext eines sumpfterritorialen Bioforschungszentrums. Die Acid- und Rhythmusfragmente dieser bassmusikalischen Wattwanderung liegen überall verstreut und werden von einem Netz aus organischen Klangflächen, dumpfen Low-Ends und stampfig-rituellen Halftime-Drums zusammengehalten.
Auf B1 gibt’s dann zu guter Letzt die vollständige Verunkenntlichung der Vorlage. Metrist meint: mikroskopieren, sezieren, schichten, überlagern und im Modular-Reagenz so lange herumrühren, bis am Ende eine Sound-Mutation irgendwo zwischen „Bassline Junkie” und dieser Szene aus Spiderman 2 herauskommt. Gut, irgendwer schimpft das: Mittelschweres Schädelhirntrauma. Oder aber: sich mal wieder jung fühlen. Jakob Senger
