Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht die GROOVE-Redaktion die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Hank Jackson, Lauren Flax, Nico, Sofia Kourtesis und Nikolay Kozlov alias ᕦ(ò_óˇ)ᕤ . Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim GROOVE-Podcast vorbei.

Hank Jackson: Truancy Volume 258 (TRUANTS)

Hank Jackson ist in der europäischen Dance-Music-Szene höchstwahrscheinlich vorrangig den Nerds ein Begriff. Das liegt wohl daran, dass der New Yorker DJ und Produzent zwar Veröffentlichungen auf Labels wie Anthony Naples’ ehemaliger Goldmine Proibito vorweisen kann, mit seinen Tracks und DJ-Sets stilistisch aber dennoch abseits des Rampenlichts agiert. Das beweist der anno-Betreiber auch im 258. Truancy-Mix, der unorthodoxe Leftfield-Grooves zu einer meist tanzbaren Einheit verschmilzt. Distinkt amerikanisch, konstant fordernd und immer freigeistig klingen diese 73 Minuten aus Vocal-getränktem Garage, Dancehall, Breaks und – das bleibt irgendwie der kleinste gemeinsame Nenner – House. Jackson wählt dabei vor allem Tracks aus, die eine verwandte Klangästhetik mit seinen Eigenproduktionen aufweisen. Einmal drängen sich entspannte Lo-Fi-Nuancen in den Vordergrund, die rassiermesserschafe Percussion fortwährend filetiert. Dann wieder glitcht es unablässig, tribale Polyrhythmen und Sirenen überreizen die Hörer und erinnern entfernt an DJ Plead. Hank Jackson gelingt hier ein fordernder Mix, der die New Yorker Hipster-Attitüde transportiert, ohne sich einem elitären Snobismus anzudienen – großartig. Maximilian Fritz

Lauren Flax: 10. February 2020 (Rinse FM)

Lauren Flax Rinse FM

Acid-Liebhaber*innen aufgepasst! Für den zweiten Rinse-Mix im neuen Jahrzehnt springen wir mit kreischendem Acid-Gewitter, wobbeligen Basslines und bouncy Electro zurück in die Achtziger. Es beginnt harmlos: Chrissys neuer Track „In Paradise” beschallt mit seinen unschuldigen Vocals die Ohren. Doch schon der nächste Track lässt erahnen, in welche Richtung es eigentlich gehen soll. Reptants „Ectoplastic” wird kurz eingespielt und leitet die Acid-Bombe „Interference Patterns” von Dez Williams ein: Ganz in Josh-Wink-Manier dominiert die 303 den Sound und plastische Nebengeräusche versetzen einen zurück in die Ära der 8-Bit-Videospiele.

Es geht mit dem angekündigten Electro weiter – begleitet von geloopten Melodien, Filtereffekten, unbeständigen Vocals und einer Prise Acid. Ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert ab der 24. Minute ein kurzes Mash-up: Drei Minuten lang spielt Lauren Flax mit Acid, Electro und NY-House, die charakteristische 80s-Cowbell zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Jamsession. Die zweite Hälfte des Mixes konzentriert sich mehr auf House und Techno und macht das ganze damit tanzbar. Den Abschluss macht dabei „Open” von Saturday Night Rush! Lisa Kütemeier

Nico: The Lot Radio (23. Januar 2020)

Viel Aufregung um Tim Sweeneys legendäre New Yorker Mix-Reihe Beats In Space: Zunächst wollte das Studentenradio WNYU seinen Programmslot von zweieinhalb auf eineinhalb Stunden kürzen, nun hat das US-Gesundheitsamt das zugehörige Café geschlossen. Laut Sweeney wegen rund 60 Beschwerden eines einzelnen Anwohners – Gentrifikation, ick hör dir trapsen.

Kommen wir lieber zu guten Nachrichten: Die Show läuft weiter wie gewohnt und bei den Kolleg*innen vom The Lot Radio sieht’s ohnehin entspannter aus – für Nachschub an eklektischen Sets aus New York wie dem von Nico ist gesorgt. Der vielversprechende Newcomer erschien 2018 mit seinem luftigen Bass-Hybrid „Soft Opening” auf Batus Timedance-Compilation Patina Echoes zum ersten Mal auf der Bildfläche. Ziemlich UK und next level klingen auch seine gerade erschienene Hodge-Kollaboration auf Midnight Shift und sein D’n’B-Tune für die anstehende Mother’s-Finest-Compilation. Davon verwurschtelt der abenteuerlustige Produzent aus Mexiko ganz exclusive Tracks von Anunaku und Otik. Auch der Rest der Trackliste liest sich wie eine aufregende Expedition durchs Bass-Kontinuum: Von Orsons Dub-Tricksereien auf Version über Peverelists Tectonic-Klassiker „Infinity Is Now” zu Low End Activists spaßigen Breakbeats von seiner letztjährigen Sneaker-Social-Club-EP zeigt der junge DJ ganz klassisch auf zwei CDJs und ohne Effekthascherei, warum man gute Bassmusik einfach mal für sich sprechen lassen sollte. Raoul Kranz

Sofia Kourtesis: Lapsus Radio 251 (Lapsus Records / C.E.E.)

Dass das in Stockholm ansässige Label Studio Barnhus ein stilsicherer Garant für alles rund um melodiösen House ist, haben die Labelbetreiber Kornél Kovács, Petter Nordkvist und Axel Boman zuletzt bereits mal wieder mit Groove-Liebling Bella Boo bewiesen. Dass die in Peru geborene Wahlberlinerin Sofia Kourtesis bald ebenso zum Redaktions-Liebling aufsteigen wird: sicher nur noch eine Frage der Zeit!

2018 tauchte sie mit ihrem sampleverliebten Instant-Ohrwurm „WinWin San” neben DJ Koze, John Talabot und Superpitcher auf der Compilation Studio Barnhus Volym 1 auf, landete 2019 mit ihrer selbstbetitelten Debüt-EP ein kleinen Hit und legte Anfang des Jahres die EP Sarita Colonia nach. Für Lapsus Radio aus Barcelona schafft sie nun einen verträumt-tanzbaren Mix mit musikalischen Shout-Outs an unter anderem Project Pablo, Falty DL und Pearson Sound.

Der Mix beginnt mit Sofia Kourtesis’ eigenem stolpernden Percussion-Edit von „Como Cantan Como Bailan”, einem kleinen Wink an ihre südamerikanischen Wurzeln. Sie blendet über in Emmanuel Jals „Kuar” und weckt damit Erinnerungen an den 2010 omnipräsenten Über-Remix des Tracks von Henrik Schwarz. Über verträumten Deep House schraubt sich die Energie langsam nach oben, um in Levont Vincents „Kiss Mary Kill” nach 34 Minuten endlich den ersten druckvollen Höhepunkt zu finden. Sogar die Rave-Bombe „Bromley” von Joy Overmono kommt im Sofia-Kourtesis-Mix wie eine sanfte Sound-Brise daher, die sie umso unerwarteter mit „Mesmerize” von Die Vögel verwebt und das Set damit zu seinem perfekten Abschluss bringt. Chapeau! Laura Aha

ГОСТМИКС 024: ᕦ(ò_óˇ)ᕤ (Gost Zvuk Records)

Der junge Produzent Nikolay Kozlov alias ᕦ(ò_óˇ)ᕤ ist Teil des Oblast-Kollektivs aus Samara, der sechstgrößten Stadt Russlands nahe der kasachischen Grenze.
Sein auffälliger Künstlername besteht aus einem japanischen Emoticon, dessen Symbol eine Person darstellt, die sich beugt und dabei ihre Muskeln zur Schau stellt. Warum er sich diesen Namen aneignet? Keine Ahnung. Möglich, dass er sich von Gainz Goonz inspirieren ließ, wie Menschen oft etwas abfällig bezeichnet werden, die ihre Zeit hauptsächlich mit Muskelaufbau, Krafttraining, Herz-Kreislauf- oder Aerobic-Aktivitäten verbringen. Ein aktuelles Foto von ᕦ(ò_óˇ)ᕤ ist nicht auffindbar. 

Diesen Mix der entspannteren Art nahm er für Gost Zvuk Records auf, ein Label, das sich ausschließlich der Ex-UdSSR-Szene widmet. Neben wiederkehrenden Mixes sind auch Künstler wie Flaty, Nocow oder Buttechno mit EPs auf Gost Zvuk gefeatured. Für ГОСТМИКС, ihre Mix-Serie, verführt Nikolay Kozlov zu einer träumerischen Reise aus Shoegaze, Ambient, House und Breaks.

Zu Beginn steht eine Selektion aus Ambient und Drones. Bei Minute 13 spürt man mit „Concrete” von Air Space Ark förmlich die eisige Februarkälte in Samara. Melancholie macht sich breit und die ebenfalls vorhandene Deepness zieht die Hörer*innen immer weiter in die Dunstschwaden seiner Songauswahl, bis mit „Key of Knowledge” von Flow um Minute 22 zum ersten Mal ein housiger Beat reinkommt. Einen ähnliche Vibe erfährt man um die Minute 43 mit dem Track „Sequential” von Ambien Baby, einem Gemeinschaftsprojekt von Daniel Rincon und D.Tiffany.

ᕦ(ò_óˇ)ᕤ changiert für den Rest des Mixes zwischen Beats und Ambience und hält damit die Waage zwischen Träumerei, Trance und Wachsein. Sein Mixing ist im Allgemeinen sehr geschmeidig. Hört man genauer hin, lassen sich die einzelnen Übergange zwar erkennen, dies stört jedoch nicht, da der Mix auf beruhigende Art durch die verschiedenen Genres gleitet. Julian Eichelberger